Was das Wuppertal Institut für die energetische Sanierung fordert, findet in Teilen seinen Niederschlag auch im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. (Quelle: Wuppertal Institut)
Was das Wuppertal Institut für die energetische Sanierung fordert, findet in Teilen seinen Niederschlag auch im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. (Quelle: Wuppertal Institut)

Gebäude + Energie

16. December 2021 | Teilen auf:

Wuppertal Institut fordert höhere Anforderungen und bessere Förderung

Das Wuppertal Institut hat im November einen „Zukunftsimpuls“ veröffentlicht. Diese 34-seitige Schrift will aufzeigen, welche Weichen die Politik stellen muss, um den Gebäudebestand bis 2045 klimaneutral zu machen.

Im Fokus stehen dabei höhere Effizienzanforderungen für Bestands- und Neubauten, ein schnellerer Ausstieg aus Gas- und Ölheizungen, höhere Anreize und bessere Unterstützung für Gebäudebesitzerinnen und -besitzer sowie warmmietenneutrale Sanierungen, um Mieterinnen und Mieter vor einer Überlastung zu schützen. „Die neue Bundesregierung muss höhere Anforderungen an verlustarme Gebäudehüllen und die klimaneutrale Wärmeversorgung setzen und dabei die Umsetzung so fördern, dass sie niemanden überfordert – weder selbstnutzende Gebäudebesitzende noch Vermietende oder Mietende“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts. „Nur eine sozial gerechte Energiewende im Gebäudebereich hat Aussicht auf breite Akzeptanz.“ Die Wärmebereitstellung für gewerbliche Immobilien und Wohngebäude zeichnet in Deutschland für etwa ein Drittel der gesamten Endenergie verantwortlich. Im vergangenen Jahrzehnt ist der Energieverbrauch kaum weiter gesunken und die energetische Sanierung von Gebäuden stagnierte bei lediglich einem Prozent pro Jahr. Im Jahr 2019 wurden immer noch drei Viertel aller Wohnungen mit den fossilen Energieträgern Gas oder Öl beheizt.

Novelle des Gebäudeenergiegesetzes nutzen, Förderung effektiver machen

Der Zukunftsimpuls „CO2-neutrale Gebäude bis spätestens 2045 – eine ambitionierte und sozialverträgliche Politikstrategie“ des Wuppertal Instituts fordert von der Bundesregierung, jetzt langfristige und verlässliche Ziele zu setzen und entsprechende Regeln und Unterstützungsangebote festzulegen. „Klare Vorgaben für eine bessere energetische Sanierung und ein deutliches Ziel für den Ausstieg aus fossilen Gas- und Ölheizungen geben allen Beteiligten Sicherheit“, beton Dr. Stefan Thomas, Leiter der Abteilung Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik am Wuppertal Institut und Leitautor des Zukunftsimpulses. „Individuelle Sanierungsfahrpläne für alle heute noch nicht effizienten Gebäude bis spätestens 2028 und kommunale Wärmepläne helfen den Gebäudebesitzenden bei der technischen Entwicklung ihrer Gebäude und der Investitionsplanung. Häufig sind es die nicht-monetären Hemmnisse, die maßgeblich für die geringe Sanierungsrate sind. One-Stop-Shops verringern die Hemmschwelle Maßnahmen umzusetzen. Darüber hinaus wirkt Quartiersmanagement unterstützend und hilft Kräfte zu bündeln.“

Zu den unmittelbar anstehenden Entscheidungen zählt die für 2022 geplante Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG). Die Bundesregierung müsse in diesem zentralen Gesetzesvorhaben die Vorgaben für die Sanierung stärken. „Der Sanierungsstandard sollte auf die technische Vorgabe ‚KfW Effizienzhaus 55‘ angehoben werden. Als Mindeststandard für Neubauten sollte ‚KfW 40 Plus‘ oder der Passivhausstandard gelten“, schlägt Thomas vor. „Aus ökonomischer Sicht rechnen sich diese Standards, dies gilt umso mehr bei den aktuell sehr hohen Energieträgerpreisen.“

Außerdem rät das Wuppertal Institut der Bundesregierung, klare Enddaten für den Einbau und Betrieb von Öl-, Gas- und Kohleheizungen zu setzen. „Das bereits im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung von 2019 verkündete Jahr 2026 als Enddatum für den Einbau von Ölkesseln muss jetzt auch auf Gaskessel ausgeweitet werden“, sagt Thomas. „Die Erfüllung der Pflichten sollte gleichzeitig gefördert werden, damit alternative Heizungssysteme ökonomisch tragfähig sind und die Umsetzung damit sozialverträglich bleibt.“

Staat soll einen Teil der Modernisierungskosten übernehmen

Der klimaneutrale Umbau des Gebäudebestandes bis 2045 wird hohe Investitionen notwendig machen. Für die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Transformationsprozesses komme es dabei insbesondere darauf an, die Mieterinnen und Mieter in Deutschland nicht zu überfordern, so das WI. Fast 60 Prozent aller Menschen leben in Mietwohnungen. „Die Bundesregierung muss die Rahmenbedingungen so ändern, dass möglichst Warmmietenneutralität erreicht wird, so dass die sinkenden Heizkosten die Kosten der Sanierung ausgleichen“, sagt Thomas. Das sogenannte Drittelmodell könne dazu ein geeignetes Instrument sein. Dieses Modell zielt darauf, dass Vermietende, Mietende und der Staat jeweils ein Drittel der Modernisierungskosten tragen. Dazu dürfen Vermietende die staatliche Förderung behalten, aber pro Jahr nur noch 1,5 Prozent der Investition über die Modernisierungsumlage an die Mietenden weitergeben. Der Zukunftsimpuls betont außerdem die Rolle der Kommunen bei der Bereitstellung von klimaneutraler Wärme und die wirksame Ausgestaltung eines steigenden CO2-Preises. Jenseits bautechnischer Maßnahmen solle auch die flexiblere Nutzung von Wohnraum und Wohnungstausch eine erhebliche Rolle beim Klimaschutz spielen, um Wohnungsmangel mit weniger Neubau zu lindern.

Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, der wenige Wochen nach dem Zukunftsimpuls unterzeichnet wurde, sieht Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick viele Schritte in die richtige Richtung: zum Beispiel die Erhöhung des Förderstandards bei der Gebäudesanierung, Erstellung von Sanierungsfahrplänen, Förderung des seriellen Sanierens, Einführung eines digitalen Gebäuderessourcenpass und eine sozial gerechte Verteilung von Zusatzkosten auf Mietende und Vermietende sind nur einige Beispiele. „Zentral wird sein, dass es nicht nur bei den an verschiedenen Stellen formulierten Prüfaufträgen – wie die Möglichkeit des Umstiegs auf eine Teilwarmmiete – bleibt, sondern die Maßnahmen auch in die Umsetzung kommen“ so Prof Fischedick. Dazu passt auch, was er anlässlich der Veröffentlichung des Zukunftsimpuls „CO2-neutrale Gebäude bis spätestens 2045 – eine ambitionierte und sozialverträgliche Politikstrategie“ sagte: „Für klimaneutrale Gebäude bis 2045 müssen wir alle Hebel nutzen, die uns zur Verfügung stehen.“ Auf der Website des Wuppertal Instituts kann der Zukunftsimpuls heruntergeladen werden.

zuletzt editiert am 16.12.2021