In B+B BAUEN IM BESTAND 3/2014 und im Thema des Monats 3-2015 ist ein Artikel erschienen, in dem die Planungsmethode des Schadensglossars vorgestellt worden ist. Als Ergänzung hierzu erläutert der folgende Artikel, wie groß der Untersuchungsumfang jeweils sein muss, um als solide Grundlage für eine Planung dienen zu können. Veranschaulicht wird dies an drei Fallbeispielen, in denen Mauerwerke feuchte- und salzbelastet sind.
1. Auf diese Frage gibt es keine objektive Antwort.
2. Es lässt sich kein Untersuchungsumfang definieren, dessen Ergebnis einen zu 100 Prozent abgesicherten Planungsweg aufzeigt.
3. Kein noch so großer Untersuchungsumfang ersetzt die materialtechnologische Erfahrung des Planenden.
4. Zielgerichtete Untersuchungen sind zwingend notwendig, um die Erfahrung des Planenden inhaltlich mit Fakten zu stützen.
Zunächst ist ein Schadensglossar zu erstellen
Aber wie können nun die Objektverantwortlichen einen angemessenen Untersuchungsumfang festlegen? Aus Sicht des Autors geht der Weg zielgerichtet nur über die Erstellung eines Schadensglossars [1]. Zu dessen Kerninhalt zählt, die weiteren Planungsschritte zu planen, unter anderem die Bauzustandsanalytik. Das Erstellen eines Schadensglossars beinhaltet stichwortartig folgende Inhalte:
1. Erkennen aller praxisrelevanten Schadensphänomene,
2. Gliedern dieser Phänomene in praxisrelevante Einheiten, in der Regel solcher Einheiten, die sich ausschreibungstechnisch zusammenhängend beschreiben lassen,
3. Beschreiben möglicher Instandsetzungsansätze für den einzelnen Phänotyp,

Punkt 4 gibt die Antwort auf den zentralen Inhalt dieses Aufsatzes: Der notwendige Untersuchungsumfang ergibt sich direkt und unmittelbar aus den beim Erstellen des Schadensglossars definierten offenen Fragen. Und diese wiederum stehen in direktem Zusammenhang zu den theoretisch vorhandenen Möglichkeiten, die es für die zu lösende bauliche Aufgabenstellung gibt.
Ist aufgrund der objektspezifischen Rahmenbedingungen, zu denen neben den technisch naturwissenschaftlichen Fakten auch die zukünftige Nutzung und der monetäre Rahmen zählen, nur eine Konzeptvariante möglich, so muss man diese nicht zwanghaft mit kostenaufwendigen Untersuchungen untermauern. Gibt das Objekt allerdings eine größere Vielfalt an Lösungsmöglichkeiten vor und müssen diese planerisch in Bezug auf Kosten und Restrisiko der einzelnen Varianten bewertet werden, so ist eine Bauzustandsanalytik, die zielgerichtet die vorab definierten Fragen beantwortet, der einzig mögliche Schritt auf einem seriösen Planungsweg.
Was das in der Praxis bedeutet, soll an drei konkreten Beispielen zum Themenfeld „Feuchte und Salz im Mauerwerk“ gezeigt werden. Diese beiden Kennwerte sind mit Sicherheit die in der Baupraxis am häufigsten ermittelten. Umfänglich ausgeführt ist ihre Bestimmung recht kostenintensiv. Wofür also dieses „viele“ Geld ausgeben?
Situation 1: Es gab nur eine Lösung
Abbildung 1 zeigt die bauliche Situation eines Kellers, der offensichtlich Probleme mit Feuchtigkeit und Salzen aufweist. Allerdings ist seine Nutzung untergeordnet und einige Feuchteflecken auf der Wand sind für die Nutzer unbedeutend. Eine umfassende Instandsetzung inklusive einer kostenintensiven Abdichtungsmaßnahme kommt definitiv nicht infrage. Allerdings ist es extrem störend, dass sich das mittlerweile nahezu 100 Jahre alte Mauerwerk insbesondere im Bereich der sehr mager rezeptierten Fugen ständig über Marmeladengläsern, Konserven und Weinflaschen „ergießt“. Die „Normlösung“ für diese Aufgabenstellung, nämlich das Verputzen mit einem hydrophoben WTA-Sanierputz, ist wegen dessen zu geringen effektiven Feuchtedurchgangs nicht geeignet. Zu groß ist die Gefahr, dass diese Maßnahme die Feuchtigkeit in das als Wohnraum genutzte Erdgeschoss treibt [2].
Jeder „normale“ Innenputz wäre mit der im Mauerwerk enthaltenen Feuchtigkeit definitiv überfordert; denn die Ziegeloberfläche ist „gefühlt“ sehr feucht. Vor dem Hintergrund dieser Fakten kommt als Lösung nur ein porenreicher, hydrophiler Funktionsputz [2] infrage, der nach der 25-jährigen Erfahrung des Autors in der Lage ist, eine solche Aufgabe umfänglich zu lösen und den feuchte- und salzbelasteten Untergrund zu stabilisieren.
Fazit: Feuchteflecken und Salzausblühungen auf dem Putz können in dieser Situation ohne Weiteres hingenommen werden. Aufwendige und kostspielige Untersuchungen, um mögliche Konzeptansätze zu bewerten, würden keine weiteren Erkenntnisse bringen und werden deswegen nicht benötigt.
Situation 2: Feuchte- und Salzgehalt wurde umfassend bestimmt
Ganz anders stellt sich die Situation in Abbildung 2 dar. Auch hier handelt es sich um eine belastete Kellersituation – allerdings mit hochwertiger musealer Nutzung mit einer Vielzahl unterschiedlicher Raumsituationen. Die Feuchteflecken und Salzausblühungen auf der Putzoberfläche sind daher unerwünscht. Ebenfalls aus finanziellen Gründen war die Vorgabe zu prüfen, ob eine Instandsetzung ohne zusätzliche feuchtereduzierende Maßnahmen machbar ist.
Bei der Erstbegehung des Objektes wurde eine augenscheinlich überwiegend trockene Putzoberfläche festgestellt. Einzig das optisch störende Abplatzen der Innenwandoberfläche inklusive des partiellen Auftretens von Ausblühungen zeigten das „Krankheitsbild des Patienten“ an.
Im Gegensatz zu Situation 1 machten die gänzlich anders gearteten Rahmenbedingungen (Nutzung, Objektgröße) eine umfangreiche Analytik notwendig, um folgende, im Rahmen eines Schadensglossars gestellten Fragen zu beantworten:
1. Bestimmung des Feuchtegehalts des Mauerwerks in seiner dreidimensionalen Verteilung, das heißt Anlegen von Höhen- und Tiefenprofilen, in einer für die Gebäudegröße und -geometrie repräsentativen Anzahl, um daraus flächendeckend eine grundsätzliche Aussage zur Verteilung von Feuchtigkeit im Mauerwerk treffen und das Putzsystem darauf abstimmen zu können.
2. Um den Aufbau des Putzsystems festzulegen, sind im Detail die bauschädlichen Anionen in ähnlichem Verteilungsmuster zu bestimmen. Die Frage nach dem generellen Schädigungspotenzial durch Salze wird dabei mit beantwortet.
3. Um die Gleichgewichtsfeuchten und die sich daraus ableitende Zahl an Kristallisationsereignissen (= Abschätzung des die Salzfracht beinhaltenden konkreten Schadenspotenzials) bei Luftfeuchtewechseln zu ermitteln, war es notwendig, die bauschädlichen Kationen zu bestimmen. Aus Kostengründen beschränkte sich diese Untersuchung auf den kristallisationsgefährdeten Oberflächenbereich der entnommenen Tiefenprofile.
Fazit: Die objektspezifischen Rahmenbedingungen erforderten, mehrere Bohrmehlprofile in unterschiedlichen Höhen und Tiefen zu entnehmen. Inklusive der dazugehörenden Analytik und Auswertung schlägt dieser Untersuchungsumfang mit Kosten im fünfstelligen Bereich zu Buche.
Zum Beitrag Schadensglossar aus Ausgabe 3. 2014
Dieser Beitrag ist Teil eines Artikels aus B+B BAUEN IM BESTAND, Ausgabe 7-2015
Autor: Dr. Georg Hilbert

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