Hat sich der Karton aus den Gipskartonplatten ausreichend im Wasser aufgelöst? Das prüft Promovend Wojciech Walica mit Blick auf das Filterpapier– ein Testschritt auf dem Weg zur Herstellung von Gipsfaserplatten aus Recyclingmaterial. (Quelle: FH Münster/Michelle Liedtke)

Bauwerkserhaltung

01. June 2022 | Teilen auf:

Wie man den Karton vom Gips trennt

Bisher wird Gips kaum recycelt. Wojciech Walica untersucht in seiner Promotion am Fachbereich Bauingenieurwesen der FH Münster die Recyclingfähigkeit von Gipskartonplatten.

Gips ist im Bauwesen kaum wegzudenken, zehn Millionen Tonnen werden in Deutschland jedes Jahr verbraucht. In Zukunft kommen jedoch große Versorgungslücken auf die Branche zu. Eine wichtige Rohstoffquelle könnte das Recycling sein – doch das vorhandene Potenzial wird bisher kaum genutzt. Gemeinsam mit dem Praxispartner Lindner NORIT GmbH & Co. KG prüft Walica nun, ob die Bestandteile von Gipskartonplatten – Gips und Papier – für die Produktion von Gipsfaserplatten wiederverwertet werden können. Walica promoviert im Forschungskolleg Verbund.NRW und wird von Prof. Dr. Sabine Flamme betreut. Im Forschungskolleg Verbund.NRW, einem vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten Graduiertenkolleg, widmet sich ein interdisziplinäres Team der RWTH Aachen University und der FH Münster der Ressourceneffizienz im Bauwesen. Nach einer ersten Kohorte promovieren seit Beginn 2021 elf weitere Wissenschaftlerinnen im Kolleg – darunter auch Wojciech Walica.

Derzeit wird etwa die Hälfte des benötigten Gipses in Steinbrüchen abgebaut. Die andere Hälfte stammt aus der Braunkohleverstromung: In den Kraftwerken, genauer in den Rauchgasentschwefelungsanlagen, entsteht der sogenannte REA-Gips bei der Rauchgasreinigung. „Diese Rohstoffquelle fällt weg, wenn in absehbarer Zeit die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Gips wird knapper, der Preis dafür steigt“, erklärt Walica. „Gips zu recyceln, wurde bisher stiefmütterlich behandelt, da genug Gips vorhanden war und gipshaltige Abfälle günstig entsorgt werden konnten. Derzeit werden nur etwa fünf bis zehn Prozent der gipshaltigen Abfälle recycelt.“ Der Rest lande auf Halden und Deponien im In- und Ausland. Etwa 600.000 Tonnen gipshaltige Abfälle fallen pro Jahr an, rund die Hälfte wäre recyclingfähig.

Im Innenausbau von Gebäuden werden große Mengen von Gipskartonplatten verbaut. Bisher sieht das Recycling so aus: Die Gipsfraktion kann wiederverwertet werden, jedoch bleiben am Karton Gipsreste haften. Daher könne die Papierindustrie den Karton nicht verwenden und die Kartonreste werden meist verbrannt. „In meiner Promotion untersuche ich ein Verfahren, mit dem sich die kompletten Platten wiederverwerten lassen. Dabei prüfe ich, welchen Einfluss die recycelten Materialien auf die Qualität des Produktes, also auf die Gipsfaserplatte, haben“, erklärt Walica. Der Entsorgungsingenieur arbeitet dafür mit dem Unternehmen Lindner zusammen, einem von zwei Praxispartnern des Forschungskollegs Verbund.NRW. Lindner stellt die Gipsfaserplatten probeweise mit verschiedenen Ausgangsmaterialien her – in einem Werk in Dettelbach bei Würzburg. Walica untersucht die Rezyklatplatten: Wie hoch ist die Festigkeit? Beeinflusst der Recyclingprozess die Materialqualität und lassen sich die Platten mehrmals recyceln? „Damit sich Gips wieder formen lässt, muss ihm zunächst Wasser entzogen werden. Dafür muss dieser kalziniert, das heißt, bei hoher Temperatur getrocknet werden. Bisher ist die gemeinsame Trocknung von Gips und Papier wenig untersucht.“

Um seine Untersuchungen durchzuführen, ist Walica viel unterwegs – oftmals beim Praxispartner in Bayern oder in verschiedenen Laboren in Kooperation wie der Mineralogie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster oder am Fachbereich Chemieingenieurwesen der FH Münster. „Was mir an der Promotion besonders gefällt“, erklärt Walica, „ist die Relevanz des Themas sowie der Praxisbezug und damit die Möglichkeit, einen konkreten Beitrag zur Ressourcenschonung leisten zu können.“ Die Firma Lindner möchte das Recyclingverfahren zukünftig in großem Maßstab anwenden. Walicas Untersuchungen geben so eine Entscheidungsgrundlage für die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens. Weitere Informationen >>>

zuletzt editiert am 02.06.2022