Rund 250 Teilnehmer trafen sich in Bonn zur 17. Pilztagung. Am ersten Tag ging es dabei unter anderem um die Frage, wie gesundheitsgefährdend ein Schimmelpilzbefall in Gebäuden wirklich ist.
Prof. Dr. med. Eicke Latz vom Institute of Innate Immunity an der Universität Bonn stellte in seinem einführenden Vortrag allgemeinverständlich den aktuellen Wissenstand zum angeborenen Immunsystem dar. Dieses verfügt demnach über 40 bis 50 Rezeptoren. Diese sind in der Lage, alle gefährlichen und pathogenen Muster zu erkennen und gezielte und umfassende Abwehrmaßnahmen und Steuerungsprozesse auszulösen, in die auch das adaptive (erworbene) Immunsystem einbezogen wird. Die Rezeptoren erkennen auch Schimmelpilze, sodass das Immunsystem einen gesunden Menschen vor Erkrankungen durch Schimmelpilze schützen kann. Anfällig können Menschen mit Mutationen in den Rezeptoren sein. Solche Fehler können zum Beispiel zu Allergien und Autoimmunreaktionen führen.
Latz ging auch auf andere Baumaterialien ein. So aktivieren Kristalle wie Silikate und Mineralfasern die Immunabwehr. Sie können aber von den Abwehrkörpern, zum Beispiel Makrophagen, nicht aufgelöst werden, sodass es zu dauerhaften Entzündungen kommen kann, die die Bildung von Tumoren begünstigen. Auch Nanopartikel aktivieren das Immunsystem. Die Wirkung ist noch unbekannt. Sie könnte sich, ähnlich wie bei Asbest, erst in der Zukunft zeigen.
Wer gesund ist, hat wenig zu befürchten
Ao. Univ. Prof. Dr. med Birgit Willinger von der Abteilung für klinische Mikrobiologie der Universität Wien betonte, dass das durch Schimmelpilze ausgelöste Infektionsrisiko für gesunde Menschen mit intaktem Immunsystem extrem gering sei. Aber die Zahl der Menschen mit einer angeborenen Immunschwäche nehme zu, und diese Defekte würden nicht immer entdeckt.
Sie gehe davon aus, dass circa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung eine Sensibilisierung gegenüber Schimmelpilzen aufwiesen. Ob eine Gesundheitsgefährdung bestehe, hänge aber von der Intensität und Art des Schimmelbefalls sowie der Empfindlichkeit des Menschen ab. Oft würden Schimmelpilze bereits vorhandene Symptome verstärken, zum Beispiel das Entstehen und den Schweregrad von Asthma. Es gebe doppelt so viele Asthmapatienten in Häusern mit einem Schimmelpilzbefall wie in unbelasteten Gebäuden. Auch der Schweregrad des Asthmas korreliere mit einem möglichen Schimmelpilzbefall.
Schimmelpilze könnten sich verschieden auf unsere Gesundheit auswirken: Allergien, besonders allergische Atemwegsbeschwerden, Irritationen der Schleimhäute, reizende und toxische Wirkung durch Mykotoxine, Bildung von sogenannten Pilzbällen in bereits bestehenden Hohlräumen, zum Beispiel den Nasennebenhöhlen, und einen direkten Befall und die Infektion innerer Organe. Aber solche Schädigungen durch Schimmelpilze seien generell selten. Betroffene sollten den Kontakt zu Schimmel vermeiden, dann verbesserten sich die Symptome in den meisten Fällen deutlich.
Nach der Sanierung besserten sich die Symptome
Dass sich Symptome bessern, wenn die Betroffenen der Schimmelbelastung nicht mehr ausgesetzt sind, konnte Dr. Wolfgang Lorenz vom Institut für Innenraumdiagnostik in Düsseldorf in einer Studie zeigen, die er auf der Pilztagung vorstellte. Er wies darauf hin, dass nicht unbedingt die Schimmelpilze selbst für die gesundheitlichen Beschwerden verantwortlich sein müssten. Ein Schimmelbefall sei häufig mit Belastungen durch Bakterien, Milben und Milbenkot verbunden. So seien bakterielle Toxine, die in 80 Prozent aller Fälle von Schimmelpilzschäden vorhanden seien, für Gelenkschmerzen verantwortlich.
Für die Studie wurden 112 Fälle mit insgesamt 249 Betroffenen herangezogen. Der in deren Wohnungen vorhandene Befall hatte eine relevante Ausdehnung, die mindestens der Kategorie 3 gemäß der Klassifizierung des Umweltbundesamtes entsprach. Die Bewohner litten unter Atemwegsbeschwerden, Hautreaktionen und „Gelenkschmerzen“. Alle Symptome wurden von Umweltmedizinern so eingestuft, dass keine andere Ursache gefunden werden konnte.
Bei 90 Prozent besserten sich die gesundheitlichen Beschwerden in dieser Gruppe deutlich oder klangen sogar ganz ab, wenn die Belastung durch einen Auszug (87 Personen) abgestellt wurde. Bei 85 Prozent trat eine spürbare Besserung oder ein Abklingen der Symptome bei einer Komplettsanierung (48 Personen) und bei 81 Prozent bei einer Teilsanierung (32 Personen) auf. Ohne eine Entfernung des befallenen Materials (30 Personen) trat ein Abklingen oder eine deutliche bis spürbare Besserung nur bei der Hälfte der Betroffenen auf, und bei 76 Prozent derjenigen, die weiter in der unsanierten Wohnung lebten (50 Personen), zeigten sich die Symptome weiter.
Interessant ist die Differenzierung nach der Art der Beschwerden: Atemwegsbeschwerden und Hautreizungen gingen nach einer Sanierung und Teilsanierung deutlich stärker zurück als die Gelenkschmerzen.
Nach Ansicht von Lorenz liefert die Studie zwar keine Beweise, dass die Beschwerden durch mikrobielle Schäden verursacht wurden, aber zumindest sehr starke Hinweise.
Das Thema Desinfektion sorgte für Zündstoff
Am Nachmittag des ersten Tages sorgte das Thema Desinfektion in der Schimmelpilzsanierung für emotional und kontrovers geführte Diskussionen. B+B wird in der kommenden September-Ausgabe noch ausführlicher über die 17. Schimmelpilztagung berichten und dabei auch auf das Thema Desinfektion eingehen.
