Im Freiburger Quartier Gutleutmatten wurden dezentrale Solarthermie-Anlagen in ein Nahwärmenetz eingebunden. Quelle: Quelle: Fraunhofer ISE
Im Freiburger Quartier Gutleutmatten wurden dezentrale Solarthermie-Anlagen in ein Nahwärmenetz eingebunden. Quelle: Quelle: Fraunhofer ISE

Gebäude + Energie

09. June 2021 | Teilen auf:

Wie der Gebäudesektor die Klimaziele erreichen kann

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, das Öko-Institut und das Hamburg Institut haben zwei Roadmaps vorgestellt, in denen dargelegt wird, wie der Gebäudesektor doch noch seinen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann.

Nach Ansicht des Forschungsteams wird Deutschland mit den beschlossenen Maßnahmen zum Klimaschutz weder seine bisherigen noch die verschärften europäischen Klimaschutzziele im Gebäudesektor bis 2050 erreichen. Deshalb haben sie die unterschiedlichen Roadmaps erstellt: Das Team stellt darin Maßnahmen und politische Instrumente vor, mit denen die dezentrale Wärmeerzeugung kein CO2 mehr ausstößt, der Endenergieverbrauch gesenkt und die Wärmenetze ausgebaut werden können.

Weil aus den Analysen und den Roadmaps hervorgehe, wie dringend die Politik handeln muss, sollten die meisten Instrumente vor 2025 eingeführt und umgesetzt werden, so die Forscher, die ihre Analyse und die Roadmaps in der vom Umweltbundesamt beauftragten Studie „Systemische Herausforderung der Wärmewende“ vorgelegt haben.

Im Bereich der Raumwärme und der Warmwasserbereitung schlummert großes Potenzial zur Reduktion energiebedingter Treibhausgasemissionen, da diese etwa 30 Prozent des Endenergieverbrauchs ausmachen und heute überwiegend fossile Energieträger nutzen. Um die Frage möglicher Pfade zur Erreichung der klimapolitischen Ziele zu untersuchen, analysierte das Projektteam 12 wissenschaftliche Studien.

Aus der Analyse ergeben sich zwei Strategien

Zwei zentrale Ansätze haben sich dabei herauskristallisiert: Entweder man maximiert die Effizienzmaßnahmen, um den Endenergiebedarf so weit zu senken wie möglich. Doch, so die Forscher, sorgten bei diesem Ansatz unter anderem technische oder denkmalschutzbedingte Dämmrestriktionen dafür, dass sich der Endenergiebedarf nur um maximal 60 Prozent reduzieren lässt. Die restlichen 40 Prozent müssten also durch erneuerbare Energien bereitgestellt werden. Der zweite Ansatz setzt weniger aufs Dämmen, sondern vor allem auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, um die Treibhausgas-Emissionen auf null zu senken. Hierfür sind deutlich größere Mengen erneuerbarer Energien für die Wärmebereitstellung nötig.

Eins sei für beide Ansätze festzuhalten: Der Anteil der erneuerbaren Energien im Endenergieträgermix zur Wärmeversorgung steigt signifikant. Wesentliche Beiträge kommen aus der Nutzung von Umgebungswärme mit Wärmepumpen, grüner Fernwärme, Biomasse und Solarthermie.

Forschungsteam leitet fünf Ziele für den Gebäudesektor ab

Im Fokus der Studie steht die Wärmebereitstellung für Heizung und Warmwasser in Wohn- und Nichtwohngebäuden, die bis 2050 nahezu klimaneutral sein sollen. Betrachtet werden zwei Zielbereiche: Einerseits die Senkung des nicht-erneuerbaren Primärenergiebedarfs um 80 Prozent gegenüber 2008 und andererseits die Reduktion der gesamten Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber 1990.

„Nahezu alle Szenarien sehen vor, dass die aktuelle energetische Sanierungsrate von derzeit einem Prozent dringend ansteigen muss“, sagt Dr. Peter Engelmann, Gruppenleiter Gebäudesystemtechnik am Fraunhofer ISE. Darüber hinaus leitet das Forschungsteam vier weitere Ziele ab: Die Entwicklung der Fernwärme-Infrastruktur müsse Auswirkungen auf die Gas-Infrastruktur haben. Die Klima-Zwischenziele der Treibhausgas-Emissionsminderung müssten eingehalten werden. Die Dekarbonisierung des Energiesektors, besonders der Stromerzeugung, müsse zügig vonstattengehen; und zwar mit einem ambitionierten Ausbauplan für die erneuerbaren Energien (EE) und dem Ausstieg aus der Kohleverstromung. Eine Infrastruktur für den Import und die inländische Erzeugung von Power-to-Gas- und Power-to-Liquid-Produkten müsse aufgebaut werden.

Mithilfe dieser fünf Ziele gelangen die Forscher zu Instrumentensets in Form von Roadmaps und mahnen eine grundsätzlich Entscheidung und deren Umsetzung an. „Wir brauchen dringend ein klares Zielbild und ein darauf ausgerichtetes Set bestehend aus ordnungsrechtlichen, fördernden, planerisch-strategischen und kommunikativen Instrumenten“, betont Benjamin Köhler vom Öko-Institut. Und Dr. Matthias Sandrock, Geschäftsführer des Hamburg Instituts, ergänzt: „Zum Erreichen eines langfristig klimaneutralen Gebäudebestands muss zwischen den beiden Bereichen Gebäudeeffizienz und dem Einsatz erneuerbarer Energien und Abwärme zur Wärmeversorgung eine kostenoptimale Balance gefunden werden.“ Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Fraunhofer ISE.