Tragwerksplanung Wehrkirche Hunger
1473 wurde die Kirche Reinstädt als Wehrkirche eingeweiht. (Abb.: Ingenieurbüro für Tragwerksplanung Dr.-Ing. Hans-Reinhard Hunger)

Bauwerkserhaltung 2015-07-22T00:00:00Z Wehrhaftigkeit wiedererlangt

Der Turm der St.-Michael-Kirche zu Reinstädt (Saale-Holzland-Kreis, Thüringen) wies in drei Bereichen erhebliche Schäden auf. Verschiedene Risse im Mauerwerk des Turmes, das innen liegende Fachwerk in der Glockenstube und die Holzkonstruktion des Turmhelms wurden saniert.

Die St.-Michael-Kirche zu Reinstädt wurde im Jahre 1473 als Wehrkirche eingeweiht. Von der ehemaligen Wehrhaftigkeit des Gebäudes zeugen noch der Wehrgang im Dach des Kirchenschiffs sowie zahlreiche Schießscharten und Gießerker. Einzigartig ist auch die spätgotische Schablonenmalerei an der Decke des Kirchenschiffs. In den Jahren 1981 bis 1992 wurde die Kirche umfassend saniert, allerdings mit den beschränkten Mitteln der DDR-Zeit. So sind Schäden an der Holzkonstruktion des Turmhelms lediglich in einer Art von Notsicherung beseitigt worden, das heißt, dass geschädigte Balken- und Sparrenauflager weiterhin teilweise fehlten. Insbesondere die Auflagerung der Hauptsparren auf dem Inneren des Balkenkranzes und nach der Notsicherung auf den Zangen stellte ein statisches Problem dar.

Kirchturm statisch instand gesetzt

Zwischen 2012 bis 2014 wurde der Kirchturm schließlich umfassend instand gesetzt. Dafür mussten in drei relevanten Bereichen Arbeiten vorgesehen werden:

  • Sanierung verschiedener Risse im Mauerwerk des Turms,
  • Sanierung des innen liegenden Fachwerks in der Glockenstube,
  • Sanierung der Holzkonstruktion des Turmhelms.


Tragwerksplanung Wehrkirche Hunger 1
Auch nach der Notsicherung in den 1980er-Jahren gab es zahlreiche Schäden an der Balkenlage. Balken- und Sparrenauflager fehlten teilweise.

Eine umfangreiche Schadenskartierung durch das Büro für Bauforschung Scherf- Bolze-Ludwig aus dem Jahre 2010 lag bereits vor und bildete eine ausreichende Grundlage für die statische Berechnung und die Erstellung von Ausführungsplänen. Von den Rissen im Turmmauerwerk sollten nur die statisch relevanten saniert werden, so dass man sich auf den über mehrere Turmgeschosse durchlaufenden Riss in der Ostwand konzentrierte. Dieser Riss war bis zu einigen Zentimetern breit und verlief teilweise durch den gesamten Querschnitt. Ein ausschließliches Verfüllen oder Verpressen des Risses erschien daher nicht ausreichend zu sein. Aus diesem Grund wurden zusätzlich mehrere Spannanker aus Edelstahl mit einem Durchmesser von 30 Millimetern vorgesehen. Diese wurden paarweise angeordnet und nach dem Einbau gespannt. Die Lasteinleitungspunkte der Edelstahlanker über Ankerplatten wurden zusätzlich durch rechtwinklig angeordnete Nadeln (Spaltzugbewehrung) gesichert.

Holzfachwerk durch bewehrten Spritzbeton ersetzt


Die Wandkonstruktion des Glockengeschosses in Ebene 4 direkt unter dem Turmhelm war als Fachwerkkonstruktion mit umschließendem Natursteinmauerwerk ausgeführt. Infolge der dreiseitigen Ummauerung des Holzfachwerks war dieses stark geschädigt, teilweise bereits ausgebaut und in einigen Bereichen durch den Echten Hausschwamm befallen. Aufgrund dieses Befalls schien es nicht sinnvoll zu sein, das geschädigte Fachwerk wiederum mit Holz aufzubauen. Als Alternative entschied man, das Holzfachwerk durch bewehrten Spritzbeton zu ersetzen. Dieses Verfahren ist in ähnlichen Fällen bereits erfolgreich eingesetzt worden. Falls das Gewicht der Konstruktion nicht übermäßig erhöht werden soll, kann auch ein Leichtbeton eingesetzt werden. Dies war hier jedoch nicht notwendig. Als Bewehrung kam eine Eckbewehrung von je einem Durchmesser von zwölf Millimetern und Bügeln mit acht Millimeter Durchmesser zur Anwendung. Durch den Spitzbeton wird auch gewährleistet, dass alle Hohlstellen und Versätze im Mauerwerk geschlossen werden. Verbleibende Holzbauteile wurden mit Stahlsonderteilen, eingeklebten Glasfaserstäben oder Vollgewindeschrauben an den bewehrten Spritzbeton angeschlossen.

Autor: Dr.-Ing. Hans-Reinhard Hunger

Dieser Beitrag ist teil eines Artikels aus B+B BAUEN IM BESTAND, Ausgabe 7-2014

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zuletzt editiert am 09. April 2021
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