Die Hanseatischen Sanierungstage im Seebad Heringsdorf/Usedom waren auch in ihrer 27. Auflage vom 3. bis 5. November mit rund 330 Teilnehmern und 55 Ausstellern wieder ein voller Erfolg. Den Eröffnungsvortrag hielt Daniel Fuhrhop zum Thema „Verbietet das Bauen!“, in dem er Strategien aufzeigte, wie die Politik Wohnungsbedarf befriedigen kann, ohne als erstes und oft einziges Mittel der Wahl Neubaugebiete auszuweisen.
Fuhrhop konstatierte eine Konkurrenz zwischen Neubau und Altbaumodernisierung. Denn wenn die öffentliche Hand den Neubau fördere, fehle dieses Geld, um es in die Altbaumodernisierung zu investieren. Dabei sei es aus ökologischer Sicht wenig sinnvoll, dem Neubau Vorrang einzuräumen. Im Gegenteil: In den Städten verschwinden durch Neubauten weitere Freiflächen und der Energieverbrauch sei für einen Neubau selbst in einer Ausführung als Plusenergiehaus wesentlich höher, als wenn der Bestand genutzt und modernisiert wird. Auch aus sozialer Sicht sei es sinnvoller, sich vorrangig um den Bestand zu kümmern, da Neubaumieten immer teurer als Altbaumieten seien.
Fuhrhop bezweifelte auch den generellen Bedarf an neuen Wohnungen. Denn seit 1991 sei die Bevölkerungszahl gleich geblieben, aber es seien seitdem sechs Millionen zusätzliche Wohnungen gebaut worden. Wohnungsknappheit entstehe in den vergangenen 10 bis 20 Jahren überwiegend in Schwarm-Städten, während gerade kleine und mittlere Städte in ländlichen Regionen mit sinkenden Einwohnerzahlen zu kämpfen haben. Es handelt sich also eher um eine Verteilungs- als um eine Mangelproblematik.
Um dieses Problem anzugehen, müssten sich die Städte und Gemeinden zunächst einmal mit diesem Problem befassen. Zwei Drittel der Verwaltungen wüssten überhaupt nicht, wie viel und wo es Leerstand in ihrem Ort gibt, sagte Fuhrhop. Er regte an, Leerstandskataster anzulegen und dann einen Plan zu erstellen, was mit diesem getan werden könnte. Hierfür brachte Fuhrhop eine Reihe von Beispielen und Vorschlägen:

■ In Hiddenhausen gibt es ein kommunales Förderprogramm („jung kauft alt“) für junge Familien. Gefördert werden zum Beispiel Gutachten, um die Bausubstanz und Modernisierungsmaßnahmen und -kosten zu ermitteln. Der Ort wächst seitdem wieder, so dass sogar ein neuer Kindergarten eröffnen wird. 50 weitere Gemeinden haben nach diesem Beispiel ähnliche Programme aufgesetzt.
■ Es gibt auch einen verdeckten Leerstand, der darin besteht, dass Einzelpersonen in großen Häusern leben. Programme wie „Wohnen für Hilfe“ seien nicht nur für Studenten geeignet. Auch ein Abtrennen von Einliegerwohnungen sei oft möglich und für die Eigentümer durchaus vollstellbar. Aber hierfür müssten die Kommunen Hilfe anbieten und Umbauabteilungen schaffen.
■ Altena nimmt mehr Flüchtlinge auf, als sie nach dem Verteilungsschlüssel zugewiesen bekommen. Diese werden in die Modernisierung von leer stehenden Bestandsbauten einbezogen. Dies fördere die Integration und sei sinnvoller für diese Gruppe als neuen separaten zu schaffen.
■ Warum nicht statt einen Stadtschreiber zu fördern, 100 Kreative an einen Ort bringen. Das könne einen Effekt für die Lebensqualität und das Image eines Ortes haben und weiteren Zuzug anregen.
Einen ausführlichen Bericht über die Hanseatischen Sanierungstage 2016 finden Sie in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift B+B BAUEN IM BESTAND. Darin geht es unter anderem um die kritische Auseinandersetzung mit Normen und Regelwerken und deren Verhältnis zur ingenieurmäßigen Planung und Ausführung, die in Heringsdorf so etwas wie ein Leitthema war, sowie um aktuelle Aspekte von Wärmedämm-Verbundsystemen. Außerdem finden Sie einen weiteren Nachbericht unter bufas-ev.de.