Auch RA und Notar Matthias Wilke aus Frankfurt referierte auf dem VDI-Forum zum Thema Bauprodukte und gesunde Innenraumluft. Die Aufnahme zeigt ihn auf der DCONex 2018. (Quelle: B+B Bauen im Bestand/P. John)
Quelle: B+B Bauen im Bestand/P. John

Innenraumluft

02. December 2016 | Teilen auf:

VDI-Forum: Kann Wohnen krank machen?

Am 23. und 24. November 2016 fand in Düsseldorf das VDI-Forum zum Thema Bauprodukte und gesunde Innenraumluft statt. Experten unterschiedlichster Fachbereiche berichteten aktuell zu Schadstoffemissionen aus Bauprodukten im Innenraum. Intensiv beleuchtet wurden vor allem VOC in Bauprodukten.

Die Belastung der Innenraumluft mit Schadstoffen rückt immer mehr ins Blickfeld der Baubranche, weil energetische Bauweisen für dichtere Gebäude sorgen und deshalb die Luftwechselraten in den Räumen mitunter bedenklich sinken. Durch Nutzer oder Baumaterialien eingetragene Schadstoffe verharren in der Innenraumluft also länger und es stellt sich die Frage nach Konsequenzen für die Wohnqualität beziehungsweise  für die Gesundheit der Bewohner. Aus diesem Grund sind Konzentrationen von Schadstoffen im Innenraum zu prüfen und zu bewerten, vor allem um Gefahren für den Menschen abzuwehren.

Das VDI-Forum bot in diesem Kontext eine Mischung aus geballter Fachkompetenz und Themenbreite: von den wichtigsten Emissionen aus Bauprodukten mit vielen Praxisbeispielen, über die Einordnung der Innenraumluftbelastungen in den juristischen Rahmen, die Wirkung, Untersuchung und Bewertung von Gerüchen bis hin zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten und die Erläuterung der unterschiedlichen Bewertungskategorien für die Innenraumluft. Hier einige ausgewählte Highlights:

Dr. Oliver Jann von der Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung in Berlin gab einen Überblick über Emissionen flüchtiger Verbindungen aus Bauprodukten und beantwortete Grundsatzfragen, wie zum Beispiel: Welche Emissionen flüchtiger Verbindungen gibt es, wie werden sie gemessen und wie sind sie zu bewerten? VOC (Volatile Organic Compounds), VVOC (Verry Volatile Organic Compounds), SVOC (Semi Volatile Organic Compounds) oder POM (Particulate Organic Matter) sind in Lösemitteln, Bindemitteln, Weichmachern, Additven (z. B. Hydrophobierungsmittel) oder Flammschutzmitteln zu finden. Sie sind in Bauprodukten, Einrichtungsgegenständen oder technischen Geräten enthalten. Bei einer Bewertung der Emissionen sind außerdem Produktkombinationen sowie die Einflussparameter relative Luftfeuchtigkeit und Temperatur zu berücksichtigen. Gibt es einerseits insgesamt eine Vielzahl unterschiedlicher VOC, die aus Bauprodukten freigesetzt werden können, so gibt es andererseits auch eine Vielzahl von Labels für emissionsarme Bauprodukte.

Dr. Norbert Weiss berichtete über VOC-Schadensfälle aus seiner Tätigkeit am Bremer Umweltinstitut. Er beleuchtete Anlässe für Raumluftuntersuchungen (zum Beispiel Gerüche) sowie Messstrategien und ging ausführlich auf Bewertungsgrundlagen, -kriterien und –vorgaben für VOC-Belastungen in Innenräumen ein. Zahlreiche unterschiedlich gelagerte Fallbeispiele gaben hier einen Bezug zu konkreten Anlässen und praktischen Belastungssituationen in Innenräumen von Verwaltungs- und Wohngebäuden, Schulgebäuden oder zum Beispiel eines Kindergartens. Er beendete seinen Vortrag sinngemäß: „Wir haben gute (gemeint ist: emissionsfreie) Bauprodukte auf dem Markt, man muss sie nur finden.“

Fälle aus der Praxis des Landesamts für Soziale Dienste Schleswig-Holstein stellte Dr. Guido Ostendorf im Detail vor. Er macht deutlich, wie schwer mitunter die Ermittlung der Schadstoffquelle als Auslöser für entsprechende Beschwerden der Gebäudenutzer ist.

Dr. Gerd Zwiener referierte über das immer noch sehr aktuelle Thema Formaldehyd. Ausführlich ging er auf den neuen Richtwert RW I für die Innenraumluft ein, verglich ihn mit dem von Acetaldehyd und forderte die Ableitung eines Summenrichtwertes für beide Substanzen.

In die durchaus schwierige Rechtslage hinsichtlich Ansprüchen oder Anforderungen an gesunde Innenraumluft brachte RA und Notar Matthias Wilke aus Frankfurt „Licht ins Dunkel“. Er vermittelte die praktische Bedeutung der Richtwerte RW I und II aus rechtlicher Sicht und machte deutlich, dass es sich hier nicht um gesetzliche Grenzwerte handelt. Ein Problem aus juristischer Sicht stellt zum Beispiel dar, dass Schadstoffe aus unterschiedlichen Sphären stammen können (Bauherr oder Nutzer) und deshalb eine Zuordnung  bei Rechtsstreitigkeiten nicht immer einfach ist. Ein zweites Problem ist die bekannte Tatsache, dass das Vorsorgeprinzip im Bauordnungsrecht nicht verankert ist, sondern es sich lediglich um ein Gefahrenabwehrrecht handelt. Der Bestandsschutz von Gebäuden erlaubt außerdem nur bei konkreter Gefahr für Leben und Gesundheit entsprechende s Eingreifen der Bauaufsichtsbehörde.

Autorin: Brigitte van Eymeren

zuletzt editiert am 14.04.2021