Großer Tagungssaal mit mehreren Reihen Sitzplätzen, vielen Teilnehmenden, Tischen mit Unterlagen und Wasserflaschen sowie zwei Vortragenden auf einer Bühne vor einer Projektionsfläche.
225 Teilnehmende waren bei der 27. Pilztagung vor Ort dabei – dazu am zweiten, hybriden weitere 25 online. (Quelle: Rudolf Müller Medien / apg)

Schimmelpilze 2026-07-09T06:27:00Z Schimmel, Sporen, Standards

Schimmelpilzschäden und Feuchteprobleme zählen nach wie vor zu den komplexesten Herausforderungen in der Bau-, Umwelt- und Restaurierungspraxis. Die 27. Pilztagung 2026 in Wiesbaden Niedernhausen machte deutlich, wie dynamisch sich dieses Arbeitsfeld derzeit verändert: Normen werden konkretisiert, Leitfäden kritisch weiterentwickelt, Mess- und Bewertungsverfahren verfeinert, KI-gestützte Analytik hält Einzug in die Praxis und die rechtlichen Anforderungen an Gutachten steigen.

Bei der Tagung am 16. und 17. Juni stand die gesamte Bandbreite der Schimmelpilz- und Feuchteschadenpraxis im Mittelpunkt – von Diagnostik und Sanierung über Normen und Leitfäden bis hin zu juristischen Fragestellungen. Der erste Tag bot praxisnahe Workshops, der zweite Tag wurde als hybride Veranstaltung mit 225 Teilnehmenden vor Ort und 25 online durchgeführt und setzte Schwerpunkte bei neuen Methoden, Holzbau, Raumluftbewertung und rechtlichen Aspekten. 

Tag 1: Praxiswissen aus erster Hand 

Den Auftakt machte der Workshop von Dr. Oliver Röhl zur Novellierung der VDI 3492. Hier wurde schnell klar: Wer künftig Partikelspur-Messungen nach WTA-Merkblatt 4-12 durchführt, wird mehr und genauer messen müssen. Die engmaschigere Beprobung ist notwendig, weil sich luftgetragene Partikel – von Asbestfasern bis zu Schimmelsporen – im Raum eben nicht gleich verteilen. Diskutiert wurde, wie eine sinnvolle Messstrategie aussieht, welche Grenzen die Beurteilung luftgetragener Schimmelpilzsporen hat und was Labore an Informationen brauchen, damit die Auswertung wirklich belastbar ist.  

Sehr anschaulich ging es im Workshop „Erste Hilfe bei Schimmelschäden auf Papier“ von Prof. Dr. Constanze Messal und Friederike Johanna Nithack weiter. Sie zeigten, wie schnell Bücher, Akten und anderes Schriftgut durch ungeeignete Lagerung, Havarien oder auch den Klimawandel Schaden nehmen können. Die Teilnehmenden erfuhren, warum Papier, Leime und Ledereinbände Schimmelpilzen besonders „gut schmecken“ und was man als erste Maßnahme tun kann, ohne das empfindliche Material zusätzlich zu gefährden. Gleichzeitig wurde klar benannt, wo die Grenze liegt und wann nur noch Papierrestauratorinnen und -restauratoren tätig werden sollten. Arbeitsschutz und typische Fehler bei der Schimmelbeseitigung auf Papier kamen dabei ebenso zur Sprache.  

Mit Feuchte- und Schimmelschäden in Fußböden beschäftigte sich der Workshop von Dr. Charlotte Herrnstadt zum UBA-Schimmelleitfaden. An echten Schadensfällen wurde deutlich, dass der Leitfaden eine gute Struktur vorgibt, die Praxis aber oft komplexer ist als die Szenarien auf dem Papier. Dort, wo Kriterien nicht eindeutig erfüllt sind, bleibt die gutachterliche Einzelfallentscheidung unverzichtbar – und genau dieses Spannungsfeld zwischen „Schema F“ und individueller Bewertung wurde intensiv diskutiert.  

Beim Thema Wasserschaden wurde es dann sehr konkret: Florian Schwan machte klar, dass hier Zeit ein entscheidender Faktor ist: Schnelles Handeln ist geboten. Auf Grundlage des WTA-Merkblatts 6-16 zeigte er, wie eine technische Trocknung fachgerecht aufgebaut und überwacht wird. Es wurde deutlich, dass professionelles Trocknen weit mehr ist als „Geräte aufstellen“ und dass nur ein geplanter und dokumentierter Prozess Folgeschäden zuverlässig verhindert.  

Passend dazu räumten Dr. Wolfgang Lorenz und Dirk Günther im Workshop „Feuchtigkeitsmessungen Theorie und Praxis“ mit der Vorstellung auf, Feuchtemessungen seien einfach. Sie zeigten, wie leicht falsche methodische Entscheidungen zu missverständlichen Ergebnissen führen und dass gängige Annahmen – etwa zur gleichmäßigen Feuchteverteilung im Raum oder zur Ausgleichsfeuchtigkeit in Bauteilen – oft nicht stimmen. Besonders kritisch wurde die fehlerhafte Bewertung von Wärmebrücken und der in der Praxis häufig falsch berechnete fRsi-Faktor beleuchtet. In praktischen Übungen konnten die Teilnehmenden direkt nachvollziehen, wie man Messungen und deren Interpretation solide aufstellt.  

Den innovativen Schlusspunkt des Tages setzte der Workshop von Samuel Dippold zur KI-basierten Vor-Ort-Gesamtsporenanalyse. Die Teilnehmenden lernten die PartSens-Analysegeräte kennen, sahen live, wie beladene Objektträger gescannt und von einer KI ausgewertet werden, und diskutierten die Vorteile dieser automatisierten Verfahren. Die „Gesamtsporen-Challenge“ – inklusive Preis für den Objektträger mit der höchsten und vielfältigsten Sporenbelastung – machte deutlich, wie sich moderne Technik spielerisch, aber fachlich fundiert in die Raumluftdiagnostik integrieren lässt.  

Tag 2: Hybrid und spezialisiert 

Der zweite Tag wurde im Hybridformat durchgeführt; rund 25 Teilnehmende waren online zugeschaltet. Dadurch war eine aktive Beteiligung an Diskussionen und Fragerunden sowohl vor Ort als auch digital möglich. 

Im Block „Neue Methoden und Möglichkeiten“ erklärte Prof. Dr. habil. Ulrich Zißler, wie pneumologische Beurteilungen von Atemwegsbelastungen mit baubiologischen Daten zusammengedacht werden können. Ziel ist eine realistischere Einschätzung von Innenraumexpositionen und eine engere Zusammenarbeit zwischen Medizin und Baubiologie. Prof. Dr. Constanze Messal griff mit ihren „mysteriösen Pilzen im Depot“ das Thema ungewöhnlicher Funde in Archiven auf und zeigte, welche Herausforderungen sich bei deren Identifikation und Bewertung ergeben. Dr. Oliver Röhl führte vom mikroskopischen Partikelbild zur sicheren Sporenerkennung und machte deutlich, wie wichtig Schulung und Standardisierung in der Analytik sind. Samuel Dippold und M. Sc. Tinola Zörner ordneten die KI-gestützte Gesamtsporenanalyse in den größeren Kontext ein und beschrieben den Weg vom klassischen Laborprozess zum mobilen Analysegerät für den Einsatz direkt vor Ort.  

In den Blöcken zum Holzbau wurde es bautechnisch: Gerrit Horn erläuterte den Holzrahmenbau mit typischen Feuchte- und Schimmelschäden und zeigte, wie sich solche Probleme durch kluge Planung und Ausführung vermeiden lassen. Anschließend präsentierten Stefan Betz, Dr. Wolfgang Lorenz und Robert Kussauer auffällige Schadensbilder im Holzrahmenbau und legten dar, welche Ursachenketten dahinterstehen und welche Konsequenzen für Sanierung und Qualitätssicherung folgen.  

Ein wichtiger Baustein war der Beitrag von Dr. Christoph Trautmann und Uwe Münzenberg, die Raumluftmessungen aus rund 600 Neubauten im Rahmen der VDB-Zert-Gebäudezertifizierung statistisch ausgewertet hatten. Sie stellten die bisher übliche Praxis, Außenluft als Referenz für die Bewertung von Schimmelpilzen im Innenraum zu nutzen, kritisch zur Diskussion und zeigten, wie die Datenlage für differenziertere Bewertungsstrategien genutzt werden kann.  

Im Block „Leitfäden und Rechtliches“ erklärte Martina Pfister Luz aus Sicht einer Vorsitzenden Richterin, was Gerichte von Sachverständigen erwarten. Sie machte deutlich, wie wichtig verständliche, nachvollziehbare und gut begründete Gutachten sind, damit fachliche Bewertungen vor Gericht Bestand haben.  

Abschließend sorgte das „Speed Dating Normen“ mit Jeremias Stolze, Dr. Christoph Trautmann und Judith Meider für komprimierte Einblicke in zentrale Regelwerke. Die Teilnehmenden erhielten einen Überblick über WTA-Merkblätter zur technischen Trocknung und zu Schimmel auf Holz sowie über die VDI 4300 Blatt 13 zur mikroskopischen Analyse von Materialproben.  

Anspruchsvolle Fachthemen praxisnah vermittelt 

Die 27. Pilztagung 2026 hat gezeigt, dass sich auch anspruchsvolle Fachthemen praxisnah vermitteln lassen. Der erste Tag bot kompakte Werkzeuge für den Alltag von Sachverständigen, Restauratorinnen, Sanierungsbetrieben und Laboren – von der normgerechten Beprobung über konservatorische Erstmaßnahmen bis zur fachgerechten Trocknung und Feuchtigkeitsmessung. Der zweite Tag verknüpfte neue diagnostische Ansätze, Erkenntnisse zu Holzbau und Neubauten sowie juristische und normative Fragen zu einem stimmigen Gesamtbild.  

Die Tagung zeigte auch diesmal wieder, wie wichtig der Austausch über Fachgrenzen hinweg ist, um komplexe Feuchte- und Schimmelsituationen sicher zu beurteilen und zu lösen. Weitere Informationen >>>

Andrea Papkalla-Geisweid

zuletzt editiert am 09. Juli 2026
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