Sanierungsmaßnahmen im Gebäudebestand erfordern eine systematische Berücksichtigung von – häufig verdeckt vorkommenden – Schadstoffen. Für Christina Nixdorf-Doose, Projektmanagerin und Prokuristin der n-tec projektbau GmbH, ist der fachgerechte Umgang damit seit vielen Jahren beruflicher Schwerpunkt. Im Interview spricht sie über zentrale Anforderungen, bestehende Wissenslücken sowie die Bedeutung von Schadstofferkundung und Sanierungskonzeption.
Frau Nixdorf-Doose, Sie sind Projektmanagerin im Bereich Sanierung und Expertin für Schadstoffe im Bestand. Wie sind Sie zu dieser Spezialisierung gekommen und was begeistert Sie bis heute an diesem Thema?
Mein beruflicher Weg ist eng mit dem Familienunternehmen n-tec projektbau GmbH (bis 2009 n-tec Industrieservice Gesellschaft für Asbestsanierung und bauliche Brandschutz mbH) verbunden. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem der sachgerechte Umgang mit Asbest und anderen Gebäudeschadstoffen seit über 30 Jahren zum Arbeitsalltag gehört. Mein Vater gehörte Anfang der 1990er Jahre zu den Pionieren der fachgerechten Asbestsanierung in Deutschland und gründete 1994 gemeinsam mit meiner Mutter unser Unternehmen. Diese Erfahrung und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Menschen und der Umwelt haben mich von Anfang an geprägt und fasziniert.
Seit mehr als 20 Jahren begleite ich nun Sanierungsprojekte im Bestand. Als Prokuristin und Projektmanagerin verbinde ich technische, rechtliche und organisatorische Anforderungen zu wirtschaftlichen und sicheren Sanierungskonzepten. Gemeinsam mit meinem Mann habe ich zudem das emissionsarme Sanierungsverfahren BT 33.3 entwickelt, das vom Institut für Arbeitsschutz zugelassen wurde und bis heute erfolgreich in der Praxis eingesetzt wird.
An Arbeiten im Bestand und dem sicheren Umgang mit Schadstoffen bzw. der kontrollierten Entfrachtung begeistert mich am meisten, dass kein Projekt dem anderen gleicht. Schadstoffsanierung ist weit mehr als der Rückbau von belasteten Bauprodukten und Materialien, sie verbindet Bauhandwerk, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Umweltrecht, Sanierungstechnik und Projektmanangement miteinander und trägt dazu bei, dass bestehende Gebäude nachhaltig und sicher für die Zukunft entwickelt werden können.
Deshalb setze ich mich auch über meine tägliche Projektarbeit hinaus dafür ein, Wissen weiterzugeben - ob als Referentin, Dozentin, Fachautorin oder mit der #Baustellendiva. Mein Ziel ist es, das Bewusstsein für Schadstoffe im Gebäudebestand zu stärken und zu zeigen, dass ein sicherer, bezahlbarer Umgang mit Schadstoffen möglich ist.
Wo sehen Sie aktuell den größten Informationsbedarf im Umgang mit Schadstoffen und was wünschen Sie sich von Bauherren, Planenden und Ausführenden?
Die größte Wissenslücke besteht aus meiner Sicht darin, dass Schadstoffe als Relikt der Vergangenheit angesehen werden. Meist liegen sie verdeckt vor, was dazu führt, dass sie noch immer zu spät berücksichtigt werden. Hinzu kommt, dass die Planungen von Bestandssanierung beginnen, bevor Klarheit über die vorhandenen Schadstoffe besteht. Das führt zu Baustopps, Nachträgen und unnötigen Risiken für alle Baubeteiligten.
Beim Thema Asbest erleben wir derzeit einen deutlichen Veränderungsprozess. Mit der novellierten Gefahrstoffverordnung rückt das Thema Asbest stärker in den Fokus, allerdings besteht gleichzeitig noch viel Unsicherheit darüber, wo Asbest vorkommen kann und welche Pflichten daraus für alle Baubeteiligten entstehen.
Ich wünsche mir, dass Bauherren, Planende und Ausführende Schadstofferkundungen und die Sanierungskonzeption als festen Bestandteil einer seriösen Projektvorbereitung verstehen und ihr Netzwerk um kompetente Partner in diesem Bereich erweitern. Denn wer früh Klarheit schafft, kann Kosten besser kalkulieren, Abläufe sicherer planen und Beschäftigte wirksam schützen.
Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach der Umgang mit Schadstoffen im Bestand in den nächsten Jahren entwickeln – und welche Trends beobachten Sie bereits heute?
Da der Gebäudebestand in den kommenden Jahren eine noch größere Rolle spielen wird und die Anforderungen an nachhaltiges Bauen, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung mehr in den Fokus rücken werden, wird auch der sichere und kontrollierte Umgang mit Schadstoffen im Bestand zunehmen, wodurch die anlassbezogene Schadstofferkundung vor Beginn der Baumaßnahme an Bedeutung gewinnen wird.
Bereits heute ist eine Bewusstseinsänderung beim Thema Asbest zu erkennen. Die neuen gesetzlichen Regelungen führen dazu, dass sich Bauherren und Planungsbüros intensiver mit dem Thema beschäftigen.
Die Schadstoffsanierung entwickelt sich vom notwendigen Pflichtprogramm zu einem festen Bestandteil einer professionellen Bestandsentwicklung, bei der die digitale Dokumentation, sowie strukturierte Erkundungs- und Sanierungskonzepte und ein interdisziplinäres Projektteam immer wichtiger werden.
Wenn Sie Eigentümern, Eigentümerinnen oder Planenden einen einzigen Tipp zum Umgang mit Schadstoffen im Bestand mitgeben könnten – welcher wäre das und warum?
Lassen Sie Schadstoffe frühzeitig untersuchen und beziehen Sie Fachleute bereits in der Planungsphase ein.
Jeder Euro, der in eine qualifizierte Schadstofferkundung und gezielte Sanierungskonzeption investiert wird, spart später häufig ein Vielfaches an Kosten, Zeit, Problemen und schützt Leben.
Unter dem Hashtag #Baustellendiva schreiben Sie eine Kolumne in der Zeitschrift B+B Bauen im Bestand. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und was daran bereitet Ihnen die meiste Freude?
Die Idee entstand aus dem Wunsch, Fachwissen verständlich zu vermitteln und Themen anzusprechen, die im Baustellenalltag häufig zu kurz kommen. Mit dem Instagram-Account #Baustellendiva und meinen Beiträgen auf LinkedIn wollte ich zunächst Aufmerksamkeit für den sachgerechten Umgang mit Schadstoffen schaffen.
Die Kolumne entstand später gemeinsam mit Andrea Papkalla-Geisweid und Katharina Diel, daraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit mit dem gesamten Team der B+B, die bis heute von fachlichem Austausch und kreativen Ideen lebt.
Besonders Freude macht mir, komplexe Zusammenhänge verständlich aufzubereiten und Menschen für Themen zu sensibilisieren, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken, in der Praxis aber große Auswirkungen haben. Wenn Leserinnen und Leser anschließend mit einem anderen Blick auf den Gebäudebestand schauen, habe ich mein Ziel erreicht.
Sie bringen Ihre Expertise nicht nur in Ihrer täglichen Arbeit ein, sondern auch als gefragte Referentin. Welche Themen stehen dabei im Fokus und in welchen Veranstaltungsformaten haben Sie diese präsentiert?
Im Mittelpunkt meiner Vorträge stehen der sichere und rechtskonforme Umgang mit Schadstoffen im Gebäudebestand, die Auswahl geeigneter Schutzmaßnahmen und Sanierungstechniken im Bestand.
Dabei ist mir wichtig, theoretische Anforderungen mit praktischen Erfahrungen aus realen Projekten zu verbinden und Teilnehmenden Lösungsansätze vorzustellen, die sie unmittelbar in ihren Arbeitsalltag übertragen können. Die Bauwelt darf erkennen, dass wir der Herausforderung „Schadstoffe“ im Bestand gewachsen sind und wir Lösungen für einen sicheren Umgang haben oder zumindest in der Lage sind, diese zu entwickeln.
Ich referiere auf Fachkongressen, Branchentagungen, Hausmessen, Onlineveranstaltungen, Inhouseseminaren und Fortbildungsveranstaltungen für Bauherren, Planungsbüros, Sachverständige und ausführende Unternehmen, dabei sind der direkte Austausch und die Diskussion mit den Teilnehmenden ein wichtiger Bestandteil jeder Veranstaltung und ich lerne immer wieder neue Perspektiven kennen, die mich Dinge überdenken und ggf. neu justieren lassen.
Mein wichtigstes Learning bei allem: Wir können nur gemeinsam und im ständigen Dialog, die Herausforderungen im Bestand lösen und es braucht ein interdisziplinäres Netzwerk an Baubeteiligten, die gemeinsam am Erfolg eines Projektes arbeiten.
„Zusammengefasst: Schadstoffe im Gebäudebestand sind keine historische Randerscheinung, sondern ein aktueller, planungsrelevanter Faktor. Frühzeitige, qualifizierte Schadstofferkundung und eine fachgerechte Sanierungskonzeption sind entscheidend, um Projekte rechtskonform, wirtschaftlich und sicher umzusetzen. Der Umgang mit Schadstoffen wird zunehmend als integraler Bestandteil professioneller Bestandsentwicklung verstanden. Voraussetzung dafür ist jedoch ein besseres Bewusstsein aller Beteiligten und der kontinuierliche fachliche Austausch – auf Baustellen, in Fachgremien und in der öffentlichen Diskussion. Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Nixdorf-Doose!“
Online-Seminar Asbest – die Herausforderung im Bestand
Vom Superbaustoff zum Gefahrstoff: erkennen, bewerten und handeln
Online-Seminar, 25.09.2026, 8-10 Uhr
Unsere Referentin
Schadstoffsaniererin Christina Nixdorf-Doose ist Fachfrau auf diesem Gebiet und kann nicht nur die neuen Regelungen und deren rechtliche Auswirkungen für Bau- und Handwerksbetriebe einordnen, sondern auch den konkreten Handlungsbedarf für die Unternehmen vorstellen.
Unter dem Hashtag #Baustellendiva schreibt sie eine monatliche Kolumne in der Zeitschrift B+B Bauen im Bestand und agiert als Referentin für die TRGS 519, die DGUV-R 101 004 und die DGUV-I 201 028.
