Saniertes Gebäude der Deustchen Rockwool in Gladbeck (Quelle: Deutsche Rockwool)
So sieht das Gebäude der Deutschen Rockwool in Gladbeck heute aus. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Bauwerkserhaltung

20. January 2022 | Teilen auf:

Sanierung mit Modellcharakter

Thema des Monats Januar: Im Rahmen eines ambitionierten Sanierungsprogramms will die dänische Rockwool Gruppe firmeneigene Bürogebäude so modernisieren, dass der Energieverbrauch bis 2030 um 75 Prozent gegenüber 2015 gesenkt wird. 2021 war ein Gebäude der deutschen Rockwool in Gladbeck an der Reihe: Der „schmucklose Kasten“ wurde so sehenswert und energetisch sinnvoll ertüchtigt, aufgestockt und umgestaltet, dass die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) das neue, alte Gebäude mit einem Zertifikat in Gold auszeichnete.

Vor der Sanierung war die Optik keineswegs einladend. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Von der DGNB bewertet wird unter anderem, welche CO2-Emissionen durch die Nutzung eines Gebäudes und die beim Bau verwendeten Materialien und Verfahren verursacht werden. Doch der DGNB geht es nicht allein um die CO2-Emissionen. Sie befasst sich mit weiteren Fragen: Wie umweltverträglich sind die eingesetzten Baustoffe? Wie hoch ist der Verbrauch von Ressourcen für deren Herstellung? Kann ein Gebäude umweltfreundlich zurückgebaut, können die eingesetzten Baustoffe recycelt werden? Darüber hinaus geht es aber auch um die soziale Qualität eines Bauwerks, in diesem Fall um Funktionalität und Aufenthaltsqualität, die großen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit und Motivation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben. Insofern richtet die DGNB einen ganzheitlichen Blick auf Sanierungsprojekte, die sie bewertet und zertifiziert. Und im Falle der Sanierung des Bürogebäudes der Deutschen Rockwool in Gladbeck fiel die Bewertung offenkundig positiv aus.

Rockwool setzt auf recyclingfähige Baustoffe

Zur Dämmung des Gebäudes wurde ausschließlich recycelbare Steinwolle verwendet: Auf dem leicht geneigten Flachdach kamen insgesamt 400 Millimeter von „Hardrock 038“ in drei Lagen zum Einsatz. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Volker Christmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Rockwool, ist überzeugt, dass an der Rockwool-Straße in Gladbeck eine Sanierung mit Modellcharakter gelungen ist. „Es ist richtig und wichtig, dass die Politik in Europa vor allem die energetische Ertüchtigung des Gebäudebestands fordert und fördert“, so Christmann, „aber aus Sicht der Rockwool Gruppe geht es auch darum, so zu modernisieren, dass in der Zukunft möglichst viel Bauabfall vermieden wird. Deshalb haben wir vor allem auf Baustoffe und Konstruktionen gesetzt, die im Notfall, also bei einem Rückbau, sortenrein getrennt und recycelt werden können.“ So könnten etwa die verbauten Steinwolle-Dämmstoffe auch in fünfzig Jahren noch ohne Wertverlust wieder zu neuen, ebenso hochwertigen Dämmstoffen verarbeitet werden. Schon in der Bauphase wurden Steinwolle-Reste und Verschnitt, die von den verschiedenen Gewerken gesammelt wurden, zurück in die Produktion gefahren, eingeschmolzen und zu neuem Dämmstoff verarbeitet.

Neben einer ausgezeichneten Recycling-Quote sollte in Gladbeck natürlich auch der Energieverbrauch signifikant gesenkt werden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der Primärenergiebedarf des Bürogebäudes für jetzt immerhin fast 130 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen konnte durch die Sanierung um über 80 Prozent gesenkt werden. Der im Zuge der Sanierung vollzogene Anschluss an das Fernwärmenetz der Stadt Gladbeck und die eingebaute Fernwärmeheizung führten zu einer weiteren, deutlichen Minderung der CO2-Emissionen. Zudem wurden durch Aufstockung des Gebäudes 435 Quadratmeter zusätzliche Bürofläche geschaffen, ohne dass ein einziger Quadratmeter zusätzliche Fläche hätte bebaut werden müssen.

Radikaler Rückbau schafft Platz für raumhohe Fenster

Während die Sockelgeschosse und der Treppenhausturm mit einem Wärmedämmverbundsystem und tief dunkelgrauem Kratzputz versehen wurden, rahmt eine vorgehängte Fassade mit einer Bekleidung aus Rockpanel Fassadentafeln die großen Fenster der drei folgenden Geschosse. Die Aufstockung schließlich erhielt auf drei Seiten eine auffällige Bekleidung aus Rheinzink. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Um all dies zu erreichen, war eine gründliche Generalüberholung des Gebäudes notwendig. Die ursprünglich mit Kalksandstein und Porenbeton ausgemauerte Baukonstruktion fußte klassisch auf einer Stahlbetonstützenkonstruktion in Kombination mit einem Flächentragwerk aus Stahlbetondecken. Das Mauerwerk wurde im Zuge der Sanierung ebenso komplett zurückgebaut wie die Fassadenbekleidung aus tonnenschweren Waschbetonplatten und die etwa 3 Zentimeter dünne Mineralwolldämmung. Anschließend wurden die Stahlbetonstützen rechts und links um jeweils 15 Zentimeter verbreitert, indem ein Porenbetonmauerwerk angeschlossen wurde. Aus einer 40 Zentimeter breiten Stütze wurde so eine 70 Zentimeter breite, zwischen die Rockwool in den oberen Stockwerken raumhohe Fenster setzen ließ. Im Souterrain blieb es bei den ursprünglichen Fensterformaten. Alle neuen Fenster verfügen über eine hochwärmedämmende Dreifachverglasung, die zugleich den Schallschutz deutlich verbessert hat. Seit der Sanierung sind selbst in den Büros zur stark befahrenen Rockwool-Straße bei geschlossenen Fenstern nicht mehr als 38 db Grundschallpegel zu messen.

Der mit einem WDVS der Konzernschwester Heck Wall Systems verkleidete Gebäudesockel wurde einlagig mit einer 300 Millimeter dicken Putzträgerplatte „Coverrock II“ gedämmt. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Im erdberührten Gebäudesockel schützt eine klassische XPS-Dämmung vor Feuchtigkeit. Direkt darüber wurde die neue Ausmauerung mit einem vollmineralischen, nichtbrennbaren WDVS der Konzernschwester Heck Wall Systems gedämmt (300 mm Steinwolle). In den oberen Geschossen mit ihren großen Fenstern wurden die verbreiterten Stützen ebenfalls mit einer 300 Millimeter dicken Steinwolle-Dämmung versehen. Der Aufbau des WDVS wird von innen nach außen immer diffusionsoffener und befördert auf diese Weise das schnelle Abtrocknen eventuell auftretender Feuchtigkeit. Da sich nach dem Rückbau korrodierte Stellen am Betonstahl der Stahlbetonstützen und -decken zeigten, wurde die Dämmung des WDVS im Floating Buttering Verfahren aufgesetzt. Durch die vollständige Überdeckung des Betonstahls kann der Korrosionsprozess aufgehalten werden. Zusätzlich wurden die Dämmplatten mit geprüften Dübeln sicher mechanisch befestigt.

Die neue Fassadengestaltung ergibt sich aus der Kombination des WDVS mit einem dickschichtigen Kratzputz sowie zwei verschiedenen Vorhangfassaden (VHF) in den oberen Geschossen. Sie verbergen die Steinwolle hinter weißen Fassadentafeln der Konzernschwester Rockpanel, produziert im niederländischen Roermond, und Rauten aus Zinkblech aus dem Dattelner Werk der Rheinzink. Die Beschattung der Büroräume erfolgt über Lamellenrolladen aus Aluminium. Sie fahren in spezielle Rolladenkästen ein, die vom WDVS beziehungsweise der VHF überdeckt werden.

Aufstockung schafft 435 Quadratmeter zusätzliche Bürofläche

Fassadentafeln der Konzernschwester Rockpanel in Weiß und Anthrazit wurden für die Bekleidung der oberen Geschosse des Bestandsgebäudes genutzt. In der Seitenansicht sind die Fluchttreppe und die verschiedenen Element der neuen Fassade gut zu erkennen. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Ein optisches Highlight ist die Aufstockung: Der durch Windverbände ausgesteifte Stahlbau wirkt statisch gesehen in Kombination mit den Porenbetondielen als „aussteifende Scheibe“. Die tragende Konstruktion besteht aus HEA Stahlträgern mit biegesteifen Ecken. Dieses Stahltragwerk wurde aus brandschutztechnischen Gründen mit dem „Steelprotect Board“ von Rockwool ummantelt. Auf der der Straße abgewandten Seite des Gebäudes wurde die neue Stahlkonstruktion auf den statisch tragenden Stützen der Bestandskonstruktion in den Untergeschossen aufgelagert. Auf der Straßenseite springt die Aufstockung um zirka zwei Meter zurück und schafft so Platz für eine Dachterrasse. Hier stehen die Stützen auf der Bestandsdecke. In der Etage darunter wurde ein Rahmen aus Stahl eingebaut, über den die Lasten abgeleitet werden. Das neue Flachdach auf der Aufstockung ist eine Warmdachkonstruktion aus Porenbeton-Platten und einer Dampfsperre, auf denen 400 Millimeter Steinwolle-Dämmung ausgelegt wurden.

Nach dem Rückbau der alten Waschbeton-Fassadenbekleidung wurde sichtbar, dass der Treppenhausturm in sich leicht verdreht ist. Um ihn in Gänze mit mindestens 200 Zentimeter Steinwolle dämmen und gerade Außenwände erstellen zu können, mussten Dämmplatten mit abnehmenden Dicken von 260 bis 200 Zentimeter montiert werden. So wurde mit der Dämmung der Turm optisch begradigt. Ursprünglich hatte man die Defizite der Formgebung des Stahlbetons durch die alte Vorhangfassade kompensiert. Die Anforderung von mindestens 200 Zentimeter Dämmung hatte sich aus der Berechnung zur Energiebilanz für das Gesamtgebäude ergeben.

Gebäude erfüllt nach Sanierung hohe Brandschutzstandards

Der vom Brandschutzsachverständigen und von der örtlichen Feuerwehr geforderte Fluchttreppenbau neben dem aufgestockten Hauptgebäude steht auf vier tragenden Stützen, die auf einem nur eingeschossigen Bestandszwischengebäude gegründet wurden. HEB-Träger liegen horizontal auf der Stahlbetondecke des Zwischengebäudes. Das verhindert ein Durchstanzen der vier Vertikalträger. Weil als Dämmstoff durch alle Gewerke ausschließlich Steinwolle eingesetzt werden durfte, erfüllt das Gebäude nach seiner Sanierung darüber hinaus hohe Standards beim Brandschutz.

Aufgestockt wurde mit einer Stahlskelettkonstruktion, die überwiegend mit Porenbeton ausgemauert wurde. Die Brandschutzbekleidung der Stahlträger wurde mit „Conlit Steelprotect Board“ ausgeführt. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Neben dem vorbeugenden Brandschutz durch die Verwendung vieler nichtbrennbarer Baustoffe, sorgen auch aktive Komponenten wie eine Brandmeldezentrale mit zahlreichen Rauchmeldern im gesamten Gebäude und eine Aufschaltung bei der örtlichen Feuerwehr sowie ein Rauch- und Wärmeabzug im Treppenhaus, eine große Zahl von Feuerlöschern und eine außenliegende Nottreppe für mehr Sicherheit im Brandfall.

Unter Berücksichtigung der Gegebenheiten im Bestandsgebäude und der Brandschutz-Anforderungen konnten die Barrieren reduziert werden: Die Stufen vor der Eingangstür können von Rollstuhlfahrern mit einem Treppenlift überwunden werden. Der Aufzug mit seiner selbsttragenden Rahmenkonstruktion konnte vollständig in das Treppenauge des alten Treppenhauses integriert werden. Er fährt alle Etagen an. Auch Sanitärräume für Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit stehen im Gebäude zur Verfügung. Der Rahmen des Aufzugs besteht aus Stahlsandwichelementen mit Steinwollkern, ist also ebenfalls nichtbrennbar ausgeführt.

Zentrales Lüftungssystem sorgt für permanente Frischluftzufuhr

Sämtliche Steuerungsinstrumente der zentralen, automatischen Raumlüftung befinden sich auf dem Dach. Die Erschließung im Gebäude erfolgt von oben nach unten über Vertikalrechteckschächte mit abnehmenden Querschnitten. Die horizontale Erschließung erfolgt über Stahlwickelfalzrohre, die meist sichtbar unter der Raumdecke hängen. Über den Arbeitsbereichen befinden sich Drallauslässe. Die Abluft verlässt das Gebäude über einen separaten Strang getrennt von der Zuluft. Die Frischluft kann vorgekühlt oder über Fernwärme vorgewärmt werden. Auf diese Weise wird im Gebäude ein ganzjährig konstantes Raumklima gehalten. Die Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden derzeit ständig gemessen. Zusätzlich gibt es Einzelfühler für die CO2-Messung. Es hat sich gezeigt, dass durch den permanenten Luftaustausch zu keinem Zeitpunkt und in keinem Raum die CO2-Grenzwerte überschritten werden.

Für eine angenehme Raumakustik in den neuen Büros sorgen Akustikdecken der Konzernschwester Rockfon. Sie nutzen die natürlichen Eigenschaften des Rohstoffs Steinwolle für die Absorption von Schall. (Quelle: Deutsche Rockwool)

Die positive Bewertung des Gebäudes durch die DGNB kommt auch dadurch zustande, dass die Sanierung zahlreiche Vorteile für die Nutzer erbracht hat. So habe sich die Aufenthaltsqualität in den Büros ebenso wie der Zugang zum Gebäude für Menschen mit Behinderung aus Sicht der DGNB deutlich verbessert, so André Janert, Leiter Vorverkauf bei der Deutschen Rockwool und Ansprechpartner für die an der Sanierung beteiligten Fachplaner und -handwerker in der Bauphase.

Geschäftsführer Volker Christmann ist überzeugt von der Richtigkeit des Weges, den sein Unternehmen eingeschlagen hat. „Statt immer neue Flächen zu bebauen und veraltete Industrie- und Verwaltungsgebäude einem kontinuierlichen Downgrading zu überlassen, sollten wir in Deutschland häufiger prüfen, ob sich wandelnde Bedürfnisse von Unternehmen an Büros oder Produktionsstätten nicht durch bestehende und energetisch ertüchtigte Bestandsgebäude decken lassen“, empfiehlt Christmann. „So senken wir die Zahl der neu versiegelten Flächen, reduzieren die Menge der Bauabfälle in Deutschland und senken die Menge der CO2-Emissionen deutlich.“

Weitere Informationen finden Sie auf der Website von Rockwool.

zuletzt editiert am 21.01.2022