Dämmstoff (Quelle: Rainer Sturm/pixelio.de)
Der erste Fachdialog „Re-Use und Recycling von Dämmstoffen bei Gebäuden“ machte deutlich, dass sich zwar schon einiges getan in Sachen Kreislauffähigkeit von Dämmstoffen, aber auch noch viel zu tun bleibt. (Quelle: Rainer Sturm/pixelio.de)

Außendämmung

28. October 2021 | Teilen auf:

Re-Use und Recycling von Dämmstoffen

Mit dem Ziel, eine zirkuläre Wertschöpfung in der deutschen Bauwirtschaft anzuschieben, veranstalteten die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, der Gesamtverband Deutscher Holzhandel e.V. (GD Holz) sowie der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM) im Oktober ihren ersten gemeinsamen Fachdialog „Re-Use und Recycling von Dämmstoffen bei Gebäuden“.

Schwindende Rohstoffe, knapper werdende Deponieräume sowie ambitionierte Klimaschutzziele machen es unerlässlich, den hohen Ressourceneinsatz im Bauwesen zu reduzieren. Das gilt natürlich auch für Dämmstoffe: Re-Use und Recycling lauten die Stichworte. Welche Schritte auf dem Weg zu einer zirkulären Wertschöpfung bei Dämmstoffen als nächstes zu gehen sind und welche Konzepte es für das Wiederverwenden und -verwerten gibt, waren die Themen des Fachdialogs, der als Online-Konferenz mit rund 300 angemeldeten Teilnehmenden stattfand.

Der Staatssekretär der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Berlin (SenUVK), Stefan Tidow, betonte in seinem Grußwort die große Relevanz von Re-Use- und Recyclingmaßnahmen bei Dämmstoffen. Jedes Jahr fallen 200.000 Tonnen an Dämmstoffen in Deutschland an, die in der Regel einfach entsorgt werden. Hier forderte er kreative Ideen und Initiativen von allen Baubeteiligten, um den Anteil von re-use- und recyclingfähigen Dämmstoffen im Bauwesen zu erhöhen. „Um auch in Zukunft ökologisch und ökonomisch sinnvoll bauen zu können, muss die Bauwirtschaft ihre Prozesse auf eine zirkuläre Wertschöpfung umstellen — und zwar von der Planung über die Erstellung, den Betrieb bis zum Rückbau sowie eine umfassende lebenszyklusbegleitende Dokumentation. Andernfalls sind Klimaschutz, Kostenverträglichkeit und Ressourcenschutz auf Dauer nicht miteinander zu vereinen“, so Tidow. Das Land Berlin will dabei konsequent mit gutem Beispiel bei öffentlichen Bauvorhaben vorangehen. So sollen bei öffentlichen Bauvorhaben ab 2024 nur noch wiederverwendbare und recyclingfähige Dämmstoffe mit einem ambitionierten Recyclat-Anteil eingesetzt werden. Damit würden nicht recyclingfähige Materialien ab 2024 nicht mehr eingesetzt werden können. Zusätzlich plant die Senatsverwaltung einen Baumarkt für gebrauchte Baumaterialien, welcher in Form eines Pilotprojektes im nächsten Jahr umgesetzt werden soll.

In den ersten Vorträgen ging es um Grundsätzliches: Corvin Veith vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) erläuterte den CO2-Verbrauch bei den unterschiedlichen Entsorgungsmöglichkeiten von Mineralwolle, EPS und Holzfaserplatten, Architektin Eva-Maria Friedel die zwei Optionen der Kreislauffähigkeit von Materialien: Sie müssen entweder zu 100 Prozent biologisch abbaubar oder sortenrein trennbar sein, sodass sie zu 100 Prozent recycelbar oder wiederverwendbar sind. Dipl.-Ing. Sandra Giern, Leiterin der Abteilung für Abfallbehandlung, Logistik und Sonderabfall beim Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. und Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Recycling Baustoffe, skizzierte, wie eine nachhaltige Abfallwirtschaft durch geschlossene Kreisläufe und verstärkte Rezyklatmärkte bis 2050 erreicht werden könne. Unter anderem empfahl sie die Festlegung von Rezyklateinsatzquoten und materialspezifische Recyclingquoten für Dämmstoffe aus dem Rückbau.

Schon heute sind hohe Re-Use- und Recyclingquoten bei Dämmstoffen möglich

Nach einer ersten Diskussionsrunde widmeten sich sechs weitere Vorträge ganz konkret der Kreislaufwirtschaft von Dämmstoffen. Mitveranstalter und Moderator des zweiten Blocks Dr. Hans-Joachim Riechers, Hauptgeschäftsführer des VDPM, erläuterte zu Beginn die Notwendigkeit sowie praktische Relevanz von recycelten Dämmstoffen. Rainer Blum als Vertreter des Verbandes Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen e.V. eröffnete die Darstellung mit einer Präsentation zum Re-Use und Recycling von Holzfaserdämmstoffen. Dabei verwies er darauf, dass Holz grundsätzlich als natürliche Ressource neben der energetischen Verwertung einen Materialkreislauf ermögliche. Der Rückbau sei aber frühzeitig in den Planungsprozess einzubeziehen und der Aufbau regionaler Rückbauzentren erforderlich, um auch kurze Wege zu ermöglichen. Serena Klein, Sprecherin der Geschäftsführung, und Ulrich Meier, Geschäftsführer Technik vom Industrieverband Hartschaum e.V., erläuterten, dass bereits heute ein 100-prozentiges Recycling von EPS-Dämmabfällen mithilfe eines physikalischen Recycling-Prozesses möglich sei. Grundlage hierfür sei die „CreaSolv“-Technologie, mit der ein neuer, qualitativ hochwertiger Polystyrol-Rohstoff (Loop PS) entstehe. Dabei werde der früher verwendete Zusatzstoff HBCD sicher zerstört und wertvolles Brom für neue, umweltfreundliche Flammschutzmittel zurückgewonnen. Ein Re-Use von EPS sei hingegen noch nicht möglich.

Dr. Thomas Tenzler, Geschäftsführer vom Fachverband Mineralwolleindustrie e.V., präsentierte in seinem Vortrag die Vorteile von Mineralwolle, vor allem der Stein- und Glaswolle. In der Glaswolleproduktion werde mit bis zu 80 Prozent Altglas bereits heute ein hoher Recyclinganteil erreicht. Mit existierenden Verfahren und Rücknahmesystemen würden bereits heute einige tausend Tonnen Mineralwolleabfälle pro Jahr recycelt.

Re-Use- und Recycling-Fähigkeit steigt durch vorausschauende Planung

Für den Industrieverband Polyurethan-Hartschaum e.V. betonte Geschäftsführer Tobias Schellenberger, dass Re-Use und Recycling von Polyurethan-Dämmstoffen beim Planen beginne. Bei Modernisierungsmaßnahmen solle immer geprüft werden, ob vorhandene Dämmstoffe im Gebäude belassen und durch zusätzliche Dämmschichten ertüchtigt werden könnten. Rückbaubaren Dämmsystemen sei der Vorzug einzuräumen. Beim Recycling sei es heute schon möglich, nicht recyclingfähige PET-Verpackungen zur Herstellung von Polyurethan-Hartschaum zu nutzen. Aus sortenreinen Abfällen von Polyurethan-Hartschäumen könnte man bereits heute gänzlich neue, vielfältig einsetzbare Funktionswerkstoffe herstellen. Norbert Buddendick, Geschäftsführer der Fachvereinigung Extruderschaum e.V., ergänzte, dass es seit 2015 die technische Möglichkeit gebe, XPS-Dämmstoffe zu recyceln. Eine konsequente Weiterentwicklung des Produkts ermögliche die Weiternutzung und ein Direktrecycling. Zwar noch in kleinen Mengen, aber der weitere Weg sei vorgezeichnet.

Abschließend referierte Dr. Sebastian Dantz vom Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. über die Rückbaumöglichkeiten von Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS). Auch er betonte, dass für die notwendige Ressourcenschonung das Ausnutzen der Langlebigkeit der Dämmsysteme erforderlich sei. Die stoffliche Wiederverwendung aller einzelnen WDVS-Komponenten sei nach einem genauen, wenn auch aufwändigen Trennprozess möglich. Hierfür seien noch weitere Optimierungen in den Rückbauverfahren und der Trenntechnologie erforderlich.

Die Veranstaltung endete mit einem klaren Bekenntnis aller Beteiligten zu mehr Kreislaufwirtschaft innerhalb des Bausektors. Die verschiedenen Initiativen des Landes Berlins, nur noch wiederverwendbare und recycelbare Dämmstoffe einzusetzen, wurden allgemein begrüßt. Der Fachdialog soll der Anfang für weitere interessante Formate und Diskussionsrunden zum Thema Re-Use und Recycling von Dämmstoffen sein und im nächsten Jahr fortgesetzt werden. Weitere Informationen finden Sie auf der Website des VDPM.

zuletzt editiert am 28.10.2021