Am ersten Tag der 18. Pilztagung des Berufsverbandes Deutscher Baubiologen und des Bundesverbandes Schimmelpilzsanierung standen die gesundheitlichen Auswirkungen eines Schimmelpilzbefalls im Mittelpunkt. Mit 250 Teilnehmern war die am 1. und 2. Juli in Bonn abgehaltene Tagung wie schon in den Vorjahren wieder früh ausgebucht.
Prof. Dr. med. Gerhard A. Wiesmüller, Leiter der Infektions- und Umwelthygiene im Gesundheitsamt Köln, stellte zum Abschluss des Tages fest, dass bislang ein kausaler Zusammenhang zwischen einem Schimmelpilzbefall in Innenräumen, der messtechnisch nachgewiesen wurde, und einer individuellen Erkrankung noch nicht für einen der vier infrage stehenden Auswirkungen nachgewiesen werden konnte. Dabei bestritt Wiesmüller keineswegs, dass ein Schimmelpilzbefall sich in vielen Fällen negativ auf die Gesundheit auswirkt. Er machte nur deutlich, dass die kausale Wirkungskette zwischen einem konkreten Schimmelpilzbefall mit einem Gemisch aus verschiedenen Schimmelpilzarten und mit ihm einhergehenden Milben- und bakteriellen Belastungen noch nicht entschlüsselt ist. Zu komplex mutet hier die Interaktion zwischen dem „Schimmelpilzcocktail“ und den möglichen Körperreaktionen an.
Dennoch bleibt unbestritten, dass Schimmelpilzbefall Infektionen, Sensibilisierungen und Allergien, toxische Wirkungen sowie Geruchswirkungen und Befindlichkeitsstörungen auslösen kann. Diese sind abhängig von der gesundheitlichen Anfälligkeit der Innenraumnutzer für Schimmelpilzexpositionen. Es sei Aufgabe des Mediziners hier eine dispositionsbasierte Risikobewertung vorzunehmen, betonte Wiesmüller.
Bakterien können für gesundheitliche Beschwerden verantwortlich sein

Die vorhergehenden Referenten hatten aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive den aktuellen Kenntnisstand zwischen mit einem Schimmelpilzbefall einhergehenden Belastungen und möglichen gesundheitlichen Auswirkungen aufgezeigt. Im Fokus standen dabei das toxische Potenzial von Actinobakterien beziehungsweise Actionmyceten, der Zusammenhang zwischen Gelenkschmerzen und bakteriellen Toxinen sowie der Nachweis und die Auswirkungen von Mykotoxinen.
So berichtete Prof. Dr. Dr.-Ing. Peter Kämpfer vom Institut für Angewandte Mikrobiologie der Universität Gießen über neuere Studien, die belegen, dass die in Innenräumen mit Feuchteschäden verbundene Gesundheitsgefahr auch eine mögliche Gefährdung durch Bakterien beinhaltet. In verschiedenen Experimenten konnte gezeigt werden, dass unterschiedliche Toxine aus Vertretern von Actionbakterien und Firmicutes, die aus Innenräumen isoliert wurden, Zellen und Gewebe schädigen können. „Es ist daher möglich, dass die bei Bewohnern verschiedener Gebäude mit Feuchteschäden beobachteten gesundheitlichen Beschwerden teilweise auch auf die Exposition mit den mit einem Schimmelpilzbefall verbundenen Bakterien zurückzuführen sind“, fasste Kempfer den derzeitigen Kenntnisstand vorsichtig zusammen.
Wie bakterielle Endotoxine Arthritis auslösen

In einer Kooperation zwischen Praxis und Grundlagenforschung konnte jetzt der Zusammenhang zwischen einer mit Schimmelpilzbefall auftretenden Arthritis und bakteriellen Toxinen nachgewiesen werden. Darüber berichteten Dr. Wolfgang Lorenz und Univ. Professor Dr. Mehdi Shakibaei.
In Laborversuchen wurden Knorpelzellen mit Extrakten aus befallenen Baumaterialien traktiert, was zu einer immensen Schädigung der Knorpelzellen führte. Reduzierte man in diesen Proben die Endotoxine beziehungsweise Lipopolysaccharide (LPS) wurde die Knorpelschädigung schwächer bis sie schließlich mit zunehmender Reduktion ganz aufhörte.
Ursache für diese Knorpelschädigung ist eine Procollagen-Endotoxin-Komplexbildung, die zu einer Entzündungskaskade mit Knorpelabbau führt. Ursache ist offenbar, dass die Enden von Prokollagen-Molekülen eine ähnliche Struktur aufweisen wie Toll-like-Rezeptoren, die für das Auslösen von Immunreaktionen verantwortlich sind. Die Endotoxine können daher an das Prokollagen andocken und den schädigenden Komplex bilden.
Nach gesundheitlichen Beschwerden Mykotoxine nachgewiesen

In circa einem Fünftel der Fälle von Schimmelpilzschäden werden auch Mykotoxine gebildet, die toxische, neurologische und irritative Belastungen sowie Immunmodulationen auslösen können. Der Wirkungsmechanismus ist allerdings noch aufgeklärt. Darauf wies Dr. rer. Nat. Carmen Kroczek von der anbus analytik GmbH hin.
Sie stellte drei Fallbeispiele vor, in denen Feuchte- oder Wasserschäden zu gravierenden gesundheitlichen Beschwerden wie Gelenkschmerzen, Augenbrennen, Konzentrationsstörungen, Schleimhautreizungen, Schwindel und so weiter bei den Raumnutzern führten. In allen Fällen konnten bei den mikrobiologischen Untersuchungen Mykotoxine nachgewiesen werden.
Kroczek forderte daher abschließend, die Diskussion über Mykotoxine in der Fachwelt erneut anzustoßen, im Praxisalltag anwendbare Methoden zum Nachweis relevanter Mykotoxine zu entwickeln sowie Hintergrundwerte für Mykotoxine in Umweltproben wie Staub und Raumluft zu erarbeiten.
Mehr von der Pilztagung steht in der kommenden B+B
In der kommenden Ausgabe von B+B BAUEN IM BESTAND finden Sie einen weiteren Bericht zur Pilztagung. Darin stehen die Schimmelpilzsanierung und Messstrategien im Mittelpunkt.
Michael Henke