Eine Gruppe von Menschen restauriert gemeinsam ein altes Fenster.
An der Hochschule Coburg beschäftigen sich Studierende bereits jetzt mit traditionellen Methoden und Materialien. (Quelle: Prof. Markus Schlempp / Hochschule Coburg)

Bauwerkserhaltung 2026-04-30T07:22:00Z Mit Uropas Wissen und aktueller Forschung

Die Hochschule Coburg, die Universität Bamberg und die Handwerkskammer für Oberfranken haben eine Kooperation vereinbart: Der neue Studiengang „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“ vereint historische und moderne Methoden für den Erhalt und die Sanierung bestehender Gebäude. Zusätzlich zum Bachelor erwerben die Studierenden vor oder während des Studiums einen Gesellenbrief im Handwerk.

In jedem Jugendstilhaus war das Treppenhaus früher wunderschön mit vielfarbigen Ornamenten und Bildern ausgemalt. „Nach dem Zweiten Weltkrieg musste schnell und günstig renoviert werden“, erklärt Jens Beland. „Damals hieß das: Raufaser drauf und fertig.“ Nicht nur die Bemalungen gingen verloren, sondern auch das Wissen darüber. „Aber mein Uropa hat alles aufgeschrieben. Zum Beispiel, wie die traditionellen Farben angemischt werden.“ Beland, Kirchenmaler und Coburger Kreishandwerksmeister, hat in Coburger Fluren schon einige Jugendstil-Malereien rekonstruiert. An diesem Vormittag steht er aber nicht in einem Altbau, sondern in einem lichtdurchfluteten Raum der Hochschule Coburg mit Blick über die Stadt. Es geht um ein Projekt, das über einzelne Restaurierungen hinausweist. 

Forschung und Praxis, Bachelor und Gesellenbrief 

Vertreter der Hochschule Coburg, Universität Bamberg und Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken unterzeichnen die Kooperationsvereinbarung zum neuen Bachelorstudiengang „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“: Er startet im Wintersemester und verbindet handwerkliche Ausbildung mit wissenschaftlichem Studium in Coburg und Bamberg. Vorbild sind historische Dombauhütten, in denen Planung, Ausführung und unterschiedliche Gewerke eng zusammenarbeiteten. Wissen über traditionelle Techniken soll gesichert und auf aktuelle Anforderungen wie nachhaltiges Bauen und den wachsenden Umbau im Bestand übertragen werden. 

Zusammenarbeit wird ausgebaut 

Ein Gruppenfoto von drei Männern in Anzügen, die jeweils eine Mappe halten.
Von links: HWK-Präsident Matthias Graßmann, Prof. Dr. Stefan Gast, Präsident der Hochschule Coburg und der Bamberger Universitätspräsident Prof. Dr. Kai Fischbach nach der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung. (Quelle: Natalie Schalk / Hochschule Coburg)

Für die Hochschule Coburg ist das Projekt eine konsequente Weiterentwicklung bestehender Strukturen. „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Kooperationen gemacht“, sagt Hochschulpräsident Prof. Dr. Stefan Gast. Seit zehn Jahren wird gemeinsam mit der Universität Bamberg beispielsweise der Masterstudiengang „Digitale Denkmaltechnologien“ angeboten. Der neue Studiengang „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“ ergänzt an der Fakultät Design + Bauen der Hochschule Coburg außerdem Studiengänge wie Architektur und Bauingenieurwesen und erweitert das Spektrum dank einer neuen Stiftungsprofessur um Themen wie barrierefreies Bauen. „An der Schnittstelle zwischen Handwerk und akademischer Welt entsteht hier eine spannende, zukunftsträchtige Ausbildung.“ 

Auch die Universität Bamberg bringt ihre wissenschaftliche Expertise gezielt in die Kooperation ein – insbesondere über das Kompetenzzentrum für Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien (KDWT). Der neue Studiengang verbinde Forschung, Lehre und Praxis in besonderer Weise, so Universitätspräsident Prof. Dr. Kai Fischbach: „Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse fließen direkt in die Ausbildung ein und werden anwendbar, zugleich erhält die Forschung wichtige Impulse aus der Praxis. Dieser enge Austausch schafft eine fundierte, praxisnahe Lehre und trägt zum Erhalt kultureller Bausubstanz bei.“ 

Fachkräftemangel im Handwerk: Bedarf an Spezialwissen wächst 

Eine Werkstatt mit zwei Handwerkern, die an einem Tisch arbeiten, umgeben von Werkzeugen und Materialien.
Mit dem Studiengang „Bauerhalt und traditionelle Werktechniken“ wollen die Beteiligten dem Fachkräftemangel entgegenwirken und das notwendige Spezialwissen im Umgang mit historischer Bausubstanz vermitteln. (Quelle: Prof. Markus Schlempp / Hochschule Coburg)

Die Handwerkskammer für Oberfranken erhofft sich Antworten auf strukturelle Veränderungen im Berufsfeld. „Für uns gab ein Gespräch mit dem Staatlichen Bauamt Bamberg vor einigen Jahren den Anstoß“, erinnert sich HWK-Präsident Matthias Graßmann. Schon damals fehlte für anspruchsvolle Arbeiten – etwa am Bamberger Dom – geeignetes Personal. „Überall sind Fachkräfte gefragt, die praktische Fähigkeiten mit betriebswirtschaftlichem und planerischem Wissen verbinden. Weil die Babyboomer in Rente gehen, verlieren wir sehr viel Know-how. Der profunde Erfahrungsschatz der älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist von heute auf morgen weg.“ 

Trotz voller Auftragsbücher finden viele Betriebe keine Nachfolge. „Der Bachelorabschluss ist auch eine Unternehmerausbildung für Menschen, die eine Betriebsübernahme planen“, sagt HWK-Hauptgeschäftsführer Reinhard Bauer. In Kombination mit dem Gesellenbrief eröffne er neue Wege, einen Betrieb zu gründen oder zu übernehmen. Auch die Aufgaben im Bausektor verändern sich: Ressourcenknappheit, Klimaschutz und steigende Baukosten machen Sanierung und Umbau immer wichtiger, erklärt HWK-Geschäftsführer Rainer Beck. Damit wächst der Bedarf an Spezialwissen im Umgang mit historischer Bausubstanz. Mit dem neuen Studiengang soll traditionelles Wissen wie das von Jens Belands Uropa über das Anmischen von Farben bewahrt und für die Zukunft weiterentwickelt werden. Einschreibungen für das Wintersemester sind ab Anfang Mai möglich. Weitere Informationen auf der Website der Hochschule Coburg und der Website der Universität Bamberg >>>

zuletzt editiert am 30. April 2026