Abb. 1: Studierende der TU Berlin und junge Handwerker versuchen dem 400 Seelen-Dorf Sundhausen in Thüringen neues Leben einzuhauchen. Zur Stärkung der dortigen Infrastruktur, soll der ehemalige Supermarkt „Konsum“ zu einem Dorfmittelpunkt umgebaut werden. (Quelle: Sto/Christoph Große)
Abb. 1: Studierende der TU Berlin und junge Handwerker versuchen dem 400 Seelen-Dorf Sundhausen in Thüringen neues Leben einzuhauchen. Zur Stärkung der dortigen Infrastruktur, soll der ehemalige Supermarkt „Konsum“ zu einem Dorfmittelpunkt umgebaut werden. (Quelle: Sto/Christoph Große)

Bauwerkserhaltung

17. March 2022 | Teilen auf:

Leergut – Voll gut!

Thema des Monats März: So kann Bauen im Bestand auch aussehen – Rund 20 Studierende der TU Berlin und junge Handwerker der Ferdinand-Braun-Schule in Fulda versuchen dem 400 Seelen-Dorf Sundhausen in Thüringen neues Leben einzuhauchen. Zur Stärkung der dortigen Infrastruktur, soll der seit Jahren leerstehende ehemalige Supermarkt „Konsum“ zu einem Dorfmittelpunkt umgebaut werden (Abb. 1). Unterstützt wird das Projekt von der Sto-Stiftung, die damit zum ersten Mal die beiden Stiftungszweige Architektur und Handwerk zusammenführt.

Seit Jahren engagieren sich bereits die Stiftung Landleben und der Verein Landengel e.V. in der Thüringer Dorfregion Seltenrain, zu der auch Sundhausen gehört, für die Planung und Umsetzung eines neuen Versorgungsnetzwerks. Damit soll soziale Isolation vermieden und gleichzeitig Pflege und Altenhilfe in der ländlichen Region gestärkt werden. Keine sozialromantische Spinnerei, sondern inzwischen ein reales Projekt der Internationalen Bauausstellung Thüringen (IBA).

Nachhaltige Baukultur made in Thüringen

Und so soll es funktionieren: In den sechs Seltenrain-Dörfern sollen kleine Gesundheitskioske entstehen, in denen die sogenannte Dorfkümmerin ihre Sprechstunden hält und wo Räume für Begegnungen sind. Mit allen Angeboten, die der Alltag braucht, von Arztpraxen bis hin zur Tagespflege und Friseur. Auch eine tageweise Nutzung von Räumlichkeiten ist möglich. In Sundhausen wird dafür der leerstehende Konsum in der Dorfmitte wiederbelebt und mit einer Vielzahl an Nutzungen bespielt.

Abb. 2: Konzeptentscheidend ist die Nutzung des Gebäudebestands. Auch wenn das in Sundhausen heißt, dass das Projekt zeitlich begrenzt ist: Die Gebäudesubstanz aus früheren DDR-Zeiten bietet lediglich eine mittelfristige Perspektive von maximal zehn Jahren. (Quelle: IBA/Thomas Müller)

Konzeptentscheidend ist die Nutzung des Gebäudebestands. Auch wenn das in Sundhausen heißt, dass das Projekt zeitlich begrenzt ist: Die Gebäudesubstanz aus früheren DDR-Zeiten bietet lediglich eine mittelfristige Perspektive von maximal zehn Jahren (Abb. 2). Diese Übergangsphase wird jedoch bewusst als Experiment für weitere Modellvorhaben genutzt.

Die ganzheitliche Idee dahinter ist, dass die nachhaltige Organisation von Vorsorge nicht nur dem Dorf dient, sondern die Region mit einbezieht. Die Region Seltenrain wird damit zum Modell auf dem Land und zeigt, dass Lebensqualität auch abseits der Stadt möglich ist.

Konsum und Re-Use müssen sich nicht ausschließen

Vermutlich würden einige, nach der Analyse von Bauqualität und thermischer Substanz des ehemaligen Supermarkts in Sundhausen, das Gebäude dem Erdboden gleichmachen. Genau dafür haben sich die Akteure aber nicht entschieden, und stattdessen aus ganz unterschiedlichen Gründen beschlossen, das Gebäude stehenzulassen. Ziel ist es, es im Inneren energiesparend beheiz- und bewohnbar zu machen. Im verlinkten Video stellen die Beteiligten das Projekt vor.

Es soll mit geringsten Mitteln sowohl architektonisch als auch was zeitgemäße Standards der Bewohnbarkeit angeht, instandgesetzt werden – eine Herausforderung. Gleichzeitig ist die „Sanierung“ damit zukunftsweisend, weil kein Bauschutt entsteht und das Prinzip „Re-Use“ Anwendung findet. Und weil mit dem zentral gelegenen Gebäude sowohl ein Identifikationspunkt erhalten bleibt als auch ein Aufbruch signalisiert wird. Diese „Sanierung“ hat mehr Aspekte, als es vordergründig vielleicht den Anschein hat.

Entwerfen und Bauen aus einer Hand

Abb. 3: Studierende der TU Berlin: Hintere Reihe (v. l.) Sophia Albrecht, Julia Daniel, Charlotte Dahmen, David Bornscheuer, Anett Eberhardt (wiss. Mitarbeiterin), Samuel Kleinschmidt, Nadine Kopetzki, Danah Thön, Carolina Richter und vorne (v. l.) Sinje Grajewski, Hannah Steinborn, César Trujillo Moya (wiss. Mitarbeiter) und Manuel Suarez da Silva. (Quelle: Sto/Christoph Große)
Abb. 4: Auch die Fassade des Konsums soll verschönert werden. Für etwas Identitätsstiftendes sorgen später die großen dezent farbigen Buchstaben auf dem ehemaligen Supermarkt, die den Namen des Ortes plakativ abbilden – Sundhausen. (Quelle: Sto/Christoph Große)

Für die Umsetzung des Projekts gestalten unter fachlicher Leitung rund 20 Studierende der TU Berlin (Abb. 3) und junge Handwerker (Abb. 4) der Ferdinand-Braun-Schule in Fulda den ehemaligen Konsum zeitlich begrenzt in eine Bauhütte um. Im Rahmen des DesignBuild-Projekts werden die Studierenden nicht nur am Entwurfsprozess beteiligt, sondern lernen auch, die eigenen Ideen praktisch umzusetzen: Entwerfen und Bauen aus einer Hand! (Abb. 5). Die Grundlage dafür bieten die Ergebnisse aus zwei vorangegangenen Bauhütten.

Abb. 5: Im Rahmen des DesignBuild-Projekts werden die Studierenden nicht nur am Entwurfsprozess beteiligt, sondern lernen auch, die eigenen Ideen praktisch umzusetzen: Entwerfen und Bauen aus einer Hand! (Quelle: Sto/Christoph Große)

Im Rahmen dieses „Bau-Labors“ entwickeln die Studierenden und Junghandwerker prototypische Holz(Ein-)Bauten – das (Holz-)Haus im Haus (Abb. 6). Gebaut aus Holzsandwichelementen, die doppelschalig angelegt, teilweise mit Holzwolle oder mit Mineralfaser gefüllt sind.

Abb. 6: Im Rahmen dieses „Bau-Labors“ entwickeln die Studierenden und Junghandwerker prototypische Holz(Ein-)Bauten – das (Holz-)Haus im Haus. (Quelle: IBA/Thomas Müller)

Die verschiebbaren Wandelemente bieten einen flexiblen Grundriss und damit eine flexible Nutzung der Räume. Ein durchgehender Tisch längs durch den ganzen Gebäuderiegel stellt eine raumübergreifende Verbindung zwischen allem her. Möglich macht das der teilweise Abriss der vorhandenen Wände (Video_Sundhausen_Stud).

Der zentrale Raum des Gebäudes spielt dabei eine entscheidende Rolle. Er kann für Veranstaltungen, aber auch für Seminare sowie für Feiern oder Kindergeburtstage genutzt werden. Die Dorfkümmerin wird dabei ebenso ein eigenes Büro bekommen wie der Bürgermeister, der seinen Amtssitz hierher verlegt. Darüber hinaus wird an das Gebäude ein komfortables Bus-Wartehäuschen gebaut und die regionale Busverbindung an diesen zentralen Ort „umgeleitet“.

Aber nicht nur innen auch außen passiert etwas. Eine besondere Bedeutung für die Vernetzung und Begegnung haben auch die Freiflächen des Landzentrums. Sie sollen für alltägliche Aktivitäten und die Nutzung der Dorfgemeinschaft geplant werden. Für etwas Identitätsstiftendes sorgen die großen dezent farbigen Buchstaben auf dem ehemaligen Supermarkt, die den Namen des Ortes plakativ abbilden – Sundhausen.

Wie Zukunft auf dem Land aussehen kann

Abb. 7: Gemeinsam wurde geprüft, inwieweit Räume gemeinsam oder zeitlich versetzt genutzt werden können, um das Raumprogramm optimal zu strukturieren. (Quelle: IBA/Thomas Müller)

Gemeinsam wurde geprüft, inwieweit Räume gemeinsam oder zeitlich versetzt genutzt werden können, um das Raumprogramm optimal zu strukturieren (Abb. 7). Es geht um die Entwicklung neuer öffentlicher Räume für den ländlichen Raum. Räume, die zu mehr Teilhabe im Dorf anregen – Orte der Begegnung und des Austauschs. Das neue Dienstleistungsangebot soll das Leben der Dorfgemeinschaft erleichtern, ein Ort sein, der Austausch ermöglicht und Raum für informelle Kommunikation bietet.

Alle Baubeteiligten wurden frühzeitig in die Planungen eingebunden und es wird interdisziplinär und gewerkeübergreifend gearbeitet. Das Wieder-in-Gebrauch-Nehmen der sehr einfachen vorhandenen Gebäudesubstanz steht dabei im Mittelpunkt. Das ganzheitliche Konzept und die Nachhaltigkeit stehen damit in einem schönen Kontrast zum „Konsum“ und bieten einen Ausblick, wie Zukunft auf dem Land aussehen könnte.

Drei Fragen an den projektbegleitenden Dozenten der TU Berlin, Prof. Dipl.-Ing. Ralf Pasel

Der projektbegleitende Dozent der TU Berlin, Prof. Ralf Pasel (Quelle: IBA/Thomas Müller)

B+B: Interessante Projekte für Studienarbeiten gibt es deutschlandweit. Warum haben Sie das DesignBuild-Projekt in Sundhausen für Ihre Studierenden ausgesucht?

Prof. Ralf Pasel: „DesignBuild“ beschreibt einen Prozess, bei dem die Planung und Realisierung eines Bauwerks von der ersten Idee an in einer Hand liegt. In der Architektur ist dieser Prozess inzwischen eine alternative Forschungs-, Lern- und Lehrform, die gesellschaftliches Engagement mit praktischem Lernen verbindet. Damit werden die Studierenden möglichst früh an die soziale Verantwortung herangeführt, die sie später auch als Planer haben. Das Erlernte geht also über den „normalen Entwurfsprozess“ hinaus – und das war es, was wir unseren Studierenden vermitteln wollten.

B+B: Was sind die besonderen Herausforderungen, denen sich die Studierenden bei diesem Entwurf stellen mussten? Mit welchen Zielen sind Sie hier angetreten?

Prof. Ralf Pasel: Der experimentelle Charakter des Vorhabens dient der Entwicklung von prototypischen (Ein-)Bauten einerseits und der Entwicklung neuer kollaborativer Prozesse andererseits, denen durch den Bauhütten-Prozess eine Modellrolle zukommt. Dabei werden die Studierenden nicht nur am Entwurfsprozess beteiligt, sondern lernen auch, die eigenen Ideen praktisch umzusetzen: Entwerfen und Bauen aus einer Hand – quasi als Blick über den Tellerrand hinaus!

Ziel des Bauhütten-Prozesses ist es, alle am Bau beteiligten Akteure frühzeitig durch Runde-Tisch-Gespräche und Workshops einzubinden, und die Bauhütte als ein Format des Austauschs und Diskurs zu begreifen, in dem interdisziplinär und gewerkeübergreifend agiert werden kann – das alles unter einen Hut zu bringen, war teilweise nicht ganz einfach. Übergeordnet steht hier der Gedanke im Mittelpunkt, Architektur und Handwerk durch die Arbeit an einem gemeinsamen Projekt stärker zusammenzuführen. Letztendlich haben doch Architekten und Handwerker ein gemeinsames Ziel – ein durchdachtes, funktionierendes sowie nutzbares Gebäude zu erstellen.

B+B: Was haben Sie bei der Bearbeitung des Projekts gelernt?

Prof. Ralf Pasel: Dem Gedanken eines Bau-Laboratoriums folgend rückt die Bauhütte in Sundhausen die Verbindung von Gestalt und Konstruktion ins Zentrum der Architektur. Das kann sowohl gestalterisch als auch baukonstruktiv wegwesend werden und das ländliche Bauen als Zukunftsfeld begreifbar machen, um neue Perspektiven im Stadt-Land-Kontext zu eröffnen.

In der Zusammenführung von Architekturstudierenden und jungen Fachkräften des Bauhandwerks sollte über die konkrete Zusammenarbeit am Bau ein besseres Verständnis der Bauaufgabe, Wissen und Austausch gefördert werden – und das haben wir erfolgreich umgesetzt. Ich denke alle Projektebeteiligten haben daraus neue Erkenntnisse für die tägliche Arbeit ziehen können.

Andrea Papkalla-Geisweid

zuletzt editiert am 17.03.2022