Volksschwimmhalle nach Sanierung mit modernen Trennelementen im Außenbereich.
Die Südseite der Volksschwimmhalle nach der Sanierung – die einzelnen Wohnungen sind gut zu erkennen. (Quelle: Jörn Lehmann)

Betoninstandsetzung 2024-09-19T08:38:44.543Z Lang lebe der Beton!

Zum ersten Mal wurde in diesem Jahr der „Klaus-Dyckerhoff-Preis für Architektur – Lang lebe der Beton!“ vergeben, der die kluge und ästhetisch wie funktional anspruchsvolle Um- und Weiternutzung bestehender Betonbauten honoriert. Die Auszeichnung erhielt die ehemalige Volksschwimmhalle Lankow in Schwerin für die Transformation zu Wohnungen. Ein kleiner Teil des Bades wurde für Reha-Sport und Kinder-Schwimmkurse erhalten.

Mit dem Preis sollen Baubeteiligte gewürdigt werden, die sich um die Revitalisierung, Um- oder Neunutzung von bestehenden Beton-Gebäuden verdient machen und auf diese Weise den Lebenszyklus dieser Gebäude verlängern und ihre Ökobilanz verbessern. Das Votum für die Sanierung und Umnutzung des ehemaligen Schwimmbads aus der DDR-Zeit durch den Architekten Ulrich Bunnemann vom Büro Schelfbauhütte fiel in diesem Jahr einstimmig aus. Insbesondere lobte die Jury die „außergewöhnliche Qualität und Stimmigkeit des Gesamtkonzeptes, den originellen typologischen Wandel des Gebäudes sowie die konsequent auf Nachhaltigkeit bedachte Bauweise“.

Bauarbeiter in Schutzanzügen arbeiten auf einem Dach eines Gebäudes mit Wellenstruktur, während ein gelber Bagger davor steht.
Vor dem Abriss gerettet: Die Halle vor der Sanierung (Quelle: Schelfbauhütte)

Die Volksschwimmhalle Lankow ist ein Typenbau aus dem Jahr 1976. Der „Typ B - Bitterfeld“ verfügte über ein 25-Meter-Schwimmbecken, ein Nichtschwimmerbecken und eine Sauna. Die Konstruktion bestand im Wesentlichen aus einem Stahlbetonskelett aus vorgefertigten Stützen und Riegeln. Die Dachkonstruktion setzte sich aus ebenfalls vorgefertigten, sogenannten hyperbolischen Paraboloidschalen (“HP-Schalen“), zusammen. Aneinandergereiht ergaben sie außen eine Wellenform, wobei die Konstruktion selbst von innen verdeckt war. Dieses 1951 vom von dem Hallenser Architekten Herbert Müller (1920-1995) entwickelte System war leicht und stabil, materialsparend und damit wirtschaftlich. Die Elemente konnten bei einer Schalendicke von nur 4,5 Zentimetern eine Spannweite von bis zu 24 Metern und 2 Metern Breite erreichen. In der ehemaligen DDR wurden solche Typenbauten in den 1960er- und 70er-Jahren vielfach errichtet – inzwischen ist die Halle in Lankow das einzige erhaltene HP-Schalendach in Mecklenburg-Vorpommern. 

Rettung in letzter Minute  

In Ermangelung eines Sanierungskonzepts des leerstehenden Hallenbades bereitete die Stadt Schwerin den Abriss des seit 2015 unter Denkmalschutz gestellten Gebäudes vor. Ulrich Bunnemann gelang es in letzter Minute, die Stadt zum Verkauf zu bewegen – und im Herbst 2017 konnten sechzehn neue Zwei- bis Dreizimmer-Wohnungen zu einem bezahlbaren Mietpreis bezogen werden. Einen kleinen Teil des großen Schwimmbeckens baute er für therapeutisches Schwimmen und Kinder-Schwimmkurse um und fügte Räume für eine Arztpraxis hinzu. Dieses Nutzungskonzept, insbesondere der teilweise Erhalt der ursprünglichen Funktion neben der Schaffung von Wohnraum, wurde von der Jury besonders hervorgehoben. 

Seriell mal zwei: Moderner Holzelementebau im DDR-Typenbau

Moderne, offene Küche mit grauen Schränken und einer hölzernen Decke, die in einen Wohnbereich mit einer Holztreppe führt.
Errichtet in vorgefertigter Holzbauweise: eine der neuen Maisonettewohnungen. (Quelle: Jörn Lehmann)

Entlang der beiden Längsfassaden bauten Bunnemann und sein Büro acht barrierefreie Etagen- und acht Maisonettewohnungen ein. Im inneren, niedrigeren Bereich der Halle wurde der größte Teil des Schwimmbeckens abgedeckt und zu Kellern umgenutzt. So entstand ebenerdig ein großzügiges Foyer als Treffpunkt und Begegnungsraum. Die oberen Etagenwohnungen sind über eine Holztreppe mit Galerie oder über eine Liftplattform zugänglich. Alle neu eingebauten Decken und Wände errichtete die Schelfbauhütte in vorgefertigter Holzbauweise. Die industriell abgebundene Holzkonstruktion musste auf der Baustelle nur noch zusammengesteckt werden. Somit entstand ein nachhaltiges Holz-Fertigteilsystem im Beton-Fertigteilgebäude. Die schnelle und günstige Fertigbauweise wurde somit an diesem Gebäude zweimal – einmal historisch und einmal zeitgenössisch – durchgespielt. 

So nachhaltig und ressourcenschonend wie möglich gingen die Bauschaffenden auch bei der Dämmung und Energiegewinnung vor. Die Außenwände erhielten eine Innendämmung aus Zellulose, die neuen Fenster sind dreifach verglast. Das Regenwasser, das sich auf der nach innen geneigten Dachfläche ansammelt, wird als Grauwasser genutzt, und die PV-Anlage auf dem Dach produziert einen großen Teil der benötigten Energie. Die Erwärmung des Schwimmbads und des Brauchwassers erfolgt über Fernwärme. 

Ein alter Startblock im Foyer

Ein Gebäude mit einem wellenförmigen Dach und einer gelben Fassade.
Die Schalen präsentieren sich an den Längsseiten als Wellenstruktur. (Quelle: Jörn Lehmann)

Die aneinandergereihten, doppelt und gegenläufig gekrümmten HP-Schalen, die man grob als Wannen oder gebogene Halbröhren bezeichnen könnte, hatten zusätzlich eine Aussteifung und Kassettierung, um noch mehr Material und Gewicht zu sparen. Diese zuvor nicht sichtbare Schalen-Konstruktion wurde nun freigelegt. Aufgrund dieser Inszenierung entfalten die Bauteile jetzt nicht nur ihre statische, sondern auch ihre ästhetische Wirkung. Betritt man das Foyer, ist auch hier auf den ersten Blick zu erkennen, dass die Menschen hier früher ihre Bahnen zogen, planschten und untertauchten: Ein alter Startblock und dem originalen Vorbild entsprechende Bodenfliesen erinnern noch an die alte Funktion. So behält das Gebäude auch seine Identität für viele, die das Bad noch aus ihrer Kindheit kennen.

Die gemischte Umnutzung und das nachwachsende, rückbaubare und wirtschaftliche Material der Einbauten lobte die Jury als „ein mustergültiges Konzept, das anderen Umnutzungsvorhaben zum Vorbild dienen sollte“. Weitere Informationen >>>

zuletzt editiert am 19. September 2024
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