Dass sich Tradition und förderungsfähiger U-Wert nicht ausschließen, beweist Dachdeckermeister Kai Roth bei einer Sanierung in Westerholz. Reetdeckung in Kombination mit einer Aufsparrendämmung – ein System, das der Innungs-Dachdecker selbst entwickelte.
Reethausbesitzer pflegen das Kulturgut Reetdach, doch auch sie haben heute den Wunsch nach mehr Wohnkomfort und besserer Energieeinsparung und müssen sich an die Vorgaben der Energieeinsparverordnung halten. Vor allem in Norddeutschland sieht man sie, die Reethäuser mit ihren großen Walmdächern und der dicken Weicheindeckung. Auch an der Flensburger Außenförde in Westerholz steht ein über 140 Jahre altes Reethaus mit einem 360 m² großen Krüppelwalmdach. Da Reet jedoch aufgrund der notwendigen Hinterlüftung nicht dämmt, muss auch hier nach den Vorschriften der EnEV energetisch saniert werden. Wie lässt sich eine förderfähige Sanierung mit einem U-Wert kleiner 0,14 W/m2K auf dem Reetdach erreichen?
Geht nicht? Geht doch! Energetische Sanierung mit Erfindergeist
Reetdächer sind eine Besonderheit, ihre Eindeckung beherrscht nur ein speziell geschulter Reetdachdecker – ein Handwerk, das großes fachliches Können erfordert. Kai Roth, Dachdeckermeister und Inhaber des gleichnamigen Satruper Innungsbetriebs mit acht Mitarbeitern, ist einer der begeisterten und fachlich versierten Reetdachdecker mit großen Ambitionen zu steten Verbesserungen auf den traditionellen Reetdächern. Seit rund sechs Jahren bietet er eine energetische Sanierung eigener Erfindung an, die einmalig ist: „Als ich nach intensiver Auseinandersetzung die Idee zur Sanierungslösung von Reetdächern hatte, habe ich mich an einen namhaften Dachsystem-Hersteller gewandt, um gemeinsam eine Lösung für eine kraftschlüssige Statik zu finden. Wir haben ein Dachsystem ausgetüftelt, das bestens funktioniert“, ist Dachdeckermeister Roth auf das Alleinstellungsmerkmal seines Betriebs stolz. Mit dem Haus in Westerholz hat er gemeinsam mit Bauder die siebte Reetdachsanierung erfolgreich abgeschlossen.
Individuelle Dämmmethoden je nach Bauteil
Als das Reetdach über dem bewohnten Dachgeschoss saniert werden musste, zog der energiebewusste Bauherr Dachdeckermeister Kai Roth zur Beratung hinzu. Nach der genauen Bestandsaufnahme beschlossen Bauherr und Dachdecker einen wirtschaftlichen wie hocheffizienten Aufbau der Wärmedämmung, um das Haus aus 1874 auf Niedrigenergiehausstandard zu bringen. Dafür kamen verschiedene Dämmmethoden für die unterschiedlichen Bedingungen zum Einsatz: Über dem bewohnten Dachgeschoss ist eine Aufsparrendämmung die beste Dämmmethode, bei der über die gesamte Dachfläche von außen eine geschlossene Haube aus Dämmelementen verlegt wird, die den Wohnraum und die Dachkonstruktion schützt. Die Sparrenhöhe wird allein nach statischen Erfordernissen bemessen, Wärmebrücken durch Sparren und Zwischenwände werden vermieden. Alle Bauteile liegen im trockenen, warmen und temperaturneutralen Bereich. Damit ist die gesamte Dachkonstruktion optimal gegen Feuchtigkeit geschützt. „Mit einer Zwischensparrendämmung wäre die Verlegung der Dämmung ein riesengroßer Aufwand mit sehr geringem Ergebnis gewesen. Wir hätten die Sparren unverhältnismäßig stark aufdoppeln und endlos viel Mineralwolle einbringenmüssen“, so DDM Roth. „Bei Reet ist das noch schwieriger, da viele zusätzliche und dicke Sparren für passende Gefachgrößen eingebaut werden müssten. Auch die Aufsparrendämmung erfordert eine spezielle Vorgehensweise beim Reetdach, doch bringt sie auch hier ein hervorragendes Ergebnis.“ Für die oberhalb der Kehlbalkenlage des unbewohnten Spitzbodens liegende, immerhin noch 3,50 m hohe Dachfläche genügte eine diffusionsoffene Unterspannbahn unterhalb der Hinterlüftungszone. Damit das Dachgeschoss dennoch rundum optimal gedämmt ist, wählte der Dachexperte die Dämmung der obersten Geschossdecke als die wirtschaftlichste Lösung.
Rückbau und Optimierung
Mitte August konnte mit den Arbeiten begonnen werden. Drei bis fünf Mitarbeiter deckten stückweise das Dach ab, immer genau so viel, wie sie aufgrund der Wetterlage oder bis zum Feierabend auch wieder sicher schließen konnten. Jetzt zeigte sich das Problem der traditionellen Dachkonstruktion unter Reet mit ihren unterschiedlichen Sparrenabständen zwischen 108 und 220 cm. Sie entstanden dadurch, dass früher schlanke oder halbierte über das Dach gelegte Bäume für die Befestigung der Weicheindeckung benutzt wurden. Wo benötigt, bauten die Dachdecker Mittelsparren ein, um den Wärmedämmplatten Auflagefläche zu bieten. Um für eine langlebige Reeteindeckung eine möglichst durchgängige Dachfläche zu schaffen, wurden die kleinen Gauben im Spitzgiebelbereich entfernt. So kann das Niederschlagswasser schneller abfließen und die Dämmung lässt sich besser verlegen. Die große Flachdachgaube wurde neu eingebunden, Dach und Wand eingedämmt. Auf dem Satteldach des rückseitigen Eingangs wurden defekte Schieferplatten ausgetauscht und die Übergänge zu den Hauptdachflächen erneuert.
Autor: Ekkehard Fritz
Dieser Beitrag ist Teil eines Artikels aus DDH Das Dachdecker-Handwerk, Ausgabe 13-2015

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