Prof. Dipl.-Ing. Matthias Zöller begrüßte die Teilnehmer wieder im Eurogress in Aachen. (Quelle: AIBau)
Prof. Dipl.-Ing. Matthias Zöller begrüßte die Teilnehmer wieder im Eurogress in Aachen. (Quelle: AIBau)

Bauwerkserhaltung

05. May 2022 | Teilen auf:

Klimawandel und Ressourcenknappheit: Wie sollen wir zukünftig bauen?

Anders als in den vergangenen zwei Jahren fanden in diesem Jahr die 48. Aachener Bausachverständigentage am 25. und 26. April 2022 als hybride Veranstaltung statt – eine Veranstaltungs-Teilnahme in Präsenz war also wieder möglich. Die Veranstaltung umfasste die gewohnten beiden Vortragstage, die diesmal jedoch um drei Onlinetage ergänzt wurden.

„Klimawandel und Ressourcenknappheit: Wie sollen wir zukünftig bauen?“ so lautete das Motto der Aachener Bausachverständigentage 2022, das sicherlich nicht nur den mittelfristigen Zielen und Problemen der Bauwirtschaft, sondern auch der aktuellen Lage mit den herrschenden Materiallieferengpässen geschuldet war.

Der Umgang mit Ressourcen als Herausforderung

Wie im vergangenen Jahr machte Dr. Mark Seibel, Vizepräsident des Landgerichts Siegen/Wenden thematisch den Anfang und versuchte die Frage zu beantworten, ob unsere Gesetzgebung dazu geeignet ist, ressourcenschonend mit Bauteilen umzugehen oder dieses sogar ausschließt. Er merkte an, dass die Wieder- und Weiterverwendung von vorhandenen Bauprodukten das eine, der Rechtsanspruch aus dem Werksvertragsrecht allerdings etwas anderes sei. Das Zivilrecht lasse dem Besteller die Wahlmöglichkeit, gegebenenfalls Mängel entweder vom Auftragnehmer beseitigen zu lassen, Schadensersatz oder eine Minderung in Höhe des Minderwerts der Werkleistung zu verlangen.

Die Nacherfüllung, also die Maßnahmen zur Herstellung eines vertragsgerechten Werks, könne gegebenenfalls auch Abbruch und Neuerstellung bedeuten. Nach § 635 BGB werde dies nur eingeschränkt, wenn die Nacherfüllung mit (in Bezug zum zusätzlichen Wert des Werks) unverhältnismäßig hohen Kosten möglich sei. Dieses Recht werde aber für gewöhnlich restriktiv ausgelegt, der Nacherfüllung oder dem Ersatz von Kosten für Austausch werde große Bedeutung beigemessen.

Diese Regelung bedeute für den individuellen Besteller und damit auch Verbraucher einen guten Schutz. Sie könne aber dem gemeinschaftlichen Verbraucherschutz diametral entgegenstehen, da bei Abbruch und Ersatz gegen eine neue Leistung erneut Ressourcen verbraucht, erneut CO2 ausgestoßen und Müllberge erhöht würden, ohne dass es zuvor eine adäquate Nutzungsphase gegeben habe.

Der Schutz des individuellen Verbrauchers belaste dann die Gemeinschaft der Verbraucher. Damit widersprächen sich zwei staatliche Interessen. Das der rechtlichen Interessenwahrung von Bestellern und das des Schutzes der Lebensgrundlagen. Diese Interessen seien auszutarieren, wozu darüber nachgedacht werden solle, diese Dispositionsfreiheit von Bestellern bei Mängeln zugunsten der Weiternutzung von neu Errichtetem zumindest etwas einzuschränken.

Das beziehe sich nicht nur auf den Einwand der Unverhältnismäßigkeit im oben genannten Sinne, sondern auch darauf, dass gegebenenfalls eine Einschränkung der zu erwartenden Nutzungsdauer nicht zum sofortigen Austausch einer Bauleistung führen müsse. In solchen Fällen könnten durch Risikobetrachtungen nutzbare Bauteile erhalten werden, sodass anstelle von Abbruch und Neubau ein Wertausgleich im Sinne einer Mindernutzung des Werks, das aber noch nutzbar ist, zugestanden werden könne.

Er regte an, nicht nur über die historisch gewachsene Gesetzgebung nachzudenken, sondern auch über Bewertungssysteme. Bisherige Nachhaltigkeitsbetrachtungen beschränkten sich häufig auf die Nutzungsphase. Diese sollten aber stattdessen auf den gesamten Nutzungszyklus von Bauteilen und Bauprodukten, zu denen auch graue Energie zähle, erweitert werden.

Auch das Fallbeispiel zur Abdichtung und Monitoring in Feuchträumen von Dr. techn. Martin Teibinger aus Wien fiel in diese Reihe. Größere Leckstellen in haustechnischen Anlagen würden zwar meist schnell entdeckt, kleinere aber oft nicht sofort, oder erst dann, wenn es zu spät und es zu einem sehr viel größeren Instandsetzungsrahmen gekommen sei.

Die 48. Aachener Bausachverständigentage fanden diesmal als hybride Veranstaltung statt. (Quelle: Rudolf Müller Mediengruppe)

Anwendung von Technischen Regeln und Normen

Im Beitrag zu „Fußbodenheizungen: Überhitzungsgefahr, Dämmhülsen, Rohrschiebehülsen an Fugen“ stellte Dr. Ing. hab. Stefan Wirth die Frage, ob die gegenwärtigen Regelwerksangaben ausreichen, um Schäden zu vermeiden oder, ob nicht unnötige Dinge gefordert würden. Keramische Bekleidungen auf Wärmedämmverbundsystemen hätten beispielsweise eine dauerhaftere Oberfläche als Putze und vermittelten dadurch einen optisch hochwertigeren Eindruck. Doch diese würden Risiken bergen, die ebenfalls zu einem unnötigen, vorzeitigen Austausch führen könnten.

In einer Pro- und Contra-Diskussion ging es um das Thema Regelwerke und ihre Anwendung. Viele Bauschaffende glauben demnach, dass sie zumindest nichts falsch machen, wenn sie sich an Normen und Regelwerke halten. Aber werden Bauschaffende dadurch wirklich geschützt?

Problem sei dabei: Nicht die Regelverfasser haften für die Richtigkeit der jeweiligen Regelwerksfestsetzung, sondern die Anwender von Regelwerken, also Planer, Ausführende und Sachverständige. Somit können Anwender sich nach dieser Auffassung nicht vor Inanspruchnahme schützen, indem sie sich auf die Einhaltung von Regelwerken stützen.

Als Fazit aus der Diskussion könnte man ziehen, dass die Frage durchaus zulässig ist, ob es nicht ein Mindestmaß an Vertrauen in Regelwerke geben muss und dass die Regelwerksverfasser als „Berater von Amts wegen“ haften könnten. In solchen Fällen hilft die oft zitierte, aber kaum begründbare Vermutung, dass Regelwerke, die von ausgewählten Fachkreisen ausgearbeitet werden, bis zum Beweis des Gegenteils die „allgemeinen Regeln der Technik“ sind und nichts weiter.

In allen Vorträgen dieses Themenblocks ging es grundsätzlich darum, unnötige Baumaßnahmen mit dem damit verbundenen unnötigen Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß zu vermeiden. Neben diesen gemeinschaftlichen Interessen stehen im Übrigen auch betriebswirtschaftliche Vorteile: Denn die Weiternutzung von Materialien spart schließlich in vielen Fällen Kosten. Das wäre in gewissem Sinne eine Rückbesinnung: Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gab es die heute tief verankerte Wegwerfmentalität noch nicht, kaum jemand kam auf den Gedanken, etwas Nutzbares wegzuwerfen. Re-Use – wie man heute sagen würde – war der Standard.

Flutwasser und seine Folgen

Neben den Regelwerken nahm auch das Thema „Überflutungen und Flutwasserschäden“ einen großen Raum ein: Dr. rer nat. Thomas Warscheid und Dipl.-Ing. Stephan Repges beschäftigten sich beispielsweise mit Stark- und Katastrophenregen und dem daraus resultierenden Flutwasser mit seinen Folgen. „Umgang mit bzw. Vermeidung von Schimmel & Co. nach Überflutungen“ und „Kontaminiertes Flutwasser in Bauteilen: Weiternutzen statt Austauschen?“ lauteten die Titel ihrer Beiträge.

Bei den Fallbeispielen berichtete unteranderem Dr.-Ing. habil. Stefan Wirth über Fußbodenheizungen und Überhitzungsgefahren. Prof. Dr.-Ing. Andreas Holm fragte, ob bei grauer Energie die Gesamtbilanzierung von der Entstehung bis zur Entsorgung erfolgen muss. Danach erläuterte Dr.-Ing. Heribert Oberhaus die Risiken bei Riemchenbekleidungen.

Auch virtueller Austausch war möglich

Die Teilnehmer konnten während der Veranstaltung Fragen stellen, die in den Podiumsdiskussionen mit den Referenten behandelt wurden. Zusätzlich wurden zum persönlichen Austausch der Teilnehmer untereinander auch virtuelle Räume auf der AIBau-Tagungsseite geschaffen. Darüber hinaus konnten sich dort die Teilnehmer an Foyer-Tischen treffen, in den von den Referenten moderierten Themenräumen wurden die Beiträge des Tages diskutiert.

Über eine Messeseite konnten Ausstellungsräume besucht werden, in denen Verbände, Verlage oder Hersteller ihre Produkte, Literatur, Software oder Geräte vorstellten. Diese Tagungsfeatures stehen wie die Mediathek mit den Tagungsmitschnitten sowie der Messeseite bis Ende Juni 2022 online zur Verfügung. Weitere Informationen >>>

zuletzt editiert am 05.05.2022