Bei den „Ingenieurimpulsen“ diskutierten von links nach rechts: Moderator Ralph Erdenberger, Erick Wuestman (auf dem Bildschirm), Prof. Dr.-Ing. Karsten Voss, Prof. Dr.-Ing. Benjamin Krick und Dipl.-Ing. Dirk Mobers. Quelle: Ingenieurkammer-Bau NRW
Bei den „Ingenieurimpulsen“ diskutierten von links nach rechts: Moderator Ralph Erdenberger, Erick Wuestman (auf dem Bildschirm), Prof. Dr.-Ing. Karsten Voss, Prof. Dr.-Ing. Benjamin Krick und Dipl.-Ing. Dirk Mobers. Quelle: Ingenieurkammer-Bau NRW

Gebäude + Energie

16. September 2021 | Teilen auf:

Klimaschutz im Bausektor: Die Entscheidung fällt im Bestand

Bei der Diskussionsrunde „Ingenieurimpulse“ am 7. September in der „Alten Glaserei“ am Mirker Bahnhof in Wuppertal ging es um den Klimaschutz im Bausektor. Und unter den Experten, die der Einladung der EnergieAgentur.NRW und der Ingenieurkammer-Bau NRW (IK-Bau NRW) gefolgt waren, war eines unstrittig: Nur wenn es gelingt, den Bestand nachhaltig zu sanieren, wird die Bauwirtschaft ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Das Bauwesen verursacht rund 40 Prozent der deutschen C02-Emissionen, ist für 35 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich und produziert 60 Prozent des Abfalls. Doch ein nachhaltiger, klimaneutraler und ressourcenschonender Bausektor ist möglich: Längst haben Ingenieurinnen und Ingenieure entwickelt, was technisch zunächst notwendig ist. In vielen Neubauten lässt sich der Stand der Ingenieurtechnik bestaunen. Doch gleichzeitig gilt auch, dass sich im Bestand – und eben nicht beim Neubau – entscheidet, ob es der Bauwirtschaft gelingt, den notwendigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Darin waren sich alle Diskutanten einig.

Dipl.-Ing. Dirk Mobers, Leiter Themengebiet "Wärme/Gebäude" bei der EnergieAgentur.NRW, machte deutlich, dass im Bestand der Energieverbrauch am höchsten sei, kaum gedämmt werde und selten regenerative Energien zum Einsatz kämen. Gleichzeitig dürfe man das Thema nicht allein auf dem Rücken der Mieter austragen, so Mobers, und man müsse genau überlegen, in welcher Lebensphase man die Menschen für eine Sanierung gewinnen könne. Eine Sanierung sei für die Menschen eben fast immer unangenehm, ergänzte Prof. Dr.-Ing. Karsten Voss von der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen der Bergischen Universität Wuppertal. Man dürfe deshalb nicht auf den einzelnen Haushalt schauen, sondern müsse ganze Quartiere in den Blick nehmen. Wenn es hier gelänge, die Energieversorgung für viele Haushalte auf einen Schlag auf eine nachhaltige Grundlage zu stellen, habe dies einen weitaus größeren Effekt.

Prof. Dr.-Ing. Benjamin Krick, Mitglied der Geschäftsführung des Passivhaus Instituts/Darmstadt stellte in Frage, ob es für solche großen, flächendeckenden Lösungen genug erneuerbare Energie auf dem Markt gebe. Deswegen sei eine Sanierung des Bestands ohne eine gesetzliche Lösung, sprich eine Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG), nicht möglich. Mobers dagegen ist davon überzeugt, dass auch hier smarte, digitale Angebote ein Baustein zur Lösung des Problems sind. Dagegen bezweifelte Voss, ob jeder seinen Energieverbrauch über eine App steuern wolle. Viele Menschen erreiche man mit dieser Technik nicht. Es sei zielführender, die Themen Energie und Wärme zu professionalisieren und der Entscheidungsgewalt des Einzelnen zu entziehen. Auch Krick sieht in der Digitalisierung nicht den entscheidenden Faktor und argumentierte, die Strohdämmplatte funktioniere auch ohne Strom.

Soll die Nutzung von Solarenergie zur Pflicht gemacht werden?

Die Veranstaltung trug in diesem Jahr den Untertitel: solar.passiv.zirkulär und beschäftigte sich folgerichtig auch mit den Themen Solarenergie und Kreislaufwirtschaft. „Ist eine Solarpflicht nach dem Vorbild Baden-Württembergs ein Modell für den Rest der Republik?“, war eine der ersten Fragen, der sich die Diskutanten stellten. In Baden-Württemberg gilt eine solche Pflicht zunächst ab dem 1. Januar 2022 für Nicht-Wohngebäude und dann ab Mai 2022 auch für den Neubau von Wohngebäuden. Voss begrüßt die Regelung Solaranlagen bei Neubauten seien zu einem selbstverständlichen Bauteil geworden. Eine gesetzliche Maßnahme entfalte eine große Wirkung, und wenn es freiwillig nicht gehe, müsse der Gesetzgeber eben einschreiten. Mobers fügte hinzu, dass praktisch für jeden Haushalt eine wirtschaftliche Lösung. Eigentlich sollte eine gesetzliche Pflicht nur die letzte Möglichkeit sein, aber manchmal müsse man die Menschen zu ihrem Glück zwingen. Auch Krick sieht Solarpflicht und Energiemonitoring positiv. Allerdings sollte auf das Monitoring dann eben auch eine Optimierung des Verbrauchs folgen.

Doch Solar sei nicht gleich Solar. Während sich eine Photovoltaikanlage oft schon für den einzelnen Haushalt lohne, sei die Wirtschaftlichkeit von Solarthermie erst ab einer bestimmten Größe der Anlage gegeben, so Karsten Voss. Im Verbreitungsgrad beider Techniken spiegele sich dies jedoch nicht wider. Der Grund dafür sei die Bürokratie: Der Einbau einer Solarthermieanlage sei völlig unbürokratisch, hingegen werde jeder Einfamilienhausbesitzer mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach zum Kleinunternehmer mit allen damit verbundenen Konsequenzen.

Auch beim Recycling gibt es noch viel zu tun

Neben der Energieeffizienz und dem Einsatz regenerativer Energie gehört zur Nachhaltigkeit im Bausektor auch das Thema Recycling. Erick Wuestman, der aus den Niederlanden per Video zugeschaltet war und als Berater Kreislaufwirtschaft bei KplusV tätig ist, machte deutlich, wie wichtig es in allen Wirtschaftsbereichen vom Schuh bis zur Wohnsiedlung ist. Natürlich sei das Thema Kreislaufwirtschaft auch in Deutschland nicht völlig neu, jedoch gebe es viel Luft nach oben. Entscheidend für nachhaltiges Bauen sei der Dreiklang aus Effizienz – also der ergiebigsten Nutzung einer Ressource – Suffizienz, was auch persönlichen Verzicht und Einschränkungen einschließe, und Konsistenz, die Nutzung naturverträglicher und ressourcenschonender Technologien.

Dabei müsse man sich auch fragen, ob es Grenzen der Kreislaufwirtschaft gebe, insbesondere im Hinblick auf technische und energetische Anlagen. So erklärte Voss, dass es zwar problemlos möglich sei, eine Solarthermie-Anlage in ihre Einzelteile zu zerlegen – bei eine PV-Anlage sei dies aber schon deutlich komplizierter. Zwar gebe es Ansätze, jedoch sei ein Durchbruch erst dann zu erwarten, wenn es für das Recycling von PV-Anlagen auch einen Markt gebe. Gleiches gelte für viele Wärmedämmverbundsysteme. Auch hier gebe es schlicht noch keinen Markt für ein Recycling dieser Baustoffe, ergänzte Benjamin Krick.

Vor dem Hintergrund, dass der Bausektor hierzulande mehr als die Hälfte des Abfalls produziere, sei die Einführung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft zwingend, forderte Dirk Mobers. Wenn die Kosten für das Recycling eingepreist werden müssten, würden Hersteller und Anbieter endlich aktiv würden. Auch Benjamin Krick schlug vor mit finanziellen Anreizen die Menschen dazu zu bewegen, Baustoffe wiederzuverwenden. Dämme man das Dach eines Bestandshauses, würden oft auch die Dachziegel erneuert, obwohl die alten meist problemlos wiederverwendet werden könnten. Hier müssten die Förderbedingungen so angepasst werden, dass es nicht mehr wirtschaftlich sei, intakte Baustoffe zu entsorgen.

Was Ingenieurtechnik und nachhaltige Baukunst vermögen, konnten die Besucher der „Ingenieurimpulse“ anhand der ausgestellten Modelle zum „Solar Decathlon 21/22“ in Wuppertal bewundern. In Originalgröße wird man diese Bauten dann bei diesem internationalen Hochschulwettbewerb für nachhaltiges Bauen und Wohnen vom 10. bis 26. Juni 2022 in Wuppertal betrachten und begehen können. Projektleiter Dr. Dipl.-Kfm. Daniel Lorberg lud alle Teilnehmer der Impulse ein, spätestens im nächsten Sommer nach Wuppertal zurückzukehren. Weitere Informationen über die Veranstaltung gibt es hier, über die IK-Bau NRW erfahren Sie mehr auf der Website der Kammer.