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Ingenieurbüros arbeiten noch bestehende Aufträge ab

B+B sprach mit Dr.-Ing. Ralf Ruhnau, Präsident der Baukammer Berlin, über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Ingenieurbüros.

Dr.-Ing. Ralf Ruhnau
Dr.-Ing. Ralf Ruhnau, Präsident der Baukammer Berlin und ehemaliger geschäftsführender Gesellschafter von CRP Bauingenieure, hier bei einem Vortrag auf den Hanseatischen Sanierungstagen 2015 (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

B+B: Wie wirken sich die Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf die Arbeit in den Ingenieurbüros aus?
Ralf Ruhnau: Die meisten Ingenieurbüros haben noch relativ viel zu tun und können jetzt bestehende Aufträge aufarbeiten. Aber in zwei bis drei Wochen wird dieser Puffer bei vielen aufgebraucht sein und es kommen zurzeit kaum neue Aufträge herein. Denn private Auftraggeber warten jetzt ab und die öffentliche Hand nimmt ihre Bauherrenfunktion nicht mehr wahr.

B+B: Woran liegt das, die Behörden arbeiten doch weiter?
Ralf Ruhnau: Ich kann hier nur mutmaßen. Viele Behördenmitarbeiter sind jetzt im Homeoffice, aber die digitale Infrastruktur scheint nicht so gut zu sein, dass sie auf die benötigten Unterlagen voll zugreifen können. Das führt zum Beispiel dazu, dass Bauvorhaben stocken, weil notwendige Entscheidungen nicht getroffen oder Nachfragen nicht beantwortet werden. Dabei könnten auch die Behörden jetzt Arbeiten nachholen, zum Beispiel anstehende Bestandsaufnahmen von öffentlichen Gebäuden beauftragen.
Wir haben zusammen mit der Architektenkammer die zuständige Berliner Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Katrin Lompscher, mit einem offenen Brief auf diese Problemlage aufmerksam gemacht und einige Vorschläge unterbereitet, wie die Büros von der öffentlichen Hand unterstützt werden können. Zusammen mit anderen interessierten Akteuren wie der Bauwirtschaft und großen Wohnungsunternehmen hat es zu diesen Fragen am 3. April eine sehr konstruktive und sachliche Telefonkonferenz mit der Senatorin gegeben. Dabei zeigte sich, dass bei der Behörde das Problembewusstsein durchaus vorhanden ist und sie sich nach Kräften bemüht, die Baustellenfunktion aufrecht zu erhalten und Rechnungen zügig zu bezahlen. Zu Verzögerungen kommt es aufgrund von Homeoffice und Krankmeldungen eher in den Bezirken. Deshalb wurden hier zumindest Fristen verlängert, damit Fristverstreichungen sich nicht negativ auswirken. Es wurde vereinbart, diese Gespräche mit allen Beteiligten fortzusetzen.

B+B: Was passiert, wenn die jetzige Situation nach dem 20. April noch weiter andauern wird?
Ralf Ruhnau: Dann ist, wie gesagt, der Auftragspuffer aufgebraucht. Büros sind jetzt schon teilweise dabei Überstunden abzubauen oder auch Mitarbeiter in Urlaub zu schicken. Kurzarbeit wird vorbereitet. Um diese zu vermeiden, benötigen wir bald neue Auftragseingänge.

B+B: Gibt es von Auftraggebern den Wunsch, Zahlungsfristen zu verlängern?
Ralf Ruhnau: Die Zahlungsmoral bei unseren privaten Auftraggebern ist noch gut. Das ist gerade für kleine Büros wichtig, um die Liquidität zu erhalten. Und wir rufen auch die öffentliche Hand auf, ihre Rechnungen von erbrachten Planungsleistungen und abgenommenen Baumaßnahmen zu begleichen, auch wenn die Rechnungen vielleicht noch nicht bis ins letzte Detail geprüft sind.

B+B: Mussten Sie ihre Arbeitsabläufe im Büro und auf der Baustelle anpassen?
Ralf Ruhnau: Wo es geht und man nicht zum Beispiel Arbeitsmittel wie ein CAD-Gerät benötigt, arbeiten viele Mitarbeiter im Homeoffice. Auf der Baustelle werden Besprechungen mit vielen Beteiligten abgesagt, da in der Regel hierfür nur beengte Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Aber Baustellenbegehungen können weiter stattfinden, da hier der Abstand in der Regel problemlos eingehalten werden kann. Wenn es zum Beispiel einen Riss zu begutachten gibt, beugen sich jetzt eben nicht fünf Leute gleichzeitig darüber, sondern nacheinander und mit ausreichendem Abstand zueinander.

B+B: Laufen die Baustellen denn noch störungsfrei weiter?
Ralf Ruhnau: Viele ja. Es gibt aber vermehrt Baustellen, die stocken, weil Material nicht geliefert werden kann. Ich hatte zum Beispiel neulich einen Fall, bei dem die Fenster aus Italien fehlten. Ein weiterer Störfaktor sind Personalengpässe, weil etwa Mitarbeiter aus Polen nicht mehr einreisen dürfen beziehungsweise abgezogen werden.

B+B: Muss die Bauleitung derzeit auch überwachen, dass die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden?
Ralf Ruhnau: Das geschieht, überall sind Hinweise und Plakate hierzu aufgehängt und die Mitarbeiter werden entsprechend eingewiesen. Die Bauleiter sind aber darauf angewiesen, dass die Mitarbeiter sich selbst vernünftig verhalten.

B+B: Herr Ruhnau, vielen Dank für das Telefonat. Hoffen wir, dass das öffentliche und wirtschaftliche Leben bald wieder hochgefahren werden kann.
Ralf Ruhnau: Ich appelliere, alles dafür zu tun, die Planung und die Ausführung von Baumaßnahmen mit Augenmaß aufrecht zu erhalten und den Büros weiter Arbeit zu geben. Dazu gehört Wettbewerbe fortzuführen und nicht vorübergehend zu stoppen sowie die unbürokratische und schnelle Vergabe von öffentlichen Aufträgen nach vereinfachten Vergaberegeln, die allein die zur Auftragserfüllung notwendigen Aspekte berücksichtigen. Außerdem sollten die Schwellenwerte für freihändige Vergaben vorübergehend angehoben werden.

Michael Henke