Solche historischen Fenster wie hier in Wessling zu erhalten, war Ziel eines 2018 begonnenen Forschungsprojekts. Quelle: Fraunhofer IBP/Ralf Kilian
Solche historischen Fenster wie hier in Wessling zu erhalten, war Ziel eines 2018 begonnenen Forschungsprojekts. Quelle: Fraunhofer IBP/Ralf Kilian

Gebäude + Energie

23. June 2021 | Teilen auf:

Historische Fenster erhalten und ertüchtigen

Wie können historische Fenster und Fenstergläser in Bestandsgebäuden erhalten und zugleich bauphysikalisch sicher energetisch ertüchtigt werden? Lösungen für diese Aufgabe entwickelten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik IBP, der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und des Fraunhofer-Zentrums für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege Benediktbeuern.

Das Projekt und die gefundenen Lösungen wurden am 17. Juni 2021 der Fachpresse und über 100 Teilnehmern einer virtuellen Tagung mit dem Titel „Innovative Lösungen für die energetische Ertüchtigung historischer Gläser und Glasfenster“ vorgestellt. Außerdem sind die Ergebnisse in einem Leitfaden zusammengefasst, der hier heruntergeladen werden kann.

Historischen Charakter der Gläser erhalten

In dem Pressegespräch erläuterten Prof. Dr. Ralf Kilian vom Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege Benediktbeuern, Prof. Dr. Klaus Peter Sedlbauer, Institutsleiter des IBP, und Prof. Dr. Paul Bellendorf von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg zunächst die mit dem Forschungsprojekt verbundenen Ziele. Die historischen Fenster und deren Gläser sollen zum einen aus Gründen des Ressourcenschutzes und der Weiterverwendung erhalten und weiter genutzt werden – im Sinne einer zirkulären Ökonomie. Zum anderen verlieren die Fenster ihren historischen Charakter, wenn das historische Glas durch ein modernes Floatglas ersetzt wird. Denn die frühere Herstellungstechnik, zum Beispiel das Zylinderglas-Verfahren, erlaubte noch nicht, industriell so reines Glas herzustellen, wie es heute Standard ist. Stattdessen weist es kleinere Lufteinschlüsse und Unregelmäßigkeiten auf, die genau ihren historischen Charakter und ihre besondere ästhetische und als lebendig empfundene Anmutung beim An- und Durchblick ausmachen. Dennoch müssen solche Fenster energetisch ertüchtigt werden, um im Sinne des Klimaschutzes deren Energiebilanz zu verbessern und einen zeitgemäßen Wohnkomfort zu erreichen.

Die Fassade der Alten Schäfflerei in Benediktbeuern wird, wie viele andere Denkmalfassaden, von verschiedenen Fenstertypen geprägt. Hier wurden drei Lösungen entwickelt, um die historischen Fenster erhalten und energetisch ertüchtigen zu können. Quelle: Fraunhofer IBP
Ohne Eingriff in Wand und Fensterbrett konnte das historische Fenster nachträglich zu einem Kastenfenster ausgebaut werden. Quelle: Fraunhofer IBP

Entwickelt, umgesetzt und messtechnisch untersucht wurden die Lösungen in der Alten Schäfflerei des ehemaligen Klosters Benediktbeuern. Die erste Konstruktion sieht die Erweiterung eines Holzfensters mit Einfachverglasung zu einem Kastenfenster vor. Das zweite Fenster auf der Innenseite verfügt dann über ein Isolierglas.

Die zweite Konstruktion ist weniger aufwendig. Hier wird an der Fensternische auf der Innenseite ein zweites Fenster mit einem Metall- oder Holzrahmen eingefügt, ohne es allerdings mit dem historischen Fenster zu einem „Kasten“ zu verbinden. Acht Dübel und ein Kompriband reichen für die Befestigung dieses zweiten Fensters aus.

Die dritte Konstruktion wurde von der Holzmanufaktur Rottweil entwickelt. Hierbei wird das historische Einscheibenglas mit einem Isolierglas verklebt und der Zwischenraum mit einem Schutzgas gefüllt. Der Rahmen wird für dieses Verbundisolierglas entsprechend angepasst. Der Ug-Wert beträgt etwa 0,9 W/m²K.

Alle drei Lösungen funktionieren unter bauphysikalischen Aspekten und weisen eine bessere Ökobilanz auf als ein Fensteraustausch. Für die Bilanzierung ermittelten die Forscher unter anderem die für die Herstellung der historischen Fenster aufgewendete Energie. „Wir konnten zeigen, dass wir durch die Erweiterung mit Isolierglas und eine zusätzliche Fensterebene den Neubaustandard erreichen können, bei gleichzeitigem Erhalt und Weiternutzung des bestehenden, hochwertigen alten Fensters“, fasste Ralf Kilian den Projekterfolg zusammen.

Weitere Informationen

Michael Henke