Die imposante Dimension der Kraftwerkshalle bleibt durch das Raum-in-Raum-Konzept weiter sicht- und erfahrbar.
Die imposante Dimension der Kraftwerkshalle bleibt durch das Raum-in-Raum-Konzept weiter sicht- und erfahrbar. (Quelle: 3deluxe)

Bauwerkserhaltung

17. November 2022 | Teilen auf:

Freistehend in historischer Hülle

Das Architekturbüro 3deluxe wurde von der Wiesbadener Stadtentwicklungsgesellschaft SEG GmbH beauftragt, ein Nutzungs- und Gestaltungskonzept für eine stillgelegte Kraftwerkshalle auf einem ehemaligen Industriegelände des Betonherstellers Dyckerhoff zu entwickeln. Herausgekommen ist ein modulares System aus einheitlich gestalteten Office-Boxen in Holzbauweise, die nebeneinandergestellt und aufeinandergestapelt in der denkmalgeschützten Halle stehen.

Wie vermeiden wir unnötigen Abriss alter Bestandsgebäude und wie schaffen wir Alternativen zu Ressourcen- und CO2-intensiven Neubau? Die smarte Nachnutzung von bestehender, nicht genutzter Bausubstanz ist eine der wichtigsten Aufgaben auf dem Weg zu einer nachhaltigen und klimafreundlicheren Bauwirtschaft.

Auch für vermeintlich schwierige Immobilien mit langen Leerständen und problematischen Rahmenbedingungen sind schlaue Lösungen gefragt. Eine solche schwierige Immobilie ist die stillgelegte Kraftwerkshalle auf dem ehemaligen Industriegelände des Betonherstellers Dyckerhoff am Wiesbadener Rheinufer, bei deren imposantem Anblick als erstes die Umnutzung der Tate Modern in London einfällt, wo eine Kraftwerkshalle erfolgreich in ein Museum transformiert wurde. Eine kulturelle Nutzung oder gar Wohnraum sind baurechtlich in diesem Fall leider nicht möglich.

Die stillgelegte Kraftwerkshalle auf dem ehemaligen Industriegelände des Betonherstellers Dyckerhoff am Wiesbadener Rheinufer ist denkmalgeschützt.
Die stillgelegte Kraftwerkshalle auf dem ehemaligen Industriegelände des Betonherstellers Dyckerhoff am Wiesbadener Rheinufer ist denkmalgeschützt. (Quelle: Wiesbadener Stadtentwicklungsgesellschaft SEG GmbH)

Box-in-the-Box-Lösung generiert Klimapuffer

Die Architekten von 3deluxe entschieden sich, in die lichtdurchflutete Südhalle des Hallenensembles qualitativ hochwertigen Büroraum zu integrieren. Die beeindruckende Dimension des Raumes mit den typischen Insignien der Industriekultur bietet den idealen Rahmen für eine städtische, moderne und hochattraktive Arbeitsatmosphäre.

Das Konzept sieht ein autarkes, freistehendes Innenraumvolumen in der Halle vor, das sowohl den Charakter der denkmalgeschützten Halle erhält, als auch einen interessanten Zwischenraum entstehen lässt: Dieser Zwischenraum erlaubt eine attraktive Indoor-Outdoor-Nutzung und generiert einen Klimapuffer, der den Betrieb über alle Jahreszeiten weniger energieintensiv macht.

Die dreistöckig aufeinandergestapelten Office-Boxen stehen als autarkes, klimatisch abgetrenntes Volumen in der Halle.
Die dreistöckig aufeinandergestapelten Office-Boxen stehen als autarkes, klimatisch abgetrenntes Volumen in der Halle. (Quelle: 3deluxe)

Das modulare System aus einheitlich gestalteten, leichten Office-Boxen in Holzbauweise lässt durch das Stapelprinzip eine beliebige Raumanordnung und Verdichtung zu. Die Freiflächen zwischen Büroboxen und Hallenfassade bilden den bereits erwähnten Zwischenraum und dienen als kommunikative Campus-Fläche für eine zeitgemäße Bürokultur: Nischen und Zonen für Pausen, zum Relaxen und Lunchen, Meeting-Bereiche für Konferenzen und Co-Working, eine kleine Cafeteria und Aktivitätsangebote wie Tischfussball und Workout-Area, Empfang, Lobby und Wartelounge bereichern die Gemeinschaftsfläche und machen das Konzept für potenzielle Mieter attraktiv.

Die Staffelung der oberen Geschosse reduziert die Raumtiefe und ermöglicht eine optimale Belichtung der Büroräume sowie der Gemeinschaftsflächen im Erdgeschoss. Die auf diesem Weg entstehenden Terrassen dienen als zusätzliche, flexibel nutzbare Arbeitsbereiche oder für informelle Treffen und Pausen. Gleichzeitig ermöglicht die Terrassierung direkte Blickbezüge zwischen den Geschossen zur Förderung von Kommunikation sowie einer besseren Wahrnehmung des Halleninnenraums als Ganzes.

Das Bestandsgebäude dient als Klimahülle

Das dreistöckige Raumcluster steht als autarkes, klimatisch abgetrenntes Volumen in der Halle, was vielerlei Vorzüge hat: die Bestandsfassade muss bei ihrer Sanierung nicht aufwändig gedämmt werden und die Innenfassade der Holz-Glas-Cluster muss nicht die Anforderungen einer Außenfassade erfüllen – das gilt sowohl für die Dämmung als auch den Witterungsschutz. Hierdurch reduzieren sich Erstellungs- und Sanierungskosten und der Betrieb der Büroinnenräume ist durch die Klimahülle sowohl im Sommer wie im Winter weniger energieintensiv, also deutlich CO2-reduziert. Die serielle, modulare Bauweise der Prefab-Elemente ermöglicht eine kurze, effiziente Bauzeit. Weitere Nachhaltigkeitsaspekte sind die leichte Rückbaubarkeit, die Recycelfähigkeit und die Energieeffizienz des Box-in-the-Box-Systems.

Zwischen der historischen Gebäudehülle und den modernen Office-Boxen entsteht ein interessanter, für vielfältige Nutzungen geeigneter Zwischenraum.
Zwischen der historischen Gebäudehülle und den modernen Office-Boxen entsteht ein interessanter, für vielfältige Nutzungen geeigneter Zwischenraum. (Quelle: 3deluxe)

Die Kraftwerkshalle ist eingebunden in das Gesamtkonzept des Rheinufer-Office-Campus, das neben der Sanierung eines denkmalgeschützten Hochhauses auch die Errichtung eines Holz-Hybrid-Hochhauses vorsieht. Die neu gestaltete Freifläche zwischen den Gebäuden wird ein grüner Campus mit vielfältigen Angeboten, die das Areal am Flussufer zum attraktiven Arbeitsplatz werden lassen: Kommunikative Zonen, Sitz- und Entspannungsmöglichkeiten, Picknick-Areas, Orte für kleine Workouts, viele Grünflächen mit Insektenwiese, Bienenzucht und Schutzzonen für Vögel.

Das autoreduzierte Areal bietet weitere Angebote zur Förderung der Mikromobilität wie eine Fahrradwerkstatt, Lastenräder-Service und Aufladestationen. Ein auf dem Holzhochhaus geplantes Dachrestaurant für Mitarbeiter hat seinen eigenen Gemüsegarten und ein Gewächshaus zur Selbstversorgung und steht auch den Mitarbeitern der Kraftwerkshalle zur Verfügung. Ziel ist es, das Gesamtgelände zu einem Leuchtturmprojekt für nachhaltige, smarte und zukunftsorientierte Stadtentwicklung zu machen und den Ruf der Stadt Wiesbaden als lebenswertem und zukunftsorientiertem Standort weiter auszubauen. In Zusammenarbeit mit der städtischen Entwicklungsgesellschaft SEG GmbH untersucht 3DELUXE zeitgemäße und ökonomisch sinnvolle Konzepte für eine mögliche zukünftige Gestaltung und Nutzung des Areals. Weitere Informationen >>>

zuletzt editiert am 17.11.2022