Eines der ältesten und schönsten Kaufhäuser Deutschlands steht in Düsseldorf. Die historische Jugendstilfassade wurde unter Einsatz von Bleiwolle umfassend saniert.
Der repräsentative Jugendstilbau, der in Düsseldorf den „Kaufhof an der Kö“ beherbergt, zählte bei seiner Errichtung im Jahr 1909 zu den mondänsten Kaufhäusern überhaupt. Mit seiner monumentalen Fassade, aufwändiger Innenausstattung und drei großen Lichthöfen setzte das Bauwerk neue architektonische Maßstäbe.
Bis heute ist der Gebäudekomplex mit seiner markanten Jugendstilfassade aus Sandstein ein Blickfang. Die Fassade fasziniert durch eine klare Strukturierung mit vielen großen Fensterflächen. Drei Fensterbahnen bilden jeweils ein Ensemble. Dazwischen befinden sich stark ausgebildete Stützen, die am oberen Abschluss wie Türmchen ausgestaltet sind. Die Fassade ist auf Höhe des vierten und fünften Geschosses zurückgesetzt, was das darüber liegende Mansarddach aus Kupfer weniger monumental erscheinen lässt. Die Ecken der Längsseiten zieren geschwungene Giebel mit kunstvollen Figuren, die Schmalseiten prägen jeweils fünf hervorstechende Gauben mit Kuppeldächern.

Absandungen, Risse, defekte Fugen waren zu sanieren
Über die Jahre zeigte die kunstvolle Natursteinfassade erste Alterserscheinungen. Eine umfassende Sanierung der historischen Außenhülle war in 2012 unumgänglich, denn die Natursteinfassade bietet Umwelt- und Witterungseinflüssen viele Angriffspunkte. So bildete sich auf dem Naturstein eine immer dunklere Patina, Oberflächen sandeten teilweise ab. Es entstanden feine Risse im Stein. An vielen Fugen war das Füllmaterial bereits herausgefallen.
Bei den Anschlussfugen an den Metallabdeckungen war der Schaden besonders groß. Feuchtigkeit drang ins Mauerwerk ein. Die Steine saugten sich durch die andauernde Nässe mit Wasser auf. Es drohten eine irreparable Schädigung der Natursteine und ein Feuchtigkeitseintritt in die Innenräume.
Sanierungsmaßnahmen mit Mörtel und Silikon hatten nur vorübergehend Erfolg gebracht und mussten spätestens nach 15 Jahren wiederholt werden. Da viele sensible Stellen in schwer zugänglichen Bereichen liegen, musste dazu das Gebäude für Wartungs- und Sanierungsarbeiten erneut eingerüstet werden.

Es war daher eine dauerhafte Lösung für alle Anschlussfugen an Blechabdeckungen gefragt, und so kam Bleiwolle zum Einsatz. Insgesamt wurden 1,3 Tonnen feine Bleiwolle in Zöpfen zu je zwei Kilogramm beim Walzbleihersteller Anton Schneider Söhne geordert. Das Material ist UV-beständig, feuchtigkeitsresistent und kann thermische oder materialbedingte Bewegungen gut ausgleichen. Bleifugen sind außerdem über Jahrzehnte wartungsfrei. „Je stärker Anschlussfugen der Witterung ausgesetzt sind, desto mehr kommt Bleiwolle in Betracht“, betont Projektleiter Carsten Schäfer vom Dortmunder Ingenieurbüro Assmann.
270 Meter Fugen mit Bleiwolle verwahrt
Die Restaurierungsarbeiten erstreckten sich über einen Zeitraum von rund zehn Monaten. Die weitläufige Fassade wurde in Teilabschnitten eingerüstet, um den Geschäftsbetrieb nicht übermäßig zu stören. Mit der Ausführung wurde der Fachbetrieb Nüthen Restaurierungen beauftragt. Zwei Mitarbeiter waren damit beschäftigt, Fugen in einer Gesamtlänge von rund 270 Metern mit Bleiwolle zu verwahren.

Zunächst reinigten die Restauratoren die Natursteinoberfläche. Dazu wählten sie gezielt Musterflächen aus und reinigten diese probeweise im Strahlverfahren. So ermittelten die Spezialisten den passenden Druck sowie das geeignete Strahlmittel, um die gesamte Fassade sanft zu reinigen.
Bei der Überarbeitung der Architekturelemente wurden in Teilbereichen Vierungen eingesetzt oder komplett neue Werkstücke vom Steinmetz hergestellt. „Es wurde besonders viel Wert darauf gelegt, die neuen Flächen exakt an den Bestand anzugleichen“, betont Gierke. Wann immer möglich, gingen die Restauratoren konservatorisch vor. Sie schlossen Risse, festigten sandende Oberflächen und böschten Kanten an.
Während der Steinmetzarbeiten wurden sämtliche Metallabdeckungen aus Kupfer kontrolliert und bei Bedarf ergänzt oder komplett erneuert. Der Übergang zwischen Kupferabdeckung und Naturstein wurde mit Bleiwolle geschlossen. Dazu reinigten die Handwerker zunächst die Flanken der Fugen mit ölfreier Druckluft und entfernten sämtliche Rückstände in der Fuge mit einem Handeisen.
Dann wurde die Bleiwolle für das Verstemmen vorbereitet. „Bleiwolle verdichtet sich in der Fuge am besten, wenn sie in einem Arbeitsgang verlegt wird“, erläutert Bauleiter Gierke. „Deshalb ist die Wahl der Materialmenge besonders wichtig.“ Dazu prüften die Handwerker zunächst die Fugendimensionierung. Dann wählten sie aus den Bleizöpfen die passende Materialmenge aus. Die Handwerker drehten das Material per Hand zu einer Schnur mit einem Durchmesser von rund einem Zentimeter.
Anschließend legten sie das Dichtungsmaterial in die Fuge ein und trieben es gleichmäßig ein. Hierzu verwendeten die Handwerker einen eigens hergestellten Meißel aus Schmiedeeisen, der exakt auf die Breite der Fuge angepasst war. Die Handwerker achteten sorgfältig darauf, die Fugenflanken des Natursteins beim Eintreiben der Bleiwolle nicht zu beschädigen. Abschließend wurde die Bleifüllung mit einem Meißel an der Oberfläche geglättet und dem Bestand angepasst.

Bleikrempe über Kupferabdeckung gesetzt
Bei der Restaurierung kam neben Bleiwolle auch Walzblei zum Einsatz. Denn einige Kupferabdeckungen, insbesondere an exponierten Stellen, zeigten starke Abnutzungserscheinungen. Um diese Stellen noch wirksamer zu verwahren, wurde zusätzliche eine Bleikrempe über die Kupferabdeckung gesetzt.
Zur Verankerung im Mauerwerk schnitten die Handwerker per Trennschneider eine Fuge von rund einem Zentimeter Höhe und zwei Zentimeter Tiefe in den Naturstein. Für die Krempe kamen bis zu 12,5 Zentimeter breite Streifen aus zwei Millimeter dickem Walzblei zum Einsatz. Die Handwerker kanteten die Streifen dreifach um und befestigten sie in der Fuge. Anschließend formten sie das Walzblei mit einem Treibhammer an das darunterliegende Kupferblech an. Im Ergebnis überlappt die Bleikrempe die Kupferabdeckung um rund sieben Zentimeter und schützt so das Gesims zusätzlich von oben. Auch hier wurden alle Anschlussfugen mit Bleiwolle abgedichtet.
Werkstoff weiterentwickelt
Das Bauprojekt in Düsseldorf profitiert von einer enormen Weiterentwicklung des Werkstoffs Bleiwolle in den vergangenen Jahren. Planer, Handwerker und Bleiproduzenten stehen in einem engen fachlichen Austausch. „Viele Anwender berichten uns über ihre Erfahrungen im Umgang mit Bleiwolle und geben Anstöße zur Weitentwicklung“, erklärt Mazur von Anton Schneider Söhne. Ein Beispiel: Zunächst gab es auf dem Markt nur Bleiwolle in grober Ausführung. Heute können Abnehmer bei Bleiwolle zwischen einer groben und feinen Variante wählen.
Auch die Legierung wurde auf Anregung von Praktikern weiter optimiert. Viele Anwender erhitzen Bleiwolle an der Fugenoberfläche, um ein möglichst glattes Fugenbild zu erzielen. So verfärbte sich in Einzelfällen durch freigesetzte Öle das angrenzende Mauerwerk. „Wir haben das Herstellungsverfahren den Praxisanforderungen angepasst und produzieren Bleiwolle nunmehr komplett fettfrei“, sagt Mazur.
Tim Gabriel Holz