Ein großer Konferenzsaal mit vielen Menschen, die an Tischen sitzen und einer Präsentation folgen.
In diesem Jahr widmete sich in Aachen ein umfangreicher Block aktuellen Forschungsergebnissen rund um Flachdächer und Gebäudehülle. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien / apg)

Bauwerkserhaltung 2026-05-20T11:00:00Z Fassade, Dach und sehr viel mehr

Die Überschrift der 52. Aachener Bausachverständigentage am 27. und 28. April 2026 lautete „Fassade und Dach: Alles ‚unter Dach und Fach‘?“. Neben diesen Schwerpunktthemen standen die zunehmende Komplexität technischer Regelwerke, die juristische Neubewertung der anerkannten Regeln der Technik sowie aktuelle bauphysikalische und baustoffliche Fragestellungen im Fokus der zweitägigen Fachveranstaltung.

Der erste Tag begann mit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit den anerkannten Regeln der Technik (a. R. d. T.) und den Konsequenzen des 10. Deutschen Baugerichtstags. Mit dem Auftaktbeitrag „Schluss mit a. R. d. T.? Konsequenzen des Deutschen Baugerichtstags, AK I/VI“ wurde der Rahmen geschaffen, die a. R. d. T.  grundsätzlich neu zu hinterfragen und einzuordnen. 

Rechtsanwalt Dr. Marc Steffen, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht in Berlin, stellte mit seinem Vortrag „Funktion! A. R. d. T. mit neuer Bedeutung und angepasster Definition“ heraus, dass die Rechtsprechung zunehmend die Funktion des Bauwerks in den Mittelpunkt rückt. Die a. R. d. T. werden damit nicht abgeschafft, aber in ein neues Verhältnis zur vertraglich geschuldeten Funktionsfähigkeit gesetzt. Entscheidend ist nicht mehr die Befolgung sämtlicher technischer Regelwerke, sondern der Nachweis, dass die gewählte Lösung die vertraglich vereinbarte Funktion erfüllt. In den Vorträgen zu den a. R. d. T. wurde deutlich: Die Diskussion um Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Rechtssicherheit im Bauwesen tritt in eine neue Phase, in der starre Regelanwendung zunehmend von interdisziplinärem Denken abgelöst wird. 

Pflicht zur Eigenverantwortung 

Die Bedeutung und die Grenzen technischer Normen wurden anschließend im Block „Neues aus der Normung“ vertieft. Dipl.-Ing. Géraldine Liebert, sachverständige Architektin für Schall- und Wärmeschutz bei der AIBau gGmbH in Aachen, stellte „Neuerungen in technischen Regelwerken“ vor. Sie zeigte, dass Normen zunehmend komplexer werden, dabei aber nicht den Anspruch erheben können, jeden Einzelfall abzubilden. 

Prof. Matthias Zöller, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger und wissenschaftlicher Mitarbeiter der AIBau gGmbH, erläuterte den „Aktuellen Stand zu DIN 4095-1 und DIN 18533-1“. Im Mittelpunkt standen Schnittstellenfragen zwischen Dränung und Abdichtung erdberührter Bauteile. Zöller machte deutlich, dass die neu gefassten Normen ein stärker verzahntes Abdichtungs- und Entwässerungskonzept verlangen, bei dem Wasserbeanspruchung, Bodenverhältnisse und Nutzung gemeinsam zu betrachten sind.  

Flachdächer: Brandschutz, Auswaschungen und neue Regeln 

Ein umfangreicher Block widmete sich aktuellen Forschungsergebnissen rund um Flachdächer und Gebäudehülle. Unter dem Titel „PV-Brandschutzanforderungen Flachdächer“ beleuchteten Dr. rer. nat. Udo Simonis, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger aus Ronneburg, und Dipl.-Ing. Géraldine Liebert die brandschutztechnischen Herausforderungen durch die Installation von Photovoltaikanlagen auf Flachdächern. Sie zeigten anhand von Schadensbildern und Versuchsergebnissen, wie ungünstige Leitungsführung, brennbare Dämmstoffe, fehlende Brandabschnitte oder unzureichende Trennung von PV-Anlage und Dachaufbau das Brandrisiko erhöhen.  

Ein großer Konferenzraum mit vielen Teilnehmern, die an langen Tischen sitzen und einem Vortrag folgen.
Ein voller Saal ist bei den Aachener Bausachverständigentage Normalität. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien / apg)

Im Anschluss präsentierte Prof. Dr. Michael Burkhardt von der Ostschweizer Fachhochschule (UMTEC, Rapperswil) gemeinsam mit Dipl.-Ing. Harold Neubrand, Sachverständiger für Lufthygiene und Schadstoffe, und Dipl.-Ing. Silke Sous, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige bei AIBau, aktuelle Forschungsergebnisse zu „Auswaschungen aus Dachbahnen“. Die Referenten belegten, dass Dachabdichtungen relevante Mengen an Stoffen ins Niederschlagswasser eintragen können, was sowohl ökologische als auch bautechnische Probleme mit sich bringt. Mit steigenden Anforderungen an den Gewässerschutz, muss deshalb zukünftig auch die ökologische Bewertung von Dachsystemen in Planung und Produktentwicklung einfließen. 

Dipl.-Ing. Architekt Gerold Köhler (Köhler & Meinzer GmbH & Co. KG, Eggenstein) zeigte in seinem Beitrag mit dem Titel „Wärmedämmstandards? Theorie und Praxis“ den Widerspruch zwischen normativ geforderten Dämmungen und praxisnahen und wirtschaftlichen Lösungen auf. Aus bauphysikalischer Sicht seien neben Transmissionswärmeverlusten auch sommerlicher Wärmeschutz, Feuchteschutz, Robustheit gegenüber Nutzereinflüssen und Lebenszyklusbetrachtungen entscheidend.  

Holzbau: Moderne Konstruktionen und Materialmodifikation 

Der zweite Veranstaltungstag stand am Vormittag im Zeichen des Holzbaus. Prof. Dr. Holger Militz von der Universität Göttingen eröffnete den Themenblock mit einem kritischen Blick auf „Chemische und thermische Modifizierung von Hölzern“. Er stellte dar, wie thermische und chemische Modifikationsverfahren die Dauerhaftigkeit und biologische Resistenz von Hölzern verbessern können, gleichzeitig aber neue Fragestellungen hinsichtlich Langzeitverhalten, Rissanfälligkeit, Verbindungen, Beschichtungskompatibilität und Entsorgung aufwerfen.  

DI Sylvia Polleres von der Holzforschung Austria, Bereichsleiterin Holzhausbau in Wien, vertiefte die Thematik mit ihrem Vortrag „Sockeldetails im Holzbau“. Sie zeigte, dass ein Großteil der Holzbauschäden an der Schnittstelle zwischen Boden, Gründung und aufgehenden Bauteilen entsteht. Kritische Punkte sind Spritzwasserbeanspruchung, aufsteigende Feuchte, fehlerhafte Abdichtungsanschlüsse und unzureichende kapillarbrechende Maßnahmen. Polleres stellte praxisgerechte Lösungen für dauerhaft funktionssichere Sockelkonstruktionen vor und machte deutlich, dass robust geplante Details in diesem Bereich entscheidend für die Lebensdauer des gesamten Holzbaus sind. 

Flachdach: Neue Normen, Richtlinien und Problemzonen im Detail 

Nach dem Holzbau rückten erneut Flachdächer in den Mittelpunkt. Prof. Matthias Zöller führte mit einer „Einleitung: Die neue DIN 18531“ in das aktuelle Regelwerk zu Abdichtungen von Dächern sowie Balkonen, Loggien und Laubengängen ein. Er erläuterte die Struktur der Norm, die Zuordnung von Nutzungs- und Beanspruchungsklassen sowie die daraus resultierenden Anforderungen an Abdichtungssysteme.  

Mit dem Beitrag „Nahtfügungen; Übergänge FLK zu Bahnen; Bahnen mit Alubandeinlage: Gefahrpotenziale durch Korrosion und geringe Scherfestigkeit“ zeigte Dr. rer. nat. Udo Simonis anschließend die kritischen Details, an denen Flachdächer besonders oft versagen. Die Kombination von Flüssigkunststoffen mit Bahnenabdichtungen, die Ausführung von Nahtverbindungen und der Einsatz von Bahnen mit Aluminium-Einlage bergen erhebliche Risiken, wenn sie nicht fachgerecht geplant und ausgeführt werden.  

Fassaden: Naturstein, Verblendschalen und der Umgang mit Wasser 

Der Nachmittagsblock des zweiten Tags widmete sich Fassaden. Bernhard Binder, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger im Steinmetzhandwerk bei der Handwerkskammer Karlsruhe, führte mit seinem Vortrag „Natursteinbauteile/-bauwerke: Steinsorten, Fehler, Schadensarten, Instandsetzung“ in die Welt der Natursteinfassaden und -konstruktionen ein. Er erläuterte typische petrographische Eigenschaften gängiger Natursteine, deren Empfindlichkeit gegenüber Wasser, Frost, Tausalzen und Umwelteinflüssen sowie die daraus resultierenden Schadensbilder wie Abplatzungen, Schalenbildung und Rissbildung.  

Dr.-Ing. Nasser Altaha vom Fachverband Ziegelindustrie in Oldenburg knüpfte daran mit seinem Vortrag „Wasser in Verblendschalen, Verfärbungen und Ausblühungen: Anforderungen an Steine, Fugenmörtel und andere Schutzmaßnahmen“ an. Er beleuchtete den Wasserhaushalt von Verblendmauerwerk, die Ursachen von Durchfeuchtungen, Verfärbungen, Effloreszenzen und Frostschäden sowie die Rolle von Steinen, Fugenmörteln, Ankern und konstruktiven Details.  

Gefahrstoffe und Biofilme: Von Altlasten zu neuen Sichtweisen 

Mit dem Themenblock „Gefahrstoffe und Biofilme“ rückten rechtliche und ökologische Fragestellungen in den Mittelpunkt. Dipl.-Ing. Harold Neubrand, Sachverständiger für Lufthygiene und Schadstoffe und beratender Ingenieur aus Bad Boll, referierte über „Die neue Gefahrstoffverordnung: Konsequenzen für Planer & Sachverständige“. Er erläuterte die verschärften Anforderungen an Gefährdungsbeurteilungen, die Pflicht zur Substitution gefährlicher Stoffe, Schutzmaßnahmen bei Sanierung und Rückbau sowie die Dokumentation von Gefahrstoffen im Bestand.  

Abschließend stellte Dr. Thomas Warscheid von LBW Bioconsult in Wiefelstede unter dem Titel „Algen an Fassaden: Nutzen für das Stadtklima“ den verbreiteten „Defektblick“ auf Algen- und Mikroorganismenbewuchs an Fassaden in Frage. Er erläuterte, dass Algen und andere Biofilme zwar optisch unerwünscht sein können, zugleich aber lokale Mikroklimata beeinflussen, Oberflächentemperaturen reduzieren und zur städtischen Biodiversität beitragen.  

Ausblick: Mehr Verantwortung, mehr Freiheit, mehr Systemdenken 

Über beide Tage hinweg zeichnete sich ein Trend ab: Weg von der schematischen Normbefolgung als vermeintlicher Haftungsschutz, hin zu einer eigenverantwortlichen und interdisziplinär abgestimmten Planung und Begutachtung. Die Vorträge von Juristen wie Dr. Marc Steffen und Prof. Dr. Wolfgang Voit, die normativen Einordnungen etwa von Dipl.-Ing. Géraldine Liebert und Prof. Matthias Zöller, die praxisnahen Beiträge aus Planung und Handwerk sowie die wissenschaftlichen Impulse aus Forschung und Sachverständigenpraxis machten deutlich, dass sich die Rolle des Bausachverständigen weiter wandelt. Weitere Informationen >>>

zuletzt editiert am 20. Mai 2026
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