Bei der Sanierung eines denkmalgeschützten Bahnhofs kamen ungewöhnliche hölzerne Fachwerke zum Vorschein, die über mehr als 170 Jahre in dem alten Ziegelsteingemäuer verborgen waren. Die denkmalgerechte Sanierung erledigten die Zimmerleute mit einem gehörigen Maß an handwerklichem Geschick, Liebe zum Detail und dem Wissen um dauerhafte Konstruktionen in Holzbauweise.
Zwischen hohen Bäumen versteckt sich einer der ältesten erhaltenen Bahnhöfe im deutschsprachigen Raum an einer unscheinbaren Straße in einem Vorort von Köln. Wenig zentral also und auch nicht repräsentativ. Dabei steht sein Name, Bahnhof Belvedere, für den Ausblick, den man seinerzeit vom Balkon aus auf das etwa 10 Kilometer entfernte Kölner Stadtzentrum mit seinem weltbekannten Dom hatte. Am 2. August 1839 wurde der Bahnhof eröffnet. Damals war das Eisenbahngeschäft gerade mal knapp 15 Jahre alt und eigentlich noch gar kein richtiges Geschäft. Gut zehn Jahre zuvor hatten Kölner und Lütticher Unternehmer den Anstoß zu einem Schienenweg zwischen Köln und Antwerpen gegeben. Der Austausch von Gütern, Leistungen, Kapitalien, Informationen und auch Menschen erschien ihnen bereits damals als wichtiger Schritt in eine erfolgreiche internationale Zukunft. Und so entstand der Bahnhof Belvedere als Endpunkt des ersten preußischen Teilstücks der gleichzeitig ersten internationalen Bahnlinie der Welt.
Vom Bahnhof zum Wohngebäude
Allerdings verlor der Haltepunkt mit der Fertigstellung der Bahnlinie und dem Anschluss an das belgische Schienennetz rasch an Bedeutung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebäude Eigentum der

Stadt Köln und von diesem Zeitpunkt an als Wohnhaus genutzt. Zugute kam dem klassizistischen Bau, dass er für den Ausflugs- und Naherholungsverkehr konzipiert worden war: Er steht rechtwinklig zur Bahnstrecke, sein Aussichtsbalkon gibt der Hauptseite ihren Wohngebäudecharakter und auf der Rückseite orientiert sich ein ehemals offener pavillonartiger Anbau zum parkähnlich angelegten, über 5000 Quadratmeter großen Garten. Über die Zeit wurde an und in dem Gebäude immer wieder umgebaut, saniert oder renoviert. Teilweise mit Erfolg, teilweise aber auch mit gravierenden Auswirkungen auf die bestehende Bausubstanz. Schließlich, nachdem der letzte Bewohner 2009 das Haus verlassen hatte, kamen Gutachter zu dem Schluss, dass das Gebäude zahlreiche Mängel aufweise. Zunächst wurde daraufhin der hölzerne Dachstuhl saniert. Dabei fanden die Zimmerleute der mit den Arbeiten betrauten Zimmerei Holzbau Wagner aus dem rheinland-pfälzischen Braubach weitere Schäden im darunterliegenden Treppenhaus. Und bei den folgenden genaueren Untersuchungen kamen schließlich Konstruktionen zutage, die so niemand in dem Gebäude vermutet hatte.
Holzfachwerk mit Ziegelgefachen und Vormauerschale

Vordergründig handelt es sich beim Bahnhof Belvedere, der als eines der seltenen Beispiele der Schinkelschule im Rheinland gilt, um einen Mauerwerksbau mit Holzbalkendecken. Eine seinerzeit für Gebäude dieser Kategorie durchaus übliche Bauweise. Zumal Schinkel als einer der Beförderer hochwertiger Ziegelbauweisen gilt. Tatsächlich sind jedoch einige tragende Bauteile, wie die aussteifenden Innenwände und auch das gesamte Treppenhaus, ursprünglich als Holzfachwerk hergestellt worden. Die Gefache wurden mit Ziegelsteinen ausgemauert. Diese Ausmauerung beschränkt sich allerdings nicht auf die Fachwerkdicke von etwa 12 Zentimetern. Tatsächlich wurde eine weitere, etwa 12 Zentimeter dicke Mauerwerksschale auf der Außenseite im Verbund mit der Gefachausmauerung als insgesamt etwa 24 Zentimeter dicke Ziegelsteinwand hochgezogen. Auf diese Weise setzt sich die tragende Wandstruktur sowohl aus dem Fachwerk als auch aus dem Mauerwerk zusammen. Mit Blick auf die Standsicherheit bietet die Zweiteilung des Wandaufbaus wenig Vorteile. Die Fachwerkwand wäre als alleinige Konstruktion ebenso tragfähig wie die Mauerwerkswand in der Dicke von etwa 24 Zentimetern. Norbert Nussbaum, Professor für Architekturgeschichte an der Universität Köln und Mitglied im Förderkreis Bahnhof Belvedere e. V., vermutet, dass es damals offenbar sehr schnell gehen sollte. Aus diesem Grund habe man zunächst eine Fachwerkkonstruktion errichtet, um möglichst zeitnah den Dachstuhl aufsetzen zu können. Parallel dazu seien dann die Maurerarbeiten erledigt worden.
Autor: Wolfgang Schäfer
Dieser Beitrag ist Teil eines Artikels aus Bauen mit Holz, Ausgabe 10. 2014.

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