Am 7. und 8. April 2025 fanden die Aachener Bausachverständigentage zum 51. Mal statt. Die Veranstaltung, organisiert von der AIBau gGmbH in Kooperation mit der RWTH Aachen, bot zwei Tage lang fundierte Fachvorträge, praxisnahe Diskussionen und anschauliche Fallbeispiele – ergänzt durch eine begleitende Fachmesse im Eurogress Aachen.
Rund 700 Architektinnen und Architekten, Planerinnen und Planer sowie Sachverständige vor Ort sowie etwa 150 per Livestream zugeschaltete Teilnehmende erhielten einen gewohnt umfassenden Einblick in aktuelle Entwicklungen rund um Technik, Recht und Baupraxis. Der besondere Fokus lag auch in diesem Jahr auf der fundierten Bewertung baulicher Herausforderungen – mit Blick auf sichere, wirtschaftliche und nachhaltige Lösungen im gesamten Bauprozess.
Zwischen Juristerei und Baupraxis – wie Verständigung gelingt
Zu Beginn der Veranstaltung richtete sich der Fokus auf die Kommunikation zwischen Sachverständigen und der Justiz. Dr. Mark Seibel, Vizepräsident des Landgerichts Siegen, machte deutlich, dass juristische und technische Argumentationslogik zwar einem gemeinsamen Ziel folgen, in ihrer Herangehensweise aber deutlich voneinander abweichen. Er sprach sich für einen bewussteren Umgang mit Sprache und Begrifflichkeiten aus, um Missverständnisse in Gutachten und Gerichtsverfahren zu minimieren. Ergänzend beleuchtete Jan Spoenle, Richter am Oberlandesgericht Stuttgart, die aktuellen Entwicklungen zur Digitalisierung der Justiz. Die Einführung des elektronischen Rechtsverkehrs, der zunehmende Einsatz von Videoverhandlungen und die Perspektiven künstlicher Intelligenz veränderten die Arbeitsgrundlagen auch für Sachverständige maßgeblich, so Spoenle. Sie müssten sich darauf einstellen, ihre Gutachten künftig noch strukturierter, digital anschlussfähig und mit Blick auf justizielle Anforderungen aufzubereiten.
Regelwerke, Dächer und Abdichtungen – ein technisches Update
In den nachfolgenden Fachvorträgen standen zunächst die technischen Neuerungen im Mittelpunkt. Géraldine Liebert stellte die jüngsten Änderungen in den technischen Regelwerken vor und erklärte, welche Auswirkungen diese auf die Praxis der Schall- und Wärmeschutzbewertung haben. Die darauffolgende Podiumsdiskussion griff zentrale Fragen zur Anwendbarkeit von Normen und zur Nachweispflicht technischer Standards auf.
Photovoltaik auf Dächern: Dauerbrenner mit Risikopotenzial
Ein thematischer Schwerpunkt lag auch 2025 auf Photovoltaikanlagen auf Flachdächern, einem weiterhin hochaktuellen und praxisrelevanten Thema. Edith Antonatus ging auf die brandschutztechnischen Herausforderungen ein, die mit der großflächigen Installation solcher Systeme einhergehen. Jochen Kirch ergänzte die bautechnische Perspektive und erläuterte Anforderungen an Untergründe, Mindestabstände sowie Schnittstellen zu anderen Gewerken. Beide Vorträge machten deutlich, dass die sachverständige Bewertung von PV-Anlagen umfangreiches Spezialwissen und Kenntnis aktueller Richtlinien erfordert.
Rutschhemmung, Urban Mining und Baukostenspirale
Mit einem praxisnahen Einblick in die Verwendung moderner Unterdeckbahnen trug Arne Witzke zur Diskussion über Chancen und Grenzen neuer Materialien bei. Darauf aufbauend stellte Jan Bredemeyer aktuelle Änderungen in den Abdichtungsnormen DIN 18531 bis DIN 18534 vor und zeigte, wie sich diese auf die Bewertung von Flachdach- und Innenraumabdichtungen auswirken. Das neue WTA-Merkblatt zur DIN 18533 wurde von Stephan Keppeler und Jörg Bogs vorgestellt. Beide erläuterten die praktische Anwendung neuer Stoffe bei der Abdichtung erdberührter Bauteile. Ein Fallbeispiel und ein Vortrag von Mario Sommer zur Problematik mangelnder Rutschhemmung auf feuchten Belägen rundeten den ersten Veranstaltungstag ab. In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde der Umgang mit Ausführungsmängeln und ihre sachverständige Bewertung erneut kontrovers und anwendungsnah diskutiert.
Von Schadstoffe bis Gebäudetyp E
Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Vortrag von Paola Messer zur bauordnungsrechtlichen Einordnung von Abweichungen und der Frage, wann formale Anträge notwendig sind. Dr. Barbara Siebert ging anschließend auf Nachweisfragen bei eingespannter Verglasung und Vordächern ein, während Jörg Brandes sich der objektiven Feststellung von Gerüchen im Innenraum widmete. Nicole Richardson schloss diesen Block mit einem Überblick über den Umgang mit Gefahrstoffen wie Asbest, PAK oder KMF ab und erläuterte, welche Materialien verbleiben können und welche nicht.
Am späten Vormittag stand das Thema kostengünstiges Bauen im Mittelpunkt. In einem dialogisch angelegten Beitrag diskutierten Dr. Mark Seibel und Prof. Matthias Zöller den Gebäudetyp E als möglichen Lösungsansatz zur Reduzierung baulicher Anforderungen. Die Frage, wie viel Wärmeschutz zukünftig noch sinnvoll ist, griff Dr. Peter Hettenbach auf. Die anschließende Podiumsdiskussion bot Raum für die Bewertung dieser Überlegungen unter wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten.
Beton: Klimafreundliche Bindemittel und Standsicherheit
Abschließend widmeten sich die Beiträge am Nachmittag dem Baustoff Beton. Dr. Jürgen Warkus hinterfragte, ob die bestehenden Standards ausreichen, um Brückenschäden und Einstürze künftig zu verhindern, und warb für eine Erhöhung der Sicherheitsmaßstäbe. Prof. Dr.-Ing. Michael Raupach stellte klimafreundliche Bindemittel vor und analysierte ihre Auswirkungen auf die Dauerhaftigkeit von Beton und den Korrosionsschutz der Bewehrung. Mit einem Spezialthema zur Beseitigung von Kratzern in Fenstergläsern beendete Marco Martinz das fachliche Programm.
Orientierung geben, Qualität sichern
Die 51. Aachener Bausachverständigentage boten wieder Gelegenheit, fachliche Kompetenzen zu vertiefen, den Austausch zwischen Disziplinen zu fördern und neue Impulse für die tägliche Arbeit zu gewinnen. Die Veranstaltung machte deutlich, wie wichtig fundiertes Wissen, interdisziplinärer Dialog und die Bereitschaft zur ständigen Weiterentwicklung für eine sachgerechte Begleitung des Baugeschehens sind – heute mehr denn je. Weitere Informationen >>>
Andrea Papkalla-Geisweid
