Nach einer Studie, die GdW und VDPM in Auftrag gegeben haben, ist ein zu hoher Effizienzhausstandard bei der Sanierung nicht die optimale Lösung, um die Treibhausgasemissionen im Gebäudebestand zu senken. (Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)
Nach einer Studie, die GdW und VDPM in Auftrag gegeben haben, ist ein zu hoher Effizienzhausstandard bei der Sanierung nicht die optimale Lösung, um die Treibhausgasemissionen im Gebäudebestand zu senken. (Quelle: Rainer Sturm / pixelio.de)

Gebäude + Energie

25. November 2021 | Teilen auf:

Verbände warnen vor zu hohen Effizienzstandards im Bestand

Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. und der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM) haben die Politik in einer gemeinsamen Erklärung vor einem Effizienzhausstandard 55 für die Bestandssanierung gewarnt.

Da die Treibhausgasemissionen des Gebäudesektors in den vergangenen Jahren kaum noch reduziert werden konnten, braucht es nach Ansicht der beiden Branchenverbände vor allem im Gebäudebestand neue Ansätze, um sie rasch und kosteneffizient zu mindern. Daher hatten sie bei der International Real Estate Business School, IREBS an der Universität Regensburg eine Studie in Auftrag gegeben, die sich – unter der Prämisse Treibhausgasemissionen zu senken – mit dem kostenoptimalen Verhältnis von Verbrauchsreduktion, also zum Beispiel Energieeinsparungen durch Wärmedämmung, und dem Einsatz erneuerbarer Energie beschäftigt. Die ausführliche Studie wird in einigen Wochen veröffentlicht. Erste Ergebnisse haben die Verbände aber schon bekannt gegeben:

  • Der Grundsatz „Efficiency First“ dürfe nicht bedeuten „Efficiency um jeden Preis“.
  • Ein forcierter Ausbau erneuerbarer Energieerzeugung erscheine ab einer bestimmten Grenze als „bessere Investition“ im Vergleich zur weiteren Anhebung der Effizienzanforderungen bei der Bestandssanierung.
  • Die Diskrepanz der ambitionierten Energiestandards und der in der Praxis realisierten Einsparungen müsse stärker beachtet werden. Hier bestehe eine große Lücke zwischen Bedarf und massiv höheren realen Verbräuchen.
  • Der Indikator CO2-Intensität müsse stärker in den Vordergrund rücken. Damit würden der Treibhausgas-Effekt und die Klimarelevanz im Einklang mit nationalen und internationalen Zielen direkt adressiert. Um mit den Pariser Klimazielen konform zu sein, soll in Deutschland bereits 2045 das Niveau der Klimaneutralität – also faktisch „Null“ – erreicht werden. Der Endenergieverbrauch muss in diesem Szenario ebenfalls auf 70-80 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (kWh/m²a) halbiert werden, wobei die benötigte Energie dann aus erneuerbaren Quellen stammen muss.
  • Die Grenzvermeidungskosten der energetischen Modernisierung müssten bei Mehrfamilienhäusern stärker beachtet werden. Die Auswertung zeige sehr deutlich, dass insbesondere bei einer Betrachtung des tatsächlich reduzierten Energieverbrauchs die Kosten für die Vermeidung je eingesparter kWh in den hohen Effizienzklassen (EH 40 und 55) signifikant ansteigen. Fraglich sei somit, ob Investitionen oberhalb von bestimmten energetischen Zuständen noch „gut investiert“ sind oder hier gegebenenfalls aus wirtschaftspolitischer Sicht die Mittel effizienter in den weiteren Ausbau erneuerbarer Energieträger fließen sollten. Aus makroökonomischer Sicht bedeute dies: Der Ausbau erneuerbarer Energien verursacht im Vergleich zu einer weiteren Steigerung des Anforderungsniveaus für die energetische Modernisierung (EH 40 und 55) deutlich geringere volkswirtschaftliche Kosten.
  • Bei einer Gegenüberstellung der Kosten energetischer Hüllenmodernisierungen und erneuerbarer Wärmebereitstellung zeige sich darüber hinaus, dass die Hüllenmodernisierung zunächst klare Vorteile bei schlechtem energetischen Ausgangszuständen hat und sich die Vorteilhaftigkeit bei hohen energetischen Standards wieder umkehrt.
  • Witterungsbereinigte reale Endenergieverbräuche von weniger als 80 kWh/m²a (wohnflächen-bezogen) seien in der Praxis kaum erreichbar – oft auch nicht in bereits sanierten EH-55-Objekten.
  • Eine weitere Steigerung des Anforderungsniveaus führe nicht mehr zu einer erkennbaren Verringerung des Endenergieverbrauchs. Auch deshalb sei die Treffsicherheit politischer Interventionen teilweise nicht gegeben.
  • „Niedertemperatur-ready“ (also ein Haus so zu sanieren, dass die Heizung mit niedrigen Vorlauftemperaturen betrieben werden kann) sei ein wirtschaftlich und klimapolitisch sinnvoller Ansatz für künftige energetische Modernisierungen. Hieraus und aus steigenden Sanierungsraten ergebe sich ein klarer und wichtiger Auftrag für die energetische Sanierung von Wohnungsbeständen.

Zusammenfassend kommt die Studie zu dem Schluss, dass der künftige Fokus des Gesetzgebers auf die tatsächlichen Treibhausgasemissionen von Objekten und Quartieren gerichtet sein sollte. Hierbei sei die Steigerung der Sanierungsrate und für vermietete Mehrfamilienhäuser die Zielvorgabe „Niedertemperatur-Readiness“ beziehungsweise der Effizienzhaus-70-Standard sinnvoll. Die Klimaziele könnten dann zu volkswirtschaftlich optimalen Kosten erreicht werden, wenn verbleibende Verbräuche durch den forcierten Ausbau erneuerbarer Energie abgedeckt würden. Ein „Mix“ aus erneuerbarer Energiebereitstellung und sinnvoller Sanierungstiefe im Sinne einer „Niedertemperatur-Readiness“ sei aus wirtschaftspolitischer Sicht effizienter und auch besser in Bezug auf die Treffsicherheit der politisch angestrebten realen Einsparungen. Weitere Informationen finden Sie auf der Website des GdW und des VDPM.

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zuletzt editiert am 25.11.2021