Zwei Prozent des Gebäudebestands müssten jährlich energetisch saniert werden, um die Klimaziele zu erreichen. Derzeit liegt die Quote nur bei rund einem Prozent. (Quelle: Anke Thomass - stock.adobe.com)

Gebäude + Energie

01. June 2022 | Teilen auf:

Energetisch Modernisieren! Aber mit Augenmaß

Eine vom GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. und dem Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM) in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine weitere Verschärfung der Gebäudestandards den realen Verbrauch in Mehrfamilienhäusern kaum noch senken würde. Möglichst viele Gebäude mit Augenmaß zu modernisieren und den verbleibenden Bedarf mit erneuerbarer Energie zu decken, sei sinnvoller.

„Klimaneutralität vermieteter Mehrfamilienhäuser – aber wie?“ lautet der Titel der Studie von Prof. Sven Bienert MRICS REV, Leiter Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft der International Real Estate Business School, IRE|BS Universität Regensburg, die GdW und VDPM kürzlich vorgelegt haben. Zielsetzung waren praxisgerechte und wirtschaftlich umsetzbare Vorschläge für einen klimaneutralen Gebäudebestand.

Prof. Bienert erklärte anlässlich der Veröffentlichung der Studie, warum eine weitere Verschärfung der Gebäudestandards nicht zielführend sei: „Bei einem gemessenen Endenergieverbrauch von 80 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr ist meistens Schluss. Unter diesen Wert lässt sich im Mietwohnungsbereich der Energieverbrauch in der Praxis selbst mit aufwendigen Maßnahmen bei einer energetischen Bestandsmodernisierung kaum senken, auch wenn die theoretischen Bedarfsberechnungen zu anderen Ergebnissen kommen.“ Deshalb sei es volkswirtschaftlich sinnvoller, möglichst viele Gebäude mit Augenmaß zu modernisieren und den verbleibenden Bedarf mit erneuerbarer Energie zu decken. Ein hochgerüstetes energetisches Modernisieren, auch als „Tiefensanierung“ bezeichnet, mache weder für Gebäudeeigentümer noch für die Bewohner Sinn. „Viel Aufwand bei nur geringem Nutzen“, heißt es in der Studie.

Damit das Umstellen auf erneuerbare Energie funktioniere, müssten die Gebäude mindestens „Niedertemperatur-ready“ sein. Dieser Begriff bedeutet, dass ein Gebäude so ertüchtigt und gedämmt wird, dass es mit einer Niedertemperatur-Heizung auskommt, die ihrerseits mit erneuerbarer Energie betrieben werden kann. Das funktioniert beispielsweise mit Wärmepumpen oder einer Niedertemperatur-Fernheizung. Es sei vielen Immobilienbesitzern gar nicht bewusst, so Christoph Dorn, Vorsitzender des Verbandes für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM), dass eine Umstellung der Heizung ohne eine ausreichend gedämmte Gebäudehülle weder technisch noch wirtschaftlich sinnvoll sei. Strombetriebene Wärmepumpen in ungedämmten Gebäuden verbrauchen ein Vielfaches an Energie und verursachen damit zu hohe Heizkosten.

Wieviel CO2 ein Gebäude emittiert, ist entscheidend

„Ein ordnungspolitisches Vorgehen mit der Brechstange ist nicht die Lösung. Die notwendigen Schritte müssen wirtschaftlich und für alle Beteiligten plausibel sein, damit sie in der Praxis umgesetzt werden können“, so Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW. Entscheidend sei am Ende, wieviel CO2 ein Gebäude in die Atmosphäre emittiere. Die Emissionen sollen nach dem Willen der Bundesregierung spätestens im Jahr 2045 bei null liegen. Das sei bestenfalls zu schaffen, wenn der Endenergieverbrauch in den Wohnungen von heute rund 150 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr im Durchschnitt auf etwa die Hälfte und damit etwa 70 bis 80 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr mit den richtigen Maßnahmen an der Gebäudehülle gesenkt werde. Der dann noch verbleibende Energiebedarf könne mit der richtigen Heiztechnologie und erneuerbarer Energie gedeckt werden.

Die Ergebnisse der vorgelegten Studie entsprechen auch dem Vorgehen, das der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in seinem aktuellen „Klimapfade 2.0“-Wirtschaftsprogramm für Klima und Zukunft vorschlägt. Um die Klimaziele zu erreichen, muss das Verbrauchsniveau in den Wohnungen, um so eine möglichst flächendeckende „Niedertemperatur-Readiness“ zu erreichen.

Verbände fordern realitätsnahe, schnell umsetzbare Konzepte

„Durch den Krieg in der Ukraine hat unsere Studie eine ungewollte Aktualität bekommen, auf die wir gerne verzichtet hätten“, so Gedaschko „Um unabhängiger von Erdgasimporten zu werden, ist ein Zusammenspiel zweier Faktoren notwendig: Der Energieverbrauch im Gebäudesektor muss entscheidend gesenkt und die dann noch benötigte Energie aus erneuerbaren Quellen bezogen werden. Wir brauchen jetzt mehr denn je realitätsnahe, schnell umsetzbare Konzepte statt hochgeschraubter Ideen und technisch überfrachteter Anforderungen, die sich weder Gebäudeeigentümer noch Mieter leisten können.“

„Wir müssen im Gebäudesektor einen Gang zulegen“, betont Dorn. „Wenn Gebäude mit erneuerbarer Energie versorgt werden sollen – und das ist Konsens – müssen sie dafür vorbereitet sein. Anders funktioniert es weder technisch noch vom Energiebedarf her. Eine vernünftig gedämmte Gebäudehülle ist der Türöffner für erneuerbare Energie.“ Weitere Informationen >>>

zuletzt editiert am 01.06.2022