Hitzewellen werden häufiger, länger und intensiver. Schulen schließen früher, Wohnungen überhitzen, Pflegeeinrichtungen geraten an ihre Grenzen. Ein Gespräch mit der Architektin Svenja Binz und dem Bauingenieur Dr. Stefan Haas vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) über die Notwendigkeit, Klimaanpassung als Bauaufgabe zu begreifen.

„Wir haben jahrzehntelang Gebäude für ein Klima gebaut, das es so nicht mehr gibt.“ Stimmen Sie diesem Satz zu?
Stefan Haas: Die Aussage ist zugespitzt, aber sie enthält einen wahren Kern. Tatsächlich verändern sich die klimatischen Rahmenbedingungen, auf die sich Planung und Bau lange gestützt haben. Die sommerlichen Temperaturen steigen seit den 1980er-Jahren deutlich an, zugleich nimmt die Zahl der Hitzetage zu. Während früher vor allem der winterliche Wärmeschutz im Mittelpunkt stand, rückt heute der sommerliche Wärmeschutz immer stärker in den Fokus.
Ein gutes Beispiel sind Fenster. Große, nach Süden ausgerichtete Fensterflächen galten lange als sinnvoll, weil sie im Winter solare Wärmegewinne ermöglichen. Unter den heutigen Bedingungen können genau diese Flächen bei fehlender Verschattung im Sommer zum Problem werden, weil sie Innenräume stark aufheizen. Das zeigt, wie sehr sich die Planungsgrundlagen verschieben.
Wann haben Sie persönlich zum ersten Mal gedacht: Unsere Gebäude sind auf die neue Klimarealität nicht vorbereitet?
Stefan Haas: Das war keine situationsbedingte Erkenntnis, sondern ein schleichender Erkenntnisprozess. Ein Baustein hierzu ist mein Wohnraum: Ich lebe in einem Neubau aus dem Jahr 2016 – mit großen Fensterflächen, ohne außenliegenden Sonnenschutz und mit Innenwänden, die keine thermische Ausgleichsmasse bieten, also keine Kälte oder Wärme speichern können. In den vergangenen Sommern zeigte sich immer öfter, dass die Realität der Hitzebelastung nicht mehr zu den Annahmen passt, die der Planung zugrunde lagen. Das macht deutlich, dass wir unsere Bewertungsmaßstäbe zum sommerlichen Wärmeschutz in Gebäuden anpassen müssen.
Gerade dort, wo Kinder lernen, Kranke behandelt und alte Menschen versorgt werden, fehlen oft wirksame Hitzeschutzmaßnahmen. Wie gut sind Schulen, Kitas, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen insgesamt vorbereitet?
Svenja Binz: Wir können keine bundesweite Bewertung einzelner Gebäudetypen abgeben. Aber man muss kein großes Forschungsprojekt durchführen, um zu erkennen, dass viele Einrichtungen für die zunehmende Hitze nicht optimal aufgestellt sind. Ein großer Teil der Schulen, Kitas, Pflegeheime und Krankenhäuser stammt aus Zeiten, in denen sommerlicher Wärmeschutz eine deutlich geringere Rolle spielte als heute.
Gerade in sogenannten Nachkriegsbauten, aber auch in moderneren Leichtbauweisen kann es ohne ausreichenden Hitzeschutz zu sehr hohen Innenraumtemperaturen kommen. Altbauten schneiden durch ihre hohe thermische Speichermasse trotz ihres Baualters oft gut ab. „Neu“ ist also nicht immer gleich „besser“.
Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler Faktoren: Gibt es Schatten oder sogar einen alten Baumbestand? Können Räume nachts auskühlen? Wie groß sind die Fensterflächen und gibt es einen außenliegenden Sonnenschutz? All das bestimmt am Ende, wie stark sich ein Gebäude aufheizt.
Auch die Gebäudenutzenden spielen hierbei eine wichtige Rolle: Vulnerable oder geschwächte Personen sind oft alleine nicht in der Lage, für eine sinnvolle und ausreichende Lüftung zu sorgen. Daher ist der bauliche Hitzeschutz in diesen Einrichtungen meiner Meinung nach besonders relevant.
Hitze trifft nicht alle Menschen gleichermaßen. Wird sie zu einer neuen sozialen Ungleichheitsfrage?
Stefan Haas: Vieles spricht dafür. Anpassungsmaßnahmen kosten Geld. Klimaanlagen verursachen laufende Betriebskosten. Wohnungen in grünen, gut durchlüfteten Quartieren sind oft besonders begehrt und damit teuer. Gleichzeitig stehen kommunale Wohnungsunternehmen unter Druck, Investitionen gering zu halten, um die Mieten nicht weiter steigen zu lassen. Da kommt der bauliche Hitzeschutz oft zu kurz.
In einer aktuellen Studie zu den Folgen unterlassener Klimaanpassung zeigt sich, dass soziale Ungleichheiten bereits heute sichtbar werden. Einzelne Maßnahmen müssen nicht teuer sein. Aber wer wenig finanzielle Spielräume hat, kann sich gegen Hitze oft schlechter schützen. Deshalb erforschen wir Lösungen, die wirksam, standardisierbar und zugleich wirtschaftlich tragfähig sind.
Der überwiegende Teil des Gebäudebestands, in dem wir 2050 leben werden, steht bereits heute. Wie gut sind Deutschlands Wohnungen auf Hitzewellen vorbereitet?
Stefan Haas: Die Antwort fällt sehr unterschiedlich aus. Manche Gebäude verfügen bereits über günstige Voraussetzungen, andere weisen erhebliche Defizite auf. Entscheidend ist, Hitzeschutz nicht isoliert zu betrachten. Ob sich eine Wohnung stark aufheizt, hängt vom Gebäude selbst, seinem Umfeld und dem Quartier ab.
An besonders heißen Tagen entsteht schnell der Eindruck, ohne Klimaanlagen werde es künftig nicht mehr gehen. Tatsächlich liegt aber weiterhin großes Potenzial in baulichen und städtebaulichen Maßnahmen. Diese Möglichkeiten sollten wir zuerst ausschöpfen.
Welche Maßnahmen wirken wirklich?
Svenja Binz: Grundsätzlich gibt es zahlreiche Stellschrauben zum baulichen Hitzeschutz. Sehr wirkungsvoll sind alle Maßnahmen, die die Hitze gar nicht erst ins Gebäude reinlassen. Zum Beispiel ein angemessener Fensterflächenanteil mit außenliegender Verschattung. Ein guter baulicher oder naturbasierter Hitzeschutz kann den Bedarf an aktiver Kühlung deutlich reduzieren oder sogar überflüssig machen, was auch dem Klimaschutz zugutekommt.
Eine wichtige Einschränkung gilt jedoch für besonders sensible Nutzungen: In Gebäuden wie Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Schulen kann es sinnvoll sein, den baulichen Hitzeschutz bei Bedarf durch technische Kühlung zu ergänzen.

Wenn Kommunen oder Wohnungsunternehmen nur begrenzte Mittel haben: Welche Maßnahmen bringen den größten Effekt?
Stefan Haas: Eine allgemeingültige Rangfolge gibt es nicht. Die Wirksamkeit hängt immer vom konkreten Gebäude und seinem Umfeld ab. Aus Gesprächen mit kommunalen Wohnungsunternehmen wissen wir allerdings, dass Kostendruck häufig ein zentrales Hindernis ist.
Deshalb empfehlen viele Fachleute, Klimaanpassung mit geplanten Sanierungen zu verbinden. Wenn Fassaden oder Fenster ohnehin erneuert werden, lassen sich Hitzeschutzmaßnahmen oft deutlich günstiger integrieren. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, besonders belastete Gebäudeteile zu priorisieren, etwa Süd- und Südwestfassaden oder die obersten Geschosse.
Eigentlich ließe sich Klimaanpassung im Neubau von Anfang an mitdenken. Warum entstehen trotzdem Quartiere, die sich im Sommer stark aufheizen?
Stefan Haas: Weil Hitze nur eines von vielen Planungszielen ist. Gleichzeitig müssen Fragen der Energieeffizienz, der Wirtschaftlichkeit, des Flächenverbrauchs oder der Mobilität berücksichtigt werden. Hinzu kommt, dass extreme Hitze lange als ein Problem weniger Tage im Jahr wahrgenommen wurde.
Heute wissen wir: Erfolgreiche Anpassung entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch das Zusammenspiel von Städtebau, Landschaftsplanung, Gebäudeplanung und Nutzung. So können beispielsweise im Außenraum gebaute Lösungen am Gebäude wie Gründächer mit naturbasierten Ansätzen wie Entsiegelung kombiniert werden. Hier gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten. Und übrigens dienen diese Maßnahmen nicht nur dem Hitzeschutz, sondern gleichzeitig auch der Starkregenvorsorge – ein Argument mehr, einzelne Maßnahmen anzugehen.
Viele Kommunen stehen unter finanziellem Druck. Was kostet klimaangepasstes Bauen und was kostet es, wenn wir nichts tun?
Svenja Binz: Genau diese Frage gewinnt derzeit stark an Bedeutung. Einerseits entstehen Kosten durch die Klimafolgen selbst: etwa durch Belastung des Gesundheitssystems, Produktivitätsverluste oder Gebäudeschäden infolge von Hitze und Trockenheit. Andererseits stehen die Investitionen für Anpassungsmaßnahmen. Solange diese hauptsächlich als zusätzlicher Kostenfaktor gelten, werden sie bei Investitionsentscheidungen oft zurückgestellt. Wird dagegen ihr langfristiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzen berücksichtigt, können sie fester Bestandteil der Planung werden.
Nach aktuellen Untersuchungen bewegen sich die jährlichen Investitionsbedarfe für Klimaanpassungsmaßnahmen im Gebäudesektor – je nach Klimaszenario – im Milliardenbereich. Viele Studien kommen zu dem Ergebnis, dass jeder investierte Euro für Klimaanpassung im Gebäudebereich langfristig ein Mehrfaches an vermiedenen Schäden, eingesparten Energiekosten und gesellschaftlichem Nutzen erzeugen kann.
Gleichzeitig stellt die Transformation hin zur Klimaanpassung im Gebäudebereich und Baugewerbe ein wirtschaftliches Potenzial dar – und ist somit eine große Chance. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob wir investieren, sondern wann.
Oft entscheidet nicht nur das Gebäude selbst, sondern sein Umfeld darüber, wie heiß es wird. Welche Rolle spielen Bäume, Wasser und Grünflächen?
Svenja Binz: Bäume, Wasser- und Grünflächen spielen eine zentrale Rolle für das Stadtklima, weil sie die Umgebung durch Schatten und Verdunstung deutlich abkühlen. Dadurch wird die Aufheizung von Umgebung und Gebäuden reduziert. So kann die Oberfläche einer asphaltierten Straße an einem heißen Tag mehr als 50°C erreichen und damit 10-20°C heißer sein als eine Grünfläche.
Deutschland diskutiert viel über Klimaschutz, deutlich weniger aber über Klimaanpassung. Ist Hitzeschutz noch immer ein blinder Fleck der Politik?
Stefan Haas: Das würde ich so nicht sagen. Das Thema hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Der Bund arbeitet kontinuierlich an der Deutschen Anpassungsstrategie und hat mit dem Klimaanpassungsgesetz einen wichtigen Rahmen geschaffen. Zudem existieren Förderprogramme für Einzelmaßnahmen und zur Beratung bei der Erstellung von Klimaanpassungskonzepten.
Im Baubereich geht es inzwischen zunehmend darum, messbare Ziele zu entwickeln. Künftig soll beispielsweise besser nachvollziehbar werden, wie viele Flächen entsiegelt oder begrünt wurden und welche Wirkung solche Maßnahmen entfalten.
Sie besuchen viele Gebäude und Quartiere. Wo sehen Sie Beispiele für eine hitzeresiliente Zukunft?
Stefan Haas: Es gibt inzwischen zahlreiche Kommunen, die sich auf den Weg gemacht haben, Hitzevorsorge mitzudenken. Spannend sind Projekte, die Wasser, Grün und Stadtentwicklung gemeinsam betrachten. In Potsdam etwa wird im Quartier „Am Schlaatz“ daran gearbeitet, Flächen zu entsiegeln und Regenwasser von Gebäuden gezielt für die Vegetation zu nutzen. Das verbessert das Mikroklima und wirkt sich mittelbar auch auf die Gebäude aus.
Interessant sind aber auch Beispiele, die zeigen, was nicht funktioniert. So wurden in der nahen Vergangenheit öffentliche Plätze oft falsch geplant: beispielsweise wurden dunkle Bodenplatten verbaut oder keine verschattenden Bäume gepflanzt. Solche Erfahrungen sind wichtig, weil sie helfen, zukünftige Fehler zu vermeiden.
Wenn wir uns in zehn Jahren fragen, ob Deutschland die Herausforderung der zunehmenden Hitze bewältigt hat – woran würden Sie Erfolg erkennen?
Svenja Binz: Daran, dass der Sommer in der Stadt heiß sein darf, aber nicht mehr zur Belastungsprobe oder Krisensituation wird. Wohnungen bleiben auch bei hohen Temperaturen weitgehend behaglich. Die Infrastruktur bleibt funktionstüchtig. Im öffentlichen Raum sorgen Bäume, Grün- und Wasserflächen für spürbar niedrigere Temperaturen und eine bessere Aufenthaltsqualität.
Hitzeschutz berücksichtigt dabei alle Menschen – insbesondere auch diejenigen ohne eigenen Rückzugsort oder mit eingeschränkten Schutzmöglichkeiten, etwa obdachlose Menschen. Der öffentliche Raum erfüllt so eine Gemeinwohlfunktion mit kühlen, frei zugänglichen Orten, Trinkwasserangeboten und schattigen, konsumfreien Aufenthaltsflächen.
Vor allem aber würden wir Erfolg daran erkennen, dass Hitzeschutz in der Bau- und Planungspraxis so selbstverständlich geworden ist wie heute der Wärmeschutz im Winter. Die Frage ist nicht mehr, ob wir uns anpassen müssen, sondern wie schnell wir es schaffen.