Eine Gruppe von Menschen steht vor einem orangefarbenen Hintergrund mit dem Logo "RAL".
V.l.n.r.: Speaker:innen und Podium des RAL Forums: Thomas Meißner, RA Doris Möller, Sören Steger, Prof. Dr.-Ing. Sabine Flamme, Robert Jahn, RA Rüdiger Wollmann, Helmut Wiesner, Sven Fischer, Dr. Anna Braune (Quelle: alle freiheit Werbeagentur)

Gebäude + Energie 2024-11-14T07:30:00Z Bestandserhalt vor Neubau

Am 29. Oktober fand das RAL Forum „Nachhaltiges Bauen“ statt. Knapp 100 Teilnehmende online und vor Ort in Bonn folgten den Vorträgen und Diskussionen rund um das Thema Nachhaltigkeit im Bauwesen.

„Wir haben einige Herausforderungen im Baubereich – und ich habe die Herausforderung, Ihnen dieses komplexe Thema in 20 Minuten nahezubringen“, so Prof. Dr.-Ing. Sabine Flamme, die nach der offiziellen Begrüßung durch RAL-Präsidentin Doris Möller und Moderator Sven Fischer als erste Rednerin der Veranstaltung das Podium betrat. Sie setzte sich zunächst mit dem Status quo auseinander und ging auf die besonderen Herausforderungen des ressourcenschonenden Bauens ein: 63 Prozent des Ressourcenverbrauchs in Deutschland seien dem Bauwesen mit Hoch- und Tiefbau zuzuschreiben. Schon das Drehen an kleinen Stellschrauben habe einen hohen Impact auf unsere Umwelt, so Prof. Dr.-Ing. Flamme. Nichts spare mehr CO2 ein, als Materialen länger zu nutzen. Konkret bedeute dies, dass im Sinne des nachhaltigen Bauens Bestandserhalt vor Neubau kommen sollte. 

Den Bestand effektiver nutzen – dieser Forderung schloss sich Sören Steger, Senior Researcher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie an. Es gibt kaum Daten zu den Stoffen und Stoffmengen, die im Bestand stecken. Steger stellte in seinem Vortrag das Wohngebäudebestandsmodell des Wuppertal Instituts vor, das die im Bestand gespeicherten Ressourcen sichtbar machen will. Das Modell befindet sich noch in der Entwicklung. Für den Wohngebäudebestand in NRW zeigt es aber auf, dass ca. 4,4 Mrd. Tonnen Mineralik, Metall, Holz, Dämmstoffe etc. im Bestand gespeichert sind. 

Anschließend beleuchtete Robert Jahn von der TU Dresden die Nachhaltigkeit des 3D-Drucks von Gebäuden. Die Vorteile umfassen Materialeffizienz, einen verringerten Transportaufwand und einen Berufsfeldwandel weg von gefährlichen und hin zu mehr anspruchsvollen Berufen im Bausektor. Jahn gab aber zu bedenken, dass die Bauweise noch in ihren Kinderschuhen steckt und das Ergebnis, insbesondere im Freien, qualitativen Schwankungen unterliegt. 

„Das Bauen muss sich ändern.“ 

„Wir verlassen den Bereich, in dem ein friedliches, risikofreies Leben auf unserem Planeten möglich ist“, befand Dr. Anna Braune, Mitinitiatorin und Mitgründerin der DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen). „Die Lebensdauer von Gebäuden liegt teils zwischen 30–50 Jahren. Das ist Wahnsinn – das Bauen muss sich ändern.“ Auch die DGNB setzt auf eine Bauwende mit Fokus auf den Bestand. Bestehende Gebäude nachhaltig zu modernisieren, sinnvoll zu nutzen und Neubau ergänzend und maßvoll einzusetzen – das sollte der Weg der Zukunft sein. „Man kann zwei Häuser sanieren und erzeugt damit den gleichen CO2-Ausstoß wie ein Neubau“, so Dr. Braune. 

Hauptgeschäftsführer RA Rüdiger Wollmann schlug anschließend die Brücke vom nachhaltigen Bauen hin zu RAL-Gütezeichen: „RAL-Gütezeichen gibt es seit knapp 100 Jahren und sie haben sich in dieser Zeit immer wieder angepasst. Jetzt müssen sie sich an die neuen Herausforderungen im Bauwesen anpassen und an der Transformation mitwirken“, so Wollmann. 

Erfolgsmodell Serielle Sanierung 

In der folgenden Panel-Diskussion gesellen sich Helmut Wiesner, Stadtbaurat und Dezernent für Planung, Umwelt und Verkehr der Bundesstadt Bonn, und Thomas Meißner, Vorstandsmitglied der Wohnungsgenossenschaft am Vorgebirgspark, zu den Vortragenden. Die Wohnungsgenossenschaft hat kürzlich in einem Pilotprojekt mit der dena (Deutsche Energie-Agentur) bestehende Genossenschaftswohnungen seriell nach dem aus den Niederlanden kommenden Energiesprong-Prinzip saniert. Durch die Sanierung wurden nicht nur die Energiekosten für die Bewohner:innen signifikant gesenkt, die Gebäude haben auch das zweite Jahr in Folge mehr Energie generiert als verbraucht wurde. 

Aus dem Publikum kam die Frage, ob alternativ zum Neubau nicht auch das Aufstocken von Bestandsgebäuden eine nachhaltige Lösung wäre. Helmut Wiesner beantwortete sie mit einem Bericht über ein Bonner Projekt, in dem so vorgegangen werden sollte – und das auf massiven Widerstand in der Bevölkerung stieß. „Wenn Sie das, was auf großer Flughöhe alle verstehen, vor die eigene Haustür bringen wollen, sind wir leider oft in der Steinzeit“, so Wiesner.  

Prof. Dr.-Ing. Flamme hatte aber auch Positives zu berichten. Sie mache immer häufiger die Erfahrung mit öffentlichen Auftraggebern, dass nicht mehr nur konventionell gedacht wird. Kürzlich seien bei einem Projekt Fenster und Fassade nicht komplett neu gemacht, sondern bei den an sich guten Fenstern nur die Scheiben ausgetauscht worden. Die Ziegel der Fassade wurden abgenommen, gereinigt und wieder angebracht. Der Aufwand lohnte sich gleich doppelt – die umweltfreundliche Lösung stellte sich nämlich auch als die kostengünstigste heraus. Weitere Informationen >>>

zuletzt editiert am 14. November 2024
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