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Abb. 1: In einem Verwaltungsgebäude wurden eine weiße asbesthaltige Spachtelmasse und grauer asbesthaltiger Fliesenkleber auf einer Betonoberfläche entdeckt. (Abb.: Dr. Bernd Sedat)

Schadstoffe

14. October 2016 | Teilen auf:

B+B-Fachartikel: Unerkannte Gefahren

Asbesthaltige bauchemische Produkte bleiben in der Baupraxis häufig unerkannt und werden nicht beachtet. Dabei gehen Sanierungsexperten und Asbestsachverständige davon aus, dass etwa in einem Viertel der Gebäude in den alten deutschen Bundesländern mit einem Baujahr vor 1995 asbesthaltige Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber in unterschiedlichem Umfang vorhanden sind. Da sich diese Produkte überwiegend nicht eindeutig anhand ihrer Materialstruktur erkennen lassen und in der Regel verdeckt eingebaut sind, müssen Such- und Findestrategien angewendet werden, mit denen ein sicherer Nachweis oder Ausschluss einer potenziellen Asbestbelastung möglich ist. Eine zielgerichtete, repräsentative Entnahme von Materialproben ist nur nach einem intensiven Studium der Gebäudekonstruktion (Bauteilkonstruktion) erfolgreich, und die eingesetzten Analyseverfahren müssen in der Lage sein, Asbest in Konzentrationen von deutlich unter 0,1 Gewichtsprozent nachzuweisen, da auch bei so geringen Gehalten bei intensiver mechanischer Bearbeitung hohe Asbestfaserkonzentrationen entstehen können. 

Asbestbedingte Berufsneuerkrankungen sind entgegen früheren Prognosen nicht rückläufig, sondern stagnieren weiterhin auf hohem Niveau. Das zeigt, dass Gefährdungen durch unerkannte Asbestverwendungen bei Bau- und Instandhaltungsarbeiten in baulichen und technischen Anlagen weiterhin unterschätzt werden. Asbestsanierungen sind daher auch in Zukunft von besonderer Bedeutung für den gefahrlosen Betrieb und den umweltgerechten Rückbau von baulichen und technischen Anlagen.

Die Notwendigkeit von Asbestsanierungen ergibt sich aus den Anforderungen der Landesbauordnungen: „Bauliche Anlagen sowie Grundstücke, andere Anlagen und Einrichtungen im Sinne von § 1 Abs. 1 Satz 2 sind so anzuordnen und zu errichten, dass die öffentliche Sicherheit oder Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit oder die natürlichen Lebensgrundlagen, nicht bedroht werden und dass sie ihrem Zweck entsprechend ohne Missstände benutzbar sind. Für den Abbruch baulicher Anlagen gilt dies entsprechend.“ [1] Auf dieser Grundlage und korrespondierenden Vorschriften des Chemikalienrechtes (Gefahrstoffverordnung [2], TRGS 519 [3]) wurde vor circa 25 Jahren in allen Bundesländern eine Richtlinie für die Bewertung und Sanierung schwach gebundener Asbestprodukte in Gebäuden („Asbest-Richtlinie“) [4] als technische Baubestimmung eingeführt. In der Asbest-Richtlinie fanden nur schwach gebundene Asbestprodukte Berücksichtigung, also Asbestprodukte mit einer Rohdichte unter 1.000 kg/m³ wie Spritzasbest, asbesthaltige Leichtbauplatten etc. Deshalb wurden weitere, in Gebäuden verbaute Asbestanwendungen nicht mehr konsequent erfasst und oft nicht im gebotenen Umfang vor einem Eingriff in die Gebäudesubstanz entfernt.

Abb. 2: Die Ansicht zeigt, dass die asbesthaltigen Spachtelmassen an Stößen der Gipskartonplatten sowie umlaufend zu angrenzenden Bauteilen verarbeitet wurden. (Abb.: Dr. Bernd Sedat)

Bauchemische Asbestprodukte kommen in relevanter Menge vor

Zu diesen in der Baupraxis häufig unerkannten und unbeachteten Bauprodukten gehören asbesthaltige bauchemische Produkte. Nach einer Veröffentlichung des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 1978 stellten 1975 bauchemische und sonstige Asbestprodukte nach den Asbestzementprodukten (1.000.000 t) die zweithäufigste Produktgruppe beim Asbestverbrauch in der Bundesrepublik Deutschland dar. Mit einer Produktionsmenge von 200.000 t lagen bauchemische und sonstige Asbestprodukte deutlich vor den Produktionszahlen für Asbestpappen (6.000 t) und Spritzasbest (1.000 t).

Im Gegensatz zu den in Gebäuden üblichen Einsatzbereichen von schwach gebundenen Asbestprodukten für den Brand-, Schall- und Wärmeschutz wurden bauchemische Asbestprodukte in der Regel in großen Flächen auf Bauteiloberflächen für Dekor-, Schutz- und Abdichtungszwecke aufgebracht. Daneben wurden sie auch als Reparatur- und Ausbesserungsmaterialien verwendet. Innerhalb der Gruppe der bauchemischen Asbestprodukte sind asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber aufgrund ihres Einsatzes im Innenbereich von besonderer Bedeutung.

Von der Schweizer Unfallversicherungsanstalt (SUVA) wurde bei einem Feldversuch im Jahr 2012 festgestellt, dass bei der Bearbeitung von asbesthaltigen Fliesenklebern selbst bei Gehalten an Asbest unter 0,1 Prozent erhebliche Mengen an Asbestfasern freigesetzt werden. Das heißt, dass die Handwerker bei ungeschützten Arbeiten wie dem Anbohren von Fliesenspiegeln, Abstemmen von Fliesenspiegeln und Fräsen von Fliesenklebern durch solche Asbestprodukte gefährdet sind. Aber auch Dritte können gefährdet werden, die sich in den Arbeitsbereichen aufhalten

Abb. 3: Acht Materialschichten wurden im Laufe der Zeit auf einem Grundputz aufgetragen. Eine 0,5 Millimeter dicke Schicht davon ist asbesthaltig. (Abb.: Dr. Bernd Sedat)

oder nach den Arbeiten die ungereinigten Räume nutzen.

Die Untersuchungsergebnisse der SUVA wurden vom GVSS Gesamtverband Schadstoffsanierung e.V. zum Anlass genommen, die in Deutschland verfügbaren Erkenntnisse über flächige Asbestverwendungen zusammenzutragen. Im Mai 2015 stellte der GVSS die Arbeitsergebnisse Vertretern von Behörden und Verbänden vor, und im Juni 2015 erschien eine Zusammenfassung der Ergebnisse in einer gemeinsamen Veröffentlichung der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik und des GVSS. Unter dem Titel „Asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber in Gebäuden – Diskussionspapier zu Erkundung, Bewertung und Sanierung“ [5] werden die Erkundung, Bewertung und Sanierung dieser Bauprodukte erstmals umfassend dargestellt.

Nach empirischen Untersuchungen sowie vorsichtigen Hochrechnungen gehen die Autoren des VDI/GVSS-Diskussionspapiers davon aus, dass bei bis zu einem Viertel der Gebäude in den alten deutschen Bundesländern mit einem Baujahr vor 1995 asbesthaltige Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber in unterschiedlichem Umfang vorhanden sind.

Mit Asbest die Produkteigenschaften verbessert

In bauchemischen Produkten wurde Asbest zugesetzt, um die Produkteigenschaften zu verbessern. Spachtelmassen sollten zum Beispiel durch die Asbestfaserarmierung „rissüberbrückende“ Eigenschaften erhalten und als Glättspachtel „bis auf 0“ ausgezogen werden können. Fliesenkleber sollten durch Veränderungen der Kleber-Thixotropie die Fliesenverlegung auf Wänden vereinfachen. Dabei wurden zum Teil nur relativ geringe Asbestmengen von 0,5 Prozent und weniger bis maximal 10 Prozent zugesetzt. Asbest wurde hierbei werksseitig als Asbeststaub zugefügt, zum Teil aber auch über Zuschlagstoffe wie asbesthaltiges Talkum eingeschleppt.

Abb. 4: Dieses Beispiel veranschaulicht, dass bauchemische asbesthaltige Produkte homogen und inhomogen eingesetzt wurden. Die Verteilung der weißen asbesthaltigen Spachtelmassen auf Betonoberflächen reicht von der vollflächigen Spachtelung der Außenwandinnenseite über die linienförmige Spachtelmasse an Schalungsstößen bis hin zur fleckenförmigen Spachtelung an Fehlstellen der Wände.

Von vielen Schichten können manche asbesthaltig sein

Typische Anwendungsbeispiele für asbesthaltige Putze, Spachtelmassen, und Fliesenkleber sind in den Abbildungen 1 und 2 dargestellt. Im Aufbau von Wandoberflächen spiegelt sich häufig die Instandhaltungs- und Modernisierungsgeschichte der Gebäude wider. Auf dem Grundputz eines Mauerwerks finden sich oft zahlreiche Schichten aus verschiedenen Wandfarben, Dünnputzen und Spachtelmassen übereinander. Eine oder mehrere dieser Schichten können asbesthaltig sein.

Beim Erkunden Such- und Findestrategien anwenden

Bisher zielte die Erkundung und Bewertung von schwach gebundenen Asbestprodukten nach den Asbest-Richtlinien der Bundesländer darauf ab, die Gefährdung für den Nutzer eines Gebäudes beim Vorhandensein von verbauten Asbestprodukten mit einer Rohdichte unter 1.000 kg/m³ abzuschätzen. Wesentlicher Bestandteil der Risikoabschätzung ist es, die Sanierungsdringlichkeit eines Asbestproduktes festzustellen, und zwar anhand der Kriterien Art der Asbestverwendung, Asbestart, Struktur und Oberfläche sowie Oberflächenzustand. Man nahm an, dass Asbestprodukte mit einer geringen Rohdichte auch schon bei laufendem Gebäudebetrieb unter bestimmten Randbedingungen Asbestfasern freisetzen können, die danach die Nutzer eines Gebäudes gefährden könnten. Die Frage nach der Möglichkeit der Gefährdung der Handwerker bei der Bearbeitung von Asbestprodukten spielt bei der Bewertung von schwach gebundenen Asbestprodukten nach den Asbest-Richtlinien keine Rolle.

Bauchemische Asbestprodukte lassen sich überwiegend nicht so eindeutig anhand ihrer Materialstruktur erkennen, da sie in der Regel verdeckt eingebaut sind. Sie liegen zum Beispiel hinter Fliesenspiegeln, sind durch eine Tapete überdeckt oder überstrichen. Selbst bei freiliegenden Produkten sind die Asbestfasern nicht makroskopisch zu erkennen, da sie zu klein sind. Daher müssen Such- und Findestrategien angewendet werden, mit denen ein sicherer Nachweis oder Ausschluss einer potenziellen Asbestbelastung möglich ist. Dieser heuristische Lösungsansatz wird in der gemeinsamen Veröffentlichung des VDI und GVSS beschrieben. Ausgangspunkt sind die Motivationen für die Untersuchung und die Fragestellung, wie homogen oder inhomogen die potenziellen Asbestanwendungen vorliegen. Typische Verdachtsflächen und Fundstellen werden für die Probenahme definiert.

Die Motivation bedingt Untersuchungsstrategie und -grenzen

Gebäude auf Asbest und im Besonderen auf bauchemische Asbestprodukte zu untersuchen, kann unterschiedlich motiviert sein. Hierfür vier Beispiele:

Motivation 1: Der Eigentümer einer Immobilie kommt seinen gesetzlichen Pflichten gemäß Baurecht nach und lässt eine Asbestuntersuchung unter dem Gesichtspunkt Betrieb beziehungsweise Nutzung durchführen.

Motivation 2: In einem Gebäude sind Instandhaltungs- oder genehmigungspflichtige Umbaumaßnahmen geplant. Durch Asbestuntersuchungen sollen die Risiken in der Baudurchführung bewertet werden, um einen ungestörten Bauablauf sicherzustellen. Die Belange des Nutzer- und Arbeitsschutzes sowie des Abfallrechtes sind zu berücksichtigen.

Motivation 3: Eine Immobilie soll rückgebaut werden. Die Asbestuntersuchung sowie die Erstellung eines Rückbau- und Entsorgungskonzepts ist erforderlich und wird zum Bestandteil des Abbruchantrags. Die Belange des Anwohner- und Arbeitsschutzes sowie des Abfallrechts sind zu berücksichtigen.

Motivation 4: Das Gebäude soll im Rahmen einer Objektbewertung oder Due Diligence-Prüfung auf asbestbedingte Risiken untersucht werden. Die erforderlichen Asbestsanierungskosten sollen ermittelt werden und als Grundlage für eine technisch-wirtschaftliche Objektbewertung dienen. Die Belange des Bau-, Gefahrstoff- und Abfallrechts sind zu berücksichtigen.

Die Beispiele sollen verdeutlichen, dass aus dem Anlass für eine Asbestuntersuchung unterschiedliche Strategien, Methoden und Verfahren resultieren können, um eine Immobilie zu prüfen. Insofern sind anlassbezogene Asbestuntersuchungen per se nicht universell für alle Fragestellungen ausgelegt und oft unvollständig.

Für die genannten Ausprägungen von Asbestuntersuchungen gibt es noch keine geregelten Mindestanforderungen an die Durchführung und Datenerhebung. Deshalb sind die Untersuchungsergebnisse sowie die Einschränkungen der Befundung vom untersuchenden Schadstoffsachverständigen ausführlich zu beschreiben und nachvollziehbar zu dokumentieren. Die VDI/GVSS 6202 Blatt 1 [6] gibt wertvolle Hinweise, wie die Untersuchung von schadstoffbelasteten baulichen und technischen Anlagen strukturiert werden kann.

Untersuchungsstrategie anhand der Gebäudekonstruktion festlegen

Die VDI 6202 Blatt 1 enthält eher allgemeine Vorgaben für die Untersuchung von Gebäuden. Das VDI/GVSS-Diskus­sionspapier konkretisiert die beschriebene Vorgehensweise für asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber mit dem Ziel, dass bei der Asbestuntersuchung eine möglichst hohe Sicherheit für einen positiven Asbestnachweis oder einen Asbestausschluss erreicht wird. Eine entscheidende Rolle spielt dabei festzustellen, wie homogen die Fundstellen von asbesthaltigen Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern vorliegen. Da Asbestprodukte oft verdeckt eingebaut sind und makroskopisch nicht erkannt werden können, müssen die Verdachtsstellen mit der höchsten Trefferwahrscheinlichkeit für Asbest durch Materialproben überprüft werden. Abbildung 4 zeigt zum Beispiel Wand- und Deckenoberflächen mit weißen asbesthaltigen Spachtelmassen, die erst nach Entfernen der Tapeten in ihrer systematischen Anwendung erkennbar wurden. Hier zeigte sich, dass bei ebenen Ortbetonwänden, einem sogenannten „Tapezierbeton“, regelmäßig Decken- und Wand-Ixel sowie die Fugen der ehemaligen Schaltafeln gespachtelt sind, sowie – wie im vorliegenden Fall – die vorgehängte Fassadenplatte.

Für eine zielgerichtete Probenentnahme müssen daher bei Kenntnis der Bauweise Proben in den Ixeln und an den Fassadenplatten genommen werden. Genauso wird in Abbildung 2 deutlich, dass bei Gipskartonwänden die Stöße regelmäßig gespachtelt wurden. Zufallsverteilte Proben in den Flächen würden in beiden Fällen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zum richtigen Ergebnis führen.

Die zielgerichtete, repräsentative Entnahme von Materialproben ist daher nur mit der Kenntnis von Konstruktion und der Fertigungsweise der Bauteile erfolgreich. Das Beschaffen und Umsetzen dieser Daten sind unerlässlich, um definieren zu können, wie wahrscheinlich an welchen Stellen homogene oder inhomogene Asbestverwendungen vorliegen können. Die Zahl der zur Beurteilung notwendigen Stichproben kann so gering gehalten werden.

An die Repräsentativität dieser Stichproben, das heißt die richtige Auswahl der Probenentnahmeorte und Festlegung des Probenentnahmeumfangs werden daher größere Anforderungen gestellt, als sie üblicherweise für die Suche nach schwach gebundenen Asbestprodukten notwendig gewesen sind. Nur mit einem umfassenden Vorwissen kann man daher auf eine repräsentative Auswahl vertrauen (vertrauensbasierte Stichprobe nach Konventionsverfahren). Gelingt es nicht, sich ein ausreichendes Vorwissen zu erarbeiten, müssen Stichproben nach rein statistischen Verfahren entnommen werden (nicht vertrauensbasierte Stichprobe). Die Zahl der notwendigen Materialproben ist dann ungleich höher, wie die Tabellen 1 und 2 im Vergleich zeigen (Tabellen nur im Originalartikel verfügbar). Im VDI/GVSS-Diskussionspapier werden ausführlich die Grundlagen behandelt, um die Untersuchungsstrategien festzulegen.

Analytik muss geringe Konzentrationen nachweisen können

Um die Materialproben bauchemischer Produkte auf Asbest zu untersuchen, müssen die Analyseverfahren in der Lage ein, Asbest in Konzentrationen von deutlich unter 0,1 Gewichtsprozent nachzuweisen. Eine Nachweisgrenze von einem Prozent, wie sie die bisherige übliche Standard-Asbestanalyse ohne vorherige Probenaufbereitung aufweist, ist unzureichend, da im Regelfall ein vielschichtiger Aufbau im Querschnitt beprobt wird und auch bei einem durchaus sinnvollen Einsatz von Mischproben weitere Verdünnungseffekte auftreten. Entsprechende Hinweise zur Analyse von Einzel- oder Mischproben sowie die geeigneten Analyseverfahren werden im VDI/GVSS-Diskussionspapier beschrieben.

Sanierungsbedarf entsteht in der Regel erst bei Bauarbeiten

Asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber gefährden Gebäudenutzer bei normalem Betrieb in der Regel nicht. Sanierungsbedarf ergibt sich erst, wenn Renovierungs-, Modernisierungs-, Restaurierungs-, Instandhaltungs- und Abbrucharbeiten anstehen. Eine Strategie zur Auswahl geeigneter Sanierungstechniken und -verfahren sowie zur Festlegung der Sanierungsqualitäten findet sich ebenfalls im VDI/GVSS-Diskussionspapier.

Aktueller Diskussionsstand

Mit dem VDI/GVSS-Diskussionspapier wurde eine weitreichende Diskussion in Fachkreisen, zuständigen Behörden sowie betroffenen Handwerksorganisationen angestoßen, die noch nicht abgeschlossen ist. Aus dem Protokoll der 111. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 17.06.2015 ist zu entnehmen, dass sich die Bundesregierung derzeit intensiv mit den bislang weniger bekannten Asbestexpositionen bei Arbeiten in bestehenden Gebäuden im Zusammenhang mit asbesthaltigen Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern befasst. Die Bundesregierung bestätigt hierzu weiterhin, dass eine akute Gefährdung von Mensch und Umwelt von diesen Bauprodukten in der Regel nur bei unsachgemäßer Bearbeitung ausgeht, durch die asbesthaltige Stäube freigesetzt werden können.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) lässt derzeit Praxishilfen für Bauherren und Handwerksbetriebe erstellen, die über Art und Umfang der Asbestbelastungen, die daraus resultierenden Gefährdungen und notwendige Schutzmaßnahmen aufklären. Denn auch nach rund 30 Jahren Schadstoffsanierung von baulichen und technischen Anlagen sind viele Fragen der Sanierungspraxis noch unbeantwortet. Durch die Erkenntnis, dass asbesthaltige bauchemische Produkte bei der Bearbeitung Nutzer und Handwerker gefährden können und dass diese Bauprodukte sehr weit verbreitet sind, werden viele Regelungen, Richtlinien und Methoden zurzeit neu diskutiert. Die Diskussion betrifft vor allem folgende Fragestellungen:

Wie gelingt es, alle Eigentümer, Verwalter oder Verfügungsberechtigte von Immobilien zu bewegen, die gesetzlich begründeten Asbestuntersuchungen in Gebäuden durchführen zu lassen, um die notwendigen Präventionsmaßnahmen zur Gefahrenabwehr ergreifen zu können?

Wie gelingt es, Bauplaner sowie Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinatoren fachlich einzubinden, sodass sie regelmäßig Asbestthemen beachten und das Gesundheitsrisiko für alle am Bauprojekt Beteiligten minimieren?

Bei welchen Tätigkeiten an den Asbestprodukten reichen staubarme Arbeitsverfahren allein nicht aus, um einen ausreichenden Schutz vor gesundheitsgefährdenden Asbestexpositionen sicherzustellen?

Welche Asbestexpositionen treten bei diesen Tätigkeiten auf, und welche Schutzmaßnahmen zur Gefahrenabwehr für Mensch und Umwelt sind zu ergreifen, zum Beispiel bei Renovierungsarbeiten in genutzten Wohn­ungen?

Bei welchen Tätigkeiten kann der bisher für Arbeiten an Asbestprodukten festgelegte Schutzumfang angemessen gesenkt werden, ohne dass die Handwerker und Dritte gefährdet werden?

Mit welchen Mess- und Untersuchungsverfahren können staubende Tätigkeiten an Asbestprodukten einfach und effizient auf Asbestfaserfreisetzung überprüft und überwacht werden?

Können die Anwendungszeiträume der asbesthaltigen bauchemischen Produkte stärker eingegrenzt werden, um schneller Gebäude von einem generellen Asbestverdacht zu entlasten?

Wie kann die Asbestfreiheit eines Gebäudes vor seinem Rückbau aus abfallrechtlicher Sicht hergestellt werden und können hierbei für verdeckt eingebaute asbesthaltige bauchemische Asbestprodukte Geringfügigkeitsgrenzen rechtskonform eingeführt werden?

Wird die geplante Novellierung der Gefahrstoff-Verordnung 2016 das Problem asbesthaltiger bauchemischer Produkte angemessen berücksichtigen und etablierte risikobezogene Schutzkonzepte für Asbest fortschreiben?

Es bleibt zu wünschen, dass zur Problemlösung eine abgestimmte Vorgehensweise der betroffenen Interessengruppen organisiert wird, um das Ziel eines umfassenden Schutzes der betroffenen Bauhandwerker und Gebäudenutzer zu erreichen.  

Hier steht das VDI/GVSS-Diskussionspapier zum Download zur Verfügung.

Autoren:  Dr. Bernd Sedat, Dr. Alexander Berg, Hans-Dieter Bossemeyer, Stephan Dolata, Olaf Dünger, Christoph Hohlweck, Martin Kessel, Dr. Jürgen Kisskalt, Reiner König, Dr. Uwe Koop, Petra Pohling, Dr. Konrad Schwellnus, Dr. Gerd Zwiener

Dieser Beitrag ist ein Artikel aus B+B BAUEN IM BESTAND, Ausgabe 1-2016. Abonnenten steht der Artikel in unserem Fachbeiträge-Archiv mit allen Bilden und Tabellen zur Verfügung.

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Literatur:

[1] Landesbauordnung Baden-Württemberg (LBO BW) § 3
[2] Verordnung zum Schutz vor Gefahrstoffen (Gefahrstoffverordnung – GefStoffV), zuletzt geändert 3. Februar 2015 (Download unter www.baua.de/de/Themen-von-A-Z/Gefahrstoffe/Rechtstexte/pdf/Gefahrstoffverordnung.pdf?__blob=publicationFile&v=14)
[3] TRGS 519 Technische Regeln für Gefahrstoffe – Asbest. Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten, Ausgabe: Januar 2014 (Download unter www.baua.de/cae/servlet/contentblob/665968/publicationFile/47882/TRGS-519.pdf
[4] Richtlinie für die Bewertung und Sanierung schwach gebundener Asbestprodukte in Gebäuden (Asbest-Richtlinie) (Download zum Beispiel unter www.gaa.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/16493/6_2.pdf)
[5] Asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber in Gebäuden. Diskussionspapier zu Erkundung, Bewertung und Sanierung, Juni 2015
[6] VDI/GVSS 6202 Blatt 1 Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten, Düsseldorf 10/2013

zuletzt editiert am 09.04.2021