Schwarzmeerhaus
Typisches Schwarzmeerhaus: Das Ethnografische Museum in der Altstadt des bulgarischen Nessebar wird in den kommenden zwei Jahren vom Projektteam saniert. (Abb.: Ethnografisches Museum Nessebar)

Gebäude + Energie

14. January 2021 | Teilen auf:

Alleskönner Rohrkolben - eine Sumpfpflanze im Klimaschutzeinsatz

Der Rohrkolben ist eine unscheinbare Sumpfpflanze – mit erstaunlichen Eigenschaften, die für den Klima-, Moor-, Hochwasser- und Gewässerschutz genutzt werden können. In einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) fachlich und finanziell geförderten Projekt sollen im bulgarischen Nessebar am Schwarzen Meer nun denkmalgeschützte Holzhäuser mit Dämmplatten aus Rohrkolben saniert werden.

Durch das Projekt könnten Moor- und Denkmalschutz sowie die regionale Landwirtschaft unter einen Hut gebracht werden. Die traditionellen, denkmalgeschützten Holzgebäude in Nessebar befinden sich überwiegend in Privateigentum und es fehlt sowohl an Wissen als auch an den finanziellen Mitteln für die Sanierung. Das DBU Projekt soll diese Lücke schließen. Der Grund für die Wahl von Rohrkolben: Sie gelten als Multitalent für Klima-, Moor-, Hochwasser- und Gewässerschutz. Die Wasser- und Sumpfpflanzen, wachsen in Feuchtgebieten und Mooren, die als Kohlenstoffsenke wichtig für den Klimaschutz sind und sogar bis zu fünfmal mehr Kohlenstoff speichern als Wälder.

Allerdings wurden allein in Deutschland bereits mehr als 90 Prozent der Moorflächen durch menschliche Eingriffe entwässert, um sie nutzbar zu machen. Eine der Folgen: Der gespeicherte Kohlenstoff verwandelt sich in Kohlenstoffdioxid, entweicht gemeinsam mit dem noch klimaschädlicheren Lachgas in die Atmosphäre und trägt dort erheblich zur Erderwärmung bei. Laut Umweltbundesamt emittierten zerstörte Böden von Mooren und Wäldern in Deutschland im Jahr 2013 Treibhausgase mit einer Klimawirkung von etwa 45 Millionen Tonnen CO2. Dabei können Niedermoore kommerziell nachhaltig genutzt werden, ohne sie zu entwässern.

Rohrkolben gelten als Multitalent für Klima-, Moor-, Hochwasser- und Gewässerschutz. (Abb.: Gerd Röder/Piclease)

Nasse Bewirtschaftung mit dem Multitalent Rohrkolben ist nachhaltig
„Nasse Bewirtschaftung mit Rohrkolbenanbau ist die nachhaltige Lösung, wenn Moorschutz mit Landwirtschaft unter einen Hut gebracht werden soll“, sagt Alexander Bonde, Generalsekretär der DBU. Die Technische Universität München hat in einem früheren von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt fachlich und finanziell geförderten Projekt Anfang der 2000er-Jahre im sogenannten Donaumoos nahe Ingolstadt, Süddeutschlands größtem geschlossenen Niedermoorgebiet, nachgewiesen, dass eine nasse Bewirtschaftung mit Rohrkolbenanbau nachhaltig ist: Der Anbau lohnt sich zum einen finanziell für den landwirtschaftlichen Betrieb. Zum andern dienen die wiedervernässten Flächen als Kohlenstoffsenke, halten überschüssiges Wasser in der Landschaft und reinigen Fließgewässer. Und: Rohrkolben taugt vorzüglich als Dämmmaterial.

Architekt und Baustoffentwickler Werner Theuerkorn realisierte spezielle Dämmplatten unter dem Namen Typhaboard – eine Wortschöpfung aus dem wissenschaftlichen Namen des Rohrkolbens („Typha“) und dem englischen Wort für Brett („board“). „Das Typhaboard hat viele bautechnische und -physikalische Vorteile und ist gerade deshalb eine ideale Lösung, weil die Dämmplatten dieses Typs von innen angebracht werden und sich bei traditionellen Holzbauten gut einfügen“, erläutert Franz-Peter Heidenreich, DBU-Referatsleiter Kreislaufführung und Bautechnik. Bei einem mittelalterlichen Handwerkerhaus in der Nürnberger Altstadt ist diese Methode vor rund zehn Jahren bereits erfolgreich umgesetzt worden – damals ebenfalls mit fachlicher und finanzieller Unterstützung der DBU. Zu den Projektbeteiligten gehörten seinerzeit neben Theuerkorn auch das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP).

Typhaboards sind auch bei hoher Luftfeuchtigkeit zum Dämmen geeignet
Dr. Georgi Georgiev, Berater für Planung, Innovation und Politik, ist Projektleiter des im September im bulgarischen Nessebar gestarteten neuen Vorhabens. „In der Region am Schwarzen Meer herrschen häufig intensive salzhaltige Regenwinde“, so Georgiev. „Um sich davor zu schützen, bauten die Menschen dort im Laufe der vergangenen fünf Jahrhunderte traditionelle Holzhäuser mit einer typischen Holzvertäfelung als Fassade, die Regen und Wind abhält“, so der Ingenieur. Diese Schwarzmeerhäuser seien – was Konstruktion und Energieverbrauch anbelangt – überwiegend in einem schlechten Zustand und müssten saniert werden, um künftig nachhaltig und zeitgemäß genutzt werden zu können. Eine Außendämmung sei wegen des Denkmalschutzes schwierig. Innen angebrachte Typhaboards dagegen eigneten sich in diesem Fall sowohl als tragender und wärmedämmender Baustoff für die Ausfachung. Prof. Dr. Martin Krus vom IBP bestätigt das: „Das Typhaboard ist auch bei hoher Luftfeuchtigkeit zum Dämmen geeignet, da es als Sumpfpflanze einen eigenen mikrobiellen Schutz mit sich bringt. Diese Eigenschaft wird ergänzt um die hohe Alkalität des Bindemittels Magnesit.“ Das sei ein wesentlicher Unterschied zu den meisten anderen Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen, so Krus.

Rohrkolben sind unempfindliche Sumpfpflanzen, die jedes Jahr rund 15 Tonnen Trockenmasse pro Hektar hervorbringen. Das entspricht etwa 150 bis 250 Kubikmeter Baustoff. (Abb.: TU München)

Das Rohrkolben-Projekt in Nessebar ist nach den Worten von DBU-Generalsekretär Alexander Bonde ein „Paradebeispiel für die Praxis“ und kann wegweisend in der Europäischen Union (EU) sein. Bonde: „Um das EU-Ziel eines klimaneutralen Kontinents bis 2050 zu erreichen, ist ein solcher Wissens- und Technologietransfer zwischen den EU-Mitgliedstaaten von großer Bedeutung.“ Das Herstellen und Anwenden der Dämmplatten in Bulgarien mit Fördermitteln der DBU hat Georgiev bereits geprüft. „Mehr als 10.000 Gebäude dieses Typs sind in Bulgarien und angrenzenden Ländern vertreten“, sagt Georgiev. „Wenn wir jeweils etwa fünf Kubikmeter der Dämmplatten für die Sanierung einsetzen, werden rund 50.000 Kubikmeter des Baustoffs benötigt.“ Eine derartige Nachfrage würde seinen Berechnungen zufolge eine dezentral angelegte Produktionsanlage viele Jahre auslasten und regionale Wirtschaftskreisläufe stärken. Mit Typhaboards gedämmte Schwarzmeerhäuser könnten also nicht nur den Ausstoß von Treibhausgasen in größerem Umfang verringern sondern auch die regionale Wirtschaft ankurbeln.

Moderne Haustechnik ist Teil des Sanierungskonzepts
Geplant sei auch, moderne Smart-Home-Konzepte sowie energieeffiziente LED-Beleuchtungssysteme bei der nachhaltigen Sanierung der Schwarzmeerhäuser zu berücksichtigen. „Besonderes Augenmerk wird auf die Auswahl nachhaltiger Heizungssysteme gelegt, um schädliche Emissionen in innerstädtischen Bereichen historischer Städte zu verringern“, so Georgiev. Bisher würden die meisten Gebäude mit Holz oder Kohle beheizt, was einen hohen Feinstaub- und Kohlenstoffdioxidausstoß zur Folge habe. Durch das Vorhaben sollen nicht nur Planer, Handwerker und Baustoffhersteller für die Produktion des Dämmmaterials sensibilisiert werden. Eine große Rolle bei der Umsetzung spielen auch die Landwirte bei Anbau und Ernte von Rohrkolben sowie kleine und mittlere Unternehmen für eine mögliche dezentrale Produktion.

Neben dem IBP und Werner Theuerkorn wird die energetische Sanierung der Schwarzmeerhäuser vom Forschungszentrum für Bauen, Architektur und Entwerfen der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und Künste – unter Leitung von Prof. Dr. Arch. Nikolay Tuleschkow – flankiert. Die Akademie hat gute Kontakte zu regionalen Partnern der Wissenschaft und Wirtschaft aus Bulgarien, Rumänien, dem Westbalkan und Griechenland. Das Vorhaben soll Ergebnisse für eine Strategie liefern, deren Ziel eine ganzheitliche energetische und strukturelle Sanierung historischer Fachwerkhäuser mit Holzverschindelung als Fassadenabdeckung ist. Im Fokus stehen dabei insbesondere Regionen mit intensiven und dynamischen Witterungsverhältnissen, wo die Strategie bei ähnlichen Bautypen möglicherweise zum Einsatz kommen kann. Zusammen mit dem neuen Vorhaben unterstützte die DBU die Projekte mit insgesamt rund 1,3 Millionen Euro. Weitere Informationen erhalten Sie auf der Website der DBU.