Zum vierten Mal fand die Schimmelpilzkonferenz in diesem Jahr nicht nur in Berlin sondern auch in München statt.
Zum vierten Mal fand die Schimmelpilzkonferenz in diesem Jahr nicht nur in Berlin sondern auch in München statt. (Quelle: B+B Bauen im Bestand)

Schadstoffe

29. September 2022 | Teilen auf:

4. Schimmelpilzkonferenz: Hybrid in München

Zum vierten Mal fand die Schimmelpilzkonferenz nicht nur in Berlin, sondern am 20. September 2022 programmgleich und hybrid noch einmal in München statt. Das Team von B+B Bauen im Bestand begleitete die Veranstaltung vor Ort und organisierte gleichzeitig die Aufnahme der Vorträge in Berlin. Rund 40 Teilnehmer waren per Livestream zugeschaltet und konnten in den Pausen in separaten virtuellen Räumen die Fachausstellung besuchen.

Der erste Referent der 4. Münchner Schimmelpilzkonferenz beschäftigte sich mit dem Thema: Ist die direkte Materialmikroskopie der neue Goldstandard? Dr. Christoph Trautmann, der in Berlin als Geschäftsführer der Umweltmykologie GmbH tätig ist, beantwortete diese provokant gestellte Frage. Anhand einiger Beispiele aus seiner Tätigkeit als „MikroNaut“, also Analytiker, verdeutlichte Trautmann, dass die Materialmikroskopie sehr viele Einblicke in die Materialien ermöglicht. Flächige sowie stark besiedelte Materialien können mit der Materialmikroskopie effizient und kostengünstig bewertet werden. Gleichzeitig führte er aus, dass es genauso Nachweise gäbe, die von der Mikroskopie einen sehr hohen und damit ökonomisch nicht vertretbaren Zeiteinsatz erfordern. Zu diesen eher schwierig zu mikroskopierenden Materialien, so Trautmann, gehören auch zerbrochene Putzproben sowie andere kleinteilige Materialien ohne zusammenhängende Oberfläche.

Als Leitfaden und damit als eine Art Orientierung für Sachverständige forderte er zum Ende seines Vortrags eine Normierung der Materialmikroskopie, da unabhängig von der Befähigung der verschiedenen Laboranalysen bereits Unterschiede in der Probevorbereitung, der mikroskopischen Auflösungen, in der Beleuchtungstechnik sowie der betrachteten Fläche zu starken Ergebnisschwankungen führen kann. Als Ausblick für eine zeitnahe Verbesserung dieser Situation nannte er die Überarbeitung der Richtlinie VDI 4300-13 „Durchführung mikroskopischer Analysen von Materialproben zur Beurteilung von mikrobiellem Wachstum“, die zum Herbst 2022 als Gründruck erscheinen soll.

Mit der DIN 1946-6 lüftungsbedingten Schimmelbefall vermeiden

Im Anschluss widmete sich Dipl.-Ing. Claus Händel, der unter anderem Obmann des zuständigen DIN-Gremiums für die Wohnungslüftung und vieler DIN- und CEN-Gremien der Lüftungstechnik angehört, dem nutzungsbedingten Schimmelbefall in Innenräumen. Er erinnerte daran, dass gute Raumluft ein grundlegendes Menschenrecht ist. Die Vermeidung des Schimmelbefalls bedeute somit in erste Linie die Gesundheit der Bewohner zu schützen.

Dipl.-Ing. Claus Händel widmete sich in seinem Vortrag dem nutzungsbedingten Schimmelbefall in Innenräumen.
Dipl.-Ing. Claus Händel widmete sich in seinem Vortrag dem nutzungsbedingten Schimmelbefall in Innenräumen. (Quelle: B+B Bauen im Bestand)

Was gilt es dabei zu beachten? Händel merkte an, das mit einer manuellen Lüftung von Räumen der erforderliche Luftwechselstrom nicht sichergestellt werden könne, die Erstellung eines Lüftungskonzepts im Bestand somit notwendig, beim Neubau sogar Pflicht sei.

Zu beachten sei dabei, dass die Feuchtelast stets von der Größe des Raumes und der Belegung zusammenhänge. Aber auch die Nutzung der Bewohner sei bei der Auslegung der Kriterien zu berücksichtigen. So könne es sein, dass die gewohnte Lüftung bei täglicher Nutzung ausreiche, im Falle von Besuch aber nicht mehr genügend bemessen sei. Dichtigkeitsmessungen würden erste verlässliche Zahlen zur Erstellung von Lüftungskonzepten liefern.

Sein Fazit zum Ende seines Vortrags: Die Norm habe sich in ihrer 10-jährigen Existenz durchaus bewährt. Einzig die moderne luftdichte Bauweise von Gebäuden würde zwar umgesetzt, nicht aber die Vorschrift ausreichender Lüftungskonzepte. Claus Händel sieht damit das Thema „Schadstoffe im Innenbereich“ für die Zukunft gesetzt und Sachverständige gut beschäftigt.  

Der Schimmel und die Nutzungsklassen – Alles Ansichtssache?

Referent Stefan Betz, der unter anderem öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schimmelpilze in Innenräumen ist, ging dieser Frage nach. Der Stein des Anstoßes für ihn: Die Bewertung und Sanierung von Schimmelschäden nach dem Nutzungsklassenkonzept. Er vertritt die Meinung, dass diese Vorgehensweise in der Praxis zu unterschiedlichen Interpretationen führt und damit zu reduzierten Sanierungsmaßnahmen in dauerhaft genutzten Innenräumen. Im folgenden Vortrag ging es um die Bewertung des Schimmels nach Nutzungsklassen und Stefan Betz fragte: Differenzierte Raumzuordnung – endlich?!

Zunächst ging er auf das Problem unbestimmter Rechtsbegriffe ein, von denen er bei der Abgrenzung der Nutzungsklassen untereinander einige ausgemacht hat. Im UBA-Schimmelleitfaden ist von Räumen die Rede, die „dauerhaft“ oder „nicht nur vorübergehend“ genutzt werden (Nutzungsklasse II – NK II) und anders zu behandeln sind als „Nebenräume“ (vor allem Garagen oder Keller), in denen man sich „nur gelegentlich“ aufhält (Nutzungsklasse III – NK III). Diese nicht näher definierten Begriffe erschwerten die Abgrenzung von Räumen der NK II von solchen der NK III. Und die Abgrenzungsprobleme setzen sich bei anderen Nebenräumen (zum Beispiel Spitzboden im Dach) fort. Hier schlägt Betz eine eindeutigere Formulierung vor: „Alle Räume, die in einem Raumluftverbund mit Räumen der NK II stehen, sind der NK II zuzuordnen.“ Je weiter der Sachverständige in seinem Vortrag ins Detail ging, desto deutlicher wurde, wie schwierig es ist, eine den zu ungenau formulierten Vorgaben des Leitfadens entsprechende Abschottung zu gewährleisten, die dann auch einen echten Schutz vor mikrobiellen Einträgen in Räume der NK II bietet. Im Ergebnis kommt Betz zu dem Schluss, dass Abschottungen eine absolute Sonderlösung sind, die mit Risiken für Planer, Ausführende und Nutzer sowie erheblichem Mehraufwand verbunden sind. Zudem werde die fachgerechte Entsorgung des Schadens nur in die Zukunft verschoben.

Der Umgang mit Asbest ist auch für Schimmelsanierer wichtig

Soll Schimmelbefall entfernt werden, finden sich oft weitere Gefahrenstoffe. Antworten darauf, wie mit diesen Gefahrstoffen umzugehen ist, lieferte Dipl.-Ing. Andrea Bonner, die unter anderem seit vielen Jahren bei der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) im Bereich der Prävention tätig ist.

Sie merkte an, dass Asbest oft nur in geringer Konzentration vorhanden sei. Insbesondere bei der flächigen Bearbeitung müsse jedoch mit hohen Konzentrationen von Asbestfasern in der Atemluft gerechnet werden, denen die Beschäftigten ausgesetzt sind, so Andrea Bonner. Betroffen seien alle Gebäude in Deutschland, die bis 31. Oktober 1993 errichtet, umgebaut und modernisiert wurden.

Ist Asbest damit die Gefahr hinter dem Schimmelpilz? Die Gefahren, die von Asbest und seinen Fasern ausgehen, sind bekannt und Schimmelsanierer begegnen dem Gefahrstoff oft schon bei der Probenahme, in Form von Putzen und Spachtelmassen, Fliesenklebern, Floor-Flex-Platten, PVC-Belägen und vielem mehr. Aber Arbeiten an asbesthaltigen Produkten sind verboten. Wie sollte sich der verantwortungsbewusste Sanierer also verhalten? Zusammenpacken und gehen?

Dazu rät Andrea Bonner nicht: Denn Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten sind grundsätzlich erlaubt – es sei denn es muss abgeschliffen, abgebürstet, druckgereinigt oder gebohrt werden. Also doch nicht einfach gehen? Nein, führte Andrea Bonner aus, zumindest dann nicht, wenn sich für die vorgefundene Problematik in der DGUV Information 201-012 ein „Verfahren mit geringer Exposition gegenüber Asbest bei Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten“ findet. Weitere Informationen über diese Verfahren und aktuelle Ergänzungen zur DGUV Information 201-012 finden Sie auf www.dguv.de sowie www.bgbau.de/asbest und www.e-learning-staub.de.

Die Probenahme von coli-Bakterien

Mike Steringer, geschäftsführender Gesellschafter der Steringer GmbH, musste leider seinen Beitrag „Operation am lebenden Objekt“ krankheitsbedingt absagen. In die fachliche Bresche sprang Dr. Christoph Trautmann mit seinem Vortrag „Probenahme von coli-Bakterien“. Er stellte die Ergebnisse eines internen Forschungsprojektes zur Hintergrundkonzentration von Fäkalkeimen vor, bei denen die allgemeine Verbreitung beziehungsweise Hintergrundwerte von coliformen Bakterien und Enterokokken im genutzten häuslichen Umfeld ermittelt wurden. Zusätzliche Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt sind biologische Daten durch Angaben zu Fäkalbakterien, die häufig bei Fäkalschäden auftreten sowie zu deren üblichen Konzentrationsbereichen. Der Leitfaden enthält wichtige Hinweise zum Arbeitsschutz und ein allgemeines Schema mit den notwendigen Schritten einer Sanierung von Fäkalschaden.

Darüber hinaus stellte er die Neufassung des VDB-Leitfadens für die Umsetzung der Biozid-Verordnung vor. Der Leitfaden enthält wichtige Hinweise zum Arbeitsschutz und ein allgemeines Schema mit den notwendigen Schritten einer Sanierung von Fäkalschaden. Nicht nur für Sanierungsfachbetriebe, sondern auch für Sachverständige, welche Sanierungskonzepte erstellen, dürfte die von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) geführte Datenbank der zurzeit in Deutschland zugelassenen Biozide sowie eine weitere Suchmaske zur Recherche nach bisher verwendeten Bioziden von Relevanz sein. Am Ende des Leitfadens ist daher ein kurzer Überblick gegeben, wo man die Datenbanken im Internet findet und wie eine Recherche erfolgen kann.

Nach dem Wasser kommen die Schimmelschäden

Dipl.-Min. Andreas Stache hatte interessante Beispiele von Schimmelschäden nach einer Havarie oder Hochwasserereignissen im Gepäck und schilderte, wie man damit umgeht.
Dipl.-Min. Andreas Stache hatte interessante Beispiele von Schimmelschäden nach einer Havarie oder Hochwasserereignissen im Gepäck und schilderte, wie man damit umgeht. (Quelle: B+B Bauen im Bestand)

Nachdem er in Berlin krankheitsbedingt absagen musste, konnten sich die Münchner Teilnehmer auf den (exklusiven) Beitrag von Dipl.-Min. Andreas Stache freuen. Er hatte interessante Beispiele von Schimmelschäden nach einer Havarie oder Hochwasserereignissen im Gepäck und schilderte, wie man damit umgeht. Er wies darauf hin, dass fehlerhafte Sanierungen nach Hochwasser die Gesundheit gefährden und enorme Folgekosten verursachen könnten. Sinnvoll wäre in einem solchen Fall eine mikro-biolo­gische Bestandsaufnahme vor der ­Sanierung.

Nasse Keller, feuchte oder in vielen Fällen sogar durchnässte Hauswände seien die Folge von Überschwemmungen. Diese könnten jedoch trotz der Nutzung von Bautrocknungsgeräten meist nicht schnell genug durchtrocknen. Diese Materialfeuchte reiche allerdings bereits aus, dass sich innerhalb ­weniger Tage Mikro­organismen bilden, wenn sie nicht schon ­direkt durch verschmutztes (Hoch-) Wasser eingetragen wurden. Somit sei der Schimmelschaden vorprogrammiert. Deutlich wurde im Anschluss an den Vortrag, dass es auch in Zukunft wichtig ist, die Erfahrungen aus diesen Ereignissen zu nutzen und auszubauen.

Holzzerstörende Pilze – Biologie, Schadpotential und Bekämpfung

Zum Abschluss der Veranstaltung kümmerte sich Dipl.-Ing. Ekkehard Flohr mit einem „Blick über den Tellerrand“ um holzzerstörende Pilze und deren Bekämpfung. Ekkehard Flohr ist Sachverständiger für Holz- und Bautenschutz und leitet ein Ingenieurbüro in Dessau. Zunächst erläuterte er wie Pilze sich entwickeln: Sind die vier Faktoren wie infiziertes Material, zusammen mit Nährsubstrat, einer günstigen Temperatur (20 bis 30° Celsius) sowie Substratfeuchte gegeben, entwickelt sich gesetzmäßig ein Pilz und der Holzabbau beginnt.

Ist es dazu erst einmal gekommen, führt kein Weg mehr vorbei an einer sorgfältigen Diagnose als Grundlage zur erfolgreichen Pilzbekämpfung. Dabei müsse nicht nur der Pilz bestimmt, sondern auch das gesamte Umfeld des Befalls berücksichtigt werden. In der DIN 68800, Teil 4 (Ausgabe Dez. 2020) und dem WTA-Merkblatt 1-2 (Ausgabe: 01.2021/D) würden beispielsweise Hinweise gegeben, wie in einzelnen Fällen vorzugehen ist.

Ekkehard Flohr ging detailliert auf Beispiele zur handwerklichen Bearbeitung von Mauerwerk und Holz bei einem Pilzbefall ein und nannte die aus seiner Sicht wichtigste Voraussetzung bei der Beurteilung und Sanierung von Schadstellen - Sach- und Fachkunde.

Am 23. März 2023 findet die 13. Berliner Schimmelpilzkonferenz statt. Derzeit ist die Durchführung als Hybridveranstaltung – vor Ort und digital – geplant. Freuen Sie sich wieder auf eine interessante Veranstaltung. Weitere Informationen finden Sie auf www.schimmelpilzkonferenz.de

Andrea Papkalla-Geisweid

zuletzt editiert am 29.09.2022