Zum zweiten Mal waren die Hanseatischen Sanierungstage in der Musik- und Kongresshalle Lübeck zu Gast. (Quelle: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)
Zum zweiten Mal waren die Hanseatischen Sanierungstage in der Musik- und Kongresshalle Lübeck zu Gast. (Quelle: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Bauwerkserhaltung

10. November 2021 | Teilen auf:

31. Hanseatische Sanierungstage: Die große Vielfalt in Lübeck

„Zwei Jahre sind eine lange Zeit“, sagte Axel C. Rahn, Vorsitzender des Bundesverbandes Feuchte & Altbausanierung (BuFAS) zur Begrüßung, nachdem die 31. Hanseatischen Sanierungstage coronabedingt im vergangenen Jahr nicht stattfinden konnten. Schließlich sei es wesentlich für die vom BuFAS veranstaltete Tagung, sich zu begegnen und miteinander auszutauschen.

Das fanden wohl auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, weswegen der ursprünglich auch beworbene Livestream angesichts von nur neun Anmeldungen nicht umgesetzt wurde und sechs der hierfür Angemeldeten stattdessen ebenfalls nach Lübeck anreisten. So waren es um die 500 Personen, die sich unter den 3G-Regelungen für drei Tage in der Musik- und Kongresshalle Lübeck einfanden, um sich fortzubilden und auszutauschen, darunter 91 Studierende verschiedener Hochschulen, für die die Zertifizierung Bau die Teilnahme sponserte, sowie die Vertreter von rund 60 Ausstellern, die die Gelegenheit nutzten, wieder einmal im persönlichen Kontakt über ihre Produkte, Systeme und Dienstleistungen zu informieren, darunter auch wir, von der Mediengruppe Rudolf Müller.

Große Themen im Kleinen anpacken

Das Vortragsprogramm zeichnete sich unter dem Tagungstitel „Schützen und Erhalten – mit Sachverstand und Handwerkskunst“ dadurch aus, dass es die Vielfalt der Aufgaben spiegelte, mit denen es die in der Bauwerksinstandsetzung und -erhaltung Tätigen zu tun haben. Oder, wie es die erste Bausenatorin der Hansestadt Lübeck, Joanna Hagen, formulierte: „Große Themen wie Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft bewegen wir nur, wenn wir sie im Kleinen anpacken und umsetzen und sie bei jedem Bauvorhaben berücksichtigen.“ Insofern fehlt der rote Faden, das eine dominierende Thema, an dem man sich als Berichterstatter entlang hangeln kann, um eine in sich geschlossene Geschichte einer Tagung zu erzählen. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, schlaglichtartig auf einige Themen aufmerksam zu machen, ohne dabei in die Tiefe zu gehen, um einen Eindruck von der Vielfältigkeit des Programms zu vermitteln. Wer es genauer wissen möchte, dem sei der fast 500 Seiten dicke Tagungsband ans Herz gelegt.

Sanierungen verursachten neue Schäden

Das Markenzeichen der Stadt Lübeck ist die seit dem 13. Jahrhundert von sieben Kirchtürmen geprägte Altstadtsilhouette, die nach ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg durch einen schnellen Wiederaufbau der Türme wieder hergestellt wurde. An einer dieser Kirchen, der Marienkirche mit ihren zwei Türmen, erläuterte Dipl.-Ing. (FH) Architekt Dirk Behrens den nicht untypischen Fall, dass Sanierungsmaßnahmen aus den 1950er- und 2000er-Jahren gegen Rissbildungen und Feuchtigkeitsanreicherungen im Ziegelmauerwerk eher kontraproduktiv waren. Das ursprünglich mit Gips- und Gips-Kalkmörtel errichtete Mauerwerk wurde nämlich mit Sulfathochofenzement und Trass-Kalkmörtel saniert (Hohlrauminjektionen und Risssanierung). In Verbindung mit Wasser hat das zu Treibmineralbildung und Volumenvergrößerung geführt und neue Schädigungen verursacht. Das aktuelle Sanierungskonzept sieht differenzierte, auf die jeweiligen Schädigungen abgestimmte Maßnahmen vor. Dazu gehören unter anderen der Einsatz geeigneter Gipsmörtel, wo das Mauerwerk neu aufgemauert wird, und – wo möglich – das Entfernen der alten ungeeigneten Verpressmörtel.

Mit Solardachsteinen zum klimaneutralen Gebäudebestand

Ein Beispiel, wie das große Thema, einen klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen, im Kleinen, der Sanierung erhaltenswerter, auch denkmalgeschützter Bausubstanz, umgesetzt werden kann, brachte Prof. Dr. Harald Garrecht dem Auditorium nahe. Konkret ging es um ein Detail: Solardachsteine. Im Verbund mit anderen Maßnahmen können diese zum großen Ziel beitragen. Die zunächst für die Sanierung der historischen Gartenstadt Margarethenhöhe in Essen neu entwickelten hybriden Solardachsteine bestehen aus einem Hochleistungsfeinkornbeton und sind in Geometrie und Optik den ursprünglichen Dachsteinen der Margarethenhöhe angeglichen. Sie enthalten gleichzeitig die erforderliche Technik, um solarelektrische und solarthermische Energie zu gewinnen. Außerdem sind sie so gestaltet, dass der Dachdecker sie nicht nur entsprechend seiner Handwerkstechnik verlegen, sondern sogar die elektrische Schaltung vornehmen kann.

Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz dieser Dachsteine sind natürlich weitere Maßnahmen im Rahmen eines „Klimaneutralkonzepts“. Im Fall der Margarethenhöhe sind die Ertüchtigung der Gebäudehülle, die Modernisierung der Anlagentechnik, die digitale Vernetzung der Systemkomponenten und die Betriebsoptimierung Teile dieses Konzepts. Ein wesentlicher Bestandteil ist dabei die Möglichkeit, die gewonnene und nicht direkte genutzte Energie in Pufferspeichern zwischenspeichern zu können und sie zum Beispiel zur Regeneration der Erdwärmesonden zu nutzen.

Die erste Bemusterung war für den Denkmalpfleger überzeugend. Nun geht das Projekt bei den ersten Häusern in die Umsetzungsphase.

Auf den Anwendungsfall abgestimmt

Vom Großen zum Kleinen oder, anders gesagt, von der Untersuchungsmethode und vom Material zur konkreten Anwendung, darum ging es auch in den folgenden Vorträgen. So erläuterte Dr.-Ing. Gabriele Patitz, welche Erkenntnisse durch die zerstörungsfreie Untersuchung mit dem Bauradar über den Zustand von Mauerwerk gewonnen werden können, wo die Einsatzgrenzen liegen und wie ein Untersuchungskonzept für ein spezifisches Bauwerk erstellt und umgesetzt werden kann.

Dr. Petra Egloffstein erläuterte, wie man für Bestandsmauerwerke mit in der Regel mineralischen Bestandsmörteln für die Sanierung geeignete Mörtel formulieren und im Rahmen eines Instandsetzungskonzepts anwenden kann. Sie zeigte dabei, wie Mörtel trotz gleicher Bindemittel-Basis ganz unterschiedliche Eigenschaftsprofile aufweisen und entsprechend der Exposition und objektseitigen Anforderungen auszuwählen sind.

Und Prof. Dr. Marc Gutermann stellte die Möglichkeiten vor, mit Belastungsversuchen (als Ergänzung zu Berechnungen) die Tragfähigkeit und Traglastreserven von (gemauerten) Bauteilen zu ermitteln. Wie so ein grundsätzliches Verfahren auf konkrete Bauwerke angewandt werden kann, zeigte er anhand vieler Beispiele.

Was man beim Holzbrückenbau beachten sollte

In der Sektion „Bauen mit Holz“ ging es neben Schäden und deren Sanierung an Hänge- und Sprengwerken sowie unterschiedlich riskanten Bauweisen für belüftete und unbelüftete Flachdächer in Holzbauweise um Schäden an Pfahljochbrücken im Wasser – auch die Diskussion solcher Bauwerke finden auf den Hanseatischen Sanierungstagen ihren Platz. Dipl.-Ing. Matthias Ruhnke und Prof. Dr. Claudia von Laar stellten ihre Schadensanalyse für zwei Fuß- und Radwegebrücken über den Prerowstrom vor und welche Schlussfolgerungen für Sanierungsmaßnahmen und zukünftige Brückenbauten sich daraus ableiten lassen. Die wichtigsten sind: eine für diesen Einsatzzweck geeignete Holzart wählen (entsprechend den Vorgaben in der DIN 68800), von vornherein konstruktiv die Holzbauteile schützen (zum Beispiel durch Wasserableitung und Abdeckungen dort, wo erforderlich) und eine regelmäßige Wartung und Instandsetzung, damit sich aus kleineren Schäden erst gar keinen großen entwickeln können.

Sind auch Baufehler schützenswert?

Sogar zum Baustoff Stahl boten die 31. Hanseatischen Sanierungstage interessante, ins Detail gehende Vorträge zu Sanierungsmaßnahmen an bekannten historischen Bauwerken: die Stahl-Glas-Fassade der Neuen Nationalgalerie in Berlin (ein Mies-van-der-Rohe-Bauwerk) und das Dachtragwerk des Pergamonmuseums in Berlin. Vor allem am Vorgehen bei der Sanierung der Neuen Nationalgalerie entzündete sich bei aller Anerkennung für die beeindruckende Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen eine Grundsatzkonstruktion: Sollte man konstruktive Merkmale, die aus heutiger Sicht mangelhaft sind, aus denkmalpflegerischer Sicht genauso wieder herstellen? Als Beispiel wurde genannt, dass die Fensterprofile scharfkantig hergestellt wurden und nicht mit abgeschrägter Kante. Für beide Positionen fanden sich Fürsprecher, wie der Applaus zu den jeweiligen Stellungnahmen zeigte. Kritisiert wurde außerdem, dass die komplett ersetzten, nun dickeren Glasscheiben, die jetzt als Aussteifung in das statische System einbezogen sind, in China gefertigt wurden und nicht im Sinne der Energieeinsparung (durch den Transport) von regionalen Glasherstellern.

U-Wert-Messung, Schimmel auf Holz, Monitoring etc.

So lässt sich die Reihe fortsetzen, um die Themenvielfalt zu veranschaulichen:

  • Nicht nur rechnen, sondern (schnell) messen: Ein Forschungsprojekt zur U-Wert-Messung hat unter anderem das Ziel, den tatsächlichen energetischen Zustand von Außenbauteilen schnell erfassen zu können, um unter anderem Bauherren anschaulich einen möglichen energetischen Sanierungsbedarf verdeutlichen und Maßnahmen anregen zu können.
  • Zu Schimmel auf Holz wird ein neues WTA-Merkblatt erarbeitet. Es unterscheidet zum Beispiel zwischen einem oberflächlichen Befall, der ein raumhygienisches Problem darstellen kann, und Bläue, wenn die Schimmelpilze ins Holz eingedrungen sind, sowie Moderfäule, die bei hoher, langanhaltender Feuchtigkeit durch Schimmelpilze ausgelöst werden kann.
  • Ein Plädoyer dafür, mit Monitoring, insbesondere Feuchtemonitoring, Gebäude beständig zu überwachen, hielt Dipl.-Ing. (FH) Pia Haun. So könne die Qualität von Gebäuden gesichert werden, indem Schäden schon im Anfangsstadium erkannt und behoben werden können. Wie so etwas aussehen kann, zeigt das Beispiel des Herrenschießhauses in Nürnberg, bei dem seit dem Einbau von Innendämmungen vor zwölf Jahren Feuchtigkeit und Temperatur im Wandquerschnitt, auch an den Balkenköpfen erfasst wird. Bislang ist alles unkritisch, wie Dipl.-Ing. Eva Anlauft darlegte, die das Projekt bereits 2014 vorgestellt hatte. Nun steht eine Nutzungsänderung an und man darf gespannt sein, wie sich diese in den Messergebnissen niederschlägt.
  • Und letztlich durfte auch der Klassiker unter den Themen nicht fehlen: die Bauwerksabdichtung. In dieser Sektion informierte Dipl.-Ing. Gerhard Klingelhöfer über die in Arbeit befindliche Neufassung der DIN 4095 „Dränanlagen zum Schutz baulicher Anlagen“ sowie das aktuelle Merkblatt „Dränung zum Schutz baulicher Anlagen“ des VBUH und ZDB. Er machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass Planer und Ausführende die Wasserbelastung an erdberührten Bauteilen häufig unterschätzen. Der Höchstgrundwasserstand (HGW) und der Höchsthochwasserstand (HHW 100 oder HHW 500) seien vor Maßnahmen objektbezogen zu ermitteln. Wichtig sei außerdem, sich vor der Planung und dem Bau einer Dränanlage sowohl um eine wasserrechtliche Genehmigung als auch eine Genehmigung für das Einleiten des Dränwassers in die Kanalisation (und die entstehenden Kosten hierfür) zu kümmern.
  • Das zweite Thema in dieser Rubrik war ein Objektbeispiel: die Sanierung des mit lehmhaltigen Mörteln gemauerten Mauerwerks des ehemaligen Amtsgerichts der Stadt Plauen. Hier musste aus statischen Gründen der Wassergehalt des Mauerwerks dauerhaft begrenzt werden. Daher war unter anderem die defekte horizontale Abdichtung durch eine Abdichtung im Seilsägeverfahren zu ersetzen. Für nicht von beiden Seiten zugängliche Wände wurde eine Injektionsabdichtung in Erwägung gezogen. Versuche mit verschiedenen Injektionsstoffen und das Anlegen von Musterflächen zeigten bei diesem Mauerwerk keine ausreichende Penetration der Injektionsstoffe, weshalb auf diese Maßnahme verzichtet wurde. Da das Mauerwerk teilweise mit dem Felduntergrund verzahnt war, wurden außerdem auf der Außenseite senkrechte Entlastungsbohrungen im Fels hergestellt, die mit von der Innenseite angelegten horizontalen Entlastungsbohrungen unter der Bodenplatte verbunden und in eine Flächendränage eingebunden wurden. So kann das Klüftenwasser kontrolliert abgeführt werden. Um nur einige der objektangepassten Maßnahmen zu nennen.

„Große Vielfalt“ nennt eine Schokoladenmarke ihre Großpackung mit einer Auswahl verschiedener Sorten einzeln verpackter Schokoladenriegel. Eine große Vielfalt boten auch die 31. Hanseatischen Sanierungstage, allerdings mit mehr Substanz, einer längeren Haltbarkeit der Informationen und weniger überflüssiger Verpackung.

Michael Henke

Was es sonst noch gab

Auf der Mitgliederversammlung des BuFAS wurde ein neuer Vorstand gewählt. Vorsitzender bleibt Prof. Dipl.-Ing. Axel. C. Rahn, neue Stellvertreterin ist Dr. Constanze Messal. Wieder gewählt wurden Dipl.-Ing. Matthias Ruhnke und Prof. Baurat h.c. DI Dr. Michael Balak. Erstmals gewählt wurden Dipl.-Ing. Thomas Platts und Elisabeth Erbes, M. Eng.

Vergeben wurde der Nachwuchsinnovationspreis des BuFAS für die Jahre 2020 und 2021. Näheres zu den Preisträgern und ihren Arbeiten finden Sie unter https://bufas-ev.de/nachwuchsfoerderung/

Wegen der Belegung der Musik- und Kongresshalle Lübeck finden die 32. Hanseatischen Sanierungstage ungewohnt früh vom 13. bis 15. Oktober 2022 statt.

zuletzt editiert am 10.11.2021