Moderierte zum letzten Mal eine Schimmelpilzkonferenz: Michael Henke von B+B Bauen im Bestand ging am 31. März in den Ruhestand. (Quelle: B+B Bauen im Bestand)

Schimmelpilze

06. April 2022 | Teilen auf:

11. Schimmelpilzkonferenz: Hybrid in Berlin

Mehr als 90 Teilnehmer hatten sich am 24. März 2022 für die Berliner Schimmelpilzkonferenz angemeldet, die erstmalig auch mit einer Fachausstellung hybrid stattfand. Das Team von B+B Bauen im Bestand begleitete die Veranstaltung vor Ort und organisierte gleichzeitig die Übertragung der Vorträge in den Livestream. Denn rund 40 Teilnehmer waren digital zugeschaltet und konnten in den Pausen in separaten virtuellen Räumen die Fachausstellung besuchen.

Der erste Referent der 11. Berliner Schimmelpilzkonferenz beschäftigte sich mit der Frage: Ist die direkte Materialmikroskopie der neue Goldstandard? Dr. Christoph Trautmann, der in Berlin als Geschäftsführer der Umweltmykologie GmbH tätig ist, beantwortete diese provokant gestellte Frage. Anhand einiger Beispiele aus seiner Tätigkeit als „MikroNaut“, also Analytiker, verdeutlichte Trautmann, dass die Materialmikroskopie sehr viele Einblicke in die Materialien ermöglicht. Flächige sowie stark besiedelte Materialien können mit der Materialmikroskopie effizient und kostengünstig bewertet werden. Gleichzeitig führte er aus, dass es genauso Nachweise gäbe, die von der Mikroskopie einen sehr hohen und damit ökonomisch nicht vertretbaren Zeiteinsatz erfordern. Zu diesen eher schwierig zu mikroskopierenden Materialien, so Trautmann, gehören auch zerbrochene Putzproben sowie andere kleinteilige Materialien ohne zusammenhängende Oberfläche.

Die Fachausstellung lud bei verschiedenen Ausstellern zum Begutachten von Geräten ein. (Quelle: B+B Bauen im Bestand)

Als Leitfaden und damit als eine Art Orientierung für Sachverständige forderte er zum Ende seines Vortrags eine Normierung der Materialmikroskopie, da unabhängig von der Befähigung der verschiedenen Laboranalysen bereits Unterschiede in der Probevorbereitung, der mikroskopischen Auflösungen, in der Beleuchtungstechnik sowie der betrachteten Fläche zu starken Ergebnisschwankungen führen können. Als Ausblick für eine zeitnahe Verbesserung dieser Situation nannte er die Richtlinie VDI 4300-13 „Durchführung mikroskopischer Analysen von Materialproben zur Beurteilung von mikrobiellem Wachstum“, die Ende 2022 als Gründruck erscheinen soll.

Mit der DIN 1946-6 lüftungsbedingten Schimmelbefall vermeiden

Im Anschluss widmete sich Dipl.-Ing. Claus Händel dem nutzungsbedingten Schimmelbefall in Innenräumen., Er ist unter anderem Obmann des zuständigen DIN-Gremiums für die Wohnungslüftung und gehörtvielen DIN- und CEN-Gremien der Lüftungstechnik an,. Händel erinnerte daran, dass gute Raumluft ein grundlegendes Menschenrecht ist. Die Vermeidung des Schimmelbefalls bedeute somit in erste Linie die Gesundheit der Bewohner zu schützen.

Was gilt es dabei zu beachten? Händel merkte an, dass mit einer manuellen Lüftung von Räumen der erforderliche Luftwechselstrom nicht sichergestellt werden könne, die Erstellung eines Lüftungskonzepts im Bestand somit notwendig, beim Neubau sogar Pflicht sei.

Zu beachten sei dabei, dass die Feuchtelast stets mit der Größe des Raums und der Belegung zusammenhänge. Aber auch die Nutzung der Bewohner sei bei der Auslegung der Kriterien zu berücksichtigen. So könne es sein, dass die gewohnte Lüftung bei täglicher Nutzung ausreiche, im Falle von Besuch aber nicht mehr genügend bemessen sei. Dichtigkeitsmessungen würden erste verlässliche Zahlen liefern, die für das Erstellen von Lüftungskonzepten realistische Parameter bereitstellen.

Sein Fazit zum Ende seines Vortrags: Die Norm habe sich in ihrer zehnjährigen Existenz durchaus bewährt. Obwohl: Die moderne luftdichte Bauweise von Gebäuden würde zwar umgesetzt, nicht aber die Vorschrift ausreichender Lüftungskonzepte. Claus Händel sieht damit das Thema „Schadstoffe im Innenbereich“ für die Zukunft gesetzt und Sachverständige gut beschäftigt.

Der Schimmel und die Nutzungsklassen – alles Ansichtssache?

Referent Stefan Betz, der unter anderem öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schimmelpilze in Innenräumen ist, ging dieser Frage nach. Der Stein des Anstoßes: Die Bewertung und Sanierung von Schimmelschäden nach dem Nutzungsklassenkonzept. Er vertritt die Meinung, dass diese Vorgehensweise in der Praxis zu unterschiedlichen Interpretationen führt und damit zu reduzierten Sanierungsmaßnahmen in dauerhaft genutzten Innenräumen. Im folgenden Vortrag ging es um die Bewertung des Schimmels nach Nutzungsklassen und Stefan Betz fragte: Differenzierte Raumzuordnung – endlich?!

Insgesamt verzeichnete die 11. Berliner Schimmelpilzkonferenz fast 100 Teilnehmer – 57 waren vor Ort dabei, 40 online. (Quelle: B+B Bauen im Bestand)

Zunächst ging er auf das Problem unbestimmter Rechtsbegriffe ein, von denen er bei der Abgrenzung der Nutzungsklassen untereinander einige ausgemacht hat. Im UBA-Schimmelleitfaden ist von Räumen die Rede, die „dauerhaft“ oder „nicht nur vorübergehend“ genutzt werden (Nutzungsklasse II – NK II) und anders zu behandeln sind als „Nebenräume“ (vor allem Garagen oder Keller), in denen man sich „nur gelegentlich“ aufhält (Nutzungsklasse III – NK III). Diese nicht näher definierten Begriffe erschwerten die Abgrenzung von Räumen der NK II von solchen der NK III. Und die Abgrenzungsprobleme setzen sich bei anderen Nebenräumen (zum Beispiel Spitzboden im Dach) fort. Hier schlägt Betz eine eindeutigere Formulierung vor: „Alle Räume, die in einem Raumluftverbund mit Räumen der NK II stehen, sind der NK II zuzuordnen.“ Je weiter der Sachverständige in seinem Vortrag ins Detail ging, desto deutlicher wurde, wie schwierig es ist, eine den zu ungenau formulierten Vorgaben des Leitfadens entsprechende Abschottung zu gewährleisten, die dann auch einen echten Schutz vor mikrobiellen Einträgen in Räume der NK II bietet. Im Ergebnis kommt Betz zu dem Schluss, dass Abschottungen eine absolute Sonderlösung sind, die mit Risiken für Planer, Ausführende und Nutzer sowie erheblichem Mehraufwand verbunden sind. Zudem werde die fachgerechte Entsorgung des Schadens nur in die Zukunft verschoben.

Der Umgang mit Asbest ist auch für Schimmelsanierer wichtig

Soll Schimmelbefall entfernt werden, finden sich oft weiltere Gefahrstoffe. Antworten darauf, wie mit diesen Gefahrstoffen umzugehen ist, lieferte Dipl.-Ing. Andrea Bonner, die unter anderem seit vielen Jahren bei der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) im Bereich der Prävention tätig ist.

Sie merkte an, dass Asbest in bauchemischen Produkten oft nur in geringer Konzentration vorhanden sei. Insbesondere bei der flächigen Bearbeitung von Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern müsse dennoch mit hohen Konzentrationen von Asbestfasern in der Atemluft gerechnet werden, denen die Beschäftigten ausgesetzt sind, erklärte Andrea Bonner. Betroffen seien alle Gebäude in Deutschland, die bis 31. Oktober 1993 errichtet, umgebaut und modernisiert wurden.

Ist Asbest damit die Gefahr hinter dem Schimmelpilz? Die Gefahren, die von Asbest und seinen Fasern ausgehen, sind bekannt und Schimmelsanierer begegnen dem Gefahrstoff oft schon bei der Probenahme bei Putzen und Spachtelmassen, Fliesenklebern, Floor-Flex-Platten, PVC-Belägen und vielem mehr. Aber Arbeiten an asbesthaltigen Produkten sind verboten. Wie sollte sich der verantwortungsbewusste Sanierer also verhalten? Zusammenpacken und gehen? Dazu rät Andrea Bonner nicht: Denn Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten sind grundsätzlich erlaubt – es sei denn es muss abgeschliffen, abgebürstet, druckgereinigt oder gebohrt werden. Also doch nicht einfach gehen? Nein, führte Andrea Bonner aus, zumindest dann nicht, wenn sich für die vorgefundene Problematik in der DGUV-Information 201-012 ein „Verfahren mit geringer Exposition gegenüber Asbest bei Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten“ findet. Weitere Informationen über diese Verfahren und aktuelle Ergänzungen zur DGUV-Information 201-012 finden Sie auf www.dguv.de sowie www.bgbau.de/asbest und www.e-learning-staub.de.

Eine Operation am lebenden Objekt

Mike Steringer, geschäftsführender Gesellschafter der Steringer GmbH, einem Unternehmen dessen Schwerpunkt unter anderem auf der Sanierung hygienischer und sensibler Bereiche liegt, erklärte den Teilnehmern anschließend, wie man die Sanierung des Laborbereichs eines Perinatalzentrums während des laufenden Betriebs der darüberliegenden Intensivstationen durchgeführt hat. Er definierte zunächst das Ziel der Sanierung als Schimmelpilzsanierung mit einer detaillierten Sanierungsplanung: nichts hören, nichts sehen, nichts riechen! Damit umfasste diese Maßnahme die 100-prozentige Gewährleistung der Aufrechterhaltung des Schwarz-Weiß-Bereichs, die geforderte Minimalbelastung in Sachen Lärm, Schall, Schmutz und Vibration sowie die Herstellung eines erforderlichen Unterdrucks von 15 Pascal. Die betreffenden Räume sollten durch die Sanierung in einen „hygienischen Normalzustand“ versetzt werden. Nach einer peniblen Vorbereitung und Abschottung der Räume stand die eigentliche Feinreinigung an. Steringer schilderte detailgenau den Ablauf: Von der Reinigung horizontaler Flächen wie Fußböden und Fensterbänke über das Absaugen und Abwischen der abgeklebten Oberflächen und die anschließende Entfernung der Abdeckmaterialien bis hin zur Reinigung der Abschottung, der Schleusen und der im Sanierungsbereich verbleibenden Geräte bis hin zur exemplarischen Kontrolle innerhalb eines Monitorings der BG BAU sowie die Sanierungsbegleitung und Kontrolle durch externe Gutachter. Darüber hinaus stellte Mike Steringer Reinigungsgeräte, -techniken und -mittel vor.

Holzzerstörende Pilze – Biologie, Schadpotential und Bekämpfung

Zum Abschluss der Veranstaltung kümmerte sich Dipl.-Ing. Ekkehard Flohr mit einem „Blick über den Tellerrand“ um holzzerstörende Pilze und deren Bekämpfung. Ekkehard Flohr ist Sachverständiger für Holz- und Bautenschutz und leitet ein Ingenieurbüro in Dessau. Zunächst erläuterte er wie Pilze sich entwickeln: Sind die vier Faktoren wie infiziertes Material, zusammen mit Nährsubstrat, einer günstigen Temperatur (20 bis 30° Celsius) sowie Substratfeuchte gegeben, entwickelt sich gesetzmäßig ein Pilz und der Holzabbau beginnt.

Ist es dazu erst einmal gekommen, führt kein Weg mehr vorbei an einer sorgfältigen Diagnose als Grundlage zur erfolgreichen Pilzbekämpfung. Dabei müsse nicht nur der Pilz bestimmt, sondern auch das gesamte Umfeld des Befalls berücksichtigt werden. In der DIN 68800, Teil 4 (Ausgabe Dez. 20202) und dem WTA-Merkblatt 1-2 (Ausgabe: 01.2021/D) würden beispielsweise Hinweise gegeben, wie in einzelnen Fällen vorzugehen ist.

Ekkehard Flohr ging detailliert auf Beispiele zur handwerklichen Bearbeitung von Mauerwerk und Holz bei einem Pilzbefall ein und nannte die aus seiner Sicht wichtigste Voraussetzung bei der Beurteilung und Sanierung von Schadstellen – Sach- und Fachkunde.

Am 20. September findet die 4. Münchner Schimmelpilzkonferenz statt. Derzeit ist die Durchführung als Hybridveranstaltung – vor Ort und digital – geplant. Das Programm wird das gleiche sein wie in Berlin. Weitere Informationen finden Sie auf www.schimmelpilzkonferenz.de.

Andrea Papkalla-Geisweid

zuletzt editiert am 06.04.2022