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Wie der Gebäudebestand klimaneutral wird

Welche Maßnahmen sind nötig, damit der Gebäudebestand in Deutschland bis 2050 klimaneutral wird? Diese Frage stand im Zentrum des Herbstforums Altbau am 25. November 2020 in Stuttgart. Expertinnen und Experten aus Baubranche, Wissenschaft und Politik stellten Sanierungsstrategien, Technologien und neue Denkansätze vor.

Herbstforum Altbau 2020
Das Herbstforum Altbau fand in diesem Jahr digital statt. (Abb.: Zukunft Altbau)

Es waren rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Handwerk, Architektur, Ingenieurwesen, Politik, Verwaltung, Kammern und Verbänden digital zugeschaltet. Organisator des Herbstforums Altbau ist das vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderte Informationsprogramm Zukunft Altbau. Themen der Veranstaltung waren aktuelle energiepolitische Entwicklungen, gesetzliche Neuerungen und grundsätzliche Herausforderungen auf dem Weg zu einem klimaneutralen Gebäudebestand. Zum Auftakt sprach die Rechtsanwältin Dr. Roda Verheyen. Die renommierte Anwältin für Umwelt- und Völkerrecht zeigte an einem aktuellen Fall exemplarisch auf, wie Klimaschutz juristische eingefordert werden kann: Verheyen vertritt einen Kleinbauern aus Peru mit seiner Klage gegen einen großen deutschen Energiekonzern. Dieser sei mitverantwortlich für den Klimawandel und müsse sich daher anteilig an der Finanzierung von Schutzmaßnahmen beteiligen. Der noch nicht abgeschlossene Prozess soll dafür sorgen, dass sich Verursacher solcher Probleme an Maßnahmen zum Schutz vor Schäden oder zum Klimaschutz beteiligen müssen.

Dr. Alexander Renner, Leiter des Referats Energiepolitische Grundsatzfragen im Gebäudebereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, erläuterte in seinem Vortrag die aktuellen Bestrebungen des Bundes. 2021 sollen die EU-Gebäuderichtlinie und die Erneuerbare-Energien-Richtlinie novelliert werden. Die EU-Kommission plane die energetische Sanierung von Gebäuden in den nächsten vier Jahren noch stärker als bisher mit finanziellen Anreizen voranzutreiben. Darüber hinaus stellte Renner Neuerungen des am 1. November 2020 in Kraft getretenen Gebäudeenergiegesetzes (GEG) vor, etwa das Verbot, ab 2026 neue Ölheizungen ohne einen Anteil erneuerbarer Energien einzubauen. Besonders aufmerksam verfolgten die Zuschauer die Grundzüge der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG), die in den nächsten Tagen bekannt gegeben werden soll. Die BEG soll die BAFA- und KfW-Förderungen zusammenlegen und die finanzielle Förderung weiter verbessern.

Dr. Martin Pehnt, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Vorstand des ifeu-Institutes für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, sprach über Graue Energie – also die Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Verarbeitung und Entsorgung von Baustoffen anfällt. Der Experte stellte die Ergebnisse einer Studie vor, die die Ökobilanz von Dämmstoffen untersucht hat. Die Studie zeige, dass alle Dämmstoffe über die Lebensdauer betrachtet erheblich mehr Energie und Treibhausgase vermeiden, als ihre Herstellung erfordert. Sein Fazit: auf Dämmung aufgrund grauer Energie verzichten, ist falsch.

Franz Untersteller: Klimaschutz im Gebäudebestand rückt in den Fokus
Der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller ist überzeugt, dass der Gebäudebestand künftig in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken wird. Mit dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWärmeG) und dem novellierten Klimaschutzgesetz habe zum Beispiel die baden-württembergische Landesregierung wichtige Impulse gesetzt. 2022 werde die Photovoltaik-Pflicht für neue Nichtwohngebäude und Parkplätze in Kraft treten, bis 2023 müssen kommunale Wärmepläne für größere Städte aufgestellt werden. Hinzu komme die im Herbst 2020 erfolgte Verbesserung der Bundesförderung durch die landeseigene L-Bank. An der Bundespolitik kritisierte Untersteller unter anderem das GEG als zu wenig ambitioniert.

Dipl. Ing. (FH) Architekt Roland Matzig ist einer der Pioniere der seriellen Sanierung. Er beleuchtete in seinem Beitrag die Entwicklung von vorgefertigten Bauteilen zur energetischen Sanierung. In Deutschland seien industrielle Ansätze bei der Gebäudesanierung noch weitgehend unbekannt. Dabei böten sie eine große Chance, die Sanierung des Gebäudebestandes zu beschleunigen und einfacher zu machen. Das neuartige Konzept setzt auf Digitalisierung, standardisierte Prozesse und vorgefertigte Bauelemente. Am Beispiel von dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern zeigte Passivhausexperte Matzig, dass nach der Planungsphase die Dämmung der Fassade in nur wenigen Tagen realisiert werden kann – und das ohne Gerüst. Werde dieses Vorgehen neben den etablierten Methoden der energetischen Sanierung flächendeckend genutzt, könne der klimaneutrale Gebäudebestand 2050 tatsächlich Wirklichkeit werden. Auf der Website von Zukunft Altbau gibt es einen umfassenden Rückblick auf das 22. Herbstforum Altbau und alle Vorträge zum Download, auf dem Youtube-Kanal von Zukunft Altbau können die Vorträge komplett angesehen werden. Im kommenden Jahr findet das Herbstforum Altbau am 24. November 2021 statt.