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Streitfall UBA-Schimmelleitfaden

Am 19. März trifft sich die Schadstoffbranche in der Hauptstadt zur 10. Berliner Schimmelpilzkonferenz. Gleich zwei Vorträge beschäftigen sich in diesem Jahr mit dem Schimmelleitfaden des Umweltbundesamtes.

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Die Wasserränder von der aufsteigenden Feuchtigkeit an den Kalksandsteinwänden sind auf diesem Bild gut zu erkennen (Abb.: Dr.-Ing. Beate Mattuschka)

Während sich Dipl.-Ing. Pia Haun mit den Nutzungsklassen nach UBA-Leitfaden beschäftigt, stellt Dr.-Ing. Beate Mattuschka gleich zu Beginn der Konferenz eine ganz grundlegende Frage: „Brauchen wir als Sachverständige den UBA-Schimmelleitfaden?“, lautet der Titel ihres Vortrags. Zunächst geht sie auf die Diskussionen ein, die seit Veröffentlichung des Schimmelleitfadens Ende 2017 immer wieder über Details seiner Anwendung geführt werden. Diese empfindet sie als „teilweise sehr kritisch und polemisch“. Mattuschka hofft, dass dies durch die Erfahrungen der Anwender in der Praxis relativiert wird.

Dass der UBA-Schimmelleitfaden durchaus sinnvoll ist, macht sie anhand von Beispielen aus ihrer beruflichen Praxis klar. Eines beschreibt den Umgang mit den Nutzungsklassen des Leitfadens, ein weiteres beschäftigt sich mit der Abwägung von Risiken durch Wasserschäden in Estrichdämmschichten und in einem dritten geht es um die Bewertung von Raumluftuntersuchungen als Sanierungskontrolle. Beim zweiten Beispiel steht eine Neuerung im Leitfaden im Zentrum: die Integration der „Handlungsempfehlung zur Beurteilung von Feuchte- und Schimmelschäden in Fußböden“. Dabei geht es insbesondere darum, ob ein Fußbodenaufbau wegen des Risikos einer mikrobiellen Belastung ausgebaut und erneuert werden muss. Diese Empfehlung gilt nach UBA-Leitfaden explizit für Räume der Nutzungsklasse II. Die Vorgehensweise beinhaltet zwei Bewertungsstufen: Die erste Stufe schließt Fälle ein, bei denen eine mikrobiologische Untersuchung der Dämmschicht nicht notwendig ist und die zweite beschreibt detailliert die mikrobiologische Untersuchung sowie die Bewertung weiterer Kriterien.

In Mattuschkas Beispiel geht es um den Keller eines noch nicht fertig ausgebauten Neubaus, der nach einem Starkregenereignis im Sommer durchfeuchtet worden war. Das Regenwasser lief über eine nicht fachgerecht abgedichtete Telefon-Zuleitung in den Keller. Der Schaden war nicht sofort sichtbar, weil auf dem bereits eingebauten Estrich kein Wasser stand. Erst nach einigen Tagen zeigten sich Wasserränder an den Kalksandsteinwänden oberhalb des Estrichs. Eine Woche nach dem Ereignis wurde im Saugverfahren mit der Trocknung begonnen und nach vier Wochen beendet. Nur der Hausanschlussraum, dort wo das Wasser eingedrungen war, wurde weiter getrocknet. Fünf Wochen nach dem Schadensereignis wurden im Auftrag des Bauträgers Proben aus der Dämmschicht entnommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde Dr.-Ing. Beate Mattuschka im Auftrag des Bauherrn in den Fall einbezogen.

Bei Anwendung des Schemas nach UBA-Leitfaden ist zunächst zu prüfen, ob eines der 4 Szenarien vorliegt, für das eine mikrobiologische Untersuchung nicht notwendig ist. Der vorliegende Fall entspricht am ehestem dem Szenario B.1.1: Rückbau nicht erforderlich durch schnelle Trocknung und nicht besiedelbare Materialien. Unter der Voraussetzung, dass die Trocknung erfolgreich war, wäre also ein Rückbau des Fußbodens nicht notwendig gewesen. Entsprechende Daten des Trocknungsunternehmens waren kurzfristig nicht einsehbar. Da die Trocknung im Raum Hausanschlussraum aber auch nach vier Wochen noch weitergeführt wurde, war damit zu rechnen, dass es zumindest in Teilbereichen noch erhöhte Feuchtigkeit vorlag.

Der Bauherr zweifelte trotz der bereits erfolgten Beprobung an der Transparenz des Bauträgers. Deshalb wurde Mattuschka mit einer parallelen Untersuchung beauftragt. Bei der von ihr durchgeführten Beprobung des Fußbodens (sieben Wochen nach dem Schadensereignis und zwei Wochen nach teilweiser Beendigung der Trocknung) wurden Ausgleichsfeuchtemessungen in den Bohrlöchern vorgenommen. Dabei zeigten sich Werte von 80 bis 90 % relativer Feuchte. Ab 80 % relativer Luftfeuchte über einem Material muss mit mikrobieller Entwicklung gerechnet werden – und im Gegensatz zu den Messungen des Bauträgers, zeigten die später entnommenen Proben eine deutlich erhöhte Konzentration an Schimmelpilzen und Bakterien. Nach UBA-Leitfaden wurde zunächst das Kriterium I (mikrobiologische Untersuchung) betrachtet. Maßstab ist die Tabelle 6.3 in der Handlungsanleitung zur Beurteilung von Fußböden. Aus mehreren Proben ließ sich eine mikrobielle Besiedlung auf Grund einer über 106 liegenden KBE-Konzentration ableiten. Für andere Bereiche entsprachen die Laborergebnisse der Bewertungskategorie „Nachweis für einen geringen Befall“, da an den Proben mikroskopisch kein oder nur mäßig viel Myzel gefunden wurde und die KBE-Konzentration unter 106 lag. Nach UBA-Leitfaden sind zur Beurteilung des Fußbodenaufbaus weitere Kriterien hinzuzuziehen, wenn kein oder nur geringer mikrobieller Befall in der Dämmschicht nachgewiesen wurde. Folgende Kriterien wurden von Mattuschka entsprechend UBA-Leitfaden bewertet:
Kriterium II: Durchlässigkeit der Bodenbeläge für mikrobielle Bestandteile (hoch, mittel oder gering): Bei Fliesenboden (zwei Räume) mit dichten gefliesten Wandanschlüssen kann man von geringer Durchlässigkeit ausgehen. Bei Holzfußböden (ein Raum) ist nach Leitfaden die Durchlässigkeit grundsätzlich als hoch einzuschätzen.
Kriterium III: Feuchte im Fußbodenaufbau (hoch, mittel oder gering): Im vorliegenden Fall muss die noch vorhandene stark erhöhte Feuchte in der Dämmschicht zur Einordnung in die Kategorie: hoch führen. Im UBA-Leitfaden wird stark erhöhte Feuchte wie folgt definiert:„Hygrothermische Sondenmessungen bei Temperaturen von 19 °C bis 21 °C ergeben Feuchtewerte von 80 % oder höher (entspricht Wasseraktivität a w ≥ 0,8). Mikrobielles Wachstum ist möglich.“
Kriterium IV: Empfindlichkeit der eingebauten Materialien hinsichtlich der Besiedlung durch Mikroorganismen (schwer, weniger gut oder leicht zu besiedeln): PUR und Styropor werden als weniger gut zu besiedelnde Materialien eingeschätzt.
Kriterium V: Nährstoffeintrag (hoch, mittel oder gering): Im vorliegenden Fall muss mit einem gewissen Nährstoffeintrag gerechnet werden, da vermutlich mit dem Regenwasser Bodenpartikel eingeschwemmt wurden.
Kriterium VI: Zeit vom Schaden bis zur Trocknung lag unter drei Monaten und es handelte sich um ein einmaliges Ereignis oder es handelt sich um ein mehrmaliges Ereignis oder die Trocknung dauerte länger als drei Monate: Da im betrachteten Fall, die Trocknung noch nicht abgeschlossen war, wurde die mittlere Bewertungsstufe angesetzt. In den noch durchfeuchteten Bereichen muss mit einer Weiterentwicklung von Mikroorganismen gerechnet werden.

Nach Abwägung aller Risiken und unter Betrachtung der Neubausituation (mangelfreies Werk) sprach Mattuschka die Empfehlung aus, den gesamten Fußbodenaufbau zu erneuern. Bauträger und Bauherr vereinbarten daraufhin die Komplettsanierung als sicherste Lösung.

Wie an diesem von Dr.-Ing. Beate Mattuschka präsentierten Beispiel deutlich wird, kann die Anwendung der Handlungsempfehlung für Fußböden aus dem UBA-Schimmelleitfaden nicht schematisch erfolgen und es müssen viele Details beachtet werden. Das kann man nach Ansicht Mattuschkas auf den gesamten Schimmelleitfaden übertragen: Er habe sich in der Praxis bewährt, wenn er nicht schematisch angewendet und mit Fachwissen und Erfahrungen kombiniert werde. Darüber hinaus richte sich der UBA-Leitfaden nicht nur an Sachverständige, Sanierer und Behörden, sondern auch an die Betroffenen selbst: zum Beispiel Gebäudenutzer, Immobilienverwaltungen und Versicherer. Damit sei Aufklärung auf einem für den Laien verständlichen Niveau verbunden. Der Stand des Wissens auf diesem Gebiet werde so allgemein zugänglich gemacht. Einzelinteressen die davon abweichen, seien dadurch nicht mehr so einfach durchsetzbar. Für Sachverständige habe der Leitfaden den Vorteil, dass dem Betroffenen (Gebäudenutzer et cetera) der anerkannte Handlungsrahmen und die Arbeitsweise transparent gemacht werden könnten. Die Lücke zwischen dem allgemein anerkannten Kenntnisstand zum Umgang mit Schimmelschäden im UBA-Leitfaden und dem jeweiligen Einzelfall, der in der Regel nicht im Leitfaden abgebildet werde, hätten die Sachverständigen zu schließen. Wenn Sie mehr über den UBA-Schimmelleitfaden erfahren wollen, sollten Sie sich bei der 10. Berliner Schimmelpilzkonferenz anmelden. Dies und weiterer Informationen zur Konferenz erhalten Sie auf der Website der Schimmelpilzkonferenz.