zurück

„Schulden bleiben Schulden“

Für viele Unternehmen – vom Ein-Mann-Betrieb bis zum Ingenieurbüro, vom Architekten bis zum Großhandelsunternehmen – stellt sich in der Corona-Krise die Frage, wie man mit offenen Forderungen umgehen soll. Im Interview erklärt der Geschäftsführer der Bremer Inkasso GmbH, Bernd Drumann, warum Gläubiger ihre Ansprüche rechtzeitig stellen sollten.

Inkasso_Corona
Auch in Zeiten von Corona sollten Gläubiger ihrer Rechte wahren, sagt Bernd Drumann von der Bremer Inkasso GmbH. (Abb.: Thorben Wengert, pixelio.de)

Herr Drumann, warum ist die Beauftragung eines Inkasso-Unternehmens auch in der Corona-Krise sinnvoll?
Bernd Drumann: Wenn vielleicht schon absehbar ist, dass der eigene Kunde aufgrund des Wegfalls seines Umsatzes den geschuldeten Betrag nicht oder nicht in einer Summe zahlen kann, so ist zu empfehlen, die Forderung an einen Rechtsanwalt oder ein Inkassounternehmen abzugeben, einen erfahrenen Rechtsdienstleister also. Dieser wird versuchen, mit dem Kunden eine Lösung, meist unter größtmöglicher Absicherung der Forderung, herbeizuführen. Zu denken ist etwa an Sicherungshypotheken, die eingetragen werden, oder Fahrzeuge, die zur Sicherheit übereignet werden, um auch eine Basis für erforderliche, langfristige Lösungen zu schaffen. Der Rechtsdienstleister sollte dabei aber natürlich seiner Verantwortung gerecht werden und die besondere Situation nicht aus dem Auge verlieren.

Kann ein Kunde die Ware zurückgeben, weil er sie wegen Corona nicht mehr verkaufen kann?
Bernd Drumann: Nein. Ich hatte tatsächlich kürzlich ein Gespräch mit einem Mandanten, Chef eines kleineren Unternehmens, bei dem eine große Handelskette im Elektronikbereich Ware im Wert von rund 10.000 Euro bestellt hatte. Der Unternehmer, unser Mandant, hat den Auftrag bestätigt, hatte fristgerecht geliefert, und nun möchte die Handelskette die Ware nicht mehr behalten. Sie erwartet vielmehr von ihm die Rücknahme derselben, weil sie sie wegen der Schließung der Märkte nicht mehr benötigen. Die Bezahlung der Rechnung wurde abgelehnt.
Für das kleine Unternehmen geht es hiermit nun auch um die eigene Existenz. Es ist gerade jetzt dringend auf den Geldeingang angewiesen. Rechtlich betrachtet ist ein wirksamer Vertrag zustande gekommen. Daran ändert auch die Krise nichts. Einen Anspruch auf Rücknahme der Ware hat die Handelskette nicht, wenn im Vertrag nicht etwas anderes vereinbart wurde. Sie ist vielmehr verpflichtet, ihren Teil der Vereinbarung einzuhalten und muss die Rechnung zahlen. Gleichwohl kann aber die Rücknahme der Ware gegebenenfalls sinnvoll sein. Jedenfalls wenn sie für den Unternehmer verwertbar ist und unter keinen Umständen damit zu rechnen ist, dass der Abnehmer sich erholt, sondern ihm gar die Insolvenz droht.

Wie beauftrage ich denn ein Inkassounternehmen oder einen Rechtsanwalt in Zeiten von Corona?
Bernd Drumann: Generell benötigen wir für eine Beauftragung durch den Gläubiger lediglich eine Kopie der Rechnung oder einen Kontoauszug sowie eine Kopie der ersten Mahnung oder aber Angabe der Mahndaten. Ein Rechtsanwalt wird hier in der Regel mit den gleichen Unterlagen auskommen. Nach eingehender Prüfung, ob Zahlungsverzug vorliegt und die Forderung rechtens ist, wird die Forderung meist noch am selben Tag bearbeitet. Die Beauftragung kann schnell formlos per Mail erfolgen. Ein persönliches Erscheinen ist also nicht nur in Zeiten von Corona absolut nicht erforderlich. Einige Inkassounternehmen erwarten aber zum Beispiel eine Mitgliedschaft und Beiträge, bevor sie tätig werden, andere verkaufen Auftragszettel, Coupons, eine Art Rabattsystem, bei wieder anderen läuft eine Auftragserteilung nur online. Man sollte sich also vor der Beauftragung beim jeweiligen Dienstleister über die Konditionen informieren.

Wie geht es dann weiter?
Bernd Drumann: Weitaus unspektakulärer als allgemein und gern berichtet wird. Bei uns zum Beispiel beginnt alles mit der ersten schriftlichen Zahlungsaufforderung an den Schuldner, der gegebenenfalls dann weitere folgen. Daneben wird durch psychologisch geschultes Personal ein telefonisches Mahnverfahren durchgeführt, respektvoll und höflich, aber auch konsequent. In Zeiten von Corona wird man hier allerdings mit noch mehr Fingerspitzengefühl vorgehen müssen. Ein Inkassounternehmen ist, anders als ein Gläubiger vielleicht, vom ‚guten alten Geschäftskumpel‘ emotional nicht ‚erpressbar‘. Die Mitarbeiter schlagen gegebenenfalls Lösungsmöglichkeiten vor, setzen Termine und sind klar und eindeutig. Das alleine reicht oft schon, um unnötige Prozesse zu vermeiden. Wie es dann im Einzelnen weitergeht, hängt vom jeweiligen Fall und der aktuellen Situation ab.

Was kostet das Ganze?
Bernd Drumann: Da die Konditionen im Einzelnen durchaus unterschiedlich aussehen können, sollte man sich vor der Beauftragung beim gewählten Unternehmen danach erkundigen, gegebenenfalls auch Kostenstrukturen mehrerer Inkassobüros vergleichen. Bei seriösen Unternehmen wird offen über Geld gesprochen, sind die einzelnen Posten klar geregelt und werden transparent kommuniziert. Was den Forderungseinzug angeht, gibt es generell zwei Varianten: Entweder kann die Forderung realisiert werden oder nicht. War der Einzug auf ‚ganzer Linie‘ erfolgreich, bekommt der Mandant zum Beispiel bei uns seine Hauptforderung im Normalfall zu hundert Prozent ausbezahlt. Lag Zahlungsverzug vor, hat der Schuldner die dafür entstehenden Kosten als Verzugsschaden zu zahlen. Bei Nichterfolg im vorgerichtlichen und gerichtlichen Mahn- und Vollstreckungsverfahren zahlt der Mandant, ich spreche hier für uns, kein Honorar. Es wird ihm lediglich eine nach dem Wert der Hauptforderung gestaffelte Nichterfolgspauschale zwischen zehn und maximal 100 Euro nebst den baren Auslagen berechnet.

Was ist denn, wenn der Rechtsdienstleister vorgerichtlich keine Lösung findet?
Bernd Drumann: In so einem Fall bleibt dann meist nur der Weg über das gerichtliche Mahn- und Vollstreckungsverfahren. Das muss natürlich immer gut überlegt werden und bedarf in der Regel einer Analyse der Bonität, etwa durch Einholung einer Wirtschaftsauskunft – erst recht in Zeiten von Corona.

Funktioniert denn das Verfahren über den Gerichtsvollzieher überhaupt noch in der Krise?
Bernd Drumann: In der Tat gibt es hier Probleme. Außentermine zwecks Pfändung finden teilweise nicht mehr statt. Auch Termine zur Abnahme der Vermögensauskunft werden zum Teil abgesetzt. Die Gerichtsvollzieher sind eben einem besonders hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Ihre Tätigkeit entsprechend einzuschränken ist daher vernünftig.

Macht dann ein gerichtliches Verfahren mit anschließender Zwangsvollstreckung überhaupt Sinn?
Bernd Drumann: Abgesehen davon, dass überhaupt nur für rund 30 Prozent der uns übertragenen Fälle ein Mahn- und Vollstreckungsverfahren eingeleitet werden muss, werden Gerichtsvollzieher aber schriftlich weiter tätig sein. Zu einem Teil erfolgt die Ladung – zwecks Abnahme der Vermögensauskunft – auch ins Gerichtsvollzieherbüro. Erscheint der Schuldner dort nicht, kann der Rechtsdienstleister Drittauskünfte zum Beispiel über Arbeitgeber und Bankverbindungen einholen lassen und dann dort eine Forderungspfändung ausbringen.

Was empfehlen Sie Gläubigern grundsätzlich in der jetzigen Situation?
Bernd Drumann: Eines muss auch jetzt klar sein: Einen rechtsfreien Raum haben wir in diesen Zeiten nicht. Schulden sind auch weiter Schulden, und Verträge und Abmachungen gelten auch in diesen Zeiten. Lediglich der Umgang damit erfordert jetzt ein noch genaueres Hinsehen und gegebenenfalls individuelle Absprachen und Vorgehensweisen im Sinne beider Parteien, Schuldner wie Gläubiger. Rechtsdienstleister, die das geltende Recht kennen, beachten und auf seiner Grundlage arbeiten, können besonders in Krisenzeiten unterstützen und sind sich dabei ihrer Verantwortung sehr deutlich bewusst.

www.pixelio.de

Weitere Infos rund um den Corona-Ausbruch für andere Gewerke in der RM Rudolf Müller Mediengruppe finden Sie hier:

Fliesen und Platten

Zur aktuellen Situation im Baustoff-Handel finden Sie weitere Auskünfte über diese Seiten:

www.baustoffmarkt-online.de



Newsletter
  • Newsletter abonnieren

    Mit dem bauenimbestand24-Newsletter bleiben Sie auf dem Laufenden rund um das Bauen im Bestand - wöchentlich frisch in Ihrem Postfach.

    *Pflichtangaben

    Bitte beachten Sie unsere Datenschutzerklärung.