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Pilztagung 2020: Argumente gegen das Abschotten

An der 24. Pilztagung am 24. Juni 2020 sind die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie nicht spurlos vorübergegangen. Dennoch gelang es den Veranstaltern, dem Berufsverband Deutscher Baubiologen VDB und dem Bundesverband Schimmelpilzsanierung BSS, eine kombinierte Präsenz- und Online-Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Im Mittelpunkt standen Vorträge zum Tagungsthema „Schotten dicht – Reicht das?“.

Pilztagung 2020 Constanze Messal und Uwe Münzenberg
Dr. Constanze Messal (links) und Uwe Münzenberg führten durch die Veranstaltung und gaben auch Fragen aus dem Chat an die Referenten weiter. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Sie wurden sowohl von den circa 70 Teilnehmern vor Ort in Niederhausen als auch von den in die Online-Übertragung eingelockten rund 140 Teilnehmern engagiert diskutiert.

Dabei war sich dieser Kreis weitgehend einig: Abschottung als Sanierungsmaßnahme reicht bei einem festgestellten Schimmelbefall nicht. Sie bedarf eines großen Aufwands, um an den Anschlüssen zwischen Bauteilen eine dauerhaft partikeldichte Abschottung auszuführen und ist mit hohen Risiken verbunden, sowohl im Hinblick auf ein Versagen der Abschottung als auch im Hinblick auf eventuelle gesundheitliche und juristische Folgen.

Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist das Forschungsprojekt „Instandsetzung von Schimmelschäden durch Abschottung – Partikeldichtheit von Baustoffen“ des AIBAU – Aachener Institut für Bauschadensforschung und angewandte Bauphysik sowie LBW Bioconsult. In dieser Studie kommen die Autoren zu dem Schluss, dass sicher abgeschottete Bauteilschichten nicht ausgetauscht werden müssen, wenn Geruchsbelästigungen sowie feuchtigkeitsbedingte und biogene Materialschäden ausgeschlossen werden können.

Gesundheitliche Risiken durch Schimmelbefall sind unzumutbar

Die wichtigsten in Niedernhausen vorgebrachten Argumente gegen eine Schimmelsanierung durch Abschottung sollen hier gerafft dargestellt werden. Den Anfang machte Rechtsanwalt Jochen Kern, der aktuelle Urteile der Oberlandesgerichte (OLG) Naumburg, Celle und München (letzteres ist noch nicht rechtskräftig) vorstellte und kommentierte. Diese Urteile zeigen, dass eine Nutzung schimmelbefallener Räume nicht nur bei gesundheitlichen Beschwerden, sondern allein wegen der damit verbundenen gesundheitlichen Risiken unzumutbar ist, wobei eine Belastung oberhalb der ortsüblichen Hintergrundbelastung bereits als Mangel eingestuft wird.

Daraus ergeben sich hohe Anforderungen an Werk- und Sanierungsunternehmer. Sie haben nach diesen Urteilen eine geeignete Sanierungsmethode zu wählen, was laut Kern die für die Raumnutzer sicherste Sanierungsmethode bedeutet, da es sich laut OLG Celle hier um „gebotene Maßnahmen der Gesundheitsfürsorge“ handelt. Im Hinblick auf eine Abschottung führte Kern im Lichte dieser Urteile insbesondere drei Gründe an, die gegen eine solche Sanierungsmethode sprechen:

  • Eine dauerhafte Funktionstauglichkeit der Abdichtungsmaterialien ist nicht nachgewiesen.
  • Der Mangel ist nicht beseitigt, wenn biologisches Material in der Bausubstanz verbleibt.
  • Da der Eigentümer bei einem Weiterverkauf eine Hinweispflicht auf mögliche Restrisiken habe, sei von Werteinbußen auszugehen.

Pilztagung 2020 Jörg Thumulla
Jörg Thumulla kritisierte das Untersuchungsdesign der AI Bau-Studie. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Forschungsbericht zur Abschottung kritisiert

Konkret mit dem Forschungsbericht selbst setzten sich in drei Vorträgen Pia Haun, Stefan Betz sowie Jörg Thumulla und Dr. Carmen Kroczek auseinander. Sie kritisierten unter anderem:

  • Die im Forschungsbericht vorgestellten Praxisbeispiele sind nicht geeignet, um ein Funktionieren von Abschottungen zu belegen, da weder eine Sanierungskontrolle stattgefunden hat noch ein Nachweis der gewählten Konstruktionen vorliegt. Letzteres wäre aber erforderlich, da Abschottungen keine anerkannten Regeln der Technik darstellen.
  • Ein abgeschottetes Bauteil wird durch die Abschottung nicht zu einem eigenständigen Raum mit eigener Nutzungsklasse. Vielmehr gehört zum Beispiel der Fußboden bei dauerhaft genutzten Räumen zum Raum dazu und dieser ist daher inklusive Fußboden trotz einer möglichen Abschottung der Nutzungsklasse II zuzuordnen. Betz wies in diesem Zusammenhang allerdings auch auf eine Aussage von Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt hin, der sagte, ein Fußboden könne der Nutzungsklasse III oder IV zugeordnet werden, wenn nachgewiesen werden könne, dass ein Eintrag von Schimmelbestandteilen aus dem Fußboden auszuschließen sei. Betz erklärte, dass es in jedem Fall ein gutes Vorgehen sei, sich an das zum UBA-Leitfaden gehörende Bewertungsschema für Fußböden zu halten.
  • Die Studie weist nur die (Diffusions-)Dichtheit bestimmter Baustoffe gegen größere Partikel wie Sporen nach. Die Tücke liegt aber in den Anschlüssen und Durchdringungen, die in der Regel nur mit großem Aufwand und dennoch hohem Risiko abzudichten sind. Ein Estrichrandstreifen reiche keinesfalls als Abdichtung aus. Insofern ist eine Abschottung nur ein gangbarer Weg, wenn es keine andere Möglichkeit gibt.

Der Vortrag von Dr. Wolfgang Lorenz und Peter Tappler hatte zwar ein anderes Thema („Über den Missbrauch mikrobiologischer Analyseergebnisse – Wunschergebnisse durch Auswahl bestimmter Proben und Analysemethoden“), stellte letztlich aber auch einen Kommentar zur Abschottung dar. So berichtete Peter Tappler über Fälle aus seiner Praxis, in denen Schimmelpilzsporen trotz Abschottung in die Raumluft gelangt sind. Und Dr. Lorenz monierte, dass Ergebnisse von Luftmessungen oft missbraucht werden, um eine hygienische Unbedenklichkeit zu bestätigen – trotz nachgewiesenem Schaden.

Schimmelpilzklausel ist (wahrscheinlich) unwirksam

Neben der Abschottung wurden auf der Pilztagung zwei weitere interessante und aktuelle Themen behandelt. So berichtete Rechtsanwalt Patrick Lerch über eine BGH-Entscheidung zur sogenannten Schimmelpilzklausel in Versicherungsverträgen zu Leitungswasserschäden. Mit dieser Klausel wird in manchen Verträgen ähnlich der Schwammklausel für holzzerstörende Pilze in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) die Regulierung von Schimmelschäden bei Leitungswasserschäden generell ausgeschlossen. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat hierzu ein Urteil des Oberlandesgerichts Koblenz aufgehoben, da es in der Sache nicht geklärt habe, ob bei Leitungswasserschäden regelmäßig auch Schimmelschäden auftreten. Wäre das der Fall, können sie nicht in den AGB ausgeschlossen werden und entsprechende Klauseln seien unwirksam.

Nach den Schilderungen Lerchs, habe die beklagte Versicherung die Schadensregulierung vor einem Urteilsspruch bezahlt, um ein Urteil mit Begründung zu vermeiden. Noch ist allerdings unklar, ob es nicht doch noch zu einem Urteil kommt.

Studie untersucht Mykotoxine in schimmelbefallenen Baustoffen

Ganz aktuelle Ergebnisse aus einer noch laufenden Studie präsentierte Professor Dr. Dr. habil. Manfred Gareis. Im Rahmen der GerES-Studien werden schwerpunktmäßig mikrobielle Wirkstoffe untersucht. Ausgewählt wurden bei GerES V (2018 bis 2022) Entzündungsmediatoren, zytotoxische Wirkstoffe und Mykotoxine.

Gareis berichtete über die Untersuchung von Baustoffproben auf Mykotoxine. Eingesetzt wurde hierfür die LC-MS/MS-Multimykotoxin-Methode, die an der LMU München für die Analytik von Umweltproben entwickelt wurde. Mit ihr wird ein analytisches Spektrum von bislang insgesamt 26 Mykotoxinen von Chaetomium, Aspergillus, Penicillium und Stachybotrys erfasst.

Die vorgestellten Ergebnisse zeigen vor allem zweierlei:

  • Die untersuchten Baustoffproben wiesen teilweise sehr hohe Mykotoxin-Konzentrationen auf.
  • Aus dem Mykotoxin-Profil lassen sich die vorhandenen Pilzspezies ableiten, auch im zeitlichen Verlauf der Schadensentwicklung.

Ziel der Untersuchung ist es, die möglichen gesundheitlichen Wirkungen eines Schimmelbefalls besser zu verstehen. Aber auch auf die Sanierungspraxis könnten sich die Ergebnisse auswirken, insbesondere im Hinblick auf die feinzureinigenden Flächen oder den Ausbau von Materialien.

Fazit: Gut, dass die Tagung stattgefunden hat

Die Pilztagung konnte nur mit eingeschränktem Programm ohne Fachausstellung und dem ursprünglich geplanten Workshop-Tag durchgeführt werden. Dennoch war es gut, dass die Tagung stattgefunden hat und die Diskussion aktueller Themen nicht dem Sars-CoV-2-Virus zum Opfer gefallen ist. Die Vorträge waren so kurz und kompakt gehalten, dass man ihnen – wie der Autor dieses Artikels – auch bei der Online-Teilnahme konzentriert folgen konnte. Die Chatfunktion trug zu einem intensiven Austausch bei und konnte zumindest über die fehlenden beziehungsweise eingeschränkten Pausengespräche hinwegtrösten.

Michael Henke

Weitere Informationen

Mehrere Artikel in der „B+B Bauen im Bestand“ beschäftigen sich mit der Studie „Instandsetzung von Schimmelschäden durch Abschottung – Partikeldichtheit von Baustoffen“ und der Kritik an dieser. Sie sind in den Ausgaben 3/2018, 2/2019, 2/2020 und 4/2020 erschienen. Der Forschungsbericht ist online auf der Seite des AI Bau verfügbar.