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Mit Wärmedämmung das Klima retten?

Klimapaket, GEG, individuelle Sanierungsfahrpläne, serielles Sanieren, Wege in die Klimaneutralität, die Rolle der Energieberatung, das Zusammenspiel von Wärmedämmung und erneuerbaren Energien, die Diskrepanz zwischen errechneten und tatsächlichen Einspareffekten, die Rolle des Fachhandwerks für die energetische Sanierung und die Ausbildung von Fachkräften: das waren einige der Themen auf dem diesjährigen Roundtable-Gespräch der Initiative „Qualitätsgedämmt e.V. (QDeV)“.

Christian Stolte Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena)
Christian Stolte: „Was in anderen Branchen Standard ist, kommt mit den Konzepten seriellen Sanierens auch für die Gebäudemodernisierung zum Tragen: digitalisierte Prozesse und Vorfertigung, die für hohe Qualität sorgen und dennoch Raum für individuelle Gestaltung lassen.“ (Abb.: Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena))

Einmal im Jahr lädt die Initiative „Qualitätsgedämmt e.V. (QDeV)“ diejenigen Fachpressejournalisten zu einem Roundtable-Gespräch ein, die sich in ihren Medien mit den Themen Wärmedämmung der Gebäudehülle und Energetische Sanierung beschäftigen. Auch dieses Ereignis lief im Corona-Jahr 2020 anders ab als gewohnt: Statt gemeinsam an einem Ort miteinander zu diskutieren, beantworteten die vier eingeladenen Teilnehmer der Diskussionsrunde die Fragen von Moderator Ulrich Krenn, Director Media Relations der UNID Communication, und die Nachfragen der Fachpressejournalisten jeder für sich in den eigenen vier Wänden. Stellung zum diesjährigen Leitthema „Energiewende, Klimaschutz, GEG & steuerliche Förderung: genügend Rückenwind für die Wärmedämmung?“ beziehen Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), Jan Bauer, Präsident Bundesverband Farbe, Gestaltung, Bautenschutz, Christian Stolte, Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude bei der dena, und Energieberater Markus Grenz.

Wird das Klimapaket seine Ziele erreichen?

Ulrich Krenn: Ziel unseres diesjährigen Fachpresse-Roundtables ist zunächst eine Bestandsaufnahme: „Was leistet der Gebäudesektor zum Erreichen der Energiespar- und Klimaschutzziele?“ und „Wie kann die Wärmedämmung ihre wichtige Rolle in diesem Prozess behaupten?“. Herr Stolte, mit welcher konkreten Erwartung hat der Gesetzgeber die Förderung der energetischen Gebäudesanierung erhöht und ihre steuerliche Absetzbarkeit eingeführt?
Christian Stolte: Mit dem im vergangenen Jahr beschlossenen Klimapaket und dem Klimaschutzprogramm soll die Erreichung der Klimaschutzziele bis 2030 sichergestellt werden. Dies geht nur mit deutlich weniger Energieverbrauch und mehr Energieeffizienz. Dafür wurden im Gebäudebereich zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht. Ein Schwerpunkt liegt hier auf der sehr attraktiven Erhöhung der Förderung sowie der Einführung der steuerlichen Absetzbarkeit von Sanierungen als neue Fördersäule. So soll der Anreiz erhöht werden, zu investieren. Gleichzeitig will man möglichst viele Gebäudebesitzer erreichen.

Ingeborg Esser (GdW – Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V.)
Ingeborg Esser: „Es ist verstörend, dass der Gesamtenergieverbrauch der Gebäude in Deutschland trotz hoher Investitionen kaum gesunken ist.“ (Abb.: GdW – Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V.)

Ulrich Krenn: Frau Esser, Ihr Verband bzw. Ihre Mitgliedsunternehmen stehen für rund sechs Millionen Wohnungen in Deutschland. Das ist ein großer Teil des gesamten Wohnimmobilienbestands (42 Millionen) in unserem Land. Welchen Stellenwert hat dabei die energetische Sanierung in Relation zu Rück- und Neubau?
Ingeborg Esser: Seit 1990 wurden über 40 Prozent der Wohnungen der Wohnungsunternehmen energetisch vollständig modernisiert und weitere 31 Prozent energetisch teilmodernisiert. Etwa zehn Prozent der bewirtschafteten Wohnungen wurden seit 1994 neu gebaut. Nach einem Minimum zwischen 2005 und 2012 steigen seitdem die Neubauzahlen wieder an. Den Stellenwert von energetischer Modernisierung und Neubau kann man aber nicht in eine Reihenfolge bringen – beides ist unverzichtbar. Unverzichtbar ist außerdem die Modernisierung der Bestände in weiteren Bereichen: Einbau von Aufzügen, Verminderung von Barrieren in den Wohnungen, im Hauseingangsbereich und im Wohnumfeld, Modernisierung von Elektro- und Telekommunikationstechnik sowie von Küchen und Bädern, Anbau von Balkonen, Sicherheit durch Gegensprechanlagen und automatische Türöffner, Vorbereitung für E-Mobilität.

Ulrich Krenn: Herr Grenz, wie läuft derzeit das Geschäft mit Energieberatungen? Wie war das erste Halbjahr, welche Tendenz ist erkennbar? Wirken sich die neue steuerliche Absetzbarkeit und höhere Förderungen von BAFA und KfW aus?

Markus Grenz
Markus Grenz: „Die Philosophie meiner Arbeit ist es, das Objekt bzw. die Sanierung ganzheitlich zu betrachten und meine Kunden dementsprechend zu beraten.“ (Abb.: In Privat)

Markus Grenz: Die Auftragslage im Bereich der Energieberatung ist als gut zu betrachten. Die Motivation der Inanspruchnahme beratender Leistungen des Energieberaters war jedoch sehr gering bei der steuerlichen Absetzbarkeit energetischer Sanierungsmaßnahmen. Die erhöhten BAFA-Zuschüsse für „Vor-Ort-Beratungen“ und „Heizen mit erneuerbaren Energien“ wurden sehr positiv angenommen. Eine außerordentliche hohe Nachfrage an Beratungsleistungen bringt die Erhöhung der KfW-Zuschüsse für „Energieeffizientes Bauen und Sanieren“ mit sich. Aufgrund der höheren Förderung soll der beste Effizienzstandard erreicht werden. Nichts soll unversucht bleiben.

Ulrich Krenn: Herr Bauer, wie ist die Bilanz Ihres Handwerks nach einem guten halben Jahr, in dem es die steuerliche Absetzbarkeit und erhöhte BAFA-/KfW-Förderungen für die energetische Gebäudesanierung gibt?

Jan Bauer (Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz)
Jan Bauer: „Gerade in der heutigen Zeit ist ein verstärktes Engagement bei der Ausbildung erforderlich. (Abb.: Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz)

Jan Bauer: In der Diskussion der letzten Monate hat WDVS so gut wie keine Rolle gespielt. Corona war das große Thema und hat alle anderen Themen verdrängt. Im eigenen Betrieb habe ich seit Jahren erstmals wieder Anfragen zum Thema WDVS gehabt, sehe hier aber so gut wie keinen Zusammenhang zur verbesserten Förderung.

Ulrich Krenn: Herr Stolte, wie sind die bisherigen Rückmeldungen aus dem Markt, wie stark werden diese Maßnahmen angenommen und nachgefragt?
Christian Stolte: Die ersten Rückmeldungen sind sehr positiv, trotz der aktuellen Krise sind die Förderzahlen 2020 bislang deutlich nach oben gegangen. Die Zahl der Energieberatungen sowie der geförderten Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz durch Dämmung, neue Fenster sowie den Einsatz erneuerbarer Energien hat sich stark erhöht. Die Resonanz der Steuerförderung wird man erst ab 2021 bewerten können, denn dann werden die Aufwendungen ja erst abgesetzt.

Ulrich Krenn: Frau Esser, die neue steuerliche Absetzbarkeit energetischer Sanierung gilt erst mal nur für Privatbesitzer von Gebäuden, nicht für die kommerzielle Wohnungswirtschaft. Mindert das Ihre Motivation für künftige Sanierungen?
Ingeborg Esser: Wohnungsunternehmen sind Bestandshalter und an einer langfristigen erfolgreichen Bewirtschaftung ihrer Bestände interessiert. Auch die Motivation für eine energetische Modernisierung liegt daher erst einmal in der Pflege und Bewirtschaftung der Bestände, nicht in den vorhandenen Fördermitteln. Bei einer energetischen Modernisierung kommen aber mehrere Punkte zusammen: hohe Investitionskosten, im Vergleich dazu geringe Energiekosteneinsparung und eine begrenzte Mietzahlungsfähigkeit der Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen. Deshalb entscheidet die Art der Förderung über den Umfang und die Tiefe einer Modernisierung. Zielführend wären direkte Zuschüsse oder eine Investitionszulage.

Ulrich Krenn: Herr Bauer, haben die jetzt getroffenen Maßnahmen – Steuer und Förderung – nach Ihrer Erfahrung entscheidenden Einfluss auf die Investitionsentscheidungen von Hausbesitzern? Was melden Ihre Mitgliedsunternehmen?
Jan Bauer: In Gesprächen mit Kollegen und aus eigener Erfahrung habe ich nicht den Eindruck, dass sich das Verhalten der Kunden in den letzten Monaten geändert hat. Geplante Investitionen sind in vielen Fällen durchgeführt worden. Die die unsicher waren, sind in der aktuellen Situation weiterhin zurückhaltend. Unsere diesjährige Konjunkturumfrage, die vor der Corona-Krise durchgeführt wurde, hat bereits eine wachsende Skepsis hinsichtlich der konjunkturellen Entwicklung gezeigt. Die Betriebe haben sich schon vor Corona auf ein Nachlassen des Booms eingestellt.

Ulrich Krenn: Herr Grenz, was sind die Wünsche von Hausbesitzern in Bezug auf Klimaschutz, Energiesparen? Was sind weitere Motive, eine energetische Sanierung anzupacken?
Markus Grenz: Klimaschutz und Energiesparen sind geringe Motive, die Leistungen eines Energieberaters in Anspruch zu nehmen. Hauptgründe und Motivation liegen klar darin, Zuschüsse zu generieren. Nachhaltigkeit der Maßnahmen ist vor allem jungen Familien wichtig.

Ulrich Krenn: Herr Bauer, Die Bauindustrie im Allgemeinen hat während des Lockdowns fast durchgehend weitergearbeitet. Gilt das auch für das Malerhandwerk?
Jan Bauer: Das gilt auch für das Malerhandwerk. Vereinzelt waren Betriebe von den Einschränkungen betroffen, z. B. bei Kunden wie Altenheimen etc. Es gab auch Kunden, die Aufträge aus Sorge vor Corona storniert haben. In anderen Fällen haben Kunden gerade wegen Corona Aufträge vergeben, weil sie Home-Office bedingt sowieso zuhause waren oder weil sie ihr Zuhause besonders schön haben wollten, da der Urlaub gestrichen wurde.

Ulrich Krenn: Herr Stolte, kann der Gebäudesektor so seine Klimaziele für 2030 und 2050 erreichen und falls nicht: Was kann die derzeit unzureichende Sanierungsquote heben?
Christian Stolte: Die beschlossenen Maßnahmen sind ein Schritt in die richtige Richtung, werden aber alleine noch nicht ausreichen, um die Ziele zu erreichen. Dies zeigen auch jetzt schon die Prognosen der Ministerien. Daher werden wir weitere Aktivitäten brauchen, die wir auch im Politischen Maßnahmenpaket der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) aufgeführt haben, zum Beispiel im Bereich der Beratung und Information mit dem Ausbau der individuellen Sanierungsfahrpläne oder bei der Förderung innovativer Geschäftsmodelle mit der Stärkung der seriellen Sanierung.

Werden individuelle Sanierungsfahrpläne genutzt?

Michael Henke, B+B Bauen im Bestand: Herr Stolte, wie stark wird das Instrument der von Ihnen erwähnten individuellen Sanierungsfahrpläne von den Energieberatern genutzt und ihren Kunden „nahe gebracht“?
Christian Stolte: Der individuelle Sanierungsfahrplan wird von den Energieberatern und Eigentümern sehr gut angenommen. Die Antragszahlen bei der Förderung durch das BAFA steigen kontinuierlich an. Die ansprechende und übersichtliche Darstellung der komplexen Details einer Sanierung ermöglicht eine sehr gute Übersicht über die einzelnen Schritte. Daher sehen viele Fachexperten den individuellen Sanierungsfahrplan als hilfreiche Gesprächs- und Entscheidungsgrundlage im Austausch mit dem Eigentümer.

Michael Henke, B+B Bauen im Bestand: Herr Grenz, nutzen Sie das Instrument des individuellen Sanierungsfahrplans? Was halten Sie davon? Und wie wird so ein Angebot von Ihren Kunden angenommen?
Markus Grenz: Die Philosophie meiner Arbeit ist es, das Objekt bzw. die Sanierung ganzheitlich zu betrachten und meine Kunden dementsprechend zu beraten. Der iSFP wurde meinerseits einmal umgesetzt, allerdings parallel zum ausführlichen BAFA-Vor-Ort-Beratungsbericht. Sämtliche möglichen Sanierungsschritte lassen sich meines Erachtens am deutlichsten und „tatsächlich individuell“ im BAFA-VOB-Bericht darstellen, so dass der Kunde eine für ihn stimmige Beratung und Erläuterung erhält. Die Struktur beginnt mit der Betrachtung einer ganzheitlichen Sanierung unter Berücksichtigung sämtlicher KfW-Förderbedingungen. Dem Kunden hat selbstverständlich auch die Wahl, nur einzelne Maßnahmen umzusetzen. Grundsätzlich stehen die Fördermöglichkeiten für den Kunden im Vordergrund. Für mich ist es wichtig, nicht nur die Maßnahmenpakete vorzustellen. Es sind auch die notwendigen Randbedingungen, wie Luftdichtheitskonzeptionierung, Lüftungskonzeptionierung, hydraulischer Abgleich etc. und deren Auswirkung zu erläutern. Mir fehlt beim iSFP die Freiheit, dem Kunden eine individuelle Darstellung im Bericht zu bieten. Der ausführliche BAFA-VOB-Bericht wird mittels Grafik, Tabelle, Schriftform, Bild ausgearbeitet, so dass jeder Kunde die benötigten Informationen in seiner favorisierten Form darin findet. Es gibt auch keine konkrete Nachfrage nach dem iSFP.

Gehört dem seriellen Sanieren die Zukunft?

Michael Henke, B+B Bauen im Bestand: Was sind die bautechnischen Schwierigkeiten bei der seriellen Sanierung (Stichwort Energiesprong), also das Anpassen eines Standards auf ganz unterschiedliche Haustypen? Für welche Gebäudearten kommen solche Verfahren überhaupt infrage und für welche nicht? Sind das eher bauindustrielle Verfahren oder können Handwerksbetriebe, die Wärmedämmungen ausführen, auf diesen Zug aufspringen?
Christian Stolte: Im Energiesprong-Ansatz entwickeln Bauunternehmen eine auf einen bestimmten Gebäudetyp optimal abgestimmte Lösung, also ein Sanierungsprodukt, das sich dann wiederholt für typenähnliche Gebäude anwenden lässt. Bautechnische Probleme werden so im Optimalfall bereits in der Entwicklungsphase des Sanierungsprodukts identifiziert und behoben. Grundsätzlich ist der Energiesprong-Ansatz vor allem für architektonisch einfachere und typenähnliche Gebäude geeignet. Das sind insbesondere Wohnhäuser aus der Nachkriegszeit mit eher einfacher Hülle und einem hohen Energieverbrauch. Allein 500.000 Mehrfamilienhäuser aus den 1950er- bis 1970er-Jahren könnten damit zügig zu Nullenergiehäusern werden. Perspektivisch lässt sich dieser Ansatz aber auch auf Einfamilienhäuser oder Nichtwohngebäude übertragen.
Der Energiesprong-Ansatz ist offen für alle Unternehmen, die an einem neu organisierten und innovativen Sanierungsprozess mitwirken wollen – alleine oder in Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen. Dabei sind Größe und Branche eines Unternehmens weniger relevant, vielmehr kommt es auf Erfahrung, gute Ideen und die Offenheit an, neue Lösungen auszuprobieren. Aufgrund des standardisierten Prozesses können Handwerksbetriebe beispielsweise mehr Projekte in kürzerer Zeit übernehmen. Die Gesamtverantwortung liegt im Energiesprong-Prozess in der Regel bei einem Unternehmen, das als Generalübernehmer agiert und den gesamten Prozess plant und steuert.
Serielles Sanieren nach dem Energiesprong-Prinzip nutzt die Möglichkeiten von Industrie und Handwerk 4.0. Was in anderen Branchen Standard ist, kommt so auch für die Gebäudemodernisierung zum Tragen: Digitalisierte Prozesse und Vorfertigung, die für hohe Qualität sorgen und dennoch Raum für individuelle Gestaltung lassen. Ziel ist, eine Sanierung auf den NetZero-Standard warmmietenneutral zu ermöglichen. Das Gebäude soll im Anschluss über das Jahr so viel Energie für Heizung, Warmwasser und Strom erzeugen, wie benötigt wird. Gleichzeitig sollen auch die Bauzeiten verkürzt werden. So kann energetisches Sanieren schneller, günstiger und damit für alle Beteiligten attraktiver werden.
Die ersten Pilotprojekte in Deutschland bringen wertvolle Erfahrungen, die in die Weiterentwicklung serieller Sanierungsprodukte, aber auch in die Prozesse und Zusammenarbeit mit den Partnern einfließen. Schritt für Schritt entwickeln die Bau- und Wohnungsunternehmen so einen Baukasten für serielle Sanierungen, der im Breitenmarkt genutzt werden kann. Wir begleiten und unterstützen diesen Prozess. Das Marktpotenzial ist groß. Bereits heute haben Wohnungsunternehmen 17.000 Wohneinheiten für eine serielle Sanierung bereitgestellt. Wenn wir es schaffen, jährlich nur ein halbes Prozent unseres Gebäudebestands mehr zu sanieren, bedeutet das ein Markt von 20 Milliarden Euro Bauvolumen jährlich.

Ulrich Krenn: Frau Esser, das Energiesprong-Prinzip basiert auf einem industrialisierten Prozess mit vorgefertigten Elementen. Beschäftigt sich Ihr Unternehmen mit dieser neuen Art des seriellen Sanierens. Sind Sie diesbezüglich mit der Dena im Gespräch?
Ingeborg Esser: Die Wohnungswirtschaft beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema serielles und modulares Bauen. In diesem Kontext haben wir auch die Zusammenarbeit mit der dena-Initiative „Energiesprong-Deutschland“ forciert. Für die Erreichung der Klimaziele wird es für unsere Wohnungsbestände essentiell sein, die Verbindung von hocheffizienten Gebäuden unter Einbindung von erneuerbaren Energien, also klimaneutralen Gebäuden zu leistbaren Kosten zu erreichen. Andernfalls droht eine wirtschaftliche Überforderung viele Mieter. Neben dem Kostensenkungspotenzial sehen wir auch die Vorteile industrieller Fertigungsprozesse wie Qualität, Zeit und Stückzahl für energetische Sanierungen. Wir benötigen dringend kostengünstige klimaneutrale Lösungen, die innerhalb relativ kurzer Zeitspannen realisierbar sein müssen.

Ulrich Krenn: Frau Esser, planen Sie oder führen Sie gar schon Sanierungen nach dem Energiesprong-Prinzip durch. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Pilotprojekten gemacht? Wie schätzen Sie die künftigen Möglichkeiten ein?
Ingeborg Esser: Derzeit finden im Rahmen von Pilotprojekten energetische Sanierungen an sechs Standorten statt. Hierzu liegen uns noch keine Erfahrungen vor, denn der Projektstart erfolgte erst kürzlich. Für unsere Wohnungsunternehmen sind zudem die Erfolge in der Energieeinsparung erst nach mindestens zwei Heizperioden belegbar. Dennoch sind alle Projektpartner hochmotoviert. Die Berechnungen stimmen uns sehr zuversichtlich, dass mit der Energiesprong-Initiative im wahrsten Sinne ein großer Sprung gelingen kann. Anlässlich des sogenannten Volumendeals auf dem dena-Kongress bekundeten 22 Wohnungsunternehmen ihre Nachfrage und stellen 11.635 Wohnungen bereit, die in den nächsten vier Jahren seriell saniert werden sollen. Mittlerweile haben weitere Wohnungsunternehmen ihr Interesse bekundet.

Michael Henke, B+B Bauen im Bestand: Herr Bauer, was halten Sie als Handwerksunternehmer vom Konzept der seriellen Sanierung? Ist das aus Ihrer Sicht ein Verfahren, das Handwerksbetriebe in ihr Leistungsspektrum aufnehmen sollten?
Jan Bauer: Die Idee der seriellen Sanierung ist sehr interessant und auf den ersten Blick könnte es die Lösung für die energetische Sanierung sein – Plattenbau 4.0 sozusagen. Ob es in der Umsetzung so gut klappt, wie es die Videos im Internet zeigen, wird man in ein paar Jahren sehen. Serielle Fertigung ist auch für das Handwerk nicht neu. Zimmerleute bauen Holzhäuser auf eine ähnliche Art, mit einem hohen Anteil von Vorfertigung und auch der Trockenbau ist in Form des Stahlleichtbaus auf einem ähnlichen Weg. Der Energiesprong setzt aber eher auf eine industrielle Produktion in einem großen Maßstab und großen Stückzahlen, dieser Markt geht eher an die Bauindustrie und nicht an das Bauhandwerk. Wie groß der Anteil unseres Wohnungsbestandes ist, der für diese Art der energetischen Sanierung geeignet ist, wird sich zeigen. Ich glaube aber, dass der Teil der in handwerklicher Arbeit saniert werden muss, die Maler und Stuckateure noch viele Jahre beschäftigen wird.

Sind wir auf dem Weg in die Klimaneutralität?

Ulrich Krenn: Frau Esser, die Klimaziele 2030 sind im Gebäudebereich kaum noch zu erreichen. Auch für 2050 stimmt der Kurs angesichts unzureichender Sanierungsquote noch bei weitem nicht. Wie wollen die GdW-Mitglieder ihren großen Immobilienbestand in den nächsten 30 Jahren klimaneutral bekommen?
Ingeborg Esser: Mit den derzeitigen Rahmenbedingungen wird das tatsächlich nicht gehen. Nach wie vor fokussieren große Teile der Politik in Bund, Ländern und Kommunen auf höchste Effizienzstandards. Beispielsweise wird in München und Hamburg versucht, das Effizienzhaus 40 zum Standard zu machen. Wir verstehen zwar die zugrunde liegenden Gedanken, sehen aber auch, dass wir so das Problem nicht lösen. Wir erzielen mit exponentiell steigenden Grenzkosten nur einen gering höheren Grenznutzen. Deshalb schlagen wir einen Systemwechsel vor: Der Effizienzstandard für Neubau und Bestandsförderung sollte sich daran orientieren, dass ein Gebäude mit einem Niedertemperatursystem versorgt werden kann, sozusagen 2050ready, denn dann ist das Gebäude vorbereitet auf eine effiziente Versorgung mit erneuerbaren Energien. Wir müssen weiter so viel PV wie möglich auf die Gebäude und in die Quartiere bringen. Damit das gelingt, muss die Stromerzeugung aus lokalen erneuerbaren Anlagen eine Nebenleistung zur Vermietung werden. Und schließlich müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um Gebäudeautomation und die Nutzung erneuerbarer Energien voranzutreiben und Anlagen kostengünstiger und mit längerer Nutzungszeit herzustellen. Wir werden neben den lokal genutzten erneuerbaren Energien auch grüne Netze brauchen – für Strom, Fernwärme und Gas. Die Gebäudeautomation muss eine digitale Nutzerunterstützung zur effizienten Energienutzung enthalten. Wir sehen ja, dass seit zehn Jahren der Raumwärmeverbrauch pro Quadratmeter stagniert. Ein Teil des Problems ist auch die nachlassende Aufmerksamkeit der Nutzer für Ihren Energieverbrauch und der daraufhin folgende Verbrauchsanstieg, der offenbar die Einsparungen durch energetischen Modernisierung sowie Abriss und Neubau kompensiert.

In der Beratung Zusammenhänge vermitteln

Ulrich Krenn: Herr Grenz, welche Widerstände und Vorurteile müssen Sie in Ihrer täglichen Praxis überwinden?
Markus Grenz: Erstens suggerieren ausführende Unternehmen den Bauwilligen, dass jedes einzelne Gewerk separat betrachtet und unabhängig von weiteren beauftragt werden kann. Durch gezielte Beratung des Auftraggebers vermittle ich die Zusammenhänge, wie z. B. über die Gebäudehülle – angefangen mit der Dämmung des unteren Gebäudeabschlusses – der Heizwärmebedarf ermittelt und daraufhin die Heiz- und Lüftungstechnik entsprechend geplant werden können. Ein zweites Vorurteil ist, dass Wärmedämm-Verbund-Systeme a) Schimmel bringt, weil alles zu dicht sei, b) brennt und c) die Entsorgung als Sondermüll zu erfolgen hat. Sämtliche Vorurteile können ohne weiteres entkräftet werden.

Ulrich Krenn: Herr Bauer, wie ist das Verhältnis von einfachen Sanierungen („Pinsel-Sanierungen“) zu aufwendigeren Maßnahmen wie WDVS, und welche Tendenz ist erkennbar?
Jan Bauer: Es ist nicht möglich hier einen bestimmten Prozentsatz zu nennen. Auch die Unterscheidung zwischen einfachen Sanierungen und aufwendigen Maßnahmen kann man meines Erachtens nicht alleine am Werkzeug oder einer bestimmten Tätigkeit festmachen. Unsere aktuelle Konjunkturumfrage hat aber bei den befragten Malern gezeigt, dass der Anteil von WDVS weniger als zehn Prozent des Umsatzes ausmacht. Eine Tendenz können wir erst nach ein oder zwei weiteren Umfragen feststellen.

Liegt der Fokus zu stark auf erneuerbaren Energien?

Ulrich Krenn: Herr Stolte, das neue Gebäudeenergiegesetz (GEG) legt einen deutlichen Schwerpunkt auf erneuerbare (elektrische) Energien und die Versorgung von Quartieren. Kommt das Thema „Energieeffizienz in Gebäuden“, früher ein Markenzeichen der dena, dabei nicht zu kurz?
Christian Stolte: Die dena setzt sich auf allen Ebenen für mehr Energieeffizienz ein und alle seriösen Studien zeigen auch: ohne Energieeffizienz ist an Zielerreichung nicht zu denken. Dafür brauchen wir aber auch alle weiteren Optionen im Gebäudebereich: neben mehr Energieeffizienz eben auch mehr Erneuerbare und mehr synthetische, „grüne“ Brennstoffe – alles gut verzahnt im integrierten Energiesystem. Und gleichzeitig müssen wir die Themen Wirtschaftlichkeit und Bezahlbarkeit im Blick behalten und neue Ansätze auf Quartiersebene entwickeln. Allerdings darf dies nicht auf Kosten der Energieeffizienz gehen. Das GEG setzt mit seinen Haupt- und Nebenanforderungen sowie den Nachrüstverpflichtungen auch weiterhin auf den kombinierten Ansatz aus Verbesserungen an der Gebäudehülle und den Einsatz effizienter und erneuerbarer Energietechnik.

Ulrich Krenn: Frau Esser, wenn sich Ihre Unternehmen für die energetische Sanierung eines Wohngebäudes entscheiden, nach welchen Kriterien entscheiden sie die entsprechenden Maßnahmen, also nach Anlagentechnik, Steuerungstechnik, Dach-, Fenster- oder Fassadensanierung?
Ingeborg Esser: Die erste Frage ist: Wieviel kann ich in das Gebäude investieren, ohne die Mieter zu überfordern? Und dann muss man schauen, welche Maßnahmen innerhalb des finanziellen Rahmens den besten Erfolg bringen. Grundsätzlich gehört neben der Wärmeerzeugung und der Steuerungstechnik auch die Prüfung einer Verbesserung der Wärmedämmung der Gebäudehülle dazu. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Dächer und oberste Geschossdecken wegen der Nachrüstpflichten aus der EnEV oft schon nachträglich gedämmt wurden und dass die PVC-Fenster der letzten 25 Jahre praktisch nicht kaputtzukriegen sind, ein Austausch wirtschaftlich daher oft nicht sinnvoll ist. Außerdem ist der Fassadenputz meist gut instand gehalten und nicht erneuerungsbedürftig. Das kann, besonders in der Kombination, eine nachträgliche Fassadendämmung erschweren. Verschiedene Modernisierungsvarianten werden dann über vollständige Finanzpläne miteinander und mit der Variante „reine Instandsetzung“ verglichen.

Ulrich Krenn: Herr Grenz, viele (Politiker) favorisieren derzeit statt einer grundlegenden Sanierung die Versorgung von Wohnquartieren mit ortsnah erzeugter, erneuerbarer elektrischer Energie. Kann das flächendeckend funktionieren?
Markus Grenz: Die Quartierlösung ist meines Erachtens nicht wirklich zielführend, um Energiebedarf und Schadstoffausstöße kontinuierlich zu minimieren. Solange der Energiebedarf von Gebäuden im Quartier sehr hoch bleiben kann, wird die technische Ausführung ebenfalls aufwendig bleiben. Der Beitrag zur Energiewende und -einsparung lässt sich nicht schlüssig nachvollziehen. Versorgung mit ortsnah erzeugter, erneuerbarer elektrischer Energie kann meiner Meinung nach nur funktionieren, wenn diese mobil nutzbar ist, d. h. erstens benötigen wir effiziente Speicherfähigkeit elektrischer Energie durch Nutzung von beispielsweise Brennstoffzellentechnik und zweitens sind Alternativen zum Akku dringend notwendig, da der Akku keine optimale effiziente Nutzung gewährleistet.

Sind die Einspareffekte zu gering?

Ulrich Krenn: Herr Grenz, oft heißt es, eine Sanierung – genau gesagt eine Dämmung – lohnt sich nicht, weil die Kosten zu hoch und die Einspareffekte zu gering sind. Was sagen Sie da?
Markus Grenz: Lohnen ist eine Frage der Betrachtung. Die wirtschaftliche und bauphysikalische Betrachtung als auch die hygienischen Gesichtspunkte sind hier zu sehen. Aufschluss und Transparenz sind im ganzheitlichen Sanierungskonzept, welches grundsätzlich mit der Aufnahme und Bewertung des Ist-Zustandes beginnt, zu finden. Mehrwert ergibt sich bei einer Sanierung nach energetischem Konzept, z. B. auch durch die neue Wohnbehaglichkeit durch Synergieeffekte der Maßnahmen am gesamten Baukörper.

Ulrich Krenn: Frau Esser, Ihr Verband hat vor kurzem beklagt, dass der Gesamtenergieverbrauch der Gebäude in Deutschland trotz hoher Investitionen kaum gesunken ist. Ist das angesichts des steigenden Wohnungsbestands – jährlich rund eine halbe Million Einheiten – und der zunehmenden Wohnflächen pro Kopf – außer in teuren Innenstädten – überhaupt möglich, wenn man zudem die stark gesunkenen Preise für Brennstoffe mit berücksichtigt? Stichwort „Rebound-Effekt“.
Ingeborg Esser: Die zitierte Statistik des BMWi gibt den temperaturbereinigten Raumwärmeverbrauch pro Quadratmeter Wohnfläche an. Und der sollte durch jeden Neubau – unter Durchschnitt –, jeden Abriss – über Durchschnitt – und jede energetische Modernisierung sinken. Dass so gar keine Verminderung sichtbar ist, ist schon verstörend. Wir erwarten, dass das endlich wissenschaftlich untersucht wird. Hypothesen steuern wir gern bei: Der Energieverbrauch in Neubauten ist meist höher als berechnet. Die Energieeinsparung durch energetische Sanierung ist meist geringer als erwartet. Nutzer missachten Einspartechnologien teilweise und setzen sie außer Kraft, z. B. durch gekippte und lang offenstehende Fenster trotz Lüftungsanlage mit WRG oder Nichtnutzung von Einzelraumregelung. In Teilen des Gebäudebestands wurde offenbar „schleichend“ mehr Energie verbraucht: Höhere Raumtemperaturen, in wärmeren Heizperioden wird erfahrungsgemäß mehr gelüftet, der Stromverbrauch in Haushalten ist seit 2010 pro Quadratmeter gesunken, höhere Systemtemperaturen zur Legionellenvermeidung.
Das alles spricht nicht gegen die weitere energetische Modernisierung der Bestände, auch nicht gegen Wärmedämmung. Aber es zeigt, dass es mit der energetischen Modernisierung nicht getan ist. Wir halten die eindimensionale Forderung, Breite und Tiefe der energetischen Modernisierung zu erhöhen, also die Investitionen auszuweiten und höchste Effizienzstandards umzusetzen, für ungeeignet, um die Klimaziele zu erreichen. Zuerst braucht es endlich eine echte Kosten-Nutzen-Evaluation: Was ist in den letzten zehn Jahren in die energetische Modernisierung investiert worden und was hat die Vermeidung einer Tonne CO2 in der Praxis bei verschiedenen Effizienzstandards gekostet? Was müssen wir tun, damit die erwarteten Ergebnisse eintreten? Kann es sein, dass vermietete Gebäude mit wechselnden Nutzern anders zu bewerten sind, als von Selbstnutzern bewohnte Gebäude? Wir müssen mit Gebäudeautomation und digitaler Steuerung auch ergonomische Lösungen finden, um die Nutzer ins Boot zu holen. Ob der kommende CO2-Preis dafür die richtige Methode ist, ist fraglich. Möglicherweise unterstützt die unterjährige Verbrauchsinformation das Nutzerverhalten. Eigentlich braucht es aber einer Echtzeitinformation, z. B. wenn temporär eine höhere Temperatur eingestellt, aber das Zurückstellen vergessen wurde.

Mehr in die Ausbildung von Fachkräften investieren

Ulrich Krenn: Herr Bauer, wie können und sollten sich Handwerksbetriebe jetzt in der Krise positionieren – defensiv und warten, dass die Flaute vorübergeht oder aktiv und mit Investitionen (auch in Ausbildung!) künftiges Geschäft auf den Weg bringen?
Jan Bauer: Bei aller Ungewissheit und damit einhergehend einer gewissen Vorsicht, vertreten wir die Meinung, dass gerade in diesen Zeiten ein verstärktes Engagement bei der Ausbildung erforderlich ist. Auf der einen Seite kann gerade die Vorsicht der anderen Wirtschaftsbereiche dazu führen, dass wir vielleicht bessere Chancen haben geeignete Auszubildende zu finden. Auf der anderen Seite wird Corona die demographische Entwicklung nicht aufhalten und das bedeutet für uns, dass wir bald noch mehr Auszubildende und vor allem Fachkräfte nötig haben werden.

Was spricht für die Wärmedämmung der Gebäudehülle?

Ulrich Krenn: Herr Stolte, warum hat das Thema Dämmen in der Politik Ihrer Meinung nach einen so schweren Stand?
Christian Stolte: Politisch sehe ich durchaus das Bewusstsein, dass Effizienz und insbesondere die Dämmung energie- und klimapolitisch absolut notwendig zur Zielerreichung sind. Ich stelle aber gleichzeitig in den Diskussionen häufig fest, dass wir zu wenig über die Chancen der Dämmung sprechen, die bessere Behaglichkeit, den Schutz des Gebäudes, eine neue Optik, weniger Verbrauch. Wir sollten dies noch stärker in den Fokus unserer Kommunikation rücken und sachliche Information an die Politik und die Gebäudeeigentümer geben.

Ulrich Krenn: Frau Esser, was spricht aus Ihrer Sicht für eine Fassadendämmung mit WDVS und was steht dem entgegen?
Ingeborg Esser: Wir würden Fassadendämmung nicht auf das Wärmedämm-Verbundsystem reduzieren. Gerade in den Hochhäusern oder in bestimmten Regionen sind es auch Vorhangfassade oder Kerndämmung, die eingesetzt werden. Die Entscheidung für eine nachträgliche Wärmedämmung ist komplex. Es muss beachtet werden, ob es sich um ein Baudenkmal oder ein Gebäude mit besonders zu erhaltender Bausubstanz handelt und welche Lösungen mit der lokalen Denkmalschutzbehörde machbar sind. Weiter ist das Zusammenspiel mit Fenstern, Fensterlaibungen und Dachüberstand zu beachten. Es muss geprüft werden, inwieweit kostenaufwändige Lösungen zu erwarten sind, z. B. viele Vor- und Rücksprünge, erhöhte Brandschutzanforderungen oder die Notwendigkeit die Balkone abzutrennen und neu ohne Wärmebrücken vor die Fassade zu stellen. „Schuhschachteln“ mit wenigen Geschossen sind hier klar im Vorteil. Nicht zuletzt spielt auch der Energieverbrauch eine Rolle und die Möglichkeit, die Wärmedämmung der Fassade in einer Gesamtmaßnahme ein wenig „gegen zu finanzieren“. Bei einem hohen gemessenen Verbrauch ist die Entscheidung für eine Wärmedämmung der Gebäudehülle einfacher, als bei einem geringen Verbrauch.

Ulrich Krenn: Herr Bauer, welche Kriterien der Kunden sind die ausschlaggebenden, und haben diese sich in den letzten Jahren verändert?
Jan Bauer: WDVS-Maßnahmen im privaten Bereich werden im Neubau und bei Umbaumaßnahmen durchgeführt, reine WDVS-Maßnahmen sind selten. Dieses Verhalten hat sich in der letzten Zeit nicht geändert.

Sind die Förderprozesse zu kompliziert?

Ulrich Krenn: Herr Grenz, sind die Bedingungen und Voraussetzungen, eine BAFA- oder KfW-Förderung zu erhalten, immer noch zu kompliziert, auch wenn Sie als Energieberater Ihren Kunden viel Bürokratie abnehmen? Ist das nach wie vor eine Hemmschwelle?
Markus Grenz: Grundsätzlich Ja! Dass die Anforderungen an Dokumentation und Nachweispflicht im Rahmen der Förderrichtlinien erfüllt werden, ist leider meist durch den involvierten Energieberater einzufordern. Die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen mit Auflagen wären grundsätzlich und konsequent vonseiten der Bauaufsichtsbehörden zu pflegen. Im gleichen Zuge sollten alle am Bau Beteiligten wesentlich besser mit der EnEV, EEWärmeG und EEG vertraut gemacht werden. Dann ist schnell erkennbar, dass der Anspruch der KfW und BAFA in Bezug auf Dokumentation und Nachweise sich eigentlich an den Anforderungen des Verordnungsgebers orientiert und zum „täglichen Handwerk“ gehören.

Das Fachhandwerk spielt entscheidende Rolle

Ulrich Krenn: Herr Stolte, wie sehen Sie die künftige Rolle des Sanierungshandwerks bei den Themen Klimaschutz, Energie und Wohnen?
Christian Stolte: Das Fachhandwerk wird weiterhin eine zentrale Rolle in der Sanierung spielen, angefangen bei der ersten Beratung und Information der Gebäudebesitzer bis hin zur Umsetzung. Ganz zentral wird das Thema der Qualitätssicherung sein und auch hier spielt das Fachhandwerk eine entscheidende Rolle. Wichtig wird auch sein, dass auch zukünftig ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen, denn wir wollen ja noch mehr sanieren, um die notwendigen Klimaziele zu erreichen.

Martin Mansel, Malerblatt: Herr Bauer, in diesem Jahr hat die Zahl der derjenigen, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen, nochmals zugenommen. Zum Mangel kommt noch sinkende Qualität? Wird es für die Betriebe künftig noch schwieriger, geeignete Azubis zu finden?
Jan Bauer: Die Zahl der Schulabgänger wird in den nächsten Jahren weiterhin abnehmen und viele der Geflohenen der letzten Jahre sind bereits in Ausbildung. Die gesamte Wirtschaft wird sich um die verbleibenden Schulabgänger bemühen. Hier ist jeder einzelne Arbeitgeber und Ausbilder gefragt mit einer guten Ausbildung und interessanten Angeboten seinen Nachwuchs zu finden. Wir als Bundesverband werden in den nächsten Wochen mit neuen Motiven und Formaten im Bereich von Social Media unsere Betriebe bei der Suche unterstützen und für Aufmerksamkeit sorgen. Daneben gibt es viele lokale, regionale und landesweite Aktionen, die die Betriebe unterstützen, auch hier wird es in den nächsten Wochen zu einer verbesserten Zusammenarbeit und mehr Sichtbarkeit kommen. Dabei werden wir die Absolventen aller Schulformen in Deutschland ansprechen.

Peter Schmid, Der Maler und Lackierermeister: Herr Bauer, welchen Stellenwert haben energetische und umwelttechnische Themen im Rahmen der Ausbildung zum Maler und Lackierer? Müsste im Lehrplan noch Wesentliches Eingang finden?
Jan Bauer: In den letzten Wochen haben wir intensiv die neue Ausbildungsordnung verhandelt und gehen im Moment davon aus, dass sie zum Ausbildungsbeginn 2021 in Kraft sein wird. Damit werden natürlich die allgemeinen Inhalte der Ausbildung geprüft und in wichtigen Themen aktualisiert. Die energetischen und umwelttechnischen Themen werden vor allem in der neuen Fachrichtung Energieeffizienz- und Gestaltungstechnik eine herausragende Rolle spielen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir unsere Ausbildung und damit auch die zukünftige Entwicklung unseres Handwerks mit der neuen Ausbildungsordnung modern und zukunftweisend ausgerichtet haben.

Ulrich Krenn: Herr Bauer, viele Betriebe überlegen sich Investitionen in der Krise sehr genau. Was raten Sie? Welche Werkzeuge wie Werbung, Marketing und direkte Kundenansprache auch über soziale Medien kommen jetzt oft zu kurz?
Jan Bauer: Das Malerhandwerk ist von der Krise nicht sehr stark betroffen. Die modernen Betriebe investieren weiterhin in moderne Kommunikation in den Markt. Für viele Betriebe steht die Werbung aber nicht im Vordergrund, da sie mit den vorhandenen Ressourcen kaum ihre Aufträge abarbeiten können. Hier wird verstärkt in Nachwuchswerbung und Mitarbeitergewinnung investiert.

Schaffen wir die Klimaziele?

Ulrich Krenn: Frau Esser, was ist Ihre persönliche Prognose: Schaffen wir die Klimaziele und wenn ja wann (oder werden die ambitionierten Ziele von der Politik irgendwann wieder kassiert)?
Ingeborg Esser. „Kassiert“ werden die Ziele sicher nicht. Es wurden völkerrechtliche Verträge geschlossen und der Klimawandel ist von Jahr zu Jahr sichtbarer. Mit dem derzeitigen „weiter so“ werden wir es aber definitiv nicht schaffen, das können weder Wohnungsunternehmen noch Mieter bezahlen, das will die Politik nicht bezahlen und das ist durch die vorhandenen Ressourcen nicht abgedeckt. Wir können viel Geld ins System geben – 15 bis 36 Milliarden pro Jahr für die Wohngebäude, davon 6 bis 14 Milliarden für die vermieteten Wohnungen. Dann hängt es an den personellen Ressourcen für Planung und Ausführung. Wir können versuchen, die Ziele mit Ordnungsrecht zu schaffen. Ordnungsrecht kann aber mangelnde Wirtschaftlichkeit nicht beseitigen. Mehr Ordnungsrecht wird die Sanierungsrate nicht erhöhen. Unwirtschaftliche Maßnahmen kann man nicht verordnen! Deshalb sollten die Rahmenbedingungen angepasst bzw. mit dem oben vorgeschlagenen Systemwechsel in die Wege geleitet werden. Mit dem Gebäudeenergiegesetz sind ja zarte Pflänzchen erkennbar für CO2 als Steuerungsindikator und Quartierslösungen. Dazu muss eine einfach umsetzbare Erzeugung und Nutzung lokaler regenerativer Energien kommen, die die echte Sektorenkopplung vorantreibt, für Mieterstrom, E-Mobilität und (wo sinnvoll) eine strombasierte Wärme und Warmwasserbereitung

Ulrich Krenn: Herr Grenz, ist Wasserstoff Ihrer Meinung nach auch im Gebäudebereich der Königsweg in Sachen CO2-Bilanz und Energieversorgung?
Markus Grenz: Die Technik im Bereich Wasserstoff ist sicherlich der zurzeit beste Ansatz. Grundsätzlich liegt der Königsweg – immer am Bedarf orientiert – in der Hybridtechnik. Alles, was in der Kraft-Wärme-Kopplung reduziert werden kann, ist gut – allerdings in Gebäuden mit geringem Bedarf, durch eine gut gedämmte Hülle. Die Wasserstofftechnologie muss vom Wirkungsgrad hoch sein durch lange Laufzeiten und optimaler Nutzung von Strom- und Wärmeproduktion. Strom wird in Zukunft die am meisten benötigte Energie sein. Hier werden in der mobilen Elektro-Kompatibilität sowie –Speicherung die Weichen gestellt werden.

Ulrich Krenn: Herr Bauer, hört die Politik Ihrer Meinung nach zu wenig auf das Handwerk, wenn es um wichtige Zukunftsfragen wie Klimaschutz und Energiepolitik geht? Wenn ja, was müsste sich ändern?
Jan Bauer: Die Politik hat in den letzten Jahren viele Wünsche des Handwerks erfüllt. Hier ist der ZDH in engem Kontakt mit den Ministerien. Es gibt zwar noch immer weitergehende Wünsche, aber ich kann mit dem Erreichten gut leben. Bemerkenswert ist allerdings, was die Politik durchsetzen kann, wenn es wirklich nötig ist. Die Entscheidungen der letzten Wochen zeigen, dass der Klimaschutz nicht die allerhöchste Priorität besitzt.

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