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Kirchturmsanierung: Es wackelt ein Turm an der Elbe

Schneiden, meißeln, stemmen, schleifen: Das Hamburger Mahnmal St. Nikolai, 1874 als höchster Turm der Welt gefeiert, ist saniert worden.

Kirchturmsanierung St. Nikolai Bild 1
Der Kirchturm St. Nikolai ist eingerüstet: Das Mauerwerk wurde gerade umfangreich saniert. (Abb.: Atlas Copco Tools)

Blechern erklingt zur Warnung der Untenstehenden ein Signalhorn, als der Fahrkorb dem Straßenpflaster entgegensinkt. Kaum angekommen, packen Steinmetzmeisterin Svenja Schrage und ihr Team ihre Werkzeuge und Werksteinplatten auf die offene Plattform und schweben mit dem luftigen Gefährt an der Westfassade des St.-Nikolai-Kirchturms dem Hamburger Himmel entgegen.

Nach vier Minuten Kletterfahrt steigen die Sanierungsspezialisten an der 90-m-Bühne ab und legen mit ihrer Ausrüstung die letzten Höhenmeter über Treppenstufen und Stiegen zurück. Heute liegt ihr Arbeitsplatz in 115 Meter Höhe an der Nordseite des 147 Meter hohen Turms – Blick über die Elbe, den Hafen, St. Pauli und seine Landungsbrücken, Alster und Innenstadt inklusive.

Der 1874 vollendete Bau hat seine Ursprünge im zwölften Jahrhundert und war bei seiner Fertigstellung der höchste Turm der Welt. Noch heute ist St. Nikolai der dritthöchste Kirchturm Deutschlands und der fünfthöchste in Europa. „Unsere heutige Tageslosung lautet: Zwickel einpassen“, erläutert Svenja Schrage, die Natursteinexpertin der Firma Meyer aus Preußisch Oldendorf, die an dieser geschichtsträchtigen Kirchenruine für viele Monate ihre Zelte aufgeschlagen hat. Mit im Gepäck: GTG-Winkelschleifer von Atlas Copco, die ursprünglich für die Metallbearbeitung entwickelt wurden.

Tausende Fugen-Meter im Mauerwerk saniert

„Der Kirchturm wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder saniert, wenn Mauerwerksfugen durch Wind und Wetter ausgewaschen waren und in dessen Folge Steinchen und sogar größere Stücke herabzustürzen drohten“, berichtet Schrage. Die Instandhaltung solch eines Gebäudes sei eine fortwährende Aufgabe. Heute bereite der bei früheren Arbeiten in den 1960er Jahren verwendete Zementmörtel Probleme: „Der ist härter als das umgebende Gestein“, erklärt sie. „Deshalb wittert der Stein schneller zurück als der Mörtel.“ Hierdurch bilden sich Wassereintrittsbuchten, die langfristig Risse und Abplatzungen an Fugen und Stößen zur Folge haben. Tausende Meter schadhafter Mauerwerksfugen wurden und werden erfasst, kartiert und saniert, um die Sicherheit der Passanten rund um den Hopfenmarkt zu gewährleisten.

„Für die Sanierungsarbeiten gibt es keine besseren Werkzeuge als die GTG-Schleifer“, sagt Svenja Schrage: „Deren kompakte Bauweise und das niedrige Gewicht sind schon per se ein großer Vorteil.“ Sie begründet: „der Winkelschleifer bietet uns volle sechs Zentimeter Schnitttiefe am Stein. Wir arbeiten durch die beengten Platzverhältnisse fast nur mit 180-Millimeter-Schleifscheiben, und dann zählt wirklich jeder Millimeter Eintauchtiefe, der uns das Werken mit Hammer und Meißel erspart.“

Die leicht abgewinkelten, 2,5 Kilowatt (kW) starken Druckluftschleifer seien in puncto Schnittleistung und Materialabtrag sogar den klassischen, größeren 230-mm-Werkzeugen deutlich überlegen. „Doch diese Geräte können wir aufgrund ihrer Abmessungen ohnehin kaum einsetzen. Dazu fehlt an den Figuren, Ornamenten und zerklüfteten Oberflächen schlichtweg der Platz.“ So freut es die Steinmetze besonders, dass Atlas Copco die Abgabeleistung der neuen GTG 25 gegenüber dem Vorgängermodell noch einmal um 400 Watt steigern konnte.

Die Liebe der Steinbildhauer zum Detail spiegelt sich in jedem einzelnen ihrer Arbeitsschritte wider. Nachdem die mit Ölkreide markierten schadhaften Fugen grob mit Meißelhämmern ausgestemmt wurden, schneiden die versierten Steinmetze die Stoßfugen mit den GTGs millimetergenau nach. Ein prüfend-kontrollierender Blick noch, und behände verwandeln sie die bereitgelegten Werksteinblöcke und -platten aus gelblich-weißem Obernkirchener Sandstein in schwalbenschwanzförmig angeschnittene Zwickel und weitere Passstücke unterschiedlichster Geometrie. „Die erfahrene Mannschaft hat mit den Jahren ein präzises Auge und feines Gespür für die richtigen Maße entwickelt“, lobt Svenja Schrage ihre elf Kolleginnen und Kollegen, die Maurer, Gerüstbauer, Kernbohrspezialisten und Steinfachleute zugleich sind.

Handarbeit, für die es Leidenschaft braucht

Um die überarbeiteten Partien dauerhaft zu sichern, verklebt das Team die vor Ort passgenau erstellten vier bis sechs Zentimeter starken Zwickel und Reparaturstücke mit speziellem Trasskalk-Dünnbettmörtel. „Zum Schluss trennen wir das überstehende Material nach dem Aushärten bündig zur ursprünglichen Oberfläche ab“ , erklärt Marcus Lattorf. Der 25-Jährige hat bereits eine erste Ausbildung im Handwerk absolviert und legt nun eine zweite zum Steinmetzgesellen nach. „Das vielseitige Gestalten mit dem Naturbaustoff Stein reizt mich, zumal die Arbeit dank der modernen Druckluftwerkzeuge längst nicht mehr so hart ist wie früher.“

Seine Ausbilderin Svenja Schrage hat die kreative Arbeit mit dem Stein direkt nach ihrer Schulbildung entdeckt. Sie ist seit 24 Jahren mit voller Leidenschaft bei Meyer tätig. „Schwindelfrei muss man natürlich sein, aber einen besseren Beruf kann ich mir nicht vorstellen.“