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Kaum freier Raum im Häusermeer

Deutschland ist von einem zusammenhängenden und dichten Netz aus Gebäuden bedeckt. Kein Standort ist weiter als 6,3 Kilometer vom nächsten Haus entfernt. Das haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in einer gemeinsamen Studie herausgefunden.

Entlegene Orte
Die fünf am wenigsten dicht bebauten Gebiete sind die Truppenübungsplätze (TÜP) Bergen im Süden der Lüneburger Heide (maximale Entfernung zum nächsten Gebäude: 6.320 m), Baumholder (4.850 m) in Rheinland-Pfalz, Hohenfels (4.250 m) in der Oberpfalz und Oberlausitz (4.170 m) im Nordosten von Sachsen sowie der ehemalige TÜP Kyritz-Ruppiner Heide (4.440 m) in Brandenburg. (Abb.: Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR))

Die Wissenschaftler hatten untersucht, bis zu welchem Grad Deutschland überbaut ist, und ob es hierzulande überhaupt noch gebäudefreie Zonen gibt. Das Ergebnis: Wer in Deutschland im Wald steht, der hält sich nur vermeintlich in abgelegener Natur auf. Egal, an welchem Ort man sich befindet - das nächstgelegene Haus ist nur wenige Kilometer entfernt. Es ist sogar ziemlich sicher, dass es mehrere Häuser sind. Denn für 99 Prozent des Gebäudebestandes in Deutschland gilt, dass man maximal 1,5 Kilometer gehen muss, bevor man vor dem zum nächsten Haus steht.

„Deutschland ist von einem dichten Netz zusammenhängender Gebäudebestände bedeckt. Je nachdem, welchen maximalen Abstand zwischen Gebäuden wir bei den Berechnungen zugrunde gelegt haben, konnten wir für das Bundesgebiet mehr oder weniger große Gebäude-Cluster sichtbar machen“, erläutert Martin Behnisch, Wissenschaftler im Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und Leitautor der Studie. „Bereits bei einem Abstand von maximal 840 Metern zeigte sich ein zusammenhängendes Gebilde, das sich über die gesamte Republik erstreckt“, ergänzt Mitautor Diego Rybski vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Für ihre Untersuchungen nutzten die Wissenschaftler den Geodatensatz Hausumringe Deutschland (HU-DE) des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie. Ob Wohnhaus, Fabrikgebäude oder Garagenhof – alle Gebäude in Deutschland mit einem Grundriss größer als 10 Quadratmeter wurden bei den Berechnungen berücksichtigt, ihre maximale Entfernung zueinander in verschiedenen Schrittweiten berechnet. Die Ergebnisse der Berechnungen wurden schließlich als Cluster in Karten sichtbar gemacht – Cluster, die sich zum Teil als Netz über fast das gesamte Bundesgebiet erstrecken.

Gebiete ohne Gebäude kaum noch zu finden

Auch der umgekehrten Frage gingen die Wissenschaftler von IÖR und PIK nach: In welchen Gebieten lassen sich überhaupt keine Gebäude finden und wie groß sind solche Freiflächen? Die Ergebnisse zeigen: Das größte gebäudefreie Gebiet misst gerade einmal 12,6 Kilometer im Durchmesser. Der maximale Abstand zum nächstgelegenen Gebäude beträgt damit nur etwas mehr als sechs Kilometer. Besonders überraschend für das Forscher-Team: „Entgegen unseren Erwartungen sind die größten Freiflächen nicht etwa in Naturschutzgebieten zu finden“ so Rybski, sondern vor allem auf noch genutzten oder ehemaligen Truppenübungsplätzen.

Flächenschutz dringend erforderlich

„Unsere Ergebnisse machen deutlich, wie dringlich es ist, in Deutschland mehr für den Flächenschutz und auch für die Entsiegelung von Böden zu unternehmen“, erklärt Martin Behnisch vom IÖR. Zwar gebe es bereits eine Vielzahl politischer Strategien, gesetzlicher Regelungen und planerischer Instrumente, die auf eine sparsamere Flächennutzung abzielten. Doch auch der leichte Rückgang bei der Neuinanspruchnahme von Flächen könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland von einer tatsächlichen Trendwende noch weit entfernt sei. Die Ergebnisse können online im Fachmagazin „Landscape and Urban Planning“ nachgelesen werden.

Nicht nur in Deutschland und Europa ist das Thema Flächennutzung zentral, wenn es um nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz geht. „Fast drei Viertel der bewohnbaren Fläche weltweit werden bereits vom Menschen genutzt. Es wird deshalb immer wichtiger, die Siedlungsentwicklung kontinuierlich zu beobachten und mit Blick auf Fragen nachhaltiger Entwicklung zu bewerten“, erläutert Diego Rybski. Die von PIK und IÖR neu entwickelten Messkonzepte schaffen dafür wichtige Grundlagen. Die Ergebnisse der Studie fließen in den Monitor der Siedlungs- und Freiraumentwicklung ein. Der IÖR-Monitor wurde mit dem Ziel entwickelt, Städte und Regionen bei der ressourcen- und flächenschonenden Entwicklung zu unterstützen, und steht Interessierten im Internet frei zur Verfügung.