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Folgenschwere Entscheidung der EU-Kommission

Die EU-Kommission hat Anfang Oktober Titandioxid als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft. Der Verband der Mineralfarbenindustrie e. V. (VdMi) kann diese folgenschwere Entscheidung nicht nachvollziehen.

Die EU-Kommission hat entschieden, das Weißpigment Titandioxid als einen „Stoff mit Verdacht auf krebserzeugende Wirkung durch Einatmen“ zu klassifizieren – und das obwohl sich die Mehrheit der Experten der Mitgliedsstaaten dagegen ausgesprochen hat. Titandioxid ist das am häufigsten verwendete Weißpigment und wird seit Jahrzehnten genutzt. Aufgrund seiner einzigartigen technischen Eigenschaften wird es breit und vielfältig in nahezu allen Bereichen und Anwendungen eingesetzt, am häufigsten in Farben, Lacken, Kunststoffen und in Papier. Es sei in vielen Anwendungen nicht 1:1 zu ersetzen, so der VdMi.

Während bisher die Zustimmung der Experten nötig war, kann die Kommission durch eine Verfahrensumstellung seit Kurzem solche Entscheidungen auch im Alleingang treffen. Bereits im Vorfeld zur Sitzung im September kündigte die Kommission an, unabhängig von den Einwänden der Experten im Verfahren fortschreiten zu wollen. „Dies ist für uns in keiner Weise nachvollziehbar. Die Einstufung ist weder aus toxikologischer Sicht begründet, noch wird sie einen positiven Effekt im Gesundheits- oder Umweltschutz haben“, so Dr. Heike Liewald, Geschäftsführerin des Verbands der Mineralfarbenindustrie (VdMi).

Mit der Einstufung von Titandioxid wird erstmals ein Stoff auf Basis von stoffunspezifischen, allgemeinen Partikeleffekten eingestuft. „Die Brüsseler Behörden hätten gut daran getan, sich dem Vorschlag von Deutschland anzuschließen, Titandioxid über den allgemeinen Staubgrenzwert im Rahmen des Arbeitsschutzes zu behandeln. Deutschland hatte bereits vor über einem Jahr die Einrichtung einer Expertengruppe vorgeschlagen, die einen harmonisierten, europäischen Grenzwert für derartige Stäube erarbeiten sollte. Diese Chance ist nun vertan, stattdessen wurde ein Präzedenzfall geschaffen: Die zur Begründung der Einstufung herangezogenen Argumente lassen sich auch auf andere Stoffe mit ähnlicher Staubproblematik übertragen, was weitere Einstufungen einzelner Stoffe aufgrund von stoffunabhängigen Effekten zur Folge haben könnte“, begründet der VdMi seine Kritik.

Verbände und Unternehmen aus vielen Industriezweigen hatten im Vorfeld für eine detaillierte Folgenabschätzung geworben. Die EU Kommission verweigerte jedoch ein solches Vorgehen. Pulverförmige Produkte mit Titandioxid müssen jetzt eingestuft und gekennzeichnet werden. Ergänzend sind Zusatzkennzeichnungen für flüssige und feste Gemische mit Titandioxid vorgesehen, unabhängig davon, ob überhaupt eine Freisetzung von Titandioxid am Arbeitsplatz oder beim Verbraucher zu erwarten ist.

„Verbraucher kommen nicht mit Titandioxid-Staub in Kontakt, in nahezu allen Fällen ist Titandioxid in Lacken, Farben oder Kunststoffen in eine Matrix aus Bindemittel gebunden“, sagt Dr. Heike Liewald und schließt sich damit dem Gutachten des europäischen Gremiums zur Risikobewertung (RAC) an. „Eine Gefahrenkennzeichnung an Produkten, die nicht gefährlich sind, führt einerseits zu einer übermäßigen Verunsicherung der Verbraucher und birgt andererseits die Gefahr, dass die Verwender abstumpfen und solche Hinweise nicht mehr ernst nehmen.“

Die Einstufung werde in vielen Bereichen Auswirkungen haben – auch dort wo Titandioxid gar nicht eingeatmet werden kann. Beispielsweise im Recycling- und Abfallbereich: Produkte, die mehr als ein Prozent Titandioxid enthalten, werden zu gefährlichem Abfall. Dies betrifft zum Beispiel die Entsorgung rund der Hälfte aller Kunststoffprodukte und Bauschutt. Eine aktuelle Studie der Kunststoffindustrie, der Pigmenthersteller und der Recycler zeige, dass in Deutschland etwa 400.000 Tonnen Kunststoffe wegen der Einstufung zukünftig nicht mehr recycelt werden können. Weitere Informationen finden Sie auf der Website des VdMi .