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Eine Bauweise gefördert und weiter entwickelt

Rudolf Wolle war einer der ersten sächsischen Unternehmer, der sich aktiv an der Entwicklung des Stahlbetons beteiligte. Insbesondere förderte er wissenschaftliche Untersuchungen von unterschiedlichen Konstruktionen der Stahlbeton-Bauweise. Er hinterließ der Nachwelt zahlreiche Bauwerke, die noch heute stehen und genutzt werden. Nur dank solcher Pioniere konnte der Stahlbetonbau seinen Siegeszug bis heute fortsetzen.

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Der Stahlbeton- Pionier Rudolf Wolle war am Bau der Deutschen Nationalbibliothek zwischen 1913 und 1916 zu großen Teilen beteiligt. Seine Firma errichtete zum Beispiel den 120 Meter langen und circa 13 Meter breiten Hauptbau. (Abb.: Lutz Reinboth)

Einer der ersten Stahlbeton-Bauunternehmer in Sachsen war Rudolf Wolle (1864–1933. Er wirkte hauptsächlich in Mitteldeutschland, zum Teil bekam er aber auch Aufträge im gesamten Deutschen Reich. Neben seiner Tätigkeit als Bauunternehmer entfaltete er vielfältige Aktivitäten. So führte er selbst wissenschaftliche Untersuchungen auf dem Gebiet des Stahlbetonbaus durch und unterstützte andere Forschungsarbeiten. Beispielsweise führte er Anfang des 20. Jahrhunderts Versuche mit Anstrichen in Wasserbehältern der Stadt Leipzig durch. Dabei stelle er fest, dass Asphaltlack den besten Schutz gegen Bestandteile Kohlensäure im Wasser bot. Rudolf Wolle unterstützte darüber hinaus wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet des Stahlbetonbaus. Der spätere Oberingenieur seiner Firma, Richard Müller, verfasste 1908 die Dissertationsschrift „Neue Versuche an Eisenbeton- Balken über die Lage und das Wandern der Nulllinie und die Verbiegung der Querschnitte – Versuche über reine Haftfestigkeit“. Rudolf Wolle unterstützte diese Dissertation als Herausgeber. Im Jahre 1911 berichtete die Fachzeitschrift „Armierter Beton“ über Versuche an Plattenbalken, die vom Zementbaugeschäft Rud. Wolle ausgeführt wurden. Veranlassung war eine ministerielle Bestimmung über Eisenbetonkonstruktionen, in denen als Höchstwert für die Haftspannungen 4,5 kg/cm² festgelegt worden war. Die Ergebnisse der Versuche fanden in der Fachwelt große Beachtung.

Zahlreiche Erfindungen Wolles wurden patentiert

Aus der schöpferischen Arbeit Rudolf Wolles gingen außerdem zahlreiche Patente im In- und Ausland hervor. Eines der ersten meldete er 1904 an. Es handelt sich um eine Stahlbetondecke unter der Bezeichnung „Eisenbetondecke mit eingebetteten Hohlkörpern“. Ein weiteres Patent war 1908 ein Stahlbeton-Mast. Diese sogenannten Saxonia-Masten fanden breite Anwendung. So wurden beispielsweise über 3.000 für die Überlandzentrale Reichenbach im Vogtland geliefert. Neben solchen Patenten auf dem Gebiet des Stahlbetonbaus war Rudolf Wolle auch auf anderen Fachgebieten innovativ: Zu seinen übrigen Patenten gehört zum Beispiel eine Rollladendichtung.

Wolle war einer der erste Lizenznehmer der Möller-Brücken

Rudolf Wolle war darüber hinaus mit seiner Bauunternehmung einer der ersten Lizenznehmer der sogenannten Möller-Brücken und Möller-Decken. In der historischen Fachliteratur wird diese Konstruktion auch als Hängegurtträgerdecke bezeichnet. Diese Brückenbauart mit einem Untergurt- Träger wurde vom Brauschweiger Professor Max Möller entwickelt und auf ihn patentiert. Weitere Anwendungen waren vor allem Decken in Industriebauwerken. Die erste Möller-Brücke wurde 1894 errichtet. Und schon 1895 ist das „Cementbaugeschäft Rud. Wolle“ an der Pleißemühlgraben-Überdeckung in Leipzig maßgeblich beteiligt. Diese Überdeckung entstand unmittelbar vor dem Reichsgericht, dem heutigen Bundesverwaltungsgericht. Neben vielen anderen errichtete Rudolf Wolle außerdem zwei Wegüberbrückungen in der Möller-Bauweise auf der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig im Jahre 1897. Insgesamt wurden circa 500 Brückenbauwerke in dieser Konstruktionsart gebaut, die zum Teil heute noch stehen. Mit Max Möller entwickelte sich in den kommenden Jahren eine enge Zusammenarbeit bei der Erforschung des Stahlbetonbaus.

An Errichtung überregional bekannter Bauwerke beteiligt

Die Bandbreite der von der Firma Rudolf Wolle ausgeführten Stahlbeton-Konstruktionen war sehr breit (Abb. 5). Neben den überregional bekannten Bauwerken in den nachfolgenden Beispielen errichtete sie in den 1920er-Jahren noch Industriegebäude mit Sheddächern, Treppenhausanlagen, Getreidesilos und Bunker für die Braunkohleindustrie. Außerdem war sie am Bau des Deutschen Museum in München beteiligt.

Leipziger Völkerschlachtdenkmal

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Eines der bekanntesten Bauwerke, an denen Rudolf Wolle beteiligt war, ist das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Zum Einsatz kamen dort unter anderem von ihm patentierte Stahlbetonpfähle, die in der vorgelagerten Teichanlage eingebaut wurden. (Abb.: Lutz Reinboth)

Eines der bekanntesten Bauwerke, an denen Rudolf Wolle beteiligt war, ist das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Nach einem Architekturwettbewerb begannen die Arbeiten an diesem Monument 1898 mit dem ersten Spatenstich, und schon 1900 legte man den Grundstein für dieses Bauwerk, das schließlich anlässlich der 100-Jahr-Feier der Völkerschlacht 1913 eingeweiht wurde. Die Firma Rudolf Wolle übernahm sämtliche Beton- und Stahlbetonarbeiten. Sie stellte die Fundamente in Stampfbeton her und baute die Kuppel des Denkmals in Stahlbeton. Zum Einsatz kamen etwa die oben beschriebenen patentierten Stahlbetonpfähle, die in der vorgelagerten Teichanlage eingebaut wurden. Insgesamt verbaute die Firma 100.000 Kubikmeter Stampfbeton, vor allem für die Fundamente. Die Zuschlagstoffe wurden mit einer speziell errichteten Drahtseilbahn der Firma Adolf Bleichert & Co. transportiert. Durch den für die Errichtungszeit hohen Mechanisierungsgrad – zum Beispiel den Einsatz von Mörtelmaschinen – waren in der Regel nur 40 Bauarbeiter vor Ort tätig. Für eine erst 1896 gegründet Firma war es eine große Herausforderung, diese Bauaufgaben zu bewältigen. Sie wurden termingerecht gelöst.

Autor: Dipl.-Ing. (FH) Lutz Reinboth

Dieser Beitrag ist Teil eines Artikels aus B+B BAUEN IM BESTAND, Ausgabe 05-2015

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