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Ein zweites Leben für die IBAG-Halle

Eines der ersten Eisenbetonbauwerke Deutschlands wurde aufwendig instand gesetzt: Die IBAG-Halle in Neustadt an der Weinstraße wird nach der Betoninstandsetzung zu hochwertigem Wohnraum.

IBAG-Halle Betoninstandsetzung - Teaser
Die IBAG-Halle in Neustadt an der Weinstraße wurde umfangreich instand gesetzt. Das Bild zeigt den Zustand nach der Betoninstandsetzung. (Abb.: KuA Consult Ingenieurgesellschaft)

Äußerlich betrachtet war sie kaum mehr als ein Skelett mit Rissen im Beton, die die Farbschichten auf der Fassade durchbrochen hatten. Die Aufschrift „IBAG“ auf der Vorderseite verweist auf die letzten Jahre, in denen in der alten Industriehalle noch produziert wurde: Die IBAG-Gruppe stellte hier in Neustadt an der Weinstraße Motorspindeln her.

Die Halle, die nunmehr auf einer sandigen Brachlandschaft stand – das Gelände war zuvor von Altlasten befreit worden – wurde 1911 von der Wayss und Freytag AG nach Plänen des Architekten Karl Fischer erbaut. Sie diente zunächst der Produktion von Baumaschinen.

Nachdem sie im März 1945 durch einen Bombenangriff beschädigt wurde, wurde hier bis 1997 weiterhin gearbeitet. 2011 unter Denkmalschutz gestellt, kaufte die Regioplan GmbH das Gebäude – mit einem außergewöhnlichen Plan: In der ehemaligen Fertigungshalle sollte neuer hochwertiger Wohnraum entstehen. Eines der ersten deutschen Eisenbetonbauwerke in Skelettbauweise sollte durch Betoninstandsetzung und anschließende Umnutzung erhalten werden.

Standsicherheit musste teils wiederhergestellt werden

Der Schadenskatalog erwies sich als umfangreich: Bis hinter die hinter die Bewehrung karbonatisierte Betonstützen, teilweise fehlende Standsicherheit des die Halle überspannenden Bogendachs, fehlende Stützen in den Seitenschiffen, und so weiter.

Die mit der Planung der Instandsetzung beauftragte KuA Ingenieursgesellschaft aus Darmstadt erstellte zunächst ein Leistungsverzeichnis, das die schadhaften Stellen auf 10 Prozent der Betonflächen schätzte. „Das ist sehr viel“, sagt KuA Geschäftsführer Edmund Ackermann. „In der Regel erstellen wir Leistungsverzeichnisse, die drei bis fünf Prozent Schadstellen enthalten“. Im Laufe der Sanierung musste der Anteil der Schadstellen nach oben korrigiert werden: Insgesamt 15 Prozent der Betonbauteile war beschädigt. Viele Schäden zeigten sich erst beim Öffnen der Betonoberflächen, wodurch eine laufende Detailplanung während des Projekts nötig war.

Die Standsicherheit der IBAG-Halle beurteilte man auf Basis von materialtechnologischen Untersuchungen und der – zum Glück noch vorhandenen – Bestandsstatik aus der Erbauungszeit.

Drei Bogendächer waren nicht zu retten

Vor allem das Bogendach wies Mängel in der Standsicherheit auf. Sie sind wahrscheinlich auf den Bombenangriff im zweiten Weltkrieg zurückzuführen, der Verschiebungen im Dach verursacht hat. Vor allem im Anschlussbereich zum umlaufenden Saumträger, auf dem das Dach lastet, war der Verbund des Betons zur Bewehrung nicht mehr gegeben. Drei Bogendachsegmente waren so stark geschädigt, dass sie ausgetauscht werden mussten.

Das Abbruchkonzept der neu zu betonierenden Bogendächer sah vor, jeden Bogen in Längsrichtung des Bogens in einem Abstand von 2,60 Metern und in Querrichtung des Bogens in einem Abstand von unter einem Meter abzustützen.

Neben den Vertikallasten aus dem Eigengewicht mussten dabei auch die Horizontalkräfte aus dem Bogenschub berücksichtigt werden. Dazu verankerte man die Abstützungen an den Köpfen mittels beweglicher Fußspindeln am Bogendach und steifte sie untereinander aus. Von einem Arbeitsgerüst aus konnten dann die Abbrucharbeiten erfolgen.

Anschließend wurden alle drei Bogendächer gleichzeitig eingeschalt, bewehrt und neu betoniert. Der Anschluss des neuen Saumträgers an den Bestand gelang, indem die bestehende Bewehrung mit Höchstdruckwasserstrahlen freigelegt wurde und die Handwerker die neue Bewehrung in die alte einbanden.

Wayss und Freytag bleibt der IBAG-Halle treu

In zehn Monaten wurden bei der Instandsetzung der IBAG-Halle insgesamt 6.200 Quadratmeter Beton instand gesetzt und 160 Tonnen Spritzmörtel verbaut.

Dabei erfolgten alle Instandsetzungsarbeiten in Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden. Die Fremdüberwachung der Arbeiten übernahm die Gemeinschaft für Überwachung im Bauwesen.

Zurzeit entstehen in der Halle zweigeschossige Maisonette-Wohnungen mit variablen Grundrissen, Gartenanteil und großzügigen Dachterrassen. Das Mittelschiff bleibt größtenteils als Halle erhalten.

Die IBAG-Halle kann mit der neuen Nutzung als historisches Denkmal für die Industrialisierung in Deutschland erhalten bleiben. Darüber dürften sich besonders die Inhaber der Wayss und Freytag Ingenieurbau gefreut haben: So wie Mitarbeiter des Unternehmens die Halle Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut hatten, führten Wayss und Freytag-Mitarbeiter die aktuelle Instandsetzung erfolgreich durch. Das Unternehmen hatte nach der Ausschreibung den Zuschlag für alle Arbeiten der Betoninstandsetzung erhalten.

In B+B BAUEN IM BESTAND , Ausgabe 5. 2018 finden Sie einen Artikel, der die Instandsetzung der IBAG-Halle detailliert beschreibt. Abonnenten von B+B können den Beitrag Ein Industriedenkmal erwacht in unserem Archiv herunterladen.

Einblicke in die Entwicklung des Eisenbetons in Deutschland bietet der Artikel „Eine Bauweise gefördert und weiter entwickelt“ .

Bautafel

Objekt: IBAG-Halle, Neustadt an der Weinstraße

Bauherr: Regioplan GmbH, Gießen

Planung: KuA Consult Ingenieurgesellschaft, Darmstadt, Neiss Tragwerksplanung GmbH, Worms, Regioplan GmbH, Gießen 

Ausführung: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG, Bereich Umwelttechnik/ Bauwerkserhaltung Frankfurt a.M., Regioplan GmbH, Gießen

Eingesetzte Instandsetzungsprodukte ( MC Bauchemie): Feinmörtel „Nafufill KM 110“, Betonersatz „Nafufill KM 250“, Mineralische Korrosionsbeschichtung „Zentrifix KMH“, Flexible Beschichtung „MC Color Flex pure“, Injektionsharz „MC-Injekt 1264“

Eingesetzte Betone (Pagel): Vergussbeton V50, C45

Autoren:
Edmund Ackermann, KuA Consult Ingenieurgesellschaft, Darmstadt
Pauline John, Redaktion B+B BAUEN IM BESTAND