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Die „Wohnmaschine“ generalüberholt

Durch umfassende Instandsetzungsmaßnahmen konnte die Südfassade des denkmalgeschützten Corbusierhauses in Berlin bei weitgehendem Erhalt der Originalsubstanz und denkmalgerechter Rekonstruktion des Originalerscheinungsbildes wiederhergestellt werden. Ein durch einen sachkundigen Planer erstellter Instandhaltungsplan mit Angaben zur planmäßigen Inspektion und Wartung stellt die Dauerhaftigkeit der Maßnahme sicher. Grundlage der ausgeführten Arbeiten war eine ausführliche Bauwerksuntersuchung und ein darauf basierendes Instandsetzungskonzept. Eigen- und Fremdüberwachung waren Bestandteil der Auftragsvergabe und mussten von den Bietern im Vorfeld nachgewiesen werden.

Corbusierhaus Berlin
Das denkmalgeschützte Corbusierhaus in Berlin wurde durch seine beeindruckende Größe wie auch durch die farbige Fassadengestaltung zum Blickfang. In dem 141 Meter langen, 23 Meter breiten und 53 Meter hohen Gebäude sind 530 Wohnungen untergebracht. (Abb.: Rita Jacobs)

Auf der Weltausstellung 1925 in Paris stellte der französisch-schweizerische Architekt Le Corbusier einen Gebäudeentwurf für ein Mehrfamilienhaus vor, der durch ein hohes Maß an Standardisierung beliebig oft an unterschiedlichen Orten gebaut werden konnte und dadurch ein hohes Maß an Wirtschaftlichkeit erreichte. Um die Bewohner zu versorgen, plante Le Corbusier im funktionellen Erdgeschoss Arztpraxen und diverse Ladengeschäfte ein. Sogenannte „Rues intérieurs“ (Innenstraßen oder innere Straßen) führen in jeder Etage zu den einzelnen Wohnungen.

Aber erst 1947 wurde diese Idee als Unité d‘Habitation (Wohnmaschine) zunächst in Marseille und später an drei weiteren Orten in Frankreich realisiert. 1957 reichte der Star-Architekt seinen Entwurf zur Interbau Berlin ein. Mit 530 Wohnungen war das 141 Meter lange, 23 Meter breite und 53 Meter und 17 Stockwerke hohe Projekt jedoch zu groß für das vorgesehene Gelände im Berliner Hansa-Viertel. Da man im kriegszerstörten Berlin mit seiner Wohnungsnot aber auf einen Wohnkomplex in dieser Größenordnung nicht verzichten wollte, wurde in der Nähe des Olympiastadions ein geeignetes Gelände für die fünfte Unité d‘Habitation zur Verfügung gestellt. Entstanden ist ein Bau, der gleichermaßen durch seine Größe wie durch die farbige Fassadengestaltung zum Blickfang geworden ist. Mittlerweile ist der einst als wegweisend für die moderne Stadtarchitektur gelobte Bau in die Jahre gekommen und weist massive Schäden auf. Bereits 1974 fand eine erste Instandsetzung des in Ziegelsplittbeton erstellten Gebäudes statt, bei der sämtliche Sichtbetonflächen eine Oberflächenschutzbeschichtung erhielten. Eine zweite Sanierung mit dem Schwerpunkt auf Brüstungen und Fußbodenaufbau schloss sich Mitte der 1980er-Jahre an. Im vergangenen Jahr wurde die Südfassade instand gesetzt. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen noch die Nordfassade sowie die beiden großen Flächen auf der Ost- und Westseite folgen.

Bauwerk wurde zunächst umfassend untersucht

Das Berliner Architekturbüro Jochen Beer wurde von der WEG Corbusierhaus beauftragt, ein Betoninstandsetzungskonzept für die Südfassade zu erstellen. Das Büro veranlasste zunächst eine umfassende Bauwerksuntersuchung. Dazu wurden die 15 eingeschossigen und 35 zweigeschossigen Loggien als Erstes visuell begutachtet. Ergänzend prüfte das Barg Baustofflabor mit zerstörungsfreien und zerstörenden Methoden die Bausubstanz. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sowie weitere Informationen aus den noch vorhandenen Bauunterlagen bildeten die Grundlage des von Beer Architekten aufgestellten Instandsetzungskonzepts.

Corbusierhaus Berlin Schäden
Abblätternde Betonschutzbeschichtungen der vorangegangenen Sanierungen, Risse und Ausblühungen waren mit bloßem Auge zu erkennen. In relativ geringem Maße wurden Betonabplatzungen und Hohlstellen sowie freiliegende, korrodierte Bewehrungseisen beobachtet. Die Laboruntersuchung ergab, dass die Bewehrung häufig im carbonatisierten Beton liegt. (Abb.: Rita Jacobs)

Untersuchungen offenbarten unterschiedliche Schadensbilder

Zu erkennen ist auf den Loggienrandbalken sowie an den Lisenen und Loggiawänden bereits bei oberflächlicher Betrachtung die abblätternde Betonschutzbeschichtung der früheren Instandsetzungsmaßnahme sowie unterschiedlich intensiv ausgebildete Ausblühungen und leichte Rissbildungen. Nur in geringem Umfang stellten die Gutachter freiliegende, korrodierte Bewehrungseisen sowie Betonabplatzungen und Hohlstellen fest. Die Substanzuntersuchung im Baustofflaborergab, dass die Bewehrung teilweise, manchmal aber auch vollständig im carbonatisierten Beton liegt. Damit ist ein ausreichender Korrosionsschutz nicht mehr gegeben. Zudem stellten die Prüfer im Bereich der Randbalken eine stark schwankende, im Bereich der Lisenen eine relativ geringe Betondeckung fest.

Instandsetzungskonzept berücksichtigte Denkmalpflegeplan

Die detaillierte Erhebung des Ist-Zustands war Grundlage für die Erarbeitung eines Instandsetzungskonzepts, das den aktuellen Schadensmechanismus nicht nur stoppen, sondern auch zukünftige Schädigungen weitgehend ausschließen soll. Grundlage hierfür war die DAfStb-Richtlinie „Schutz und Instandsetzung von Betonbauteilen“ Teile 1 bis 4 (Instandsetzungs- Richtlinie 2001-10). Planung und Ausführung sollten zusätzlich von einem Tragwerksplaner begleitet werden. Da der Bau 1995 auf Initiative seiner Bewohner unter der Bezeichnung „Unité d’Habitation Typ Berlin“ in die Denkmalschutzliste des Landes Berlin aufgenommen wurde, mussten die Instandsetzungsmaßnahmen außerdem auf die Vorgaben der Unteren Denkmalschutzbehörde des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf abgestimmt werden. Zwar erteilte die Behörde die Genehmigung für die Sanierung der Südfassade auf der Grundlage des Denkmalpflegeplans von 2007, machte jedoch zur Bedingung, dass abschließend die denkmalgerechte Farbgebung umgesetzt wird. Unter Berücksichtigung von wirtschaftlichen und denkmalpflegerischen Gesichtspunkten entschieden sich die Architekten für eine Instandsetzung gemäß Instandsetzungsprinzip W (Korrosionsschutz durch Begrenzung des Wassergehalts im Beton). Im Hinblick auf die Bausubstanz aus Ziegelsplittbeton planten sie die partiellen Reprofilierungsarbeiten mit Leichtmörtel (M1) statt PCC-Mörtel (M2/3) auszuführen. Ziel war, eine Angleichung der E-Module zu erreichen. Für die Beschichtung der Betonoberflächen empfahlen sie, ein Oberflächenschutzsystem (OS 5a) mit Rissüberbrückungsklasse B einzusetzen. 

Autoren: Rita Jacobs/Christoph Bock

Dieser Beitrag ist Teil eines Artikels aus B+B BAUEN IM BESTAND, Ausgabe 02-2016.

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