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DCONex: Gefahren vom Menschen abwenden

Schadstoffe in Gebäuden sind ein Thema, das alle angeht: Eigenheimbesitzer und Mieter, Immobilienbesitzer und -betreiber, Architekten und Planer, Handwerker und Aufsichtsbehörden und nicht zuletzt die Experten für die Schadstoffsanierung. Die DCONex – Fachkongress + Ausstellung Schadstoffmanagement hat sich zum Ziel gesetzt, sie zusammenzubringen und Lösungen für schadstoffbelastete Gebäude zu diskutieren und vorzustellen. Mit Erfolg: Am 22./23. Januar 2020 kamen rund 550 Teilnehmer nach Essen.

DCONex 2020 - Bild 1
Viele Teilnehmer/innen nutzten die Möglichkeit, nach den Vorträgen Fragen zu stellen, Ergänzungen zu machen oder eigene Stellungnahmen abzugeben. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Vielleicht kann man einen Gebäudeschadstoffsanierer mit einem Feuerwehrmann vergleichen. Wie dieser versucht er durch seine Arbeit mögliche Gefahren von Menschen abzuwenden und dabei möglichst die Gebäudesubstanz zu schonen. Wie dieser geht er bei seiner Arbeit ein gewisses Risiko ein, das er aber durch geordnete Abläufe und Sicherungsmaßnahmen so gering wie möglich hält. Und er vergewissert sich am Ende seiner Arbeit, dass die ursprüngliche Gefahr nicht mehr besteht.

Im Gegensatz zu den Gefahren, die die Feuerwehr bekämpft, sind die Gefährdungen durch Gebäudeschadstoffe im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung noch nicht ausreichend verankert. Viele Bauherren, die Instandsetzungs- und Sanierungsmaßnahmen in Bestandsgebäuden beauftragen, sowie die von ihnen engagierten Handwerker verschließen noch allzu oft vor möglichen Gefährdungen die Augen. Bei vielen Handwerkern ist die Angst groß, als Bedenkenträger dazustehen und den Auftrag nicht zu bekommen, wenn sie zum Beispiel auf eine mögliche Asbestgefährdung beim Abschlagen alter Fliesen oder Vorbereitungsarbeiten an Untergründen hinweisen. Eine zielgerichtete Kommunikation mit dem Auftraggeber, die die Chancen verantwortungsbewusster Handwerker verbessert, und ein strukturiertes Vorgehen, um mögliche Gefährdungen zu überprüfen, existiert bislang nur in Ansätzen. Dabei bleibt zum Beispiel die Zahl anerkannter asbestbedingter Todesfälle als Berufserkrankung mit über 1.500 pro Jahr sowie etwa 10.000 Verdachtsfällen unverändert hoch.

An dieser Schnittstelle zwischen Bauherren, Fachplanern, Schadstoffsanierungsunternehmen, aber auch „normalen“ Handwerksbetrieben ist die mittlerweile jährlich in Essen stattfindende DCONex angesiedelt. Und erfreut sich wachsenden Zuspruchs: Rund 550 Teilnehmer konnten die Veranstalter AFAG Messen und Ausstellungen, Gesamtverband Schadstoffsanierung und die Mediengruppe Rudolf Müller am 22. und 23. Januar im Congress Center West der Messe Essen begrüßen; die begleitende Fachausstellung war ausgebucht. Das zeigt, dass das Konzept aufgeht, Fachleute und Betroffene zusammen zu bringen.

Asbest: es tut sich viel

Das Thema Asbest nahm auch in diesem Jahr breiten Raum ein. Das hängt damit zusammen, dass im Juni 2015 das Diskussionspapier über „Asbesthaltige Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber in Gebäuden“ erschienen ist und darauf aufmerksam machte, dass beim Bearbeiten von asbesthaltigen bauchemischen Produkten hohe Faserkonzentrationen freigesetzt werden. In der Folge griff auch die Politik das Thema auf und startete 2017 den Nationalen Asbestdialog, um das Problem unter Beteiligung von Experten und Betroffenen in den Griff zu bekommen. Man ging unter Leitung dreier Bundesministerien parallel daran, neue Regelwerke zu erarbeiten und alte zu überarbeiten, ebenso die gesetzlichen Bestimmungen. Dieser Prozess läuft noch.

Auf der DCONex bekamen die Teilnehmer aber einen guten Überblick darüber geboten, was bereits erarbeitet wurde und wohin die Reise noch gehen wird. Hierzu ein paar Beispiele:

Die Leitlinie zur Asbesterkundung zur Vorbereitung von Arbeiten durch Profis und Heimwerker in und an älteren Gebäuden adressiert in erster Linie den Bauherrn. Denn zukünftig stehen vor dem 31.10.1993 errichtete Gebäude unter Asbestverdacht, wobei noch diskutiert wird, ob diese im Entwurf der Leitlinie genannte Grenze nicht noch weiter nach hinten geschoben werden muss. Möchte ein Bauherr nun Sanierungsmaßnahmen in einem solchen Gebäude durchführen lassen, ist er wegen dieses Anlasses in der Pflicht, die Schadstofffreiheit des Gebäudes nachzuweisen oder eben eine Schadstoffsanierung unter entsprechenden Schutzmaßnahmen durchführen zu lassen.

Um den Arbeitsschutz geht es in den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) 524 „Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten in kontaminierten Bereichen“ und 519 „Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“. Erste fordert vom Auftraggeber oder Bauherrn das Erstellen eines Arbeits- und Sicherheitsplans, der wiederum Grundlage der vom Auftragnehmer zu erstellenden Gefährdungsbeurteilung ist. Bei Letzterer wurde gerade eine Überarbeitung veröffentlicht, die aber nur einen Zwischenstand darstellt, da die übergeordnete gesetzliche Grundlage – die Gefahrstoffverordnung – noch nicht abschließend überarbeitet worden ist. Bereits neu eingeführt wurde in die TRGS 519 in Anlage 9 eine Expositions-Risiko-Matrix, die Schutzmaßnahmen in Abhängigkeit von der Faserfreisetzung festlegt. Neu ist außerdem die bedingte Zulassung von Staubfiltern und Luftreinigern der Klasse M.

Was die Erkundung angeht, steht noch bis Ende März der Entwurf der VDI 6202, Blatt 3 „Schadstoffbelastete bauliche und technischen Anlagen - Asbest – Erkundung und Bewertung“ zur Diskussion. In dieser Richtlinie wird beschrieben, wie bei welcher Motivation für eine Erkundung vorzugehen ist, um eine definierte möglichst hohe Aussagesicherheit zu erreichen.

Ein noch nicht befriedigend geregeltes Problem ist die Entsorgung asbesthaltiger Bau- und Abbruchabfälle beziehungsweise wie diese im Sinne einer Kreislaufwirtschaft gering gehalten werden können. Hier reichen die bestehenden Regelungen nicht aus. Auch hierzu erhielten die DCONex-Besucher fundierte Informationen.

Neben diesen eher übergeordneten Themen wurde der Fokus auch auf Details gerichtet. Zum Beispiel, wie das Asbestüberdeckungsverbot in der Praxis zu verstehen ist. Und hilft hierbei die Klarstellung des Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI) in der LV 45 „Leitlinien zur Gefahrstoffverordnung“ oder werden damit nur neue Interpretationsspielräume eröffnet?

Eine im Hinblick auf die Gefährdungsbeurteilung interessante Differenzierung bei sehr niedrigen Konzentrationen zwischen technisch zugesetzten Asbesten und den sogenannten „geogenen“ Asbesten wurde vorgestellt. Bei letzteren ist eine zehn Mal geringere Faserfreisetzung zu erwarten. Solange also nicht geschliffen oder gestrahlt wird, bleiben die Faserkonzentrationen voraussichtlich unter den Akzeptanz und Toleranzkonzentrationen.

Dass Bauherren und Immobilieneigentümer das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten, zeigte ein juristischer Vortrag. Von Mietminderung (teilweise bis zu 100 Prozent) und Kaufpreisreduzierung über Schadenersatz und Schmerzensgeld bis hin zur Feststellung zukünftigen Schadensersatzes und Schmerzensgelds reicht, was ihnen zivilrechtlich blühen kann.

Praxisbeispiele aus Sicht der ausschreibenden und anbietenden Stellen sowie der Planer und Bauüberwacher fehlten im Programm nicht. Und auch diejenigen, die die schadstoffhaltigen Baustoffe von Bauteilen abtragen und aus den Gebäuden entfernen, bekamen handfeste Informationen über Abtrags- und staubarme Arbeitstechniken.

Asbest ist wichtig, aber nicht alles

Asbest war aber nicht das einzige Thema auf der DCONex. Denn auch bei biologischen Gefährdungen, etwa durch Schimmelpilze, geht es um Arbeits- und Umgebungsschutz, das richtige analytische, planerische und ausführungstechnische Vorgehen. Zwei Vortragsblöcke beschäftigten sich mit diesen Aspekten.

Und auch das Thema PCB treibt derzeit die Schadstoffgemüter um. Denn die PCB-Richtlinie ist in die Jahre gekommen und bedarf der Überarbeitung. So wurde auch dieser Schadstoff aus unterschiedlicher Praxissicht beleuchtet.

Als PCB-Ersatzstoff wurden eine Zeitlang, vor allem als Fugenmassen, aber auch in Beschichtungen, Chlorparaffine eingesetzt, bis sich herausstellte, dass auch sie gerade in ihren kurzkettigen Isomeren nicht gesundheitlich unbedenklich und zudem persistent sind. Ein Standardvorgehen gibt es hier noch nicht. Behandelt wurden daher Erfahrungen aus der Schweiz aus der Sanierungs- und Regulierungspraxis sowie die Herausforderungen bei der Probenahme sowie Analyse und Auswertung im Labor.

Termin vormerken

Haben Sie das Gefühl, das Thema Gebäudeschadstoffe geht auch Sie etwas an? Die nächste DCONex findet am 20./21. Januar 2021 wiederum in Essen statt.

Michael Henke

www.dconex.de