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Asbest-Forum: Austausch unter erschwerten Bedingungen

Aktuelle Entwicklungen zu Asbest und anderen Schadstoffen in Gebäuden und technischen Anlagen wurden am 5./6. November 20020 wie jedes Jahr, aber dieses Mal unter erschwerten Corona-Bedingungen im Haus der Technik in Essen diskutiert.

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Weit verteilt saßen die ins Haus der Technik gekommenen Teilnehmer des Asbest-Forums im großen Vortragssaal. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Ein Forum ist ein Platz zur Kommunikation, an dem man zusammenkommt, um sich auszutauschen. Das ist auch das Ziel des Asbest-Forums, das alljährlich im November im Haus der Technik in Essen stattfindet: denjenigen diesen Raum zu bieten, die sich professionell mit Asbest und anderen Schadstoffen in Gebäuden und technischen Anlagen befassen. Sie können hier neue Entwicklungen, die oft noch im Werden begriffen sind, miteinander diskutieren und so Einfluss auf die Fachmeinungen nehmen.

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Nicht nur viele Teilnehmer auch manche Referenten waren von zu Hause oder vom Büro aus zugeschaltet. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Doch auch diesen Ort verschonte das Virus Covid-19 nicht. Die Einschränkungen, mit denen ihm begegnet wird, brachten es mit sich, dass sich das Auditorium auf circa 40 Teilnehmer in einem 600 Menschen fassenden Hörsaal und circa 80 Teilnehmer im virtuellen Raum des Internets verteilte. Und auch von den Referenten waren etwa die Hälfte nicht nach Essen angereist, sondern wurden mit ihren Präsentationen aus den heimischen Räumlichkeiten und Büros zugeschaltet. Immerhin fand das Asbest-Forum statt und wurde nicht abgesagt, so wie viele Veranstaltungen seit März und auch schon für das kommende Jahr. Dennoch sah Tagungsleiter Dr. Bernd Sedat den Forumscharakter der Veranstaltung unter den jetzigen Bedingungen nur bedingt gegeben: „Ich hätte die Teilnehmer alle gerne hier.“ Denn so gab es keine Round-Table- und keine Pausengespräche mit denjenigen Referenten, die nur virtuell zugegen waren. Und die Anwesenden vor Ort standen nicht wie sonst in kleinen Gruppen im Austausch eng beieinander, sondern begnügten sich überwiegend damit, auf Abstand und durch den Mund-Nasenschutz sprechend zu zweit oder dritt miteinander zu reden.

Die Schweiz ist in manchem ein Vorbild

Was wurde nun aber inhaltlich unter diesen erschwerten Bedingungen diskutiert? Eine kleine Auswahl:

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Von hier aus wurde die Kommunikation mit den online zugeschalteten Referenten und Teilnehmern gesteuert. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Clemens Jehle berichtete über aktuelle Entwicklungen in der Schweiz und erntete für einige beifällige Zustimmung, wo die schweizerische Entwicklung der deutschen voraus ist. So wird die Prüfung für Gebäudediagnostiker nach einer Übergangsfrist zum Ende des Jahres obligatorisch. Nur, wer sie besteht, darf weiter in diesem Metier tätig sein. Im Sommer dieses Jahres wurde außerdem ein Ausbildungskonzept verabschiedet, so dass im 1. Halbjahr 2021 die Ausbildung zum „Fachexperten Gebäudeschadstoffe“ starten wird. Und auch die Labore müssen seit diesem Jahr ihre Leistungsfähigkeit in der Analyse definierter Proben in einem offiziellen Ringversuch nachweisen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass in der Schweiz die thermische Behandlung asbesthaltiger Abfälle in Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) zulässig ist. Und auch über die Verfestigung asbesthaltiger Abfälle, um die Deponien zu entlasten, wusste Jehle Positives zu berichten.

Viele neue Regelungen stehen kurz vor der Veröffentlichung

Doch auch in Deutschland schreitet die Er- und Überarbeitung vieler Regelungen voran. So berichtete Olaf Dünger darüber, dass voraussichtlich im Januar 2021 eine Handlungsempfehlung des Gesamtverbandes Schadstoffsanierung (GVSS) zu asbesthaltigen Brandschutzklappen erscheinen wird. Viele Dichtungen in diesen Klappen haben mittlerweile ihre technische Lebensdauer erreicht und beginnen sich aufzulösen, wenn sie für die Funktionsprüfung ausgelöst werden. Deshalb sei der Auslösevorgang dieser Klappen als Tätigkeit mit Asbest einzustufen, erläuterte Dünger. Ein Austausch dieser Klappen sei anzustreben.

Gearbeitet wird zurzeit auch an einer Defizitanalyse zu Asbest in Böden und Bauschutt. Eine Überarbeitung der von der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) 23 herausgegebenen Vollzugshilfe zur Entsorgung asbesthaltiger Abfälle wird ebenfalls für Januar 2021 angestrebt. Hier gehe es um die Frage, was überhaupt als asbesthaltiger Abfall zu gelten habe, sagte Dünger. Ein Vorschlag ist hier, Asbestfunde unterhalb der Nachweisgrenze als asbestfrei zu deklarieren, in der Hoffnung, dass diese Definition auch von den Entsorgungsunternehmen anerkannt wird.

Martin Kessel berichtete darüber, dass die lange von einigen Bauverbänden kritisch gesehene und blockierte ATV DIN 18448 „Arbeiten an schadstoffbelasteten baulichen und technischen Anlagen“ nun doch im Hochbauausschuss in einer abschließenden Lesung beschlossen wurde und mit der VOB 2022 veröffentlicht werden soll. Außerdem informierte Kessel über die Einsprüche zum Gelbdruck der VDI 6202, Blatt 3 „Schadstoffbelastete bauliche und technischen Anlagen – Asbest – Erkundung und Bewertung“. Bei vielen der Überarbeitungen ging es vor allem um einheitliche Definitionen für Baumaterialien, um Missverständnisse zu vermeiden. Hier hat man sich entschieden, überwiegend die bereits in Normen festgelegten Begriffe zu übernehmen, um so zu einer Vereinheitlichung zu kommen. Außerdem ist aus dem Mindestuntersuchungsumfang jetzt der Standarduntersuchungsumfang geworden, der Gutachterfaktor hat sich zur „angenommenen Trefferwahrscheinlichkeit“ gewandelt.

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Hätte gerne alle Teilnehmer vor Ort im Forum gesehen: Tagungsleiter Dr. Bernd Sedat. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Andrea Bonner berichtete über die künftigen Asbestregelungen in der Gefahrstoffverordnung. Eingeführt wird zum Beispiel die anlassbezogene Erkundungspflicht für Bauherren/Auftraggeber, wenn Sanierungs- und Instandsetzungsarbeiten an vor dem 31.10.1993 errichteten Gebäuden ausgeführt werden sollen. Zukünftig muss der Bauherr nachweisen, dass kein Asbest im Gebäude vorhanden ist. Diese Erkundung wird dann die Grundlage für die Informationsvermittlung und Gefährdungsbeurteilung des Bauunternehmers als Arbeitgeber.

Ausnahmen vom Verwendungsverbot werden zukünftig nicht mehr an den Begriff der ASI-Arbeiten (Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten) geknüpft, sondern es werden zulässige Tätigkeiten beschrieben. Regelungen zum Überdeckungsverbot werden deutlich konkreter gefasst. Die Regelungen zu Schutzmaßnahmen werden risikobezogen anhand einer Expositions-Risiko-Matrix beschrieben und in der TRGS 519, Anlage 9 konkret ausgestaltet. So sind zukünftig zum Beispiel für „inhärent“ sichere Tätigkeiten mit Expositionen < 1.000 Fasern/m³ Raumluft nur Maßnahmen zur Staubminimierung zu ergreifen. Die neue Gefahrstoffverordnung soll Ende 2021/Anfang 2022 erscheinen.

Asbest zuverlässig im Bauschutt feststellen

Dr. Alexander Berg befasste sich in einem seiner beiden Vorträge mit der Beprobung von asbesthaltigen Abfällen. Dahinter steckt die Befürchtung, dass es ohne eine sinnvolle Beprobung zu einer schleichenden Verbreitung asbesthaltiger Materialien und RC-Baustoffen kommt. Berg unterbreitete einen Vorschlag, wie man vorgehen kann, um mit relativ geringem Analyseaufwand mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit auszuschließen, dass im Bauschutt noch Asbest ist. Hierfür sollte die Untersuchung unmittelbar während oder kurz nach dem Abbruch erfolgen, da zu diesem Zeitpunkt noch die größte Homogenität herrscht und sich die Herkunft dieser Materialien leichter zurückverfolgen lässt. Nach Bergs Vorschlag werden sechs Fraktionen von Baustoffen untersucht, die üblicherweise im Abbruchmaterial gefunden werden: Wandbekleidungen, Feuchtigkeitsabdichtungen, Fliesenbeläge, bauchemische Dichtungsmassen, Oberbeläge sowie Feinkornfraktionen der VDI 3876. 17 Proben der genannten Fraktionen, die zu Mischproben vereint werden, reichen laut Berg aus, um die oben genannte Aussagesicherheit zu erreichen.

Mit höchstem Wasserdruck belastetes Material abtragen

Am zweiten Tag kamen thematisch vor allem die Sanierungsunternehmen auf ihre Kosten. Christoph Hohlweck berichtete über Höchstdruckwasserstrahlen (HDW) in der Schadstoffsanierung. Während oberflächliche Bearbeitungen wie Schleifen oder Fräsen in Poren, Kiesnestern und Lunkern Reste zum Beispiel asbesthaltiger Spachtelmassen zurücklassen, kann man mit HDW auch diese asbesthaltigen Reste entfernen, da nicht nur die Beschichtung, sondern auch die obere Schicht des Untergrunds in definierter Stärke abgetragen werden kann – bei Beton zum Beispiel auch ohne die Bewehrung zu beschädigen. Da es sich bei HDW um eine gefährliche Tätigkeit handelt, sollte diese von erfahrenen Handwerkern ausgeführt und dabei einige Grundsätze beachtet werden:

– ausschließlich gekapselte Werkzeuge verwenden,

– handgeführte Strahlglocke mit 2-Hebel-Auslösung einsetzen,

– wo möglich automatische Geräte einsetzen (hat außerdem den Vorteil eines gleichmäßigeren Abtrags durch den mechanischen Vortrieb),

– Absaugung, da „auch nasse Stäube Stäube sind“.

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Dennoch gab es Fragen und Anmerkungen von den Teilnehmern, sei es mit Abstand im Saal oder von zu Hause zugeschaltet. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Um solche Arbeiten auszuführen, benötigt man nicht nur das eigentliche HD-Werkzeug mit Absaugung, sondern darüber hinaus weitere Geräte, um das abgetragene Material am Ende sicher und getrennt zu entsorgen. Dazu gehört die HD-Pumpe, ein Luftabscheider, ein Luftfilter mit entsprechender Abreinigung, der auch für feuchte Luft geeignet ist, ein Absauggebläse, Feststoffabscheider, eine Abwasserbehandlung, um mit einer behördlichen Genehmigung geklärtes Wasser in die Kanalisation einleiten zu dürfen, sowie Folien, um den Boden abzudecken, denn „Wasser lässt sich nicht 100-prozentig am Werkzeug absaugen“, wie Hohlweck betonte.

Die Kunst beim HDW ist, das Gerät so einzustellen, dass die Grenzfläche zwischen abzutragender Schicht und zu erhaltendem Untergrund klar eingehalten wird. Einflussparameter, um diesen Prozess zu steuern, sind der Wasserdruck, die Wassermenge, die Beaufschlagungszeit (Vortriebsgeschwindigkeit), die Wiederholungsrate, die Düsenform (Kegel-, Fächer- oder Punktstrahl), der Abstand zwischen Düse und Oberfläche sowie der Auftrittswinkel.

Das Verfahren eignet sich vor allem für Betonoberflächen. Der Einsatz auf Mauerwerk ist dagegen nicht sinnvoll, wenn dieses erhalten werden soll. Das Wasser und der Druck können es leicht schädigen.

Hohlweck gab darüber hinaus Hinweise zur Ausschreibung. So sei es sinnvoll dort festzuhalten, dass sich die Mindestabtragstiefe auf den Zementanteil bezieht und nicht auf das grobe Korn, denn man erhalte am Ende eine konturierte Oberfläche. Außerdem führen unterschiedliche Festigkeiten zu unterschiedlichen Abtragstiefen. Auch diesen Punkt sollte man vorab mit dem Auftraggeber thematisieren. Da zum Beispiel beim Entfernen von Spachtelmassen auch der Untergrund partiell abgetragen wird, sollte man Musterflächen anlegen, damit Auftraggeber und Auftragnehmer den möglichen Zustand nach den Arbeiten gemeinsam festlegen können. Wünschenswert ist nach Hohlweck auch, dass im Leistungsverzeichnis die Betondruckfestigkeit angegeben wird.

Die Tür zwischen erster und zweiter Kammer muss weg

Viel Wissenswertes zur Baustellen- und Arbeitseinrichtung für Gefahrstoffsanierungen hatte Michael Mund in seinen Vortrag gepackt. Das Hauptthema war dabei ein ganz bestimmter Punkt: die Tür zwischen der ersten (Schwarzbereich) und zweiten Kammer (Weißbereich) der Materialschleuse. Hier plädierte Mund dafür diese Öffnung generell im Regelwerk (TRGS 519) zu verbieten. Denn es sei unmöglich, beim Transport des ausgebauten und verpackten kontaminierten Materials durch die Tür nicht auch Fasern auszutragen. Stattdessen plädierte er für eine Schleuse zwischen den Kammern, in der das ausgeschleuste Material beim Durchgang sicher verpackt wird, etwa so wie das Einpacken eines Weihnachtsbaums in ein Netz. Ein Handwerker im Schwarzbereich führt die Abfallsäcke in diese Schleuse ein, ein anderer im Weißbereich nimmt es in Empfang und kümmert sich darum, die frische Folie luftdicht zu schließen.

Außerdem funktioniert laut Mund eine geregelte Unterdruckhaltung in den Schleusen nicht beziehungsweise nicht zuverlässig. Stattdessen sollte man eine gerichtete Luftführung in Richtung des Schwarzbereichs anlegen und ergänzend Frischluft in den Weißbereich einblasen.

Wohnungen leichter asbestsanieren

Auf großes Interesse stieß auch der letzte, zusätzlich ins Programm aufgenommene Vortrag von Gerald Lotz vom Wohnungsunternehmen Nassauische Heimstätten. Er stellte ein emissionsarmes Verfahren für die Sanierung von mit asbesthaltigen Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern belasteten Flächen vor.

Das Verfahren wurde mit dem Ziel entwickelt, Wohnungen, und hier vor allem Bäder, im bewohnten Bestand von den asbestbelasteten Materialien zu befreien. In der Regel ist hier kein Platz für eine Vier-Kammer-Schleuse vorhanden.

Das SES-NHW-Verfahren arbeitet mit einer zwischen null und zehn Millimeter einstellbaren Fräse mit Direktabsaugung. Beim Bearbeiten von Ecken, wo die Maschine nicht hinkommt, oder beim vorherigen Abschlagen von Fliesen kommt ein trichterförmiges Gerät unter ständiger Absaugung zum Einsatz. Beide Tätigkeiten sind Bestandteil des Verfahrens.

Messtechnisch begleitet wurden die Testbaustellen durch die Firma Competenza. In keinem Fall konnte während der Arbeiten eine Belastung von mehr als 1.000 Fasern pro Kubikmeter Raumluft festgestellt werden. Das Regierungspräsidium Kassel hat daher das Verfahren anerkannt. Auf dessen Internetseite ist eine Verfahrensbeschreibung abrufbar. Eine Zulassung als BT-Verfahren wird angestrebt, damit das SES-NHW-Verfahren auch bundesweit eingesetzt werden kann.