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Allgäuer Baufachkongress 2020: Voraus in die Zukunft

Der von der Firma Baumit im Zweijahresrhythmus veranstaltete Allgäuer Baufachkongress verzeichnete in diesem Jahr über 1.430 Anmeldungen. Er bietet den Teilnehmern in verschiedenen Vortragssträngen nicht nur aktuelle Informationen zum Stand von Regelwerken, Bau- und Verarbeitungstechnik sowie Anregungen für die Unternehmensführung, sondern es gibt ein Thema, das sich wie ein Roter Faden durch den Kongress schlängelt: die nähere oder weitere Zukunft und wie man sich mit seinem Unternehmen gewinnbringend auf sie einstellen kann.

Allgäuer Baufachkongress 2020: Geschäftsführung
Erläuterten die aktuelle Geschäftszahlen und zukünftige Entwicklungen bei Baumit: Helmut Batscheider, Peter Sarantis, Heiko Werf, Sebastian Rettke und Heike von Küstenfeld (von links, Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Das geht auf der vorabendlichen Pressekonferenz los. Dort werden nicht nur die aktuellen Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr präsentiert. So erwirtschaftete Baumit Deutschland unter anderem durch die Übernahme von Schaefer Krusemark 2019 mit 550 Mitarbeitern einen Umsatz von 229 Millionen Euro. Es wird außerdem eine Marktprognose für das kommende Jahr und darüber hinaus gewagt. So gehen die Geschäftsführer Heiko Werf und Peter Sarantis und ihr Führungsteam davon aus, dass die Zahl der neu gestellten Baugenehmigungen zwar abnehmen wird, aber der Wohnneubau durch den Überhang aus diesem Jahr trotzdem um zwei Prozent wachsen wird. Und wenn diese Aufträge abgearbeitet sein werden, wird die Renovierung, die rund zwei Drittel des Gesamtmarktes ausmacht und bei der es einen leichten Stau gibt, ausreichend Potenzial bieten. Die im Rahmen des Klimapakets beschlossene steuerliche Förderung wird der energetischen Gebäudesanierung zusätzliche Wachstumsimpulse verleihen.

Ein weiterer Trend, dem Baumit folgt, ist „gesünder Wohnen“. In diesem Segment konnte man ein zweistelliges Wachstum verzeichnen und erwartet weitere Zuwächse. Nicht nur hierauf stellt sich das Unternehmen mit seinem Produktportfolio ein, sondern außerdem auf andere Entwicklungen. So vereint die Reihe „Baumits Beste“ Produkte, die effizient und hochwertig sind und mit denen sich Baustellen mit hoher Sicherheit zeitnah abwickeln lassen – eine Antwort auf die gute Auftragslage der Handwerksbetriebe bei gleichzeitigem Fachkräftemangel. Die speziell für die Sanierung gedachten Baustoffe wurden unter dem Namen „Sanova“ neu geordnet. Hier wurden Produkte von Schaefer Krusemark integriert und neu entwickelte Produkte aufgenommen. Eine Broschüre beschreibt praxisnah, wie sie aufeinander aufbauend in typischen Anwendungsfällen und auf der Basis einer ausreichenden Zustandsanalyse eingesetzt werden können.

Es lohnt sich, für Europa zu kämpfen

Allgäuer Baufachkongress 2020: Udo van Kampen
Warb engagiert dafür, sich für Europa einzusetzen: Udo van Kampen. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Um die Zukunft ging es aber auch in den beiden Einstiegsvorträgen am sogenannten Zukunftstag. So warnte der überzeugte Europäer und langjährige Korrespondent des ZDF in Brüssel und New York, Udo van Kampen, dass ein vereintes Europa keine Selbstverständlichkeit mehr sei, sondern wir uns alle in Gesprächen im nahen Umfeld, aber auch gegenüber unseren politischen Vertretern für das europäische Projekt stark machen sollten. Er forderte, die europäische Politik müsse zügig zu einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik kommen, die auf der Basis von Mehrheitsentscheidungen betrieben werde. Es sei beschämend, dass Europa die derzeitigen Krisen in der Welt nur als Zaungast beobachte und außenpolitisch zerstritten sei. So werde es zwischen den USA, China und Russland zerrieben. Es habe auch keinen Sinn, sich über Trump, den er für einen Psychopathen hält, nur aufzuregen. Man müsse sich auf ihn und seine Art Politik zu machen einstellen und rational damit umgehen.

Quantencomputer lösen Experten ab

Allgäuer Baufachkongress 2020: Sven Gábor Jánszky
In der Zukunft werden in Echtzeit gewonnene Prognose-Daten die Art maßgeblich bestimmen, wie wir leben, prognostizierte Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Wie die Zukunft in zehn Jahren voraussichtlich aussehen wird, brachte der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky von 2bAhead den Teilnehmern nahe. Seine wissenschaftliche Methode basiert darauf, mit Menschen Tiefeninterviews zu führen, die mit ihren heutigen Entscheidungen die Zukunft mehr als andere bestimmen. Eine kleine Auswahl seiner Thesen: Quantencomputer werden in zehn Jahren billiger sein als heutige Computer. Sie ermöglichen aus Echtzeit-Daten Prognose-Daten zu machen. Pilotprojekte hierzu laufen bereits, zum Beispiel zur Vermeidung von Staus in Peking. Dies werde zu einem „Prediction of Everything“ führen, also einer anhand der Daten berechneten Prognose, zum Beispiel zur Zukunftsfähigkeit von Regierungsbeschlüssen, zum Kündigungswillen von Mitarbeitern (wird schon gemacht) und zur individuellen Wahrscheinlichkeit Krebs zu bekommen. In drei Thesen fasste Jánszky dies zusammen:

  1. Wir werden alles messen können.
  2. Was man messen kann, kann man prognostizieren.
  3. Wir werden uns dadurch verbessern.

Dadurch wird das Expertentum einen Bedeutungsverlust erleiden. Denn die Systeme werden bessere und genauere Vorhersagen und Diagnosen treffen als diese. Das wird dazu führen, dass wir den Maschinen mehr vertrauen als den Menschen.

Jánszky warf auch die ethische Frage dieser Entwicklung auf. Ist sie menschlich, da sie uns nützt? Ist sie gut oder schlecht? Eine Antwort gab Jánszky darauf nicht. Aber seine Vorausschau ermöglicht es, uns mit diesen Entwicklungen auch unter ethischen Gesichtspunkten auseinander zu setzen. Diese Entwicklungen führen jedenfalls dazu, dass derjenige, der die Daten hat, auch die Macht habe.

Für das Bauen sah er voraus, dass der 3D-Druck das Errichten von Gebäuden einfacher und billiger machen wird.

Den Betrieb digitalisieren

Allgäuer Baufachkongress 2020: Andreas R. Fischer
Wie man systematisch vorgeht, um seinen Betrieb zu digitalisieren, zeigte Andreas R. Fischer. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/M. Henke)

Einen Schritt in die Zukunft bedeutet es für viele Unternehmer auch, ihren Betrieb mit heute verfügbaren Kommunikations- und Informationstechnologien zu digitalisieren und damit ihr Geschäft besser zu machen. Welche Schritte hierbei zu gehen sind, erläuterte Andreas R. Fischer von der G+F Verlags- und Beratungs-GmbH. Dabei vertrat er die These, dass es keine Digitalisierung ohne die Cloud gebe.

Am Anfang stehe der digitale „Reifegradcheck“. Entsprechende Programme, diesen durchzuführen, stehen im Internet kostenlos zur Verfügung, unter anderem auf seiner Homepage. Dabei werden fünf Handlungsfelder ins Auge gefasst: Produktivität, Arbeitskultur, Kunden, Strategie und Geschäftsmodell. Im zweiten Schritt wird der digitale Ist-Zustand ermittelt – ohne diesen geht es nicht. Dabei kommen unter anderem die zehn „TechMap“-Kategorien auf den Prüfstand. Was ist etwa vorhanden und wird bereits genutzt an mobilen Lösungen, Cloud-Dienstleistungen, Cybersicherheit, Infrastruktur, Business-Apps und Zukunftstechnologien? Im dritten Schritt wird schließlich der digitale Sollzustand definiert, was bedeutet priorisiert wesentliche Ziele in den Handlungsfeldern festzulegen. Daraus kann der digitale Fahrplan mit konkreten Umsetzungsschritten entwickelt werden. Fischer empfahl, zunächst mit einem kleineren Projekt zu starten und dann weitere Vorhaben umzusetzen.

Was an neuen Regelwerken kommt

Gegenwärtiger ging es in den (anwendungs-)technischen Vorträgen zu, wobei auch da die Zukunft hin und wieder hervorlugte, etwa wenn Olaf Janotte von Baumit darlegte, was sich für den Anwender im überarbeiteten und noch nicht veröffentlichten WTA-Merkblatt Sanierputze ändern wird (nicht allzu viel) oder wenn Kay Beyen, jetzt Quick-mix, anschaulich darlegte, welche europäischen Regelungen zukünftig für Wärmedämm-Verbundsysteme gelten werden und wie noch mit ungewissem Ausgang in den Gremien über das Design der zu absolvierenden Brandversuche gestritten wird.

Und vielleicht war es auch nur ein wetterbedingter Zufall, möglicherweise aber auch eine Veranschaulichung des Klimawandels und dessen zukünftige Auswirkungen: In Oberstdorf lag beim diesjährigen Allgäuer Baufachkongress kein Schnee – nur auf den umliegenden Berggipfeln.

Michael Henke

www.baufachkongress.com