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46. Aachener Bausachverständigentage: Weiterbilden im Homeoffice

Die Aachener Bausachverständigentage fanden in diesem Jahr nicht als Präsenzveranstaltung mit rund 1.300 Teilnehmern im Aachener Eurogress statt, sondern zum geplanten Termin am 27./28. April mit nach Angaben der Veranstalter etwa halb so vielen Teilnehmern als webbasierte Tagung – ein für dieses neue Format und im Vergleich zu anderen webbasierten Tagungen erstaunlich guter „Besuch“.

46. Aachener Bausachverständigentage virtuell
Nicht im Eurogress, sondern am Schreibtisch folgte man in diesem Jahr den Vorträgen der 46. Aachener Bausachverständigentage. (Abb.: B+B Bauen im Bestand/L. Wiese)

Das Team des AI Bau hatte die eventac Veranstaltungstechnik engagiert, um die zweitägige Tagung in einem Studio mit professioneller Fernsehtechnik präsentieren zu können. Und auch eine virtuelle Ausstellung hatten die Organisatoren auf die Beine gestellt, was eine relativ große Zahl der Stamm-Aussteller nutzten, auch wir von der Rudolf Müller Mediengruppe.

Manchen der Referentinnen und Referenten merkte man an, dass ihnen das Publikum fehlte, die Reaktionen aus dem Saal. Aber dafür gaben sie eine erstaunlich professionelle, lebendige und telegene Figur ab beim „Einfach so in die Kamera sprechen“. Präsentiert wurden die Vorträge im Splitscreen: auf der linken Bildschirmseite war der Vortragende eingeblendet, rechts die Vortragsfolien.

Dennoch – so ging es zumindest mir – war es am Bildschirm allein im Büro mühsamer den bis zu 45 Minuten langen Vorträgen konzentriert zu folgen als live mit vielen anderen an einem Tagungsort, erschwerend hinzu kam das gelegentliche Abbrechen der Übertragung durch Leitungsprobleme. Und natürlich und vor allem haben die Pausengespräche gefehlt, das Diskutieren über die Vorträge oder auch über andere fachliche Themen aus dem Alltag. Trotzdem ist es gut, dass die Aachener Bausachverständigentage stattgefunden haben.

Der vorliegende Bestand ist nicht Gegenstand des Werkvertrags

Die diesjährige Tagung beschäftigte sich unter dem Titel „Untersuchen – Instandsetzen – Modernisieren: Teil 1“ ausschließlich mit Themen zum Bauen im Bestand. Welche Besonderheiten hier schon bei der Vertragsgestaltung zu berücksichtigen sind, arbeiteten Rechtsanwältin Prof. Dr. Antje Boldt und Tagungsleiter Prof. Dipl.-Ing. Matthias Zöller bereits im einleitenden Dialogvortrag heraus – im Übrigen eine gerade für eine virtuelle Tagung gute und abwechslungsreiche Präsentationsform.

So ist der Status quo des Bestands nicht Gegenstand des Werkvertrags. Er wird aber Teil der Sollbeschaffenheit, denn das auf dem Bestand aufbauende Ergebnis muss am Ende funktionieren. Der Auftragnehmer ist für den Bestand nur insoweit verantwortlich, wie dieser bei Vertragsabschluss bekannt war. Aber seinen Hinweispflichten kommt bei Bestandsbauarbeiten besondere Bedeutung zu, sollte er im Zuge der Arbeiten auf eine Beschaffenheit von Bestandsbauteilen treffen, die den Erfolg seiner Werkleistung beeinträchtigen oder gar unmöglich machen.

Das Risiko, das sich aus dem Zustand des Bestands ergibt, ausgleichend zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer zu verteilen, ist nur einzelfallbezogen lösbar. Auch deshalb ist die Zustandserfassung und Bestandsuntersuchung wichtig.

Es kommt auf den Einzelfall an

Es kommt auf den Einzelfall an. Das zeigten auch die weiteren Vorträge, die sich mit unterschiedlichen Bauteilen und Problemstellungen beschäftigten und jeweils detaillierte Lösungsvorschläge aufzeigten, für die aber der Bestand bestimmte Voraussetzungen mitbringen muss. Hierfür ein paar Beispiele.

So beschäftigte sich Dr.-Ing. Heribert Oberhaus mit der Frage, unter welchen Voraussetzungen ein bestehendes, schadhaftes Wärmedämm-Verbundsystem „aufgepeppt“ werden kann. Zum Beispiel lässt sich mit zugelassenen Schauminjektionen ein unzureichender Klebeflächenanteil erhöhen. Eventuell können im Einzelfall zusätzliche Dübel die Standsicherheit des Systems gewährleisten. Auch eine individuelle Berechnung des Ausnutzungsgrades, um die Belastungen aus Windsog, Eigenlast und hygrothermischen Einwirkungen sicher abzutragen, kann helfen, ein Bestandssystem zu erhalten beziehungsweise zu verbessern.

Robert Borsch-Laaks zeigte, wie sich der U-Wert von Dachbauteilen bei fehlender Winddichtheit in Abhängigkeit von der Art des Dämmstoffs verringert. Auch bei vollständiger Dämmung der Gefache seien die Winddurchströmung und ihr Einfluss auf den Wärmeschutz ein Thema. Er zeigte aber auch praktische Lösungen auf, wie man auch nachträglich diese unerwünschte Wirkung eindämmen kann, zum Beispiel mit einem an geeigneter Stelle eingesetzten Dichtungsschott oder einer Armaflex-Dichtung.

Eine breite Palette an Lösungen, um den Schallschutz von Wohnungstrennwänden oder Decken nachträglich zu verbessern, präsentierte Prof. Rainer Pohlenz. Auch hier gilt es, die Voraussetzungen des Bestands genau abzuklären. So lässt sich gerade der Schallschutz von Holzbalkendecken nicht mit Massenberechnungen ermitteln, sondern es ist eine detaillierte Bestandsaufnahme mit Messungen notwendig. Was in dem Vortrag auch deutlich wurde: Viel Einfluss auf die letztlich erzielte Verbesserung haben auch Materialwahl und handwerkliche Ausführung. So muss eine Mauerwerkswand vollständig und nass verputzt werden. Die Anwendung eines Trockenputzes senkt den Schallschutz um 5 dB. Hohe Unsicherheiten gibt es auch beim Einsatz von Gipskarton-Platten für Ständerwände. Ihr Schallschutz hänge stark von ihrer tatsächlichen Struktur ab, erläuterte Pohlenz.

Den Bestand ausreichend ermitteln

Voraussetzung für solche individuellen Lösungen ist immer, dass der Bestand ausreichend bekannt ist beziehungsweise untersucht wurde. Der letzte Block beschäftigte sich daher mit Untersuchungsmethoden, teils auch solchen, die noch nicht zum Standardrepertoire der Sachverständigen zählen. So stellte Dr. Sebastian Wiesmaier die Isotopenanalyse zur Ursachenbestimmung von Wasserschäden vor. Mit dieser chemischen Methode lässt sich herausfinden, ob es sich bei der Bauteile schädigenden Feuchtigkeit um Leitungswasser, Außenwasser oder Kondenswasser handelt. So konnte zum Beispiel in dem von ihm vorgestellten Schadensfall ermittelt werden, dass es sowohl verschiedene Ursachen gab, als auch aktuelle und Altschäden.

Was man alles mit der Bauforensik detektieren kann, erläuterte Prof. Dr. Andreas Rapp. Beispiele sind etwa die Schimmelpilzdetektion, wenn der Befall (noch) nicht sichtbar ist, das Aufspüren (alter) Feuchteschäden und das Erkennen von Schadstoffbelastungen wie PVC-Weichmacher. Das Verfahren beruht darauf, mit speziellen Lichtquellen und Kamerafiltern das Spektrum der mit bloßem Auge nicht sichtbaren Wellenbereichen des Lichts sichtbar zu machen. Genutzt werden hierfür die spezifische Absorption, Fluoreszenz oder Phosporeszenz von Stoffen.

Sie können die Tagung noch besuchen

Das Gute an der virtuellen Tagung: Sie steht bis Ende Mai weiter online. Wer möchte kann sich noch nachträglich anmelden und alles in Ruhe nacharbeiten. www.aibau.de

Michael Henke